NRW Literatur im Netz

Peter Heilmann - Arbeitsproben

SEINE HEILIGEN

Seiten 78-80

Der Führungssekretär der Gemeinde, Bruder Heinze, betritt die Sonntags-schulkasse und schaut sich suchend um. Dann geht er zu Gerd Krause, beugt sich zu ihm runter und flüstert ihm zu: „Bruder Krause, der Gemeindepräsi-dent hätte gerne mit Ihnen gesprochen. Können Sie mal bitte kommen."
Gerd folgt ihm auf den Flur, wo Präsident Wollenweber auf ihn wartet. „Guten Morgen, Bruder Krause. Ich hätte gerne kurz mit Ihnen gesprochen. Wollen wir ein bisschen vor die Haustür gehen, hier gibt es keinen freien Raum."
„Ist mir egal."
Vor der Haustür kommt Präsident Wollenweber direkt auf den Punkt. „Meine Tochter hat mir erzählt, ihr hättet was miteinander. Wie ist das?"
„Wenn Ihre Tochter das erzählt hat, dann fragen Sie sie doch einfach, was los ist."
„Ich möchte das aber von Ihnen hören."
„Wenn Ihre Tochter Ihnen nichts Näheres gesagt hat, dann sage ich Ihnen auch nichts."
Wollenweber wird lauter: „Nun pass mal gut auf mein Junge!"
„Ich bin nicht Ihr Junge und dein Junge auch nicht. Wenn Sie mir was sagen wollen, dann gefälligst in einem anständigen Ton. Sollten Sie das nicht kön-nen, betrachte ich das Gespräch als beendet und gehe."
Wollenweber zieht ein Gesicht als müsse er eine Kröte schlucken. Er spricht je-doch wieder leiser: „Elke hat mir gesagt, dass Ihr euch geküsst habt."
„Na und?"
„Ihr seid doch belehrt worden, dass Geschlechtsverkehr und andere sexuelle Handlungen vor der Ehe verboten sind."
„Und? Nur weiter. Das wird ja interessant."
„Ich möchte jetzt genau wissen, was zwischen euch gewesen ist."
„Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass wir beide volljährig sind?"
„Das spielt gar keine Rolle, ich als Gemeindepräsident muss auf die Moral unse-rer Jugend achten. Außerdem ist mir zu Ohren gekommen, dass Sie schon mit mehreren Mädchen zusammen gewesen sein sollen."
Gerd schaut sein Gegenüber von oben bis unten abschätzend an. Mit einem trügerisch sanften Ton entgegnet er: „Liebster Gemeindepräsident oder Bruder Wollenweber. Ich habe den Eindruck, als ginge es nicht um die Moral der Ju-gend sondern einzig und allein um Ihre liebe Tochter. Was ich in meiner Frei-zeit mache, geht Sie gelinde ausgedrückt einen feuchten Kehricht an und Ihre liebe Plaudertasche von Tochter können Sie sich sonst wo hinstecken. Wenn Sie mehr wissen wollen, dann reden Sie mit ihr. Für mich ist diese komische Unterhaltung hiermit beendet."
Mit den Worten dreht er sich um und geht zu seinem Auto. Mit hochrotem Kopf sieht Präsident Wollenweber ihm nach.
Nachdem er sich gefangen hat stürmt er die Treppe rauf, in die Gemeinderäu-me. In der Sonntagsschulklasse beugt er sich zu Walter Krause. „Ich muss dringend mit Ihnen reden. Können Sie bitte mal kommen."
Wieder geht er mit einem Krause vor das Haus.
Walter sieht ihn erwartungsvoll an. Was gibt es denn so dringend, dass Sie mich aus der Klasse holen?"
„Vorhin habe ich versucht, mit Ihrem Sohn zu reden. Er ist frech geworden und hat mich einfach stehen lassen. Sie hätten ihn besser erziehen sollen."
„Ich denke, dass es Ihnen nicht zusteht, die Erziehung unserer Kinder zu beur-teilen. Wenn er Sie hat stehen lassen, so wird er schon seine Gründe gehabt haben. Was möchten Sie denn jetzt von mir?"
„Meine Tochter hat mir erzählt, dass Sie mit Ihrem Sohn geknutscht hat. Kön-nen Sie mal Ihren Sohn fragen, ob da noch mehr gewesen ist? Sich wissen doch, dass ich für die Moral unserer Jugend verantwortlich bin."
„Gerd ist fast volljährig und kann tun und lassen, was er für richtig hält. Wenn er Ihnen nichts gesagt hat, dann ist das seine Sache. Ich kann mir allerdings schlecht vorstellen, dass er Sie einfach ohne Grund hat stehen lassen. Wenn wir nachher zu Hause sind, werde ich mal mit ihm reden. Ich höre immer gerne erst beide Seiten bevor ich mir eine abschließende Meinung bilde. Das werden Sie doch verstehen."
Präsident Wollenweber hat sich wieder etwas beruhigt. „Das ist in Ordnung. Reden Sie mit ihm. Wir können ja heute nach der Abendmahlsversammlung noch einmal miteinander sprechen."
„Ist in Ordnung. Jetzt möchte ich aber gerne wieder zu meiner Frau in die Klas-se gehen."
Gemeinsam gehen die Brüder zurück.
(...)

PINUS AMATUS

Seite 85-86

02. Dezember
Um die Mittagszeit musste Karin noch einen Termin wahrnehmen und fragte, ob Julian noch mal bei uns bleiben könne. Oma hatte gerade das Essen fertig als Silvia mit Dustin kam (unsere Tochter mit ihrem Sohn). Julian und ich sa-ßen schon am Tisch um zu beten, obwohl er sagte, er habe keinen Hunger und wolle nichts essen. Nach dem Gebet brachte Oma meine Pizza.
Dustin lag auf dem Sofa, Silvia und Oma saßen dabei. Julian schaute fernse-hen. Plötzlich kam er zu Moma (Oma) und strahlte sie an, wobei sein Blick auch auf meine Pizza gerichtet war. Sie sagte: „Lass ihn doch mal beißen."
Was macht ein gehorsamer „Popa", er hielt dem Enkel die Pizza hin. Grinsend biss er ab und setzte sich wieder auf sein Sitzkissen. Nach einer Weile kam er wieder und stellte sich unschuldig lächelnd (mehr grinsend) neben mich. Ich hielt ihm eine größere Ecke hin um ihn wieder abbeißen zu lassen. Mit beiden Händen griff er zu und . . . meine Pizzahälfte war weg. Die schien ihm zu schmecken und bald war er wieder da. Wir teilten den Rest brüderlich und da ich noch Hunger hatte holte ich mir auch einen Teller Suppe. Nudelsuppe woll-te er nicht. Er ging zu Oma, tippte mit dem Finger in ihre Suppe und zeigte auf die Würstchenstücke. Natürlich suchte „Moma" alle für ihn raus. Einmal gab sie ihm ein Stück, an dem noch eine winzig kleine Nudel hing. Er streckte die Zunge raus, Oma musste von der Spitze die kleine Nudel abnehmen, sodass er das Würstchen essen konnte.
Ich ging in die Küche um meinen Teller wegzubringen. Er kam nach und deute-te auf den Topf. Ich suchte die restlichen Würstchenstücke raus, aber er war erst zufrieden als ich ihm den Topf zeigte und er sich selber überzeugen konnte, dass es nur noch Nudeln darin gab. Nun war er glücklich und setzte sich mit dem Teller, auf den ich die Würstchen gelegt hatte, ins Wohnzimmer.
Ich gab ihm als Nachtisch noch einen kleinen Weihnachtsmann. Oma kam plötzlich in die Küche und schimpfte deshalb mit mir. Er kaute den Weih-nachtsmann ganz, ganz, ganz schnell auf und schimpfte dann auch mit mir. Wie konnte ich auch nur dem kleinen, armen, unschuldigen Julian noch einen Weihnachtsmann aufzwingen. Böser „Popa".
(...)

LOSER

Seiten34-38

Der kluge Hund, der nicht auf sein Herrchen kommt, rennt auch sofort zum Sandkasten und springt mit einem Satz die Kleine an. Durch die Wucht fällt sie auf den Rücken und Susi leckt ihr durch das Gesicht. Die beiden haben schon oft miteinander gespielt und Silvia hat keine Angst. Sie legt die Arme um den Hund: „Nicht ins Gesicht lecken, Susi. Das macht kein feiner Hund."
Während die Jungen auf den Bänken sitzen spielt die Kleine mit Susi. Mit ei-nem Mal hat sie keine Lust mehr und fragt ihren Bruder: „Wollen wir Kauf-mann spielen?"
„Nein, ich habe keine Lust. Du kannst doch alleine spielen."
Die Alibis mischen sich ein und auch Basti gibt seinen Kommentar: „Warum eigentlich nicht? Ist doch egal, was wir machen, Hauptsache, die Zeit geht ir-gendwie rum, bis Du sie wieder nach Hause bringen kannst."
Andy sagt auch: „Komm Silvia, wir spielen mit Dir Kaufmann."
Die Kleine strahlt über das ganze Gesicht. Mit ihren vier Jahren ist sie schon ganz schön aufgeweckt. Schnell hat sie auf dem Rand des Sandkastens einige Sandhäufchen aufgerichtet. Dann ruft sie: „Der Laden ist geöffnet, Sie können einkaufen kommen. Wir haben wunderbare Sachen hier. Alles ist ganz, ganz super!"
Die Jungen stellen sich an, allen voran Andy. Loser staunt, denn er hätte nicht gedacht, dass Andy bereit wäre, mit kleinen Mädchen zu spielen.
Andy bestellt als erster: „Guten Tag, ich hätte gerne vier Pfund Kartoffeln."
„Ja mein Herr, die bekommen sie sofort." Silvia nimmt einen Eisstiel, den sie gefunden hat und schaufelt damit etwas Sand auf ein Blatt. Dann reicht sie beides an Andy: „Das macht hundert Mark."
„0, das ist aber teuer", sagt der.
„Na gut, dann geben Sie mir einfach ein bisschen weniger."
Andy grinst und gibt der kleinen Geschäftsfrau einen Kaugummi in die Hand. Ohne eine Miene zu verziehen steckt sie ihn ein und wendet sich dem nächsten »Kunden« zu.
„Was darf es denn sein?"
Basti bestellt zwei dicke Berliner Ballen.
Silvia rollt zwei mit Sand gefüllte Blätter zusammen und reicht sie über die Theke. „Bitte-schön. Das macht hundertzehn Mark."
„Ho, das ist aber teuer", reklamiert Basti.
Verschmitzt lächelt ihn die »Verkäuferin« an: „Ja, mein Herr, Sie sind schon so dick, da muss das so viel kosten, damit sie nicht mehr so viel kaufen und essen können."
Bis auf Basti, dem im ersten Augenblick die Sprache wegbleibt, brechen alle in wieherndes
Gelächter aus. Als er sich gefangen hat, reicht er Silvia vier Bonbons über »die Theke« und nimmt seine »Berliner Ballen« in Empfang.
Der nächste Kunde ist Friemel. „Bitte geben Sie mir einen Liter Milch."
Alibi eins stößt ihn an und flüstert: „Bist Du doof, Du siehst doch, dass die Kleine keine Flaschen hat."
Bevor Friemel jedoch seine Bestellung rückgängig machen kann, um etwas an-deres zu bestellen, geht die Verkäuferin in den hinteren Teil ihres Geschäftes. Erstaunt sehen die Jungen, dass Silvia dort ein wenig herumhantiert.
Nach einem kurzen Augenblick kommt sie mit ernstem Gesicht zurück. Ge-spannt sind alle Augen auf sie gerichtet. Jeder ist neugierig, wie sie nun reagie-ren wird.
Sie lächelt Friemel ernst an: „Ich bedauere sehr, mein Herr, aber wir haben kei-ne Milch. Leider ist die Milch noch nicht fertig, weil die Kuh sie erst noch aus-brüten muss."
Sie verzieht keine Miene, als die Jungen in tosendes Gelächter ausbrechen. Sil-via und Friemel stehen ungerührt und schauen verwundert auf die Anderen.
Friemel schüttelt den Kopf: „Was gibt es denn da so zu lachen?"
Jetzt ist das Maß voll. Die Alibis liegen fasst auf dem Boden. Sie krümmen sich vor Lachen. Selbst Basti hat das Essen vergessen und hält sich den Bauch, der immer auf und ab hüpft.
Loser nimmt seine kleine Schwester in den Arm: „Komm, mein Schatz, wir müssen wieder nach Hause. Mama und Papa sind bestimmt schon zurück. Auf dem Nachhauseweg kaufen wir Dir eine Tüte Bonbons."
Er dreht sich nach den anderen um: „Wir werfen doch zusammen, oder?"
Diesmal nicken alle zustimmend und wischen sich dabei die Tränen aus den Augenwinkeln.
Silvia besteigt ihr Dreirad und fährt vor den Jungen her in Richtung Trinkhal-le, um die verdienten Bonbons in Empfang zu nehmen. Friemel und Basti ge-hen ein Stückchen hinter den anderen. So, damit es die Anderen nicht hören flüstert Friemel: „Kannst Du mir mal erklären, warum ihr alle so gelacht habt."
(...)

SOLDATENLIEBE

Seiten 64-66

Am nächsten Tag nach Dienstende sitzen die beiden Freunde in ihrer Stube zu-sammen. Gerd dreht einige Zigaretten, da er kurz vor Monatsende kein Geld für »aktive« hat. Jürgen, der auf die DKV-Karte nicht nur tanken, sondern auch Zigaretten kaufen kann, bietet ihm eine an. Dann steckt er die Packung Gerd zu: „Steck die ein. Noch haben wir keine Sorgen. Solange meine künftige Schwiegermutter zahlt, können wir das auch nutzen."
Gerd sieht ihn an: „Was soll das heißen? Ich denke, Du hast Dich in Veronika verliebt. Wie kannst Du da noch von Deiner künftigen Schwiegermutter reden? Wie lange willst Du Franziska die Veronika verschweigen?"
„Was würdest Du denn an meiner Stelle tun? Wenn ich jetzt Farbe bekenne, muss ich den Wagen bestimmt zurückgeben und dann, Ade Clausthal, Ade Ve-ronika, Ade Ingrid. Oder kannst Du mir verraten, wie wir uns dann noch erlau-ben können, zwei- bis dreimal in der Woche in den Harz zu fahren?"
Gerd zieht ein betretenes Gesicht: „Mist, daran habe ich überhaupt noch nicht gedacht. Du hast recht, die Situation ist mehr als miese."
„Nun reg Dich mal nicht auf. Heute will ich zu Gaby nach Peine fahren und ihr sagen, dass ich nicht mehr komme. Willst Du mitkommen oder willst Du Dir die Irene »warm halten«?"
„Ich fahre natürlich mit. Mir steht sowieso der Sinn nicht mehr danach, immer von einer zur anderen zu hetzen. Was willst Du denn mit »Püppi« machen?"
„Das weiß ich noch nicht. Veronika hat mir erzählt, dass sie verlobt ist. Du kennst ja die Frauen. Vielleicht sieht morgen schon wieder alles anders aus und dann habe ich mit »Püppi« Schluss gemacht und Veronika hat Gewissensbisse und geht zu ihrem Verlobten zurück. Dann stehe ich da mit meinem »kurzen Hemd«. Nee, ich will erst mal ein bisschen abwarten wie sich die Sache entwi-ckelt. Lass uns nach Peine fahren und die Angelegenheit klären. Da bleibt be-stimmt noch genug Zeit, dass wir anschließend Claudia und »Püppi« besuchen können."
Eine Stunde später treffen sie Gaby und Irene. Die Mädchen fallen ihnen voller Wiedersehensfreude um den Hals und küssen sie. Wer kann da schon nein sa-gen?
Vergessen sind »Püppi« und Claudia. Vergessen sind Veronika und Ingrid. Ver-gessen ist Franziska. Jetzt zählt nur noch der Augenblick, den die jungen Sol-daten genießen. Die Leidenschaft der Mädchen zieht sie in die Stimmung, die sie so sehr lieben.
Gegen Mitternacht treten sie den Heimweg an. Die Mädchen winken ihnen nach. Sie freuen sich schon auf das nächste Treffen.
Gerd flucht vor sich hin: „Mist, verdammter Mist. warum haben wir denen nicht gesagt, dass Schluss ist? Ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht, als Ire-ne mich so angesehen hat. Ich konnte sie nur noch küssen und dabei habe ich alle meine guten Vorsätze vergessen."
Jürgen stimmt zu: „Mir ging es auch so. Jetzt ist es auch schon viel zu spät, um noch nach Braunschweig zu »Püppi« und Claudia zu fahren. Morgen wollen wir nach Clausthal. So langsam entwickelt sich die Sache unangenehm. Es wird einfach zu viel. Wir müssen uns zwangsläufig entscheiden, was und wen wir jetzt wollen. Am besten von allen gefällt mir die Veronika. Ich werde wohl doch mit den anderen Schluss machen. Mal sehen, wie sie morgen ist, wenn wir da sind."
„Ja, Du hast recht, wir müssen uns entscheiden. Ich werde wohl auch für In-grid sein, dann können wir immer zusammen in den Harz fahren."
(...)

DURCHGEKNALLT

Seiten 80-83

Veronika Berger hat kaum das Haus verlassen und ist noch keine fünfzig Meter gegangen, als die schwere Limousine neben ihr hält. Das Fenster an der Beifah-rerseite ist geöffnet und eine ihr sehr angenehme Stimme ruft: „Hallo! Schönen guten Abend."
Sie beugt sich runter, um in das Fahrzeug sehen zu können. Ihr Gesicht erhellt sich: „Das ist aber eine Überraschung."
Der Fahrer lächelt: „Da staunst du, nicht wahr? Hast du Zeit? Können wir mit-einander reden?"
Veronika steigt erfreut ein und der schwere Wagen setzt sich fast lautlos in Be-wegung.
„Wenn du rauchen willst, im Handschuhfach liegen Zigaretten." Der Fahrer macht eine einladende Geste in die Richtung.
„Ja gerne." Veronika steckt sich eine Zigarette an. „Willst du auch eine?"
„Nein danke, ich rauche nicht. Ich wollte dir nur eine Freude machen, deshalb habe ich die Packung gekauft."
Sie lehnt sich genüsslich zurück. Die Polster sind bequem und sehr gemütlich. Aus dem Radio tönt leise Musik zum Träumen. Das hat sich Veronika schon immer gewünscht, einen Freund, der genug Geld hat und ein schönes Auto, einen, der sie rundum verwöhnen möchte. Sie legt ihre linke Hand leicht auf seinen Oberschenkel und schließt die Augen.
„Das habe ich gerne, so bei schöner Musik durch die Gegend zu fahren."
„Ja, ich mag das auch sehr gerne", nickt der Fahrer. „Am liebsten habe ich es, wenn man dann irgendwo hält und im Mondschein ganz alleine, ich meine zu zweit, nackt baden geht. Leider haben die meisten Mädchen Angst, so etwas zu tun. Die sind zu prüde. Dabei ist doch gar nichts dabei, weil man ja kaum et-was sehen kann."
Veronika denkt einen Moment nach - wäre eine Möglichkeit, ihn richtig scharf auf mich zu machen. Er sieht toll aus und ich möchte ihn gerne halten. Meine Freundinnen wären blass vor Neid, wenn der mich mit dem tollen Auto von der Arbeit abholen würde.
„Schön, wenn du Lust dazu hast, dann lass es uns machen. Ich hätte auch Lust. Kennst du eine schöne, ruhige Stelle, wo uns niemand sieht?"
„Ich keim' mich gut aus in der Gegend. Ganz in der Nähe gibt es ein schönes, verschwiegenes Plätzchen, wie für uns beide geschaffen. Wir sind in ein paar Minuten da."
Der Schotter knirscht unter den Reifen als sie auf den Parkplatz am Entenfang, einem kleinen See an der Stadtgrenze zwischen Mülheim und Duisburg fahren. Wo sich tagsüber Hunderte von Menschen im und am Wasser tummeln, ist es jetzt wie ausgestorben. Auf den sanften Wellen des Sees, die durch den milden Sommerwind erzeugt werden, glitzern wie tausend Diamanten die Strahlen des aufgehenden Mondes. Schnell haben sie sich entkleidet. Veronika läuft mit ausgebreiteten Armen bis an die Hüften ins Wasser und planscht dann wie ein Kind in der Badewanne, dass die Tropfen um sie herum hoch spritzen und wie im Märchen vom Sterntaler dann mondgoldig auf sie nieder regnen. Der Fahrer hat sich nach allen Seiten umgesehen und, als er sicher ist, dass sie völlig al-leine in dieser Idylle sind, geht auch er ins Wasser. Wie eine Göttin der Liebe, empfängt ihn das junge Mädchen mit geöffneten Armen. In einem innigen Kuss versunken, spürt er unter der Wasseroberfläche wie seine Erregung zunimmt. Seine Gedanken beginnen sich zu drehen. Zwischen die Erregung peitscht der Gedanke - das darf nicht sein. Ich bin der Herr. Ich bestimme über meinen Kör-per und über mein Leben. Er fasst sie an beiden Oberarmen, drückt fest zu und lässt sich dann vornüber auf sie fallen. Sie verschwindet völlig in dem auf-schäumenden Wasser. Von ihm ragt nur der Kopf heraus. Wild bäumt sich die Ertrinkende unter ihm auf. Sie hat gegen diesen durchtrainierten Mann keine Chance. Erst als der Körper unter ihm erschlafft, beruhigen sich seine wallen-den Gefühle. Sichernd sieht er sich um und zieht dann die Leiche hinter sich her bis zu seinem Auto, wo der Kofferraum schon vorbereitet auf den neuen Fahrgast wartet. Schnell zieht er sich an. Mit dem Kleid der Toten verwischt er alle Spuren vom Wasser bis zu seinem Fahrzeug. Dann steigt er ein, lässt den Motor an und fährt fünf- sechsmal kreuz und quer über den Parkplatz, wobei ihn sein Weg mehrfach über die Stelle führt, an der sein Fahrzeug vorher stand und an der er die Tote aus dem Wasser gezogen hatte. Mit aufgeblendeten Scheinwerfern bleibt er einige Meter vor der Stelle, die nun in hellem Licht da-liegt, stehen und lässt seinen Blick letztmalig prüfend über den Ort des Ge-schehens gleiten. Zufrieden nickt er und setzt den schweren Wagen rückwärts vom Parkplatz und fährt dann in Richtung Duisburg davon. Mit sich und der Welt zufrieden, schaltet er das Radio an. Glücklich singt er das Lied mit So ein Tag, so wunderschön wie heute!

Der Wagen der Städtischen Müllabfuhr biegt von der Großenbaumer Straße in den Uhlenhorstweg ein. Manfred, der Fahrer, schaut zur Uhr: „Wir liegen gut in der Zeit. Was haltet ihr von einer Pause, wenn wir an der Tennisanlage sind'?"
Ernesto, der schwarzhaarige Italiener, der seit 15 Jahren in Deutschland lebt, wirft ein: „Wir könnten auch eine Limo trinken, ich habe meine Thermoskanne mit Tee vergessen. Wenn wir Glück haben, hat Marion heute Küchendienst, die ist immer lustig."
Der schwere, orangegelbe Wagen fährt in einem Bogen vor die Gaststätte der Tennisanlage. Die Müllwerker springen aus dem überdimensionalen Fahrer-haus, in dem bis zu fünf Personen Platz finden. Drei gehen zu den mächtigen Stahlcontainern, in denen die Küchenabfälle entsorgt werden. Ernesto geht et-was seitwärts, so dass Manfred ihn im Rückspiegel sehen kann. Er gibt Hand-zeichen und dirigiert den Wagen zentimetergenau mit der Ladeöffnung vor den ersten Container. Die seitlichen Hydraulikarme schwenken aus, der Müllbehäl-ter wird eingehakt und mühelos emporgehoben. Während des Hebevorganges dreht er sich mit der Öffnung nach unten, wobei der Schwingdeckel geöffnet wird. Mit polterndem Krachen entleert sich der Inhalt in das gierige Maul der Schüttung. Für die erprobten Männer ist die Sache eine reine Routineangele-genheit. Der leere Container wird abgestellt. Das Fahrzeug fährt zirka zehn Me-ter vor und setzt dann zielgenau rückwärts an den nächsten Behälter. Reine Routine. Einhaken; hochheben; entleeren; absetzen; aushaken; vorfahren; zu-rücksetzen. Tausendfach gemacht! Manfred sieht Ernesto im Spiegel winken. Die Eingangstür der Gaststätte öffnet sich. Marion kommt heraus. Sie trägt ei-nen Korb mit Abfällen auf den Armen. Ein Windstoß erfasst einen Zipfel des Kittels und hebt ihn über die Oberschenkel hoch. Manfred wird abgelenkt. Wann kann er schon mal solch einen hübschen Anblick genießen. Aus den Au-genwinkeln sieht er noch, wie Ernesto mit einem Satz zur Seite springt dann knallt es auch schon. Mit voller Kraft tritt er auf die Bremse. Der riesige Wagen bleibt fast sofort schaukelnd stehen. Manfred wischt sich den Schweiß von der Stirn. Er hat sich gewaltig erschrocken. Nachdem die Feststellbremse kontrol-liert ist, verlässt er das Fahrzeug, um nach dem Schaden zu sehen. Ernesto empfängt ihn schimpfend: „Du Arschloch! Wo hast du denn deine Augen! Kommt da ein Weiberarsch, ist der Verstand kaputt! Du Blödsack! Du hättest mich beinah' über den Haufen gefahren! Jetzt guck dir die Kacke an, das Mist-ding ist umgefallen. Jetzt müssen wir den ganzen Dreck wieder einschaufeln!"
Manfred, der den Schreck überwunden hat, winkt ab: „Beruhige dich wieder, ist ja nichts passiert. Du schreist hier rum, als wär' ich dir gegen den Hintern gefahren. War ja nicht absichtlich. Sei ehrlich, du hättest auch hingeguckt, als der Wind den Kittel hochgeweht hat. Ich geb' dir gleich 'ne Limo oder nach Fei-erabend ein Bier aus und dann ist die Sache wieder in Ordnung, okay?" Er streckt Ernesto die Hand entgegen. Dieser schlägt ein. Damit ist die Sache zwi-schen ihnen erledigt. Gemeinsam sehen sie sich den Schaden an. Am Container ist nichts festzustellen, lediglich der gesamte Inhalt liegt verstreut auf dem Bo-den. Die anderen Kollegen kommen hinzu und besehen sich die Sache. Inmit-ten des Mülls liegt ein prallgefüllter, reißfester Plastiksack. Ernesto und Josef mühen sich ab, ihn zum Fahrzeug zu tragen. Manfred zieht ein Messer aus der Tasche.
„Legt den Sack hin. Ihr müsst euch doch nicht kaputt machen. Die Schlepperei bei dem Wetter muss doch nicht sein."
Sie legen den schweren Sack ab und mit einem gekonnten Schnitt öffnet Manf-red ihn knapp einen Meter lang. Als der Sack auseinanderklappt, prallt er wie von einer Tarantel gestochen zurück. Jetzt, wo er nicht mehr durch den dar-über gebeugten Mann verdeckt wird, können auch die anderen den grausigen Fund sehen. Eine nackte Frauenleiche liegt vor ihnen. Die Männer stehen wie erstarrt. Marion, die inzwischen mit ihrer Last bei den Containern steht, er-bricht sich würgend. Lähmendes Entsetzen hat sie alle gepackt. Nach einigen Minuten, in denen sie wie Wachsfiguren dastehen, löst sich die Starre bei Manf-red
„Wir müssen sofort die Polizei anrufen
(...)

HELDENSCHMIEDE

Nach seiner Rede mussten wir uns beeilen. Vor dem Block warteten LKWs, die uns zur Kleiderkammer bringen sollten. Jetzt wurde es ernst. Jeder sollte jetzt alle Sachen erhalten, die ein richtiger Soldat benötigt. Ich freute mich schon sehr auf all die schönen Dinge. Vor der Kammer mussten wir uns in einer Reihe aufstellen. Dann ging es los. In dem riesigen Raum gab es eine Theke hinter der mehrere Soldaten standen. Der erste gab uns einen großen Sack, in den wir dann die Teile stecken konnten, die uns die anderen geben würden. Mit viel Sorgfalt wurden die Uniformteile für uns rausgesucht. "Welche Kleidergröße?"

"Mhh, weiß nicht so genau."

Ein Blick von oben nach unten über meine Figur. Ein Schwung Bekleidungsstücke wurde über die Theke geschoben. "Größe achtundvierzig. Passt. Der Nächste."

"Schuhgröße?"

"Keine Ahnung. Irgendwie zweiundvierzig, manchmal auch dreiundvierzig, je nachdem wie sie ausfallen."

Ein Schwung getragener Schuhe erreichte mich.

"Passt. Der Nächste."

"Mützengröße?"

"Keine Ahnung, habe noch nie eine getragen."

Ein Blick taxiert meinen Kopf. "Hier aufsetzen."

Ich setze die Mütze auf. Sie passt wie angegossen. Staunend gehe ich zu dem weiter, der mir einen Stahlhelm in die Hand drückt. "Den brauchst Du nicht zu probieren, den kannst Du einstellen."

Ganz zum Schluss der Aktion erhielten wir noch einen großen und einen kleinen Rucksack. Offensichtlich wollte man mit uns ein paar Wanderungen unternehmen. Bisher war ich nur im Hochgebirge gewandert, als ich mit meinen Eltern im Urlaub war. Ich freute mich schon sehr darauf, zumal wir auch noch eine Feldflasche und Essbesteck bekamen. Das deutete darauf hin, dass wir am Lagerfeuer sitzen und essen würden. Jetzt bekam ich langsam Freude am Soldatenleben. Leider musste ich mein Zelt und den Schlafsack reklamieren. Das Zelt bestand nur aus einer Hälfte und der Schlafsack war wohl älter, denn die untere Hälfte war mit einem Reißverschluss angesetzt. Jetzt wurde der Soldat hinter der Theke zum erstenmal unhöflich. Als ich ihn auf die Fehler am Material hinwies, sagte er grob: "Schleich Dich!"

Als wir alles hatten, mussten wir den schweren Sack über der Schulter und viele Teile, die nicht im Sack geknautscht werden durften, wie zum Beispiel die Ausgehuniform und den Dienstanzug, über dem Arm tragen. Mit dem ganzen Zeug mussten wir jetzt auf die Ladefläche des LKWs klettern. Sehr hilfreich waren die freundlich ermunternden Worte unserer Gruppenführer. Besonders nett war der Zugführer, der mich in sein Herz geschlossen hatte. Er stellte sich neben mich und fragte sanft in angemessener Lautstärke: "Darf ich dem Herrn Grafen beim Aufsteigen helfen?"

"Sehr gern." Spontan schleuderte ich den Seesack von der Schulter, ihm in die Arme, die er reflexartig zum Fangen ausbreitete. Der Schwung kam wohl zu plötzlich, vielleicht stand er auch nicht richtig, auf jeden Fall fiel er rückwärts stolpernd um. Hilfsbereit hielt ich ihm die Hand hin. "Kommen Sie, ich helfe Ihnen. Den Grafen können Sie weglassen. Es reicht, wenn Sie mich beim Namen nennen."

Meine Hilfe nahm er nicht an. Ich verstehe nicht, wieso er meinem Seesack einen Tritt gab. Er sagte kein Wort, sah mich nur sehr eigenartig an und ging dann davon. Sicherlich hatte er mich nun ganz tief ins Herz geschlossen, denn von da an suchte er bei jeder Gelegenheit meine Nähe. Unser Stabsunteroffizier war eifersüchtig. Kaum hatten wir die Stube betreten, schimpfte er los: "Das war eine super Leistung! Jetzt lässt der kein Auge mehr von Dir und wir werden ständig überwacht. Mist, großer Mist! Ich wollte es hier richtig gemütlich angehen lassen. Wenn der mir jetzt auch auf die Füße tritt, dann mache ich Dich lang!"

Ratlos schaute ich meine Kameraden an, als er den Raum verlassen hatte und die Tür hinter ihm knallte. Die meisten zuckten nur mit den Schultern.

Wenig später kam ein Gefreiter, der uns zeigte, wie wir unsere Sachen richtig falten und in den Spind einräumen mussten. Er brachte ein paar Pappstreifen mit. Jeweils einer wurde vorne in das Unterhemd oder Hemd gesteckt, sodass die vordere Faltkante genau rechtwinkelig zu liegen kam. Alle Wäscheteile übereinander mussten dann eine gerade Fläche bilden. Es sollte aussehen, als habe man ein Bild von aufeinander gestapelter Wäsche in den Schrank gestellt. Jedes Uniformteil hatte seinen vorgeschriebenen Platz. Der einzige Teil des Schrankes, den niemand außer dem Inhaber ansehen durfte, war ein kleines abschließbares Fach, in dem wir unsere persönlichen Wertsachen aufbewahren konnten.

Wenn ich es im Nachhinein überlege, so habe ich ausgerechnet, dass die Grundausbildung um mindestens zwei Wochen kürzer sein könnte, wenn auf das formelle Wäschefalten verzichtet würde.

Als ich frisch verheiratet war, wollte ich meiner lieben Frau eine Freude bereiten. Ich machte morgens mein Bett, wie ich es gelernt hatte, und faltete die Wäsche eben so. Sie kam ins Schlafzimmer, schaute auf mein Bett, öffnete dann wortlos den Schrank und warf einen Blick auf meine Hemden und nahm eines heraus. "Das ist ja lieb von Dir gemeint, aber wir sind hier nicht beim Bund. Was soll denn der Pappstreifen bedeuten? Wer hat Dir denn den Blödsinn gezeigt? Nein, mein Schatz, vergiss alles. Ich mache das anders."

Mit einem geschickten Schwung flog das Hemd nach vorne. Sie hielt es nur an den Schultern fest. Beim Rückwärtsschwung legten sich die Ärmel automatisch so nach innen, dass sie nun das Hemd nur noch zusammenklappte. Ich war sprachlos. Im Sommer sind wir siebenunddreißig Jahre verheiratet. Obwohl ich seit Jahren übe, beherrsche ich diese Technik noch nicht perfekt. Irgendwo schaut immer ein Teil des Ärmels an der falschen Stelle hervor.

Gut, dass wir diese Technik nicht beim Bund lernen mussten. Die Grundausbildung würde Jahre dauern, weil dort ja Wäsche falten und Stube putzen wichtiger scheint als alle anderen Dinge.

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