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Rüdiger Schneider - Arbeitsproben

DER CLEANER

Eine sehr aufwendige und selbst für Singapur ungewöhnlich kostspielige Totenfeier wurde einem einfachen Hindu zuteil, der die letzten vierzig Jahre seines Lebens sich den Unterhalt verdient hatte mit nichts als einem Palmstrohbesen und seinen in den Schmutz packenden Händen.

Bis zum Abschluß seines neunzigsten Lebensjahres war er als sogenannter Cleaner beschäftigt in einem Foodstall an der Tyrewhitt Road, der sich Longhouse nannte und sich aus nahezu hundert einzelnen Ständen aufbaute. Das Gelände und auch die Stände waren Eigentum der Familie Chow, einer reichen chinesischen Dynastie, der so manches an Grund und Häusern in Singapur gehörte. Das Vermögen wurde nicht nach Millionen Singapur Dollar geschätzt, sondern nach Milliarden. Am sich stetig mehrenden Reichtum war auch das Longhouse nicht unerheblich beteiligt. Vor allem, weil der alte Chow die Stände nicht nur vermietete, sondern sich mit chinesischer Schlitzohrigkeit auch eine Umsatzbeteiligung ausgehandelt hatte.

Jetzt sah er die Zeit kommen, wo er die Verantwortung mehr und mehr dem einzigen Sohn, Chris Chow, übertragen wollte. Er zögerte jedoch, da er sah, daß Chris ein Geschäft betrieb, von dem der Alte selbst nicht viel hielt. Der junge Chow hatte einen kleinen Verlag aufgebaut, in dem er philosophische Werke herausgab und im Gegensatz zu dem mit Grund und Boden spekulierenden Vater keine Profite einfuhr, sondern nur Verluste. Gleichwohl aber, durch das Familienvermögen gestützt und gesichert, edierte der Verlag beharrlich Jahr für Jahr. Chris selbst leistete sich einen saphirblauen Mercedes, war mit einem gleichfarbigen Handy ausgerüstet, lief manchmal vornehm, dann wieder abgerissen leger herum, verbrachte viel Zeit mit Freunden und den angenehmen Dingen des Lebens, und der Alte, mißtrauisch, vermutete, daß der Junge das Familienvermögen eher hinab- als hinaufbringen würde. Aber mit letzter Bestimmtheit wußte er das nicht zu sagen. Da beschloß er, Chris zunächst einmal nur die alleinige Verantwortung für das profitable Longhouse zu übertragen. Eine jährliche Einsicht in die Umsatztabellen behielt er sich ausdrücklich vor. Chris besaß jetzt alle Vollmachten, Leute zu entlassen, neu einzustellen, die Stände zu vermieten oder zu verpachten, das Unternehmen zu ändern oder es sogar ganz zu verkaufen. Im Longhouse kannte ihn noch niemand. Für ihn war es in Singapur bislang nur ein Platz unter vielen gewesen, an dem er einige Male vorbeigefahren war.

Chris Chow studierte die Unterlagen über das Longhouse, kam schon Abende vor der gültigen Übernahme, aß dort, trank ein Guiness Stout, sah sich um und überlegte, was zu verändern sei. Er kam zu der Überzeugung, daß nichts zu verändern sei. Die einzelnen Stände waren langfristig in Miete gegeben, die Betreiber selbstverantwortlich für Umsatz, Profit und Personal, und der alte Chow hatte sich nur für besondere Umstände eine rasche Kündigung vorbehalten. Dieser Notfall aber war seit Bestehen des Longhouse noch nicht eingetreten. Chris Chow sah keinen Grund, das Regelwerk zu ändern und auch die Beteiligung am Umsatz behielt er in der vereinbarten Größe bei. Für die Überwachung der Anlage war ein Manager eingestellt, der sich um die Organisation zu kümmern und dies auch bislang zur Zufriedenheit des Alten getan hatte. Chris Chow fand den Gedanken müßig und überflüssig, innovativ zu investieren, den Foodstall eventuell umzuwandeln in eine profitbringendere Anlage, ein modernes Hotel vielleicht, ein Warenhaus oder eine Geschäftskette. Er wußte, daß man in Singapur mit einem guten und vielfältigen Angebot an Essensständen einen sicheren Gewinn erzielen konnte. Und außerdem sah er keinen Grund, anderen Leuten den Arbeitsplatz zu nehmen, bloß um ein paar Dollar mehr zu erwirtschaften. Chris Chow fand bei seinem Besuch, daß es nichts zu ändern gab.

Chris Chow saß an einem der Tische zum Parkplatz und zur Straße hin. Hinter dem Gebäude, am Rande des Parkplatzes, dort wo die Müllcontainer standen, sah er einen alten Hindu Kartons stapeln, Plastikbehälter mit Essensresten in die Container schütten, leere Flaschen übereinander schichten. Gab es bei dieser Tätigkeit einmal eine Pause, weil keine neuen Abfälle zu entsorgen waren, ergriff der Mann sogleich einen Palmstrohbesen, fegte Laub vom Parkplatz und war in jeder Minute und unentwegt um irgendeine die Anlage in Ordnung haltende Tätigkeit bemüht. So, als sei er gerade erst eingestellt worden und habe sich in seinem Job zu bewähren. Der Hindu trug hochgekrempelte, abgetragene, aber saubere Hosen an dürren, dunklen Beinen, ein blaues T-Shirt, auf dem in weißen, großen Lettern auf dem Rücken CLEANER stand. An den Füßen hingen ausgetretene Ledersandalen. Chris Chow sah dem Cleaner aufmerksam und neugierig zu. Sah manchmal das Gesicht, wenn der Hindu von den Müllcontainern rasch zurückkehrte, sah den weißen, in Locken hängenden Haarkranz um den oben kahlen Schädel, sah wache, helle Augen unter einer tiefgefurchten Stirn. In weißen Strähnen hing ein Backenbart herab. Ein dichter Schnäuzer, ebenso weiß, hatte sich bis auf die Unterlippe gelegt. Am rechten Handgelenk trug der Cleaner einen einfachen, silberfarbenen Reif, am linken eine Uhr mit abgewetztem Band.

Als das Datum der offiziellen Übernahme kam, führte der alte Chow ihn selbst ein, stellte ihn am Morgen des Tages dem Manager vor, und dieser informierte alle, die für das Longhouse arbeiteten, wem der saphirblaue Mercedes gehörte, der auf dem Parkplatz stand. Am Abend kam Chris Chow alleine, setzte sich an einen der Tische in Nähe des Parkplatzes, bestellte sich ein Guiness Stout, sah dem Cleaner bei der Arbeit zu und winkte den Manager an seinen Tisch. Er fragte ihn nach dem Hindu aus, nach dem Verdienst der Angestellten, die keinen Stand in eigener Regie gemietet hatten und wollte dann auch wissen, wieviel der Cleaner täglich bekam. Er erfuhr, daß die einfachen Angestellten von den Ständebetreibern dreißig Dollar pro Tag bekamen. Der Cleaner aber wurde aus dem Etat des Hauses Chow bezahlt und erhielt fünf Dollar pro Tag. Davon konnte er nur leben, weil man ihm gestattet hatte, direkt neben der Anlage auf einem kleinen Grundstück in einer Wellblechbaracke zu wohnen. Sie störte niemanden, da sie versteckt zwischen Büschen und Bäumen lag. Ein Maschendraht, der an vielen Stellen geflickt war, umzäunte das Gelände. Auch dieses Grundstück war im Besitz der Chows.

Chris Chow beauftragte den Manager, den Cleaner an seinen Tisch zu führen. Zuvor aber solle dieser eine Kopie seines Kontraktes holen. Chris Chow war sicher, daß der Cleaner das Papier wie einen Schatz in seiner Baracke hütete.

Der Manager ging zum Cleaner, der gerade damit beschäftigt war, leere Flaschen zu schichten. Der Cleaner sah erschrocken zu dem Tisch hinüber, an dem Chris Chow saß. Auch er wußte jetzt, wem der saphirblaue Mercedes auf dem Parkplatz gehörte. Langsam, ja traurigen Schrittes begab sich der Hindu zu seiner Hütte. Er sah sich wieder einmal einem unergründlichen Schicksal unterworfen, über das die Götter und die reichen chinesischen Herren bestimmten und glaubte, sein schon angestammtes Stück Heimat wieder verlassen zu müssen.

Der Cleaner kam mit der Kopie des Kontraktes, reichte sie dem Manager, der sie an Chris Chow weitergab. Der Cleaner war in zwei Metern Entfernung stehengeblieben. Chris Chow nahm das Papier, lud den Hindu ein, an seinem Tisch Platz zu nehmen, stellte sich ihm vor als der neue verantwortliche Besitzer des Longhouse und las den einfachen Kontrakt, der nur den Namen des Mannes, den Arbeitsplatz, das Datum und den Tageslohn nannte. Das Papier trug den Stempel des ‚Longhouse‘ und die Unterschrift des alten Chow. Das Datum stimmte überein mit dem Gründungsjahr 1956. Der Cleaner war also von Anfang an dabei gewesen.
Chris Chow überlegte ein wenig, dann strich er bei der Lohnangabe die ‚Fünf‘ durch und ersetzte sie durch ‚Dreißig‘. Er ließ sich vom Manager den Stempel des Longhouse bringen, fügte dem Papier noch hinzu, daß der Hindu lebenslanges Wohnrecht auf dem Grundstück neben der Anlage besitzen sollte, versah zur Bestätigung alles mit Stempel und Unterschrift und gab dem Cleaner den Kontrakt zurück.

Der Hindu studierte das Papier lange, sah die Zahl ‚Dreißig‘ bestehen bleiben, nahm das verbriefte Wohnrecht mit Staunen wahr und begann endlich, seinen Augen zu trauen. Er bedankte sich bei Chris Chow, stand auf, drückte den Kontrakt wie einen Schatz an sich und ging zu seiner Hütte. Von dort kehrte er sofort zurück und nahm seine Arbeit wieder auf, stapelte Kartons, schüttete den Inhalt der Plastikkübel in die Container und griff, gab es einmal eine Pause, zum Palmstrohbesen, um den Parkplatz zu fegen.

Alles im Longhouse lief wie gewohnt weiter und brachte, woran natürlich auch die Lohnerhöhung des Cleaners nichts änderte, zur Zufriedenheit des alten Chow den üblichen Profit. Von dem neuen Tagessatz des Cleaners erfuhr er nichts. Er hatte den alten Hindu völlig vergessen.

In den weiteren Jahren, die der Cleaner noch arbeitete, sah man an manchen Tagen, wenn gegen Mitternacht die Stände schon geschlossen waren, den Mercedes von Chris Chow vorfahren. Er begab sich zur Wellblechhütte des Hindu, saß auf einer Holzbank dort mit ihm zusammen in der tropisch warmen Nacht Singapurs und erfuhr mehr und mehr Geschichten aus dem Leben des Cleaners. Chris Chow fühlte sich in der einfachen, aber sauberen Umgebung, die sich der Alte geschaffen hatte, wohl. Neben der Hütte standen ein paar Mangobäume, es gab ein Beet mit Melonen, und der Cleaner hatte es sogar geschafft, auf engstem Raum etwas Tabak zu ziehen, den er selbst erntete, trocknete, verarbeitete und dann in billiges Zigarettenpapier eindrehte. Auch eine kleine Destillerie, die eigentlich verboten war, entdeckte Chris Chow zu seinem Vergnügen. Von da an brachte er zu seinen Besuchen regelmäßig ein paar Flaschen Guiness Stout mit und einen Kübel mit Eis. Der Hindu hielt das jedesmal für eine besondere Feierstunde der Götter.

Chris Chow hütete sich, das Leben des Cleaners mit großzügigen Geschenken zu verändern. Er bat den Manager des Longhouse nur, ein besonderes Auge auf den Alten zu werfen, falls dieser einmal krank würde. Das traf aber, wie Chris Chow vermutet hatte, nie ein. Der Cleaner wurde neunzig Jahre alt. Als der Manager eines Mittags feststellte, daß die leeren Flaschen nicht entsorgt und die Kartons nicht ordentlich gestapelt wurden, da ging er zu der Wellblechhütte und fand den Cleaner friedlich eingeschlafen auf seiner Bastmatte liegen. Er war vorsichtig genug, ihn nicht zu beschimpfen, rüttelte statt dessen nur an ihm und stellte fest, daß der Hindu tot war. Er hielt es für richtig, sofort Chris Chow zu benachrichtigen.

Was dann passierte, darüber faßte sich der alte Tham Chow nur an den Kopf und stöhnte, daß der Geist des Wahnsinns in den Jungen gefahren sei. Denn Chris Chow ruinierte einen ganzen Jahresverdienst und verfügte, daß für die Totenfeier das Longhouse eine Woche lang auf seine Kosten Essen und Getränke unentgeltlich an jeden auszugeben hatte, der kommen mochte. So hielt Chris Chow eine der kostspieligsten Totenfeiern Singapurs, und nicht nur der Alte hielt ihn für verrückt.

Chris Chow stellte einen neuen Cleaner ein, den er selbst aussuchte und wiederum zum Tagessatz von dreißig Dollar beschäftigte. Ein Wohnrecht auf dem Gelände neben dem Longhouse räumte er nicht ein, sondern war behilflich bei der Suche nach einer einfachen Wohnung in Nähe der Tyrewhitt Road. An der Hütte und dem kleinen Garten des alten Cleaners änderte er nichts. Er beließ alles so und hielt es auch nicht für nötig, das Gelände für ein zusätzliches profitables Geschäft auszubauen.

Der alte Chow studierte in den kommenden Jahren mit den schlimmsten Erwartungen die Umsatzbilanzen. Zu seinem Erstaunen stellte er aber fest, daß der Umsatz und damit auch die Gewinnbeteiligung der Chows erheblich über dem Durchschnitt der Jahre zuvor lag. Er konnte sich das nicht erklären, da der Junge doch gar nichts verändert und verbessert, sondern im Gegenteil eine ganze Woche lang das Geld zum Fenster hinausgeworfen hatte. Für einen im Schmutz wühlenden Hindu, der ihm erst durch diese Totenfeier wieder in die Erinnerung gekommen war.

Chris Chow befand sich nicht in den Erklärungsschwierigkeiten des Alten. Er saß wie früher manche Nacht hindurch vor der Wellblechhütte des Cleaners und lauschte auf den Wind in den Blättern des Mangobaumes. Zum ersten Mal hatte sein kleiner philosophischer Verlag keine roten Zahlen geschrieben, sondern stand in der Bilanz der Ausgaben und Einnahmen ausgeglichen da. Er nahm es gelassen hin und ebenso auch, daß sich das Longhouse zu einem der profitabelsten Plätze Singapurs entwickelte.

Aus: Siamesische Nächte

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