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Jürgen Siegmann - Arbeitsproben

Aus: DAS SCHWEIN

Anita Rogalla hatte die Nase voll. Gestrichen voll. Es war ein hässlicher Herbsttag mit Wind, Nieselregen und schlecht gelaunten Menschen. Über der Stadt hing ein bleierner grauer Himmel und ließ der Sonne keine Chance. Mit einer Hand schob Anita den Kinderwagen in dem ihre Tochter friedlich schlummerte und mit der anderen zerrte sie ihren Sohn hinter sich her, der den ganzen Weg von der Wohnung zum Supermarkt nur am Quengeln war.
Vor einem Sexshop mit einem Schaufenster voll bizarrer Spielzeuge, deren Sinn sich ihr auch nach sechs Jahren Leben auf St. Pauli noch nicht erschlossen hatte, parkte ein chromblitzender Mercedes quer über den Fußweg. Fluchend wuchtete Anita den Kinderwagen über den Bordstein und auf der anderen Seite wieder hoch.
Die Reeperbahn war sicher nicht der beste Ort zum Leben, schon gar nicht für die Kinder. Aber bei ihrem schlecht bezahlten Job als Krankenschwester und mit den zwei Kleinen brauchte sie in Hamburg erst gar nicht versuchen etwas besseres zu finden als ihre baufällige Dreizimmerwohnung. Und ein Ehemann, der morgens um zehn schon in der Kneipe hing, anstatt sich Arbeit zu suchen, war da auch nicht gerade hilfreich.
Sie schob an einer Gruppe japanischer Touristen vorbei, die in einem seltsamen Mischmasch aus Japanisch und Englisch auf zwei leichtbekleidete Prostituierte einredeten. Beim 'Chez Nous' grüßte sie im Vorbeigehen den 'dicken Klaus', den Türsteher, der mit ihrem Vater die Schulbank gedrückt hatte.
Und dann passierte es. Ein Schrank von einem Mann mit Glatze und einem gezwirbelten Schnauzbart stürzte aus dem 'Chez Nous' und wollte in Richtung des Mercedes rennen, fädelte aber beim dicken Klaus ein, dessen Fuß plötzlich herauszuckte. Der Mann kam ins Straucheln und das reichte den drei Gorillas, die ihm auf dem Fersen waren. Während sie sich über ihn hermachten, drehte sich Klaus um und ging in aller Ruhe nach drinnen.
Der größte der Drei, mit einer Fönfrisur wie ein amerikanischer Hardrocker der 80er Jahre, griff sich den Glatzkopf von hinten und hielt ihn an den Armen. Die wenigen Passanten in der Nähe verdrückten sich schleunigst, nur Anita war mit den Kindern einfach zu langsam.
Die Japaner hatten in sicherer Entfernung ihre Kameras in Anschlag gebracht und knipsten was das Zeug hielt. Der zweite Gorilla, Marke Goldkettchenträger, baute sich mit einem dreckigen Grinsen im Gesicht vor dem Glatzkopf auf, aber noch bevor er etwas tun konnte, traf ihn dessen Springerstiefel voll zwischen die Beine. Goldkettchen ließ ein dumpfes Stöhnen hören, klappte in sich zusammen, hielt sich einen Moment schwerelos in der Luft und krachte dann aufs Pflaster.
Die Pistole, die er im Hosenbund trug, rutschte heraus und schlitterte über den Gehweg. Genau unter Anitas Kinderwagen. In dem Tumult der jetzt losbrach, achtete keiner der Männer auf die Waffe. Anita bückte sich reflexartig, hob die Waffe auf und ließ sie in ihren Einkaufsbeutel verschwinden. Niemand, nicht einmal ihr Sohn, hatte etwas davon mitgekommen, so schnell war alles gegangen.
Die Männer waren inzwischen mit einer heftigen Schlägerei beschäftigt. Anita schnappte sich ihren Sohn und machte, dass sie weg kam. Als ihr ein paar Meter später klar wurde, was sie getan hatte, blieb sie stehen und drehte sich noch einmal um. Ihr schoss das Blut in den Kopf. Warum hatte sie das gerade getan?
Von vorne kamen mehrere Streifenpolizisten der nahen Davidwache angerannt. Sie konnte jetzt schlecht zurückgehen, einem der Schläger auf die Schulter tippen und sagen: "Entschuldigen Sie bitte, Sie haben etwas verloren." Also machte Anita, dass sie weg kam.
Kaum hatte sie zu Hause die Kinder zum Mittagsschlaf ins Bett gesteckt, setzte sie sich auf ihr abgewetztes Sofa und starrte ehrfürchtig die schwarze Pistole an. Sie kannte Waffen nur aus dem Fernsehen und dieses Ding in ihrer Hand jagte Anita höllischen Respekt ein.
Sie hörte den Schlüssel in der Tür und ließ die Waffe unter dem Sofakissen verschwinden. Sekunden später stand ihr Mann, oder das was von ihm noch übrig war, im Türrahmen. Blauer Trainingsanzug, Unterhemd, Bierdose. Er stützte sich mit einer Hand ab und trank einen Schluck Bier. Rülpste.
"Was sitzt du hier rum? Haste nichts zu tun?", sagte er statt einer Begrüßung.
Anita war 28 Jahre, fast 29. Sie hatte einen anstrengenden Job, zwei Kinder und einem Mann, der ständig besoffen war. Und sie hatte es satt. Dieses Leben. Diesen Mann. Nur ihre Kinder, die hatte sie nicht satt. Was war bloß aus ihren Träumen geworden. Sie konnte sich daran erinnern, dass dieser Kerl, der da im Türrahmen stand und sich am Bauch kratzte, einmal ihr Prinz auf dem weißen Pferd gewesen war. Aber das war vor langer Zeit gewesen. Vor sehr langer Zeit. Ohne dass sie es mitgekommen hatte, war das Leben ihren Träumen gründlich in die Quere gekommen.
"Ich hab’ dich was gefragt", nuschelte er und ging mit unsicheren Schritten in die Küche.
In diesem Moment wurde Anita erst richtig klar, wie sehr sie ihn inzwischen hasste. Sie hörte, wie er in der Küche rumorte. Den Kühlschrank öffnete. Ihn wieder schloss.
"Warste nicht einkaufen? Was machst du eigentlich den ganzen Tag?", schnauzte er sie an.
Anita fing am ganzen Körper an zu zittern. Sie wusste, was gleich kommen würde. Von unten begann Techno Gewummer herauf zu dröhnen. Ihr Nachbar war aufgestanden. Die Kleine fing nebenan an zu schreien. Die Musik von unten hatte sie geweckt.
Er war nur einen Zentimeter größer als sie. Und er war schmächtig. Und betrunken. Aber er war gewalttätig, das war Anita nicht. Und er war ein geschickter Schläger. Man konnte es ihr selten hinterher ansehen. Eine Hand tastete unter das Sofakissen. Fühlte den kalten Stahl. Er kam ins Wohnzimmer. Aber dann zog Anita ihre Hand wieder zurück. Er fing an sie zu verprügeln. Ohne Leidenschaft, routinemäßig. Und sie wehrte sich nicht. Wie immer.
Doch diesmal fasste sie dabei einen Plan.

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