NRW Literatur im Netz

Niklaus Schmid - Arbeitsproben

Aus: BIENENFRESSER

Allerlei Strandgut lag herum, obwohl das Meer recht weit entfernt war und sich zudem an einer Steilküste brach. Ein Zaun aus ausrangierten Bettgestellen, leere Flaschen bildeten einen regelrechten Hügel und aus einem Teerfass stieg Rauch empor. Abgemagerte Katzen, die eine riesige Paellapfanne mit Essensresten belagerten, stoben bei meinem Näherkommen auseinander.
Nachdem ich mehrmals laut gerufen hatte, öffnete sich die Haustür.
Ein stämmiger Mann in Latzhosen, begleitet von einem Rottweiler, erschien unter dem Vordach der Finca.
"He, da! Sie haben sich verfahren. Hier geht’s zu keinem Strand."
"Ich suche keinen Strand."
"Die Tropfsteinhöhle liegt dahinten." Er gab mit seiner Hand eine vage Richtung an.
"Ich suche auch keine Tropfsteinhöhle."
"Was denn?"
"Darf ich wohl ein Stück näher kommen? Oder frisst mich Ihr Hund gleich auf?"
"Der tut nur, was ich sage."
Mir war nicht klar, ob mich das beruhigen sollte oder ob das als Warnung zu verstehen war. Ich näherte mich den beiden, vermied aber den Blickkontakt mit dem Hund und ließ ihn schließlich an meiner herunterhängen Hand schnuppern.
"Prüfung bestanden. Setzen Sie sich." Der Mann deutete auf einen der Eisenstühle, von denen ein Dutzend auf dem Hof stand, nahm selber aber in einem Autositz Platz. "Also, was wollen Sie?"
Ich erklärte ihm, dass ich ein Mädchen mit Namen Dora oder Donata suchte.
"Wir suchen ja alle was: Sie ein Mädchen, ich den richtigen Anfangssatz für einen Roman."
"Wie wär’s mit: ‚Ilsebill salzte nach’?"
"Ach, Günter Grass!" Er zog die Nase hoch. "Nach ‚Katz und Maus’ ist ihm nichts mehr richtig gelungen."
"‚Der Butt’?"
"Zu viel Ballast. Großer Zeigefinger, er wollte perfekt sein. Kommen Sie." Er führte mich hinters Haus zu einer Mercedes-Limousine, die auf vier Hohlblocksteinen stand, öffnete die Heckhaube und entnahm dem Kofferraum eine vorsintflutliche Schreibmaschine. "Walter Benjamin soll darauf geschrieben haben", sagte er.
"Was zu hohem Anspruch verpflichtet."
"Leider komme ich kaum zum Schreiben. Die Finca frisst mich auf."
...
Die Ratte kroch an meinem Hosenbein hoch.
Der Dünne sah, wie sie sich unter dem Stoff bewegte, blickte auf seine Armbanduhr und fragte: "Worum wetten wir, Gerry?"
"Einen Hunderter", antwortete Latzhose, dreht sich zu mir und sagte, während er wieder beruhigend seinen Hund streichelte: "Und mit Ihnen wette ich, dass Sie ab heute einen großen Bogen um diese Finca machen – spätestens dann, wenn Ihnen die Ratte die Geschlechtsorgane angebissen hat."
Die Ratte näherte sich bereits meiner Leistengegend.
"Und bis dahin können wir uns noch über einen guten Einstieg zu einer Geschichte unterhalten. Wie wär’s mit: ‚Professor Bingos Schnupfpulver’, eine der etwas weniger bekannten Storys von Raymond Chandler, und die beginnt so: ‚Um zehn Uhr morgens schon Tanzmusik.’"
Er sah mich erwartungsvoll an. "Das hat Schwung, nicht wahr, ist flott und lebhaft. Im Gegensatz zu unserer lahmen Freundin hier."
Seine Hand näherte sich meinem Schoß, mit ausgestrecktem Finger stieß er kräftig gegen die Ratte, die auch sofort reagierte, indem sie sich ein paar Mal um die eigene Achse drehte und dann zubiss.
Ich zuckte zusammen.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.