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Ingrid Schmitz - Arbeitsproben

Aus: DIE BLÜTENKÖNIGIN VON WIESMOOR

"Meine Güte! Wie siehst du denn aus?" Michaela hatte Chantal seit zwei Wochen nicht gesehen. Wie schaffte man es, sich in zwei Wochen so stark zu verändern? Sie stellte den Koffer ab und umarmte ihre Freundin.
Chantal schob sie sanft zurück: "Toll, was? Volles Programm: Botox, Bleaching, Peeling … super günstig, kostet sonst das Doppelte!"
"Mensch Chantal, in welchem Film bist du denn?"
Ihre Freundin bleckte die gebleichten Zähne mit dem entzündeten Zahnfleisch. "Kein Film, das ist das volle Leben, Ela. Bin ich froh, dass du den AB abgehört hast und rechtzeitig hier bist. Dachte schon, ich müsste alleine fahren. Chantal drückte ihre gepushte Brust in Positur. "Du hast doch Zeit mitzukommen, oder?"
"Dumme Frage, wäre ich sonst hier?"
"Vielleicht kann ich dir später auch mal helfen."
"Das kannst du jetzt schon. Sag mir was los ist."
"Wir fahren nach Friesland. Ich habe eine Kleinanzeige in der Zeitung entdeckt und meinen Traumjob gefunden. Ich musste nur ein paar Bedingungen erfüllen. Jetzt ist die Sache perfekt. Die haben Großes mit mir vor!"
"Klingt spannend. Erzähl weiter!"
"Nicht jetzt. Unser Zug nach Leer fährt in dreißig Minuten. Wir müssen uns beeilen."

*

Nachdem Chantal unter Aufschrei von Michaela zwei Tickets erster Klasse gelöst hatte, kamen im Zug erste Erklärungsversuche auf, wie sie wo zu ihrem blendenden Aussehen gekommen war und warum sie heute nach Wiesmoor musste. Trotz einiger Unterbrechungen durch ein- und aussteigende Fahrgäste und dem lautstarken Handygespräch eines Mitreisenden, wusste Michaela: Was sie bisher gehört hatte, war ausgemachter Blödsinn.
"Was ist los? Sie schicken dich zu einer Blütenköniginwahl? Ich kann es nicht fassen!"
"Vorauswahl. Nasty Duck …"
"Wer ist das?"
"Na, die Agentur, von der ich die ganze Zeit erzähle. Die vermitteln übrigens nur Frauen und nur zur Schönheitsköniginwahl."
Michaela hustete.
"Also, Nasty Duck, Herr Fraud, hat jedenfalls keinen Zweifel an meinem Sieg – nach d e n Behandlungen."
"Die du bezahlen musstest?"
"Nicht alle. Ich habe einiges vorgestreckt und bekomme das Geld wieder, beispielsweise für die Bahntickets und das Hotel – für zwei Personen! Da habe ich natürlich sofort an dich gedacht." Chantals Stimme überschlug sich. Ihre ohnehin großzügig mit Rouge geschminkten Wangen glühten. Sie sah aus, als hätte sie Fieber und redete im ebensolchen Wahn: "Die Teilnahme an einer richtigen Misswahl erfolgt ein Jahr später, und es kommen viele andere Termine hinterher. Ist das nicht wunderbar?"
"Ja, das wäre wirklich ein Wunder! Fehlt nur noch, dass dich das Fernsehen als zukünftige Miss Blüte am Bahnsteig erwartet."
"Ela! Jetzt übertreibst du aber." Chantal sah aus dem Fenster.

In: Fiese Friesen. Hrsg. von Peter Gerdes. Leda: Leer 2005.

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