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Marec Béla Steffens - Arbeitsproben

Aus: DIE ERBSE UND DER SCHLAF

Es war einmal eine Erbse, die hatte noch viele Geschwister. Und sie alle konnten nur schlafen, wenn mindestens acht Matratzen auf ihnen lagen, und ganz obendrauf eine Prinzessin. Acht Matratzen sind eigentlich nicht besonders viel; in der guten alten Zeit hatte jede Erbse zwanzig Matratzen zur Verfügung gehabt, und selbstverständlich jede Erbse ihre eigene Prinzessin. Und wie gut es die Erbsen zur Zeit König Salomos erst gehabt hatten!

Heute waren Matratzen knapp geworden im Schloß, und Prinzessinnen auch. Man mußte sie rationieren. ... Das andere Gemüse hatte es nicht so schwer. Die Mohrrüben zum Beispiel, diese Plebejer! Denen reichten schon drei Matratzen und eine Kammerzofe. Oder die Bohnen. Sie nannten sich zwar Prinzeßbohnen, doch in Wirklichkeit hatten sie zum Schlafen nichts weiter als einen Strohsack und obendrauf eine Küchenmagd. Aber wenn man sie reden hörte! "Bohn jour" und "Bohn appetit", so ging das den ganzen Tag. Richtig bohniert waren sie. Sie verachteten die Erbsen, sie wollten nicht mit ihnen in einen Topf geworfen werden. Sie sagten, die Erbsen seien allenfalls für Bettelmönche gut genug, während die Bohnen ihre Abstammung vom Hl. Bohnifatius herleiteten. Und auf den Korridoren hinterließen sie überall ihr Bohnenwachs, so daß die armen übernächtigten Erbsen ausrutschten und die Treppen herunterkullerten. Nein, die Erbsen waren den Bohnen nicht grün.

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