NRW Literatur im Netz

Silke Klaassen-Boehlke - Arbeitsproben

Aus: SCHWERTFISCH, DELPHIN UND LÖWE

...Cora hatte einmal darüber gelesen, das Ernest Hemingway im Juli 1924
eine Spanienreise zu den Stierkämpfen nach Madrid geplant hatte. Er liebte
den Stierkampfsommer, wie er diese Monate nannte und verfolgte die Kämpfe
mit wachsendem Interesse. Der Kampf der Naturen schien ihn zu bewegen,
genauso wie der Gedanke, das Entscheidende vollbringen zu können, die
Macht zu haben, über Leben und Tod. Ernest ließ keine Stierkampfarena aus und wechselte die Schauplätze von Huesca, Pamplona, Lerida, Tarragona, Valencia bis nach Madrid! Er schaffte es sogar mit dem amerikanischen Stierkämpfer Sidney Franklin in Kontakt zu treten und gewann in ihm einen weiteren treuen Anhänger für seine literarischen Arbeiten. Cora hatte stets jedes geschriebene Wort über Ernest Hemingway aufgesogen und verinnerlicht. So wusste sie, dass Ernest aus lauter Liebe zu den Kämpfen einen Bericht über den spanischen Stierkampf geschrieben hatte und etwas später sogar ein Buch. Die Spanier glaubten, das es für einen Stier keinen ehrfürchtigeren Tod gab, als im Kampf zu sterben. Ernest vertrat anfangs auch diese Meinung, empfand aber Jahre späterer die Kämpfe als sinnlos. Als er "Der Tod am Nachmittag" schrieb, versuchte er in diesem Buch klar zumachen, dass der Stierkampf kein Sport, sondern eine Kunst ist. Das er damit nicht nur Freunde gewann, war absehbar. Er selbst hatte nie die Gelegenheit wahrgenommen, einem Stier in der Arena mutig entgegenzutreten. Ernest zog es vor, aus der Entfernung zu töten. Seine Leidenschaften waren Safaris in Afrika...

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