NRW Literatur im Netz

Birgit C. Wolgarten - Arbeitsproben

Aus: LAND DER MÄDCHEN

"Ich bin so froh, dass du wieder da bist und alles gut geklappt hat, Friederike", unterbricht Maria meine Gedanken. "Aber wo ist das Kind jetzt? Ist es etwa hier?"

"Es ist oben, Maria", sage ich geistesabwesend und wende mich der kleinen Lektüre zu. Mein Herz jubelt, ich fühle mich glücklich und entspannt. Alles ist perfekt gelaufen und mein Buch ist fertig, endlich fertig!

Ich kann kaum erwarten, es nun noch einmal zu lesen. Ich habe es schließlich nicht nur selbst verfasst, nein, mehr, ich habe es erlebt. Eigentlich hätte ich die Geschichte gar nicht schreiben müssen, ich erinnere mich auch so minutiös an jede Einzelheit und Kleinigkeit. Aber das Schreiben war wichtig für mich.

"Liest du uns vor?" Erika liegt auf dem weichen, weißen Teppich und schaut mich bittend an. Maria sitzt zu meinen Füßen vor dem Sofa.

Ich lächele und kuschle mich in die Sofaecke unter der Stehlampe. "Stimmt, ich habe es euch versprochen." Meine Müdigkeit ist schlagartig verschwunden, ich vertiefe ich mich in das Buch, nichts um mich herum ist noch wichtig.

23. Juli 1956, 6:15 Uhr

Ich erwachte an diesem warmen Sommermorgen noch vor dem ersten Vogelgesang und schwang die Beine aus meinem zu klein gewordenen Kinderbett, von dem meine Mutter die hölzernen Gitterstäbe entfernt hatte. Meine nackten Füßchen patschten auf den kalten Steinboden, als ich zum Fenster ging und die gelben Vorhänge aufzog. Hinter den Dächern auf der anderen Straßenseite hatte der Himmel eine violette Färbung angenommen, die allmählich in ein helles Blau überging. Jetzt hörte ich auch das erste Vögelchen an diesem wunderschönen Morgen.

Vielleicht würde heute ein ganz besonderer Tag für mich werden.

Mama hatte mir gestern Abend ein Stück Papier in die Hand gedrückt und gesagt: "Gleich morgen früh, wenn du wach wirst, gehst du in die Küche und reißt ein Kalenderblatt ab, und wenn dann auf dem Kalender dieselben Zahlen stehen wie hier auf dem Papier, dann hast du Geburtstag und bist dann Mamas großes Mädchen!"

Hastig lief ich zu der Kommode, die meine Mutter am Ende des Krieges aus einem Lazarett gestohlen hatte. Da lag der Zettel. Vorsichtig, als hätte ich eine Karte zu einem Schatz gefunden, faltete ich das Blatt Papier auseinander:

"23.7.1956"

Jetzt brauchte ich nur noch in der Küche diese Zahlen mit denen auf dem neuen Kalenderblatt zu vergleichen. Allerdings musste ich leise sein. Denn in der Küche war auch der Schlafplatz meiner Mutter. Ich setzte mich auf mein Bett, hielt den Zettel ganz fest in meinen kleinen Fingern.
Zu meinem Geburtstag hatte mir Mama eine Überraschung versprochen. Vielleicht durfte ich endlich einmal hinaus auf den Spielplatz und mit anderen Kindern spielen? Oder ich kam in die Schule, so wie Tante Lizzy mir erzählt hatte, schließlich würde ich ja heute schon sieben Jahre alt und wäre dann Mamas großes Mädchen. Oder vielleicht bekam ich den großen roten Lastwagen, den ich in einem Schaufenster gesehen hatte, oder heute Abend - und bei dem Gedanken fing mein kleines Herzchen kräftig an zu klopfen - würde keiner von den bösen Männern kommen und mit Mama hinter den Vorhang gehen, dort wo Mama immer schlief.

Aus: DER JOSHUA BAUM

Ihre Augen brannten wie Feuer, und doch war es das Geräusch, dieses impertinente, rhythmische Knarzen, das sie weckte. Sie streckte ihre langen, knochigen Finger aus und tastete ins Leere. Dort wo sonst die kleine Nachttischlampe stand, war nichts, nur Luft. Feuchte, modrige Luft, die eigentümlich roch, unangenehm und so gar nicht vertraut. Mühsam öffnete sie die bleischweren Augenlider, doch um sie herum blieb alles im Dunkeln.
Da, schon wieder dieser langgezogene Ton, der wie berstendes Holz klang.
Was ist das?
Es kam von überall, war um sie herum und doch nicht greifbar.
Sie hatte Durst, ihre Zunge fühlte sich dick und pelzig an, ihr Hals war trocken und geschwollen.
„Endlich bist du wach!“
Ein Flüstern, irgendwo weiter vorne, vor ihr, dann wieder dieses Knarzen.
Sie wollte etwas sagen, wollte der flüsternden Stimme antworten, aber ihre Zunge und ihr Gaumen waren gelähmt, ihre Lippen taub.
So blieb ihre Stimme stumm: Wer bist du?
Was war los mit ihr? Warum konnte sie nicht sprechen? Warum brannten ihre Augen? Sie wollte wissen, wo sie war, wer bei ihr war, hier im Dunklen. Ihre Hände tasteten um ihren Körper herum. Irgendwo in einem Winkel ihres Verstands begriff sie, dass sie lag. Sie spürte klamme Kälte von unten heraufziehen. Sie griff nach ihrer Decke, aber ihre Hände fanden nur ihren eigenen nackten und unterkühlten Leib. Sie stöhnte, qualvoll. Einen Gedanken, irgendwo in ihrem Kopf musste es doch einen Gedanken geben, an dem sie sich festhalten konnte, einen Anfang finden, um dann zu begreifen, was geschehen war.
Der Sommerball gestern Abend, sie hatte ihn früher verlassen.
Immer wieder tastete sie um sich, riss dabei ihre Augen auf, nichts änderte sich, die absolute Finsternis blieb, genauso wie das Knirschen und Knarzen. Wo bin ich?
Er war zu ihr gekommen. Trotz der Kälte spürte sie für den Hauch eines Augenblicks eine Hitzewelle und ein Kribbeln über ihren Körper. Sie hatten sich verabredet, seinetwegen hatte sie den Sommerball früher verlassen. Gerade in dem Moment, da sie schon glaubte, dass er wohl doch nicht kommen würde, stand er vor ihrer Tür. Sie hatten Sekt getrunken und dann ... Für einen Moment spürte sie erneut seine sanften Hände, die ihre Wangen berührten, seinen warmen Atem, der sich wie ein zarter Schal um ihren Hals legte. Sie streckte die Hände nach vorne. Hilf mir doch, ich kann nichts sehen. Ich will aufstehen, kann nicht, ... fühl mich so schwach! Ihre Augen tränten, sie tastete weiter, fühlte neben sich. Das war nicht das Laken, auf dem sie gestern Nacht eingeschlafen war. Wieso kann ich nichts sehen? Was hast du mit mir gemacht?
Irgendwann war sie wohl in ihrem Bett eingeschlafen. Und er? War er gegangen oder war er bei ihr geblieben? Wo war sie jetzt? Wieso wachte sie in dieser Stockfinsternis auf und lag auf einem Holzboden? Oder war es eine Holzpritsche? Wenn sie nur irgendetwas erkennen könnte, und sei es nur schemenhaft. Doch um sie herum war nur diese undurchdringliche Dunkelheit.
„Du weißt nicht, wo du bist, und du siehst nichts, richtig?“ Wieder das Flüstern, das von überallher zu kommen schien.
Sie schüttelte den Kopf, wagte kaum zu atmen. Wie ein glitschiger Wurm kroch die Angst die Wirbelsäule hoch. Dieses kalte, lähmende Gefühl erreichte ihren Brustkorb, machte sich breit in ihrem ganzen Körper und ließ sie erschauern. Sie schlang ihre schmalen Arme um ihren nackten Körper.
Sie ging nie nackt zu Bett!
Außer ... vielleicht gestern Abend? Wieder tastete sie vorsichtig um sich und zuckte zusammen. Etwas Spitzes hatte sie unter den rechten Daumennagel gestochen. Es war nur ein Schreck, nicht wirklich ein Schmerz. Aber ihre Augen taten ihr weh, sie verstand nicht warum. Das Gefühl der Angst verwandelte sich langsam schleichend in Panik. Zittrig befühlten ihre von Gicht geplagten Finger ihr tränennasses Gesicht, erreichten ihre Augenlider, die sie zum Schutz geschlossen hielt.
Speichel lief ihr aus dem Mundwinkel. Was ist geschehen? Verwirrt streckte sie ihre Arme aus, griff ins Leere.
„Und? Wie geht es dir jetzt?“
Da war sie wieder, die Stimme! Von wo genau kam sie? Und zu wem gehörte sie? War es die des Mannes? Gestern Abend hatte er ähnliches zu ihr gesagt, aber die Situation war eine ganz andere gewesen. Und warum war seine Stimme nun so gehässig? Sie wollte antworten, um Hilfe schreien, doch kein Ton kam über ihre Lippen, noch nicht einmal ein Stöhnen oder lautes Atmen.

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