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Christoph Woltering - Arbeitsproben

Aus: NATTERN AN DER BRUST

Ein ganz gewöhnlicher Oktobertag. Die Hitze wurde verdrängt und zeitweise setzte Regen ein. Ein Tiefausläufer aus Schottland beherrschte das Wettergeschehen. Dieter Schwarze hatte ausgiebig gefrühstückt und war mit frischem Elan in den beginnenden Arbeitstag eingestiegen. Das hatte sich urplötzlich geändert. Auf dem Schreibtisch lag das Schreiben mit dem brisanten Inhalt, und im Raum hing der süßlich parfümierte Geruch, den der Geldbote hinterlassen hatte. Der Bote war zu einer ungewohnten Zeit erschienen. Der Konzernchef hatte einen ersten Rundgang über das Firmengelände beendet und wollte die Schreibtischarbeit fortführen, als der längst überfällige Mafiabote erschien. Das elegante Auftreten, worauf der Geldbote in früheren Tagen besonderen Wert legte, war wie weggeblasen. Kurz und knapp forderte er den höheren Betrag. 120.000 D-Mark waren fällig. Der Rückstand von zwei Monaten plus Zinsen, genau die Summe, die sein Chef verlangte. Obwohl der Besuch seit Tagen von ihm erwartet wurde, spürte er sofort wieder den aufkommenden Hass aufsteigen, der jedoch in die gleiche Hilflosigkeit überging, wie bei allen Besuchen vorher. Dieter hatte erklärt, er habe das Geld nicht, eine solch hohe Summe könne er nicht zahlen. Die Kosten für die Schadensbeseitigung am Westfruchtgebäude seien hoch gewesen und die Westfrucht GmbH stecke gegenwärtig in roten Zahlen. Die Reserven würden für neue Investitionen gebraucht.
Der Rumäne war für einen Südländer gelassen ruhig geblieben. "Das hatten wir alles schon einmal, Herr Schwarze", waren die Worte über die schmalen Lippen gekommen. "Oder haben Sie die letzte Zusammenkunft bereits wieder vergessen? Ich kann Sie beruhigen. Es wird heute zu keiner Kostprobe kommen. Die Konsequenzen werden Sie später tragen müssen - Sie und Ihre Familie."
Die letzen Silben wurden betont leise gesprochen. Dann hatte der Rumäne den Brief aus seinem Jackett hervorgeholt und diesen behutsam auf den Schreibtisch gelegt.
Die Vorstellung war vor einigen Minuten erfolgt und mit dem Schriftstück trat der zweite Teil der Erpressung in Kraft. Die Bande benötigte die Warentransporte der Westfrucht für ihre Interessen. Zwei Monate lang hatte Schwarze gehofft, die Mafia würde diesen Teil der Forderungen auslassen. Die Nachricht sagte es anders: Am Samstagabend sollte eine bestimmte Lieferung aus Rumänien eintreffen. Insgesamt acht Behälter, die vom Geldboten am Gütergleis der Westfrucht in Empfang genommen würden. Die Behälter wären leicht zu erkennen. Zugeschweißte Blechkanister, alle mit dem Aufkleber Pistazienkerne versehen. Eigentlich eine ungefährliche Sache, dachte er. Samstags ruhte in den Dienststellenbüros der Zollämter die normale Arbeit, und der Güterwagon erhielt als Frischwarentransport erfahrungsgemäß den Sonderstatus. Wagons mit verderblichen Lebensmitteln wurden in der Regel nicht kontrolliert. Da reichte den Behörden der versiegelte Zollverschluss. Nur wollte er mit einem Schmuggel nichts zu tun haben. Er gedachte nicht, den Hiobsbotschaften der Suchtberatungsstellen etwas hinzuzufügen.
Seit dem Besuch des Mafiaboten waren Stunden vergangen, als Frank Weyers den Kopf durch die Bürotür steckte. Der Freund wollte Neuigkeiten austauschen und von der Stippvisite im Bestattungsunternehmen berichten. Es war notwendig geworden, die beiden Freunde hatten seit Tagen nicht miteinander gesprochen.
In kurzen Sätzen berichtete Dieter Schwarze von den neuen Forderungen der Mafiabande. "120.000 Mark! Woher soll ich das Geld nehmen? Die letzten Reserven haben die Reparaturen aufgebraucht. Der gesamte Eingangsbereich musste neu gestaltet werden."
"Soll ich dir das Geld vorstrecken?", bot sich Frank an.
"Nein, Frank! Das ist lieb von dir gedacht. Aber ich möchte nicht, dass irgendetwas unsere Freundschaft stört."
"In Ordnung, Dieter!"
Weyers respektierte die Entscheidung und legte beruhigend den Arm auf die Schulter des Freundes. Anschließend nahm er sich den Brief vor.
"Ich glaube, wir haben eine Gelegenheit gefunden, wie wir den Verbrechern auf die Spur kommen", äußerte er sich spontan, als er das Schreiben durchgelesen hatte. "Hier steht, am Samstagabend treffen die Behälter, auf die unsere Mafiosi so besonders scharf sind, am Gütergleis ein. Wir werden den Weg der Blechdosen verfolgen. Irgendwohin müssen die Behälter ja schließlich gebracht werden. Wenn wir das wissen, dann haben wir neben dem Bistro und dem Beerdigungsinstitut einen weiteren Punkt, wo wir ansetzen können. Ich denke, es wird nicht einfach sein, jedoch wenn wir vorsichtig vorgehen, könnte es klappen."
Erst jetzt erzählte Frank ausführlich von seinem Besuch bei Iremescu. Berichtete, dass er in einem der dort Beschäftigten den Beifahrer des Mercedes erkannt hatte, der ihm nach dem letzten Besuch in der Maximilianstraße, gefolgt sei. Umgekehrt glaube er nicht, dass der Rumäne ihn ebenfalls wieder erkannt habe. In dem Moment, als er mit Iremescu den Arbeitsraum betrat, sei dieser hinausgegangen. Die Zeitspanne sei zu gering gewesen.
Dann berichtete Frank von der Existenz einer moldauischen Bruderschaft und dass ein großer Teil der Gewinne, die das Orthodox-Anatolische Bestattungsinstitut erwirtschaftete, in erster Linie rumänischen Landsleuten zugute käme. Der Freund erwähnte, dass Iremescus Organisation achtzehn Rumänen beschäftigte. Alles ehemalige Asylsuchende, die in Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft gelangt waren. Das Gespräch mit ihm hätte die Ahnungen bestärkt: Das Unternehmen wäre eine Zentralstelle des organisierten Verbrechens und Iremescu einer der Köpfe, möglicherweise das Haupt eines gut organisierten Gangstersyndikats. Iremescu hatte mit seinem leutseligen Sprechen eine große Entgleisung begangen, als er voller Stolz von der moldauischen Bruderschaft sprach. Mit dieser gemeinnützigen Institution, versprach Frank Weyers, wolle er sich näher beschäftigen.
Dieter hatte noch viele Fragen an den Freund, als ein Telefonat ihr Gespräch beendete. Es gab Probleme bei der Warenauslieferung, die unbedingt die Anwesenheit des Großhändlers in der Lagerhalle erforderte. So unerwartet der Besuch war, so unerwartet ging dieser auch zu Ende.

Aus: DAS AUGE SIBIRIENS

Ein Dunstschleier lag über der fernöstlichen Hauptstadt Sibiriens, von der Mittagssonne war weit und breit nichts zu sehen. Der Wind, der diesmal vom Pazifik kam, schob unaufhörlich weitere Wolken heran. Die Lufthülle um Chabarowsk war an diesem Novembertag grau in grau gefärbt, ein Zeichen von vorwinterlicher Kälte. Für dieses Gebiet und für diese Jahreszeit eine typische Erscheinung.
Ein hochgewachsener, dunkelhaariger Russe, eingehüllt in einen zugeknöpften Kammgarnmantel, verließ das Bürogebäude durch den Ausgang zur Zaparinstraße. Die Person blieb einen Augenblick lang stehen und blickte prüfend in die Umgebung. Es war bei diesen Wetterverhältnissen völlig normal, den Himmel zu betrachten, den Wind zu verfolgen, mit dem Wissen um die schnellen Veränderungen der Wetterlagen in dieser Gegend. Die Person jedoch, die aus dem Schutz des Gebäudes kam, warf nicht den üblichen, beiläufigen Blick in alle Himmelsrichtungen, um sich ein Urteil über das herrschende Klima zu bilden. Sie suchte nach Unregelmäßigkeiten in der Umgebung.
Jeder Geheimdienstler, der mit verdeckten Aktivitäten und Sammlungen von Informationen seinen Lebensunterhalt verdiente - dabei war es unbedeutend, für welche Regierung er arbeitete -, vollzog anhaltend solche Prüfungen. Dementsprechend handelte auch der Russe. Sie waren ein Teil von ihm, Teil seiner Veranlagung. Er wusste, dass Wachsamkeit gleichbedeutend mit Überleben war.
Die braunen Augen lagen unter buschigen Brauen, sie stachen herausfordernd aus der gebräunten Gesichtshaut hervor, die vom häufigen Wechsel in andere Klimazonen gegerbt war. Die Furchen oberhalb der Wangen und unter den Augen waren mehr von den unterschiedlichen Einsätzen ihres Besitzers geprägt als von Lebensjahren. An der rechten Schläfe befand sich eine blasse Narbe. Ein Streifschuss, abgefeuert aus einer Pistole. Die Narbe war ein Mitbringsel, das der Russe aus einem Einsatz gegen eine Bande tschetschenischer Rebellen mit nach Hause gebracht hatte. Alles in allem besaß die Person beharrliche unbeugsame Gesichtszüge, geprägt von dauernden Konflikten. Die Backenknochen waren hoch, die Lippen schmal, die Kinnladen nach vorne gestreckt, passend zu dem klaren professionellen Blick. In seinen Augen: Härte. Nicht sofort zu erkennende Härte. Die Augen eines Mannes, der auskundschaftet, der immer auf dem Sprung - auf der Hut war.
Oleg Protow hatte genug beobachtet. Gemäßigten Schrittes entfernte er sich aus dem Eingangsbereich des roten Backsteingebäudes, aus dem er soeben herausgetreten war.
Nur wenige Meter von seinem jetzigen Standort entfernt befanden sich ein Fußgängerübergang und davor ein Taxistand. Beides ignorierend, wechselte Oleg Protow an der nächsten Fußgängerampel die Straßenseite, um von dort durch eine Passage in die Puškinskaja-Street zu gelangen.
Protow beschleunigte seinen Gang unauffällig, er wollte sich in der Kälte bewegen, das half ihm beim Sortieren der Gedanken. Aktuell galt, den Sonderauftrag, der mit allen Möglichkeiten einer lukrativen Zusammenarbeit gespickt war - er beinhaltete neben anderen Vorzügen, die ihm Jurij Michalkov, sein Verbindungsmann zu einer Gruppe, die sich Chabarowskij Brigade nannte, in Insiderkreisen auch als das Auge Sibiriens bekannt, soeben in Aussicht gestellt hatte, ein großzügiges Spesenkonto - auf Schwachstellen zu untersuchen.
Die Kreuzungsampel zeigte rot. Protow blieb stehen und passte sich den wartenden Fußgängern an, nicht ohne zuerst intensiv, aber unauffällig die Menschen und anschließend die Umgebung zu mustern. Dabei hingen seine Gedanken anhaltend an dem Arbeitsgespräch mit Jurij Michalkov fest. Sein Gastspiel in den Räumen des Quartiers, welches der Brigade für inoffizielle Begegnungen diente, war ein persönlicher Erfolg gewesen.
Dem Anliegen war entsprochen worden und er hatte grünes Licht für den Einsatz erhalten, dem man auf sein Verlangen den Namen Devisenbeschaffungsamt gab. Der Plan war gut durchkonstruiert, jedoch hatte es langer Warteschleifen bedurft, bis die Zeit reif dafür geworden war. Mit diesem Auftrag bekam er Gelegenheit, seine Fähigkeiten einer qualifizierten Ausbildung beim russischen Geheimdienst unter Beweis zu stellen, und zugleich konnte er eine alte, noch offen stehende Rechnung begleichen.
Die Abrechnung hätte längst abgegolten sein können, denn der Ausgangspunkt lag Jahre zurück - zur Zeit der DDR, als die Republik noch ein sozialistischer, eigenständiger deutscher Staat war.

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