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Lore Reimer - Arbeitsproben

WORTE DER VOLLMACHT

worte der vollmacht
ein
alles übertönendes leisesein

IM INNENDUNKEL

im innendunkel
des samenkorns
das kleingefaltete
grünleuchten
der verheißung

ICH HABE IHN GESEHEN

Ich habe ihn gesehen, den Baum,
rot in der Unzahl von Äpfeln,
mehr rot als grün die Erntekrone,
die übervielen Äpfel

Ich sehe ihn, den Baum,
früchteleuchtend vor Hingabe an
die Sonne, an die Erde, an die
Bestimmung, ein Apfelbaum zu sein

Aus: Im Brennglas der Worte.

WILDGÄNSE

Immer noch wieder
Wildgänse über der Stadt
nach so viel
Beton, Zahlen und Blech
schwere Last der Hoffnung
in den Flügeln
kreisend über Begegnungen

DIE MOHNBLUME

Sie steht im Wind,
mühsam ihr Rot aufrechthaltend,
als ginge es um die einzige Würde.
Wenn der Tag
sie mit Samtblick wärmt,
reckt sich die Blüte entspannt,
fülliger wird ihr Leuchten.
Nun erst ist ihr Würde
zuteil geworden.


Sehe dich breitest du
aus vor mir deine grünenden Weiten
meiner Augen Weide über Weide
scheine ich hinein
in die mir zugewandte Landschaft
pflücke ich händevoll
Pusteblumen für mich aufgegangene
werfe sie silberhell
hinauf in windhohe Kreise


Blühe blühe Löwenzahn
komme mit deiner
Sommerfreundlichkeit wieder
wenn ich nach Hause
kehre ums Jahr
gehe ich warmhändig darüber
über deine mir zuatmende Haut
neige ich mich
in dein Sonnengefieder


wenn ich meine letzte nacktheit
vor dir nicht verstecke
bin ich bekleidet mit
dem schutz des vertrauens


Laß mich ein Stein sein,
über dem die Wasser Farben brechen,
oder ein helles Kloster

laß mich dem Fuß eine Stütze sein,
der ans andere Ufer hinüber will

laß mich felsig stehen im Wind,
der über die Ebene geht,
ein Stützpunkt für das suchende Auge

Führwahr, er trug unsere Krankheit
Und lud auf sich unsere Schmerzen.
Jesaja 53,4

Aushalten, sagte er.
Nicht fliehen, sagte er.
Drunterbleiben, sagte er,
unter Blattrost und Ozonlöchern,
unter Ohrfeigen und Kindesbauchweh,
unter Ehekrach und Alteneinsamkeit.
Drunterbleiben, sagte er,
mittragen, Handwärme anlegen.
Nicht fliehen, sagte er,
jemanden ansehen, annehmen.
Aushalten, sagte er,
auf eigenes Recht
oder Selbstverwirklichung
verzichten,
wenn’s sein muss,
bis in den Tod.

BROT

Er drückte mir das Brot in die Hand und ging. In meine Hand, die nicht darum gebeten hatte. Die alles besaß: Luft, Licht, Wärme und Kälte, Wachsein und Schlaf. Die den Weg zum Mund kannte und ihn nicht leer gegangen war. Happen und Häppchen - feine und ausgeklügelte, versüßte, raffiniert gewürzte, geschmacks-intensivierte - hatte sie unzählige Male zum Mund geführt. Der Mund war nie verschlossen geblieben. Immer hatte er sich geöffnet, zu jeder Tageszeit, nach dem zehnten Happen, auch nach dem zwanzigsten. Die Hand war weich und rund geworden, mollig und blaß und ein wenig schlapp. Aber das Schlappe war mir nicht bewußt gewesen. Ich hatte immer freudig und energisch zugelangt. So war das allmähliche Schwinden des Braun-Sehnigen mir gar nicht aufgefallen.

Als er mir nun das Brot in die Hand legte, und ich verwundert aufschaute und ihn weggehen sah, spürte ich auf einmal die Kraftlosigkeit, die das Stück umklammern wollte und es nicht konnte. Das Brot besaß ein ungeahntes Gewicht. Es strömte etwas aus, das ich nicht zu benennen vermochte. Vielleicht hätte man es mit Echtheit oder Ursprung oder Lebendigkeit umschreiben können. Ein vergessener Duft stieg von dem Fremd-Gebackenen auf. Gegarte Körner und Fein-Geschrotetes waren zu etwas Erinnertem vereint, aber auch zu Künftigem.

In der Menge sah ich den sandbraunen, mit Tuchfetzen halbbedeckten Rücken verschwinden. Meine starre Hand mit dem Brot war vor mir. Ich ließ mich langsam am Straßenrand nieder. Wie ein Bettler kam ich mir vor, der eine Gabe bekommen hatte. Das Brot beschenkte mich. Alles Fade, alles Happenleichte, das meine Hand je gehalten hatte, je in den Mund befördert hatte, war verloren, war fort, würde nie wieder den Sinn haben, den es vorgetäuscht hatte.

Ich saß und wog das Stück. Ließ es in mich hineinwiegen. Ich hob und hob und hob die Hand. Andeutung von Sehne und Muskel straffte sich. Ich machte den Mund auf. Hunger, ungeheurer, nie gekannter Hunger überwältigte mich. Wunderbarer Hunger. Wie hatte ich ohne diesen Hunger leben können? Der Hunger grüßte das Brot. Ich machte den Mund auf und biß ab. Ich schmeckte und aß und schluckte hinunter. Sattwerden. Dieses wirkliche Sattwerden war ein Gefühl, das gewichtig machte und doch irgendwie leicht. Anders leicht als das sonst gewohnte Empfinden des zu Leichten, das eher schwer war. Ungewohnt leicht und froh, leicht-gewichtig und sehnig. Brot. Ja, Brot. Richtiges Brot.

Ich stand auf. Ich hatte von dem Brot gegessen. Ich hatte noch Brot in der Hand. Die Menschenmenge wogte vor mir in verschiedene Richtungen. Ich schaute in die Gesichter und auf die Hände der Leute, und ich sah, daß sie arm waren. Sie waren so arm, daß sie es nicht wußten. Ich ging und legte einem das Brot in die Hand.

Aus: Senfkorn.

(ohne Titel)

Für welche dieser Früchte ist es nun, sagte der Birnbaum gleichtönig, wie ohne Frage, dass ich noch immer stehen muss und Salze tief an meine Wurzeln schlagen und Rost durch meine Rinde frisst, für welche dieser geschwungenen Formlinien mit dem Goldschimmer im Fleisch, für eine muss es doch im Besonderen sein. Die Luft wehte heran und vorbei und antwortete nicht. Aber nachts, als der Nieselregen in den Blättern leise rauschte, war doch so etwas wie redendes Schweigen im Dunkeln, und der Baum stand still wie ein Nicken und wusste es fast: für jede, für jede aus allen den Jahren, für jede einzelne schrumpeligsüße oder glatte vollkommene Frucht.

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