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Rich Schwab - Arbeitsproben

Aus: EINE ALTE DAME GING HERING

Ach du Scheiße - jetzt lassen sie schon Gorillas diese Dinger
fahren! Kein Wunder, daß so viel passiert! fuhr es mir durch den
Kopf, als die Beifahrertür endlich aufschwang. Aber der Gorilla
grinste das Grinsen eines kleinen Jungen, der gerade auf dem
Schlafzimmerschrank die Schüssel mit den Marzipankartoffeln
entdeckt hat. Und geräubert.
„Na los! Rein mit dir, Pilger!“ Dabei ließ er den Tankwagen schon
anrollen. Seine Augen machten mir ein bißchen Sorgen - die
sahen unter den dichten, fast zusammenwachsenden Brauen
eher so aus, als hätte er zwischen dem restlichen Marzipan ein
paar Spinnen und Regenwürmer verbuddelt. Aber wer weiß, wann
ich hier wieder weggekommen wäre - Pforzheim! -, also schwang
ich mich hoch auf den Beifahrersitz und zog mit Mühe die schwere
Tür hinter mir zu.
„So´n bißchen Gesellschaft kann nix schaden, wa´?“ schrie er und
knallte mir seine behaarte Pranke auf die Schulter, daß ich eine
Delle in den Sitz drückte. Laut Jingle Bells brummend hängte er
den Sechsunddreißigtonner hinter einen Reisebus.
Es war Heiligabend, wir schrieben das Jahr ´79, ich hatte kein
Gepäck, vielleicht noch zweihundert Ocken in der Tasche und ein
gebrochenes Herz. Ein Jahr München hatte mich ziemlich
geschafft, und ich wollte nur noch eins: Heim ´noh Kölle.

„Die denken, man wär´ ganz alleine, wa´? Meinen, deswegen
könnten sie einen fertigmachen, wa´?“ Ich zuckte mit den
Schultern. Er beugte sich zu mir rüber und brannte seinen Blick in
meinen, als wollte er sich bis in die Tiefe meiner Seele
durchfräsen. „Hostien! Hostien und Schläge! Und dann: Tabletten
und Schläge! Und dann: Spritzen und Schläge!!“ Der Tankwagen
schlidderte zwischen Standspur und Mittelstreifen hin und her. Er
achtete nicht darauf. „Und kalte Duschen! Ha ha! Die werden heut´
nacht noch um kalte Duschen beten! Um eine Sintflut von kalten
Duschen! Ha ha!“
Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß uns nur noch knapp drei
Meter von dem Reisebus trennten. Ohne auch nur einen Blick in
den Rückspiegel scherte er aus und fing auf der Überholspur an
zu singen. Was heißt singen - ein zorniges Summen, immer lauter
und zorniger werdend wie ein aufgescheuchter Wespenschwarm.
Aber er intonierte gut - ich konnte ohne Mühe die Melodie von
Macht hoch die Tür erkennen.
„Wieso trägst du als Tankwagenfahrer eigentlich ´ne Stuttgarter
Straßenbahneruniform?“ fragte ich ihn beiläufig. Er fuhr mit
finsterer Miene zu mir herum, überrascht, daß plötzlich jemand
neben ihm saß. Dann ein listiges Zwinkern.
„Ich bin denen abgehauen“, kicherte er triumphierend, „und dann
mit der Straßenbahn bis zur Endstation.“ Sein Gesicht verdunkelte
sich wieder. „Der Fahrer war einer von denen. Und ich brauchte
was zum Anziehen.“ Er ließ das Lenkrad los und breitete die Arme
aus. „Und so einer frieret, denn teilet euer Gewand mit ihm! Auf
daß das Himmelreich -“ Er brach ab und in ein schallendes
Gelächter aus. „Tankwagenfahrer! Ho ho!“ Wieder knallte die
Pranke auf meine halbtaube Schulter. „Ein Tankwagen -“ wieder
das verschmitzte Kleinjungengrinsen, „kam mir gerade recht.
Genau richtig für mein Zeichen!“ Und wieder breitete er seine
Gorillaarme aus und reckte stolz den Kopf. „Ja! Ich werde ein
Zeichen setzen! Ein flammendes Zeichen wird die Heilige Nacht
erhellen wie der brennende Dornbusch! Und die werden zu Asche
vergehen - hinweg mit ihnen! Und Gott wird das Zeichen sehen
und sagen: Seht! Dies ist mein Sohn! Und an ihm habe ich mein
Wohlgefallen!“ Er sah mich mit erwartungsvoll leuchtenden
Meßdieneraugen an.
„Was hast du vor?“ fragte ich und bemühte mich, Ehrfurcht in
meine Stimme zu legen.
„In ihren Dom werde ich fahren! Mit diesem Flammenroß werde
ich in ihren hochmütigen, gotteslästerlichen Kölner Dom einfallen!
Und sie werden alle da sein und ihre verlogene Christmette
halten! Verlogen und vollgefressen und betrunken und lüstern auf
ihres Nachbarn Weib starrend! Und ich werde die reinigenden
Fluten loslassen! Und dann werde ich eins ihrer ärmlichen
Ewigen Lichter nehmen und sie alle, ALLE! in die Hölle jagen!
BAMM! BAMM! werden ihre mit Blut - mit unserem Blut! -
gegossenen Glocken noch ein letztes Mal klingen...!“ Erschöpft
sank er in sich zusammen, aber das verzückte, entrückte Lächeln
blieb.
Der Mann hatte eine Vision! Ich drehte uns zwei Kippen. Klar freute
ich mich darauf, den Dom zu sehen - aber von innen?
Zehntausend Liter Sprit unterm Arsch?

„Du kannst den Dom nicht in die Luft jagen“, sagte ich fast hundert
Kilometer weiter mit meiner ruhigsten und sanftesten Stimme in
sein Summen hinein. Er schnaubte nur verächtlich.
„Ha! Ungläubiger Thomas! Und ob ich das kann! Ich -“
„Mit ´nem Tankwagen voll Milch?“ Er fuhr herum, als hätte ich ihm
ein Streichholz ans Ohr gehalten, den Mund weit offen, die Augen
groß und glänzend wie Fahrradklingeln. Ein heiserer Schrei
entfuhr ihm, er latschte auf die Bremse, und wir schleuderten und
schlidderten auf die Standspur, wobei ein paar hundert Meter
Leitplanke dran glauben mußten. Aber ehe die Karre noch richtig
stand, war er schon rausgesprungen und rannte drumherum.
Zornig trompeteten ein paar Lkw-Hörner an ihm vorbei.
„Ha ha!“ hörte ich ihn brüllen, „du Verrückter! Hier steht doch Aral -“
aber da hing ich schon auf dem Fahrersitz, trampelte auf die
Kupplung, schmiß irgendeinen Gang rein und ließ die Kiste einen
Satz vorwärts machen, daß die Tür zuschlug. Aus dem Satz waren
dreißig Meter geworden, ehe er begriff. Fluchend rannte er ein
Stück neben mir her, aber ich gewann schnell an Fahrt, und er fiel
zurück, kreischend und stolpernd. Im Rückspiegel sah ich ihn auf
die Knie in den Schneematsch fallen und sich mit beiden Fäusten
auf die Schläfen trommeln. Zwei-, dreimal tauchte seine Silhouette
noch als riesiger Scherenschnitt im Licht einiger Scheinwerfer auf,
dann verschluckte ihn die Schwärze der winterlichen Dämmerung.
Good-bye, baby, don´t call me - I´ll call you...

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