NRW Literatur im Netz

Elke Wiese - Arbeitsproben

EINE GESCHICHTE VOM HASENBERG

Live ist live

Was steckt wohl dahinter, wenn man einen eigentlich mehr oder weniger wichtigen Termin absagt? Z.B. einen Kurzaufenthalt in der Klinik. Vielleicht Angst? Mag bei manch einem zutreffen, aber nicht bei Mutter. Angst ist für sie ohnehin ein Fremdwort. Bei ihr muss als Begründung schon etwas völlig anderes in der Luft liegen, vielleicht Musik??? Ich glaube schon. Vermutlich erblickte sie anno 19... während eines „Livekonzertes“ das Licht der Welt. Das ist meine Devise. Mit Sicherheit war ihr erster Schnuller ein Notenschlüssel, wie sollte ansonsten soviel „Musik“ in ihr Blut geflossen sein. Im Herzen jung geblieben und somit voller Rhythmus bei Schlager und Volksmusik. hat nach wie vor Livemusik bei ihr stets den absoluten Vorrang. Kein Wunder, dass sie förmlich ausflippte als sie ein Plakat am Tor des Gartenheimes Lennep am Hasenberg erblickte: Sommerfest (2/3. Juli 05). Das Datum passte ihr überhaupt nicht, war doch schon verplant Blieb nur noch zu überlegen, was zu ihrer Genesung am meisten beitragen würde. Und das ist logischerweise das, was man Medizin für die Seele nennt: Musik „Livemusik mit „Hans und Hansi“. Gönnerhaft stellte sie abrupt ihr Beil in der Klinik einer anderen Patientin zur Verfügung. Sie ist halt eine gute Seele. Und dann saßen wir gemeinsam mit Freundin Gerda, die dabei nicht fehlen durfte, in der ersten Reihe der eigens dafür aufgestellten Holzbänke. Ohrenbetäubend kam auf Wunsch der Holzmichel, denn er lebt immer noch, sowie die roten Rosen mit dein Sommer in der Stadt zu uns herüber gedröhnt. Wir hätten so gerne in der letzten Reihe gesessen, leider übertönte dort das Kinderkarussel sämtliche Evergreens. Jedoch wurde alles wieder wett gemacht als Hans Konnerth uns in der Pause begrüßte. Er weiß, dass Mutters Applaus stets aus vollstem Herzen kommt und das ist schließlich so etwas wie Brot und Lohn für ihn, wie für jeden Musiker. Gerda wollte eigentlich noch den Ententanz bestellen, in Erinnerung an alte Zeiten. Da gingen die beiden wirklich bis in die Knie. Die Tanzfläche wäre frei gewesen, aber Mutter wehrte ab. In die Knie wären sie auch jetzt gegangen, aber...
(Tageszeitung RGA, 2007)

DEMOKRATIE

Befehl: „Verlasse mich“‘
So die Diktatoren während ihres Sterbens.

Unterwürfig, obwohl kein Hirn.
wollen in Freiheit „Sie“ nicht verderben.

„Sie“ die Bandwünner,
die treuesten Gefährten der Tyrannen.

Schleimen sich unbemerkt ein,
in Villen und Slums der „Fanatismus-Baulöwen“

Es ist eine Frage der Zeit, wann Sie verenden,
…sterben!
Hinterlassenschaft: zahllose Erben.

VISION

Sondermeldung
"Bündnis Demokratie und Forschung weltweit“:

Nun ist sie da:
die Schluckimpfung zur Vernichtung des Tyrannus-Bandwurrnus.
Kostenlose Pflichtimpfung eines jedem Neugeboreneit

(Gedichtwettbewerb 2007)

FÜR DICH

Tanz der Sigrunen

… anno 1957
Zarte Flüßchen sehnten sich nach harter Erdkruste;
die, der Tänzerin der Sigrunen:
kommend aus dem Land der Nebelfrauen,
die sie beschworen zu bleiben.

Der Grenzjager zwischen Nichtsein und Sein
„der Morgennebel“
erlag dem Flehen der Tänzerin.
Wehmütig löste er ein Stück seines Gewandes,
umhüllte die Bittende --- ebnete ihr den Weg ins Sein;
gab ihr den Namen SIGRUN.

… im Jahr 2007

Und noch immer, wenn im Land der Sigrunen eine wundersame Weise ertönt,
lässt sich jener zarte Schleier auf jene zarte Anmut nieder.
Nicht nur die Nebelfrauen,
nein, alle Menschen die je ihr Kunstwerk sahen,
raunen ihr zu:
„ach Sigrun, tanz doch noch einmal für mich!“

(März 2007)

GLÜCKSPILZ TRAMPELCHEN

(Erzählung für Kinder)

"Oma, wie lange bleibst du noch?" wollte Veronika wissen und rieb sich die Augen.
"Bis du eingeschlafen bist, mein Schatz". Sie streichelte ihr über das Köpfchen, "du bist ja so müde".
"Nein, bin ich überhaupt nicht", trotze Veronika gähnend.
"Aber, das Sandmännchen war doch schon bei dir." Oma strich ihr sanft über die Augen. "Ah, da hab ich schon ein Körnchen". Bei diesen Worten machte sie ein nachdenkliches Gesicht und begann zu erzählen.
Veronika kuschelte sich in ihren Kissen und drückte ihren Heia-Bär feste an sich und fühlte sich sich jetzt ins Traumland versetzt ...

MIMOSA PUDICA

Empfindsamkeit, du regierst mit einer gewaltigen Macht.
Du schwingst dein Zepter über die Gefühle irdischer Üblichkeit,
betrachtest sie mit Argusaugen, setzt sie dem Feinde gleich.

Empfindsamkeit, schüttel ab eine Vielzahl deiner Knospen
die im müden Gelb deinen ach so schweren Weg noch säumen werden;
laß fallen das Zepter. Lausche blind den Tritten irdischer Üblichkeit.

Glockenblumen läuten am Wegesrand zur Prozession der Gefühle,
Lautlos brüllt der Löwenzahn. Und immer wieder lugt hier und da Mimosa pudica;
und ein zerbrochener Stab bemüht sich noch als Stolperfalle.

AN M. SPOZITO

Verehrtester!
Nun bewohne ich schon seit 18 Jahren mein kleines Reich. Es ist nicht nur das Wissen, ein Dach über den Kopf, eine funktionierende Heizung und einen gefüllten Kühlschrank zu besitzen, vielmehr die Gemütlichkeit, eine unbeschreiblicher Geborgenheit, fast wie in Mutters Schoß, was mich so zufrieden stimmt. Und immer wieder das Blick aus meinem Fenster oder von meinem Balkon. Ich sehe in die Weite. Grenzenlos Wald. Und ständig ein anderes Bild. Oft stehen die Wipfel aufrecht, fast bewegungslos, still, wie von Malerhand geschaffen. Und hüllt sie der Regen und der Wind ein, ist es gleich einer Romance, ein Kuss der Natur. Immer wieder durchfährt mich ein wohliges Empfinden, wenn ich hinausschaue. Selbst peitschende Unwetter lassen mich nicht verdrießen. Sogar das Winterkleid weckt in mir einen feinsinnigen Zauber.
Es ist des Waldes Hochzeitskleid. Unter ihm reift das neue Leben, auf das ich mich freuen darf.
Verehrter Spozito!
Sie ahnen, warum ich Ihnen erlaube, bedingt durch meine Worte, mit mir, durch mein Fenster zu schauen. Sie werden sich fragen, warum bislang bei all den dargelegten Empfindungen das Bild des Herbstes unerwähnt blieb. Sie werden sich auch fragen, wer ist er Schreiber dieser Zeilen. So, wie ich mich frage, wer ist M. Spozito.
Nehmen Sie sich die Zeit mit zuzuhören:
Es war ein Tag im September 2003.
Ohne Anmeldung legten Bewohner der Hasenberger Siedlung Sperrmüll vor dem Hochhaus ab. Die Vorübergehenden wagten einen scheuen, aber interessierten Blick.
Manches Tei wurde sogar mitgenommen, sei es ein Stuhl, oder Nachtschränkchen. Im Endeffekt häufte sich jedoch die Menge. Und weil ein starker Regen das Ganze absegnete, wurde es ab da nicht mehr weniger. da erblickte ich, im Vorübergehen, ein Bild. Ein Gemälde. Verschmutzt, verbogen, rahmenlos. Und trotzdem ging mir das Herz auf. Ich griff nach ihm und mir war, als wäre es immer das meinige gewesen.
Ein Blick aus meinem Fenster. - Im Herbst.- Die Farben Rost und Grün, und das Wasser, es war wohl einmal zartblau, nun alles schmutzbedeckt. Wie einen Schatz trug ich es in meine Wohnung... und dennoch wusste ich nicht so recht, was ich mit ihm anfangen sollte. Ich dachte an den Künstler, an seine Seele. welche Emotionen hat er in deiese Kunstwerk hineinfließen lassen. War es jemals gerahmt? Ist ihm jemals Wertschätzung eingehaucht worden? Zuletzt hing es wohl in Marias Küche, einfach so am Haken. Maria, die Frau aus Weißrussland, prophezeite mir im Vorbeigehen, das dieses Bild viele Rubel einbringen könnte. Aber hier sei alles anders. Einige Tage lag es nun in miener Wohnstube, etwas unter dem Tisch geschoben. Und immer wieder zwang mich mein Blick zu ihm hin. Der Schmutz war es, und er Gedanke an eine fettige Küche, der mir den direkten Herzenszugang verwehrte. aber dann siegte etwas in mir.
Mittels eines Microfasertuches und eines speziellen, aber sanften Reinigungsmittel war mir, als putze ich eine Fensterscheibe, die die Visitenkarte eines Kohlenbergwerks trug. Und plötzlich leuchteten alle Farben. Das Rostbraun und Dunkelgrün, der Wald im Herbstgewand. Das Weißblau des Himmels, welches sich in einem kleinen Fluss wiederspiegelte. Und die Blätter darauf, die der Wind den Bäumen schon abgeluxt hatte.
Sie schwammen auf der Oberfläche ruhig dahin, unterbrachen das Spiegelbild der nah am Ufer stehenden Bäume. „Flussaue“ nannte ich dieses Bild, ließ es rahmen in dunkelgrün und gold. Und immer wieder betrachte ich es und lese die Signierung:
M. Spozito 1987. - Werden wir uns auf dieser Welt einmal begegnen, Verehrtester?
Unsere Blicke haben sich schon getroffen.

INRI

Schweres scharfes Eisen ließ schmerzen die Wurzel jenes Stammes.
Ließ sie erahnen, dass „er“ nicht Wiege, nicht Bahre sein würde.
sein Saft rann in der Welten Tiefe, damit nicht darben der Wurzel Fasern.

Scharfes Eisen knechteten ihren Stamm, noch während seines Sterbens.
Dunkelheit umhüllt das Firmament, bis fast zu der Erde Grund.
Sein Herzblut aber nährte der Wurzel Fasern, auf dass sie nicht stürbe.

Tief verborgen im Unterholz; Sprießlinge, entsprungen aus jenem Stamm!
Niedermachern trotzend. Wessen Kraft verbarg sich unter ihrer Rinde?
Der Wind trug grenzenlos ihre Samen fort. Jedoch, Eden erreichen sie nie.

FROHE OSTERN

Auf Mutters Kommode steht ein Osterei aus Porzellan.
Es ist so alst und so zerbrechlich, ich fasse es nie an.
Es steht dort, seit ewigen Zeiten, das ganze Jahr,
als sei Ostern zwölf Monate ... und immerdar.
Es ist geformt und bemalt von einer Künstlerhand.
Was mag es sein, was Mutter mit diesem Ei verband?

Als ich sie gefragt, lächelte sie nur
und sprach: "Ich war einmal Ostern zur Kur,
das hatte sich damals, vor dem Krieg, so ergeben.
Was ein Schatten ist, durfte ich dadurch erleben.
Und dieser Schatten, hatte mich soweit gebracht,
dass ich gesucht und dieses Ei gefunden hab.

Mutters Augen bekamen einen besonderen Glanz.
Sie sagte: "Ich glaube er hieß Heinrich oder gar Hans."
Dann sprach sie von seinen pechschwarzen Haaren,
die eventuell "blond" gewesen waren.

Sie stand auf und öffnete das Ei.
"Ich hatte immer sein Konterfei."
"Das Ei, es ist doch leer", sagte ich
und merkte, wie sehr ich irrte mich.

Das Ei, das hatte so etwas wie einen
doppelten Boden, verbarg ein Bild.
Mutter lächelte "Ich habe nicht gelogen."

Aus: Geschichten vom Hasenberg

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