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Jan Zweyer - Arbeitsproben

Aus: TATORT TÖWERLAND

Die junge Frau stellte ihr Weinglas auf den Couchtisch und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Dann stand sie seufzend auf, schaltete das Fernsehgerät aus und öffnete die Terassentür. Sie blieb an der Tür stehen und genoss die feuchtkalte Luft, die vom Meer heraufzog, bis sie fröstelte. Die Frau ging zurück ins Haus, stieg die Treppe nach oben und betrat das Badezimmer.
Zehn Minuten später hatte sie ihre Abendtoilette beendet. Sie wollte gerade zum Lichtschalter greifen, als die Beleuchtung ohne ihr Zutun ausging. Ihr Herz schlug schneller. Sie atmete einige Male tief durch und versuchte so, die aufkommende Panik zu verscheuchen.
"Ein Stromausfall", murmelte sie leise, während sie sich durch den dunklen Flur zur Treppe tastete. "Nur ein Stromausfall. Das kommt vor."
Durch ein Fenster schaute die Frau auf das Nachbarhaus. Es war hell erleuchtet. Sie schüttelte verwundert den Kopf. Dann kam ihr ein Gedanke: die Hauptsicherung, natürlich!
Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, so dass sie ihre Umgebung schemenhaft erkennen konnte. Vorsichtig stieg sie die Treppe hinab. Auch im Erdgeschoss funktionierte das Licht nicht.
Aus dem Wohnzimmer blies ihr ein eiskalter Hauch entgegen. Der Wind hatte die Terrassentür weit aufgedrückt. Die Vorhänge flatterten gespenstisch. Sie schloss die Tür und versuchte sich an den genauen Standort des Sicherungskastens zu erinnern. Die Frau griff zu ihrem Einwegfeuerzeug, das auf dem Tisch lag. Ein kümmerliches Flämmchen warf einen trüben Lichtschein. Sicher hatten ihre Eltern Kerzen im Haus, aber wo? Die Flamme des Feuerzeuges erlosch. Hektisch drehte die Frau am Zündrad.
Ein leises Knarren im Flur ließ sie erschaudern. Sie fuhr herum und starrte auf die dunkle Türhöhle. Sie sah nichts. Endlich brannte das Feuerzeug wieder. Zitternd streckte die Frau ihren rechten Arm mit dem funzeligen Licht in die Höhe und machte einen langsamen Schritt nach vorn. Es knarrte wieder. Die Panik kehrte zurück. Die Frau zwang sich erneut zur Ruhe. Jetzt wusste sie, woher das Geräusch stammte. Erleichtert atmete sie auf. Der Deckel des Briefkastenschlitzes in der Eingangstür saß seit einigen Tagen locker und bewegte sich im Wind.
Dann nahm sie eine Bewegung hinter sich wahr. Ehe sie reagieren konnte, wurde ihr Kopf brutal nach hinten gerissen. Ihr Hals straffte sich. Sie sah, dass etwas den flackernden Lichtschein des Feuerzeuges reflektierte. Etwas Blitzendes, Metallisches. Etwas Scharfes."

Aus: GEORGS GEHEIMNIS

Über die Flamme des Feuerzeugs hinweg blickte Rastevkow sein Gegenüber aus dunklen, traurigen Augen an und sagte unvermittelt: "Wenn ich Ihnen alles erzähle, was ich weiss, müssen Sie mir eines versprechen: Sie dürfen nie versuchen, mich zu finden oder meinen jetzigen Namen herauszubekommen. Niemals. Wir werden uns nach diesem Abend nicht mehr sehen." Er nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch seiner Zigarette in die kalte Abendluft. "Versprechen Sie das?"
Esch nickte.
"Gut. Ich stamme aus einem kleinen Dorf in Wolhynien, das liegt in der Ukraine, in der Nähe der Stadt Korosten. Dort leben auch viele Wolga-Deutsche. Kennen Sie zufällig Korosten?"
Rainer schüttelte den Kopf.
"Macht nichts. Hätte ich mir denken können. Liegt nordwestlich von Kiew. Ich war 1941 etwa fünfzehn Jahre alt. Vielleicht war ich auch vierzehn oder schon sechzehn, ich weiß das nicht so genau. In unserem Dorf gab es kein... Standesamt, würden wir heute sagen. Ich wurde im Januar geboren, während der Jahre des grossen Hungers. Das genaue Geburtsdatum spielte damals keine Rolle. Sie müssen sich vorstellen: Viele der Neugeborenen überlebten den Winter nicht. Da machte es keinen Sinn, durch meterhohen Schnee tagelang bis in die Kreisstadt zu laufen, um ein Balg registrieren zu lassen, das bei der Rückkehr vielleicht schon tot war, verstehen Sie?" Rastevkow lachte wieder und wurde dann ernst. "Es war Spätsommer, als die Deutschen kamen. Das Gros unserer Soldaten hatte, so erzählten die alten, sich schon einige Tage vorher weiter nach Osten abgesetzt. Kleinere Scharmützel der Roten Armee mit den unaufhaltsam vordringenden deutschen Truppen sollten lediglich den Rückzug unserer Soldaten decken. Wir hatten schon seit Tagen das Donnern der schweren Artilleriegeschütze gehört, aber keine Soldaten gesehen, weder russische noch deutsche. Und dann, an einem Morgen, waren die Deutschen plötzlich da. Einfach so." Der Alte zog an seiner Zigarette. Sie war ausgegangen. Rainer gab ihm erneut Feuer.
"Danke. Die Panzer rollten ohne anzuhalten über unsere Dorfstrasse. Es staubte schrecklich. Dann kamen die motorisierten Einheiten. In endlosen Kolonnen zogen sie vorüber. Krad über Krad, LKW an LKW. Geschütz folgte Geschütz. Und dann die Infanterie. Tausende von Soladten. Ich hatte noch nie vorher so viele Menschen gesehen, geschweige denn so viele Soldaten. Drei Tage rollte die Armee durch unser Dorf, dann war alles vorbei. Kein Schuss fiel. Für uns ist der Krieg vorbei, dachten wir." Rastevkow blieb erneut stehen und sah Rainer an. "Angst hatte eigentlich keiner. Fast jede Familie hatte in den schrecklichen Säuberungen der 30-er Jahre Angehörige verloren. Selbst in unserem kleinen Dorf am Rand der Welt. Der mächtige Arm des großen Stalin reichte weit. Schlimmer als unter Stalin würde es unter Hitler auch nicht werden, hofften wir. Wir glaubten wirklich, es würde nicht schlimmer. Welch ein Irrtum!" Pjotr Rastevkow hustete, griff in seine andere Manteltasche und zauberte einen Flachmann heraus. "Wodka. Hilft gegen die Kälte. Und die Erinnerungen."
Er hielt Rainer die Flasche hin. Der zögerte einen Moment, nahm dann aber doch einen tiefen Schluck. Das Zeug brannte höllisch in der Kehle.
"Balsam für die wunde russische Seele", kicherte Rastevkow und verstaute die Flasche wieder in seinem Mantel. "Eine Woche später kamen andere Soldaten. Sie hatten Totenköpfe und Runen am Revers ihrer schwarzen Uniformen - die SS. Sie trieben die gesamte Bevölkerung mit Waffengewalt auf dem Dorfplatz zusammen. Sie durchkämmten jedes Haus, jeden Schuppen. Keiner entkam ihnen. Die Dorfbevölkerung war verängstigt. Die Deutschen sprachen kaum Russisch. Wir verstanden nur ein Wort: Dawai, dawai! Schnell, schnell! Im Dorf lebten damals etwa zweihundert Menschen, nur Frauen, Kinder und Alte. Die Männer zwischen achtzehn und fünfzig waren alle schon vor Monaten eingezogen worden, sie dienten in der Roten Armee. Dann begann die SS, alle männlichen Jugendlichen, so etwa ab vierzehn, fünfzehn Jahren auf einen Lastwagen zu verladen. Ich gehörte auch dazu. Wir waren ein gutes Dutzend auf der Ladefläche. Sie fesselten unsere Hände und Füsse und banden uns aneinander fest. Ich war einer der letzten, die auf den LKW kamen. So musste ich alles mit ansehen."
Sie hatten das Stadion des Fussballvereins Westfalia Herne erreicht.
"Möchten Sie noch einen Schluck?", bot Rastevkow dem Anwalt an. Der lehnte ab. "Wie Sie wollen." Pjotr Rastevkow trank. "Wir sollten zurückgehen. Es fängt gleich wieder an zu schneien. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja ... Plötzlich begannen Maschinengewehre zu rattern. Der Kugelhagel traf zuerst die Reihen der Eingekesselten. Die Menge schrie vor Schmerz und Angst. Mütter versuchten, sich schützend über ihre Kinder zu werfen. Vergeblich. Einige rannten weg, um dem Inferno zu entgehen, wurden aber von anderen SS-Männern nach einigen Metern kaltblütig erschossen. Das Gemetzel dauerte weniger als zwei, drei Minuten. Als die Maschinengewehrschützen ihr Feuer eingestellt hatten, gingen einzelne Soldaten mit gezogener Pistole durch die am Boden liegenden Toten und Verwundeten.
Denjenigen, die sich noch bewegten oder jammerten, schossen sie in den Kopf.
Manchen Opfern traten sie mit ihren Stiefeln in die Schusswunden, nur um zu sehen, ob sie noch lebten. Wenn sie sich rührten, traf auch sie die Kugel. Dieser Tod war schnell und gnädig. Trotzden waren auch jetzt noch nicht alle tot. Einigen war es gelungen, sich unter den Leichen ihrer Verwandten oder Freunde zu verbergen. Aber das war eine trügerische Sicherheit, sage ich Ihnen. Denn alle, die das Massaker bis jetzt überlebt hatten, sollten qualvoller sterben. SS-Soldaten schütteten mehrere Kanister Benzin über die leblose Menge und zündete sie an. Die verzweifelten Schmerzensschreie der Verwundeten und nun zum Feuertod Verdammten werde ich nie vergessen." Rastevkow schwieg. Dann fuhr er fort: "Zum Schluss setzten die Soldaten das Dorf in Brand. Jedes Haus, jeden Stall. In nur einigen Minuten war die mir bekannte Welt vom Erdboden vertilgt worden. Meine Grosseltern, meine Mutter, meine kleine Schwester. Unser Haus. Die Nachbarn. Einfach alles, was ich kannte."
Rastevkow blickte an Esch vorbei ins Leere. Tränen liefen über sein Gesicht.
"Könnte ich", fragte Esch mit gebrochener Stimme, "könnte ich doch noch von dem Wodka...?"
Rastevkow reichte ihm die Flasche. "Und wissen Sie, was das Schlimmste ist? Ich weiss bis heute nicht, warum unser Dorf ausgelöscht wurde. Ich versuche, einen Sinn zu erkennen, und sei er auch noch so teuflisch und grausam. Irgendeinen Sinn, irgendetwas, was das hundertfache Sterben erklärlich macht, es der Zufälligkeit entreißt. Ich werde es wohl nie begreifen."
Esch fror in seiner Lederjacke, aber es war ihm egal. Er verspürte Mitleid mit diesem Mann, den er erst seit kurzer Zeit kannte. Mitleid und ohnmächtige Wut.
"In Kiew wurden wir nach zehnstündiger Fahrt vom Wagen in einen Zug verladen. Einer meiner Freunde war auf der Ladefläche gestorbe, ich weiß nicht, woran. Wir anderen wurden mit Gewehrkolen geschlagen, wie Vieh in einen Wagon gepfercht, der sonst für Tiertransporte genutzt wurde. Wir erhielten einen Eimer Wasser und etwas verschimmeltes Brot, mehr nicht. Das Wasser reichte kaum für uns alle. Unsere Notdurft verrichteten wir später in diesem Eimer, der aber schnell überlief. Ich weiß nicht, wie ich die fünftägige Fahrt überstand. Ohne Essen und fast ohne Wasser. Als die Türen des Wagons endlich wieder aufgerissen wurden und wir aussteigen durften, mussten wir uns in einer Reihe aufstellen. Die Luft war staubig und roch nach Kohle. Vorsichtig sah ich mich um. Ich erkannte gigantische Türme, an deren Spitzen sich unaufhörlich Räder drehten, das Schachtgerüst eines Bergwerkes, wie ich heute weiß. Das der Zeche Erin in Castrop-Rauxel. Wir wurden in einer in der Nähe stehenden Baracke registriert und erhielten eine Jacke, auf der ein weißes Dreieck aufgenäht war. Ost stand auf dem Dreieck. Ost für Ostarbeiter. Ich war als Bauernbursche aus Wolhynien verschleppt worden und als Bergmann in Castrop angekommen."

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