NRW Literatur im Netz

Jan-Christoph Hauschild - Arbeitsproben

Aus: O TENNENBAUM

KONSTANZE VON FLEMMING Wann sind Sie zum ersten Mal wieder nach Europa gekommen?
TENNENBAUM Nach Europa? Nach Wien bin ich gekommen Neunzehnsechsundfünfzig.
KONSTANZE VON FLEMMING Haben Sie jemals daran gedacht, wieder ganz zurückzugehen?
TENNENBAUM Nach Österreich? Nie. Ich hab das Land vor über sechzig Jahren verlassen. Die Menschen sind anders. Ich verstehe nicht mehr, was sie reden. Die Gesichter der Menschen sind mir fremd geworden. Da hats den Waldheim gegeben und heute gibts den Haider. Das sind nicht meine Leute. Da kann ich nicht bleiben.
KONSTANZE VON FLEMMING Und nach Deutschland?
TENNENBAUM Nach Deutschland bin ich gekommen Neunzehndreiundsechzig. Da hab ich meinen alten Freund besucht, den Dr. Hans Weidenfeld, wir haben uns kennengelernt in Tel Aviv im Jahr Einundvierzig.
STELA Du hast von ihm erzählt, vom Koffer unter dem Bett.
TENNENBAUM Richtig. Wie der Krieg aus war, hieß es plötzlich: Der Hans ist nicht mehr da! – Wo ist der hin? Wo ist Hans? – Weg. Und ich hab gewußt, der ist nach Haus gegangen. Dann hat mir ein anderer Freund erzählt, er hätte Verbindung mit ihm. Er hat mir die Adresse gegeben, und dann hab ich ihm geschrieben und Dreiundsechzig hab ich ihn besucht in Düsseldorf. Und da hab ich ihn gefragt:
TENNENBAUM Weißt noch, Hans, wie wir uns kennengelernt haben?
WEIDENFELD Ja, im Kaffeehaus an der Hauptstraße von Tel Aviv. Die Schale hat zwei Piaster gekostet, das war für uns beide viel Geld.
TENNENBAUM Und du konntest es vor Heimweh kaum noch aushalten.
WEIDENFELD Schlimm, was?
TENNENBAUM Ja, aber es hat mir irgendwie auch imponiert. Man hätte auch sagen können, das ist ein Verrückter. Aber so einer warst du eben. – Wie ists Dir ergangen, Hans?
WEIDENFELD Mir? Ja, ich bin mit dem ersten Schiff nach Hause gefahren.
TENNENBAUM So wie du es immer wolltest.
WEIDENFELD Ja. Damals hat man mich sogar mit großer Freude begrüßt, denn nicht sehr viele sind zurückgekommen. Ein Jahr lang habe ich auf Kosten der Regierung meine Kenntnisse aufgefrischt. Und dann bin ich restituiert worden, das heißt, sie haben mich für die Jahre von 1933 bis 1946, wo ich normal meine Laufbahn gemacht hätte, entschädigt. Dann bin ich Richter geworden, und dann aufgestiegen. Vorsitzender einer Strafkammer am Landgericht bin ich jetzt.
TENNENBAUM Dann gehts Dir gut?
WEIDENFELD Ich habe mein Auskommen.
TENNENBAUM Siehst gut aus, so soigniert. Aber ein bissel melancholisch.
WEIDENFELD Ja. Wirtschaftlich geht es mir gut. Aber hier drin, Alex, hier drin... Äußerlich habe ich alles zurückbekommen, innerlich habe ich gar nichts zurückbekommen. Wie ich nach Hause kam, habe ich geglaubt, ich könnte dort anknüpfen, wo ich aufgehört hatte im Jahre 33, alles wäre so, wie wenn es die Nazi-Epoche nicht gegeben hätte. Das ist aber nicht gegangen. Ich habe mich gefreut auf die Heimat und bin enttäuscht worden.
TENNENBAUM Und, mit wem kommst so zusammen?
WEIDENFELD Ich habe wenige Freunde hier. Eigentlich habe ich überhaupt keine Leute, mit denen ich privat zusammenkomme.
TENNENBAUM Ja, aber mit irgendwem mußt‘ doch –?
WEIDENFELD Ja. Mit Reginchen.
TENNENBAUM Bitte?
WEIDENFELD Meine Freundin, Reginchen. Aus Pirna in Sachsen ist sie. Sie kommt jetzt bald. Und dann gehen wir aus, wenn du nichts dagegen hast. In die Altstadt.
TENNENBAUM Wieso soll ich was dagegen haben.
WEIDENFELD Weil wir tanzen gehen. Sie tanzt nämlich gern.
TENNENBAUM Ja, ich tanz nicht. Aber ich geh mit, selbstverständlich.
WEIDENFELD Willst du mich einmal in Arbeitskleidung sehen?
TENNENBAUM Was ziehst jetzt an?
WEIDENFELD Das ist meine Amtsrobe.
TENNENBAUM Sehr würdig schaust aus, Hans, sehr gut.
WEIDENFELD So sitze ich und spreche Recht über die Deutschen.
TENNENBAUM Naziprozesse?
WEIDENFELD Nein... Irgendwelche Strafsachen. Diebstahl, Betrug... Mehr ist nicht herausgekommen für mich.
TENNENBAUM Und dann sind ein paar Minuten vergangen, da läutets an der Tür, da kommt eine ganz gut aussehende, vielleicht sechsundzwanzig-, siebenundzwanzigjährige Nobelmätresse, Reginchen, aus Pirna in Sachsen. Spricht auch Sächsisch, sieht mich, und sagt:
REGINCHEN Hans, du bist nicht allein?
WEIDENFELD Nein, heute wohnt der Alex hier, ich kenne ihn von früher.
REGINCHEN Du hast aber gesagt, heute gehn mir tanzen!
WEIDENFELD Ja ja natürlich, wir gehen tanzen, ja ja. Wir gehen tanzen.
TENNENBAUM Also sind wir zu dritt tanzen gegangen. Zuerst sind wir gegangen zu "Madame". Nackttänze, es war bombenvoll. – Nein, da ist nichts! – Also gehn wir hinüber zu "Johnny". – Bei "Johnny" ist auch Striptease! – Ich weiß. Dann gehn wir in "Bungalow"! – Sie hat alle Lokale gekannt. "Bungalow", da war weder Nackttanz noch Striptease, sondern nur Tanz. Also ich hab mich hingesetzt, hab mich entsetzlich gelangweilt, die zwei haben getanzt. Und dann haben sie sich zu mir hingesetzt, schweißbedeckt, ham getrunken a Glas Wein, und ich muß doch über irgendwas reden, sag ich:
TENNENBAUM Sie kommen aus der DDR?
REGINCHEN Aus Pirna in Sachsen!
TENNENBAUM Und aus welchem Grund sind Sie rübergegangen? Aus politischen Gründen?
REGINCHEN Nu, wie mir erobert worden sind, da sind die Amerikaner gekommen. Das waren tolle Burschen. Und nach paar Wochen kommen die Mongolen, schrecklich.
TENNENBAUM Sie meinen vielleicht Kasachen oder zum Beispiel Turkmenen?
REGINCHEN Ja, irgend so etwas, die Schlitzäugigen. Die kamen immer nachts. Die haben sehr viel geplündert. Ich hab mich über dem Schweinestall unter den Dachschindeln versteckt. Blut und Wasser hab ich geschwitzt. Stellen Sie Sich vor, in der Bettpfanne von meiner Großmutter, da haben sie ihre Spiegeleier drin gebraten. Da hab ich gedacht: Bei der ersten Gelegenheit hau ich ab.
WEIDENFELD Und da ist sie abgehaun und hat den Dr. Hans Weidenfeld gefunden.
REGINCHEN Und daß du‘s weißt, Hansi, heute Abend ist nichts.
WEIDENFELD Heut gehts nicht?
REGINCHEN Da wohnt doch der Alex bei Dir.
WEIDENFELD Aber vielleicht am Dienstag?
REGINCHEN Dienstag? Da bin ich mit Bubi.
TENNENBAUM Hat sie gesagt. Das heißt, sie hatte jeden Tag einen andern. Das war also das Leben von Dr. Hans Weidenfeld, ehemaliger Anstreicher in Tel Aviv, jetziger Landgerichtsdirektor in Düsseldorf, der sich zurückgesehnt hat nach Deutschland. Ja, das war irgendwie traurig.
LOTHAR VON FLEMMING Nihil est ab omni parte beatum.
STELA Als ich das erste Mal wieder in Deutschland war, das war schlimm. Für mich waren sie immer noch Nazis. Bei jedem Mann hab ich gedacht, wo war der damals, was hat er gemacht...
TENNENBAUM Die Männer in meinem Alter und älter, die hatten natürlich alle die Hitleruniform getragen.
STELA Immer dieser Gedanke: Mit wem sprech ich? War er dabei oder nicht? Wie ein Gang durchs Minenfeld. In der Nacht konnte ich nicht schlafen, bis es mir dann gelangt hat. Schluß, ich will nach Hause. Und dann sind wir heim.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.