NRW Literatur im Netz

Ulla Lenze - Arbeitsproben

Aus: SCHWESTER UND BRUDER

Viju fährt nun schneller und er senkt das Tempo kaum, wenn wir ein Dorf erreichen. Hinter uns wirbeln Staub und Abfall durch die Luft.
"Die Menschen im Westen sterben anders als die Menschen im Osten", sagt er plötzlich.
"Das stimmt", sagt Lukas.
"In unseren Schriften heißt es: Die Art, wie ein Mensch stirbt, ist die Art, wie er gelebt hat. Es heißt auch: Woran ein Mensch im Moment des Todes denkt, ist das, was ihn nach seinem Tod erwartet. Das ist seltsam, nicht wahr. Aber meinen Sie, es ist falsch?"
"Ich weiß es nicht", sagt Lukas.
Viju scheint mit dieser Antwort zufrieden. Er wiegt den Kopf hin und her und sieht gedankenverloren auf die Fahrbahn.
"Aber das ist es, was man in diesem Land glaubt", sagt er schließlich. "Und bei Ihnen glaubt man etwas anderes. Das heißt also, was ich glaube, hängt davon ab, wo ich lebe. Das scheint mir verdächtig, Ihnen nicht? Darf ich fragen, welche Vorstellung man bei Ihnen vom Tod hat?"
"Man kommt danach in den Himmel", sagt Lukas.
"Einfach so?"
"Man muss getauft sein. Dann ja. Einfach so."
"Nicht schlecht", sagt Viju und lacht. "Das klingt bequem."
"Auch das Leben dort ist bequem", sagt Lukas.
"Und dennoch haben Sie solche Angst vor dem Tod, nicht wahr? Bei uns wäre man froh, wenn man das glauben könnte, was Sie glauben. Dass es mit dem einen Leben getan ist. Nein, wir haben keine Angst vor dem Tod. Wir haben Angst vor dem Leben, das nicht aufhört."

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