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Martin Schüller - Arbeitsproben

(ohne Titel)

Es war ein energisches Klopfen, auf das Schafmann mit "Herein" antwortete. Eine Sekunde später stand Grellmayer in seinem Büro. Zwei Sekunden später fläzte er auf dem Besucherstuhl und grinste Schafmann feist an.
"Mit dem Kuzcinsky hast' leider den Falschen erwischt", sagte er.
"Das bezweifle ich stark."
"Das kann ja sein, aber du wirst ihn laufen lassen müssen."
"Also gehört der zu dir."
"Das werd ich nicht kommentieren. Und du solltest das so nicht behaupten, schon gar nicht anderen gegenüber."
"Bist du jetzt V-Mann-Führer?"
Grellmayer schüttelte mit gequälter Miene den Kopf. "Was soll ich auf die Frage antworten? Selbst wenn's stimmt, du weißt doch, dass ich das nicht zugeben darf."
"Dann leiste ich mir wohl einfach mal eine Meinung."
"Von mir aus. Hauptsache, du red'st nicht drüber."
"Schön. Und mit welcher Begründung lass ich ihn laufen?"
"Er sagt, du hättest dich nicht als Polizist vorgestellt und ihn mit der Waffe bedroht."
"So, sagt er das? Und das glaubst du ihm?"
"Freilich."
"Ha! Wenn andere den Leuten geglaubt hätten, die gegen dich ausgesagt haben, dann säßest du heut nicht da."
Grellmayers Miene wurde eisig. "Jetzt halt mal schön den Ball flach, Kollege. Sonst hast du ratzfatz ein Diszi am Bein. Und da hat der Kuzcinsky weiter noch gar nichts gesagt. Der könnt nämlich wissen, wer den Molli durch das Fenster geworfen hat."
Schafmann versuchte, seine Reaktionen unter Kontrolle zu halten, aber er hatte das Gefühl, rote Flecken auf den Wangen zu bekommen. "So?", fragte er lahm.
Das feiste Grinsen war schon wieder auf Grellmayers Gesicht zurückgekehrt. "Dein Filius war das. Der Fabi ... Den kenn ich noch, da war er so ..." Grellmayer streckte die Hand aus, in Höhe der Schreibtischplatte. "Hat der nicht bei den Tölzern gesungen?"
"Das war sein Bruder", murmelte Schafmann.
"Dann war er das, der Hockei gespielt hat. Ja mei. Und jetzt zündet er Häuser an. Mit Menschen drin. Versuchter Mord, oder?"
Schafmann vermied es, Grellmayer anzusehen.
"Noch hat er nicht ausgesagt, der Kuzcinsky. Könnt er aber machen."
Schafmann schwieg.
"Da sagt er nix, der Herr EKHK. Das interpretier ich mal so, dass wir uns einig sind. Schön. Dann sag ich mal Servus."
Grellmayer stand auf und ging hinaus, ohne auf eine Antwort zu warten.
Schafmann ballte die Fäuste, bis sie dunkel anliefen. Dann wählte er die Nummer der Wache.
"Den Kuczinsky", sagte er, "bringt mir den mal in mein Büro."

(ohne Titel)

Die Kugel traf den Kommissar in den Oberschenkel. Er wurde hinter die geöffnete Fahrertür zurückgeschleudert. Die beiden Männer waren etwa fünfzehn Meter von ihm entfernt. Der Mann in der schwarzen Lederjacke rang verzweifelt mit dem blonden Killer um dessen Waffe. Sie stürzten aneinandergeklammert zu Boden. Mit letzter Kraft drehte der Mann die schwere Halbautomatik gegen die Brust des Mörders. Der Schuß zerfetzte das weiße Hemd, Blut quoll hervor. Langsam richtete der Mann sich auf, die Waffe in der Hand. Sekundenlang sah er auf den leblosen Körper hinab, dann hob er die Pistole und entleerte das gesamte Magazin in die Brust des Mannes. Der Körper zuckte heftig bei jedem Schuß. Erst als der Finger am Abzug nur noch Klicken erzeugte, ließ der Mann die Waffe sinken. Mit starrem Gesicht drehte er sich um und humpelte mühsam auf den Kommissar zu. Nur wenige Schritte von ihm entfernt blieb er stehen. Unter seinem Lächeln lag ein Ausdruck verzweifelter Traurigkeit.
"Ich ergebe mich", sagte er.
"Ich glaube nicht", sagte der Kommissar. Seine Augen vereisten. Er hob den Revolver. Der Schuß traf in die Brust des Mannes. Ein großer, roter Fleck erschien auf dem grauen Sweater. Der Mann drehte sich im Sturz und fiel nach vorne. Unter ihm breitete sich eine Blutlache aus.
Dann kam ich.
Ich hüpfte den schmalen Weg zwischen den geparkten Trucks entlang.
"Papi!" rief ich. Immer wieder. "Papi, Papi!"
Die blonde Frau hinter mir versuchte, mich auf ihren Stöckelschuhen einzuholen, doch ich war zu schnell.
"Papi, Papi!"
Ich starrte auf den Fernseher. Idiotisch, dachte ich. Selbst ein Vierjähriger hüpft nach einem Schußwechsel nicht jauchzend auf seinen sterbenden Vater zu.
"Ich kann die Schnepfe nicht leiden. Konnte ich noch nie", sagte meine Mutter.
Ich hatte gewußt, daß sie das sagen würde. Sie sagte es jedesmal. Sie sagte immer das gleiche.
Die blonde Frau holte mich ein, als ich die Leiche des Mannes schon erreicht hatte. Sie brach weinend zusammen und versuchte mir die Augen zu verdecken.
"Tom", schluchzte sie, "oh, Tom, warum?"
"Du bist so süß", sagte meine Mutter.
Ich sagte nichts. Sie sagte immer das gleiche. Sie war verrückt.

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