NRW Literatur im Netz

Dr. Wolfgang Cziesla - Arbeitsproben

(ohne Titel)

Hartes Licht weckte ihn. Redwitz drehte den Kopf zur anderen Seite; die Helligkeit schmerzte selbst bei geschlossenen Augen. Hohe Vogelstimmen hackten auf den Schlafraum ein. Sogleich begann in seinem Gehirn der Brief zu rotieren, den er am Abend nur skizzenhaft aufs Papier bringen konnte. Der Wecker zeigte zehn vor sechs. Gerade mal drei Stunden geschlafen, und sofort spulten sich wieder die Überlegungen ab, die er dem Planungsleiter bereits seit Monaten zusenden wollte. Eine zweite Programmsekretärin musste her.
Das T-Shirt, das er in der Nacht vor Erschöpfung nicht mehr hatte anziehen können, legte er nun über seine Augen. Keine Notwendigkeit, schon aufzustehen.
Ich habe in Frankreich ein Schiff mit vierhundert Mulattinnen bestellt. Der Satz aus einem Roman Jorge Amados schoss ihm durch den Kopf.
Redwitz musste im Schlaf mit dem Zeh das Netz berührt haben; er juckte teuflisch.
Mit kehliger Stimme trötete ein Tapioca-Verkäufer die Dürftigkeit seines Angebots durch das Hochhausviertel.
Als hätte ihn über Nacht die Gicht befallen, quälte sich Redwitz unter dem Moskitonetz hervor. Eine Ameise, eine der größeren Sorte, hatte sich im Netz verfangen. Vielleicht war sie für das Jucken seines Zehs verantwortlich.
Auf der Terrasse blendeten die Farben eines tropischen Morgens; türkis das Meer. Hoffnungsfroh wie bei jedem Tagesanbruch winkten vor dem Haus die Kokospalmen. Er folgte mit zugekniffenen Augen dem gestreckten Sog des Vogelgezirps. Selten war er so früh auf den Beinen.
Die senkrecht aufsteigende Sonne im Spalt des Kippfensters berührte ihn warm an der Schulter. Aus einem halbverstopften Duschkopf sprühte körniges Wasser. Die Sonne schnitt eine ovale Scheibe blitzenden Lichts in den Strahlenkegel, an dessen Rändern sich diffus ein Regenbogen bildete. Redwitz fühlte den Tag gekommen, an dem er seiner Sekretärin das Schreiben, das ihn so lange beschäftigt hatte, formvollendet in die Maschine diktierte.
Er zog ein dünnes Seidenhemd über. Das im Kulturhaus wartende Arbeitspensum konnte dem Frühstück nicht den Platz streitig machen. Für die linke Bildschirmhälfte suchte er ein Model, das ein anderer Süchtiger über Nacht eingescannt hatte. Während Redwitz einen Thumbnail nach dem anderen anklickte und das Großbild ihm nie die Einsicht bescherte, welche die Miniaturankündigung versprach, stürzte er sich mit der rechten Hälfte seines Monitors gierig auf die Morgennachrichten aus Deutschland. Parteipolitiker lieferten sich erbitterte Wortgefechte, als hätten die Deutschen keine anderen Probleme – hatten sie wahrscheinlich auch nicht. Aus den Aktivboxen klangen die loungigen Downbeats, die er aus der Musiktauschbörse heruntergeladen hatte, während links Georgina im halbtransparenten Chiffonkleid von oben nach unten Gestalt annahm. Sollte er die Morgenstunde lieber nutzen, sich die Gryphius-Gedichte noch einmal anzuschauen, die er heute seinen Studenten nahe bringen wollte? Es ist alles eitel.
Bevor er den Computer herunterfuhr, sah er die E-Mails durch. Eine neue Form der Kostenabrechnung. Schwemmes kündigte seinen Besuch für Dezember an. Die "Blick nach Osten"-Reihe. Das alles konnte warten. Im Stehen trank er den Kaffee aus.
In den quälenden Sekunden, in denen er vor der Aufzugtür wartete, hörte er in seiner Wohnung das Telefon klingeln.
Zu spät.

Die Sekretärin bückte sich über den geöffneten Fotokopierer und fischte nach einem rußigen Blatt, das sich zwischen den Walzen verklemmt hatte.
"Roland, gut das du endlich kommst. Du bist schon vermisst worden. Hat dich der Vizekonsul noch zu Hause erreicht? Ich habe ihm deine Privatnummer durchgegeben. Durfte ich doch?"
"Du durftest, aber erreicht hat er mich nicht."
"Dann ruf ihn am besten sofort zurück. Er braucht dringend eine Information von dir. Und dann wartet da ein Mädchen auf dich."
Regislinde machte mit dem Kopf eine Bewegung nach links, wo sich an einem kleinen Schreibtisch eine junge Frau in ein abgegriffenes Paperback vertiefte. Sie warf der Sekretärin einen kühlen Blick zu. Sie schien Deutsch zu verstehen. Redwitz sah in ihre großen Augen und dann auf ihre schmalen, sonnengebräunten Schultern, die aus einem ärmellosen schwarzen Feinripp-Shirt herausschauten. Ein Bild, das er schon lange in sich trug.
Mit einer einladenden Geste öffnete Redwitz die breite Tür zu seinem Büro. "Kommen Sie doch bitte mit in mein Reich."
"Beinah hätte ich vergessen", Regislinde kam flüsternd einen Schritt näher, "da war noch ein Mediziner, der dich dringend sprechen wollte. Ein Chirurg."
"Ein Chirurg?", wiederholte Redwitz laut. "Was ist daran so schlimm?"
"Er will der nächste Präsident der Freunde Deutschlands werden."
"Wieder so eine Karikatur eines Schiffbrüchigen?"
Er warf einen Seitenblick auf die Studentin, die schon in seinem Büro stand und nicht wusste, wohin sie sich setzen durfte.
Regislinde legte den Zeigefinger auf die Lippen. "Er läuft da draußen irgendwo herum und telefoniert. Was soll ich ihm sagen, wenn er wiederkommt?"
"Dass er sich gedulden soll, bis ich so gut bin, ihn hereinzubitten." Seine gefächerten Finger schwenkten in Richtung der Studentin. "Vielleicht könntest du das Gespräch mit dem Mann schon einmal etwas vorstrukturieren. Aber lass dich von unseren Freunden nicht wieder vereinnahmen."
Regislinde wagte nur einen schwachen Protest. "Soll ich dich nicht zuerst mit dem Generalkonsulat verbinden?"
Es klang dringlich. Alles klang bei Regislinde immer unaufschiebbar. Vizekonsul Arndt von Radnitz, am Generalkonsulat für die Kultur zuständig, war ein geduldiger Typ, immer zu Späßen aufgelegt und nie im Stress. Es würde sicher genügen, ihn am Nachmittag anzurufen. Andererseits, dachte Redwitz, könnte die lockere Art, wie er mit dem Diplomaten umging, auf die Studentin Eindruck machen.
"Ja bitte, sei so nett!"
Regislinde wischte sich mit einem Papierhandtuch den Toner von den Fingern. Redwitz und die Studentin tauschten Blicke.
Redwitz trat in sein kühles Büro. Zunächst schaltete er die Klimaanlage aus, die von Regislinde früh morgens in Betrieb gesetzt wurde. Das Gerät in der Wand verstummte mit einem explosionsartigen Geknatter. Eine dreistündige Kühlanstrengung machte Redwitz zunichte, indem er einen der beiden Fensterläden öffnete. Glasscheiben kannte der alte tropikale Baustil nicht. Das von den Mangobäumen dunkelgrün gefilterte Licht fiel auf die weißen Fensterrahmen. Wo die Strahlen der Sonne auf den Parkettboden trafen, ergaben sich harte Kontraste. Die Neonleuchte unter der hohen Decke schaltete Redwitz aus. Er bot seiner Besucherin den robusten Holzstuhl an und ließ sich in seinem Chefsessel nieder.
"Was kann ich für Sie tun?"
Die Studentin beugte sich vor. "Ich habe gehört, Sie haben eine Wohnung anzubieten."
Ihr Deutsch erwies sich als das einer Muttersprachlerin. Ihrem Aussehen nach hatte er sie zunächst für eine Brasilianerin gehalten, vielleicht aus dem Süden. Die großen Augen, die Lippen, das lange, dunkelblonde Haar, alles zusammen entsprach dem, wie er sich vor seiner Abreise die exotischen Frauenschönheiten vorgestellt hatte. Die über der Nasenwurzel zusammengewachsenen Augenbrauen erinnerten ihn an ein Selbstbildnis von Frida Kahlo.
Freundliche Worte in den Hörer lachend, kam Regislinde mit dem Telefon in der Hand aus dem Sekretariat.
"Ich kann Sie schon einmal beruhigen", sagte Redwitz. "Aber das Thema Wohnung verlangt etwas mehr Aufmerksamkeit."
Der klobige Stecker des Verlängerungskabels verfing sich unter der Flügeltür. Regislinde angelte danach mit der Spitze ihres Pumps, Komplimente des Vizekonsuls bescheiden zurückweisend.
"Herr Dr. Redwitz ist gerade hereingekommen. Ich verbinde Sie mal, Herr von Radnitz."
"Verbinden" war das falsche Wort, wenn man sich ein einziges Telefon teilen musste. Regislinde reichte ihm den Hörer.
"Sie verzeihen, wenn ich mich kurz meiner Pflicht zuwende?"
Die Studentin nickte.
Mit verstellter Stimme meldete sich der Vizekonsul als "DJ Sunblocker". Damit war ihr gemeinsames Lieblingsthema vorgegeben, die Musik. Doch zunächst das Administrative: Der Bewilligung des von Redwitz beantragten Computers stand nichts mehr im Wege; das Amt benötigte nur seine Personenkennziffer, die Redwitz auswendig runterbeten konnte.
"Dann findet das deutsche Kulturhaus ja endlich Anschluss an die Welt, und ich kann Regislinde von Meißel und Steintafeln erlösen."
Die Studentin schlug wieder ihr Bibliotheksexemplar auf, ein Werk, dessen Fließtext von vielerlei Tabellen und Graphiken unterbrochen war. Die feinen Maschen ihres ärmellosen Shirts schmiegten sich an ihre Brüste. Redwitz konnte in den Ausbeulungen die beiden festen Spitzen erkennen. Ein Eindruck, den er näher ergründen musste. Er beugte sich vor.
"Unseren kleinen Kulturfonds habe ich übrigens für das Buba-Blašek-Trio ausgegeben", sagte Arndt. "Deinen Nepomuk ..."
"Nepomuceno", unterbrach Redwitz lachend. "Den hat Flachsbauer mir aufs Auge gedrückt, du weißt, dieser Bielefelder Ökonom."
Er glaubte wahrzunehmen, dass der Mund der lesenden Schönheit gezuckt hatte und dass sie ihre gespannte Aufmerksamkeit im Studium ihres Tabellenwerks zu verstecken versuchte. Er sprang auf. Ihr Shirt war unter den Armen weit ausgeschnitten. Seine Vermutung, dass sich ihre Brust unter dem Kleidungsstück frei bewegen konnte, bestätigte sich. Wenn ihn nicht das Korkenzieherkabel des Hörers auf einen kleinen Umkreis festlegte, würde er das Phänomen sofort von allen Seiten studieren.
"Ich bin in der Hinsicht nicht ganz frei", sagte Redwitz.
Regislinde tauchte auf – "Ach so, du telefonierst noch" – und schloss die Tür gleich wieder. Aus dem Sekretariat hörte er das unappetitlich langgezogene Räuspern eines Mannes. Redwitz war seiner Sekretärin dankbar, dass sie dem Besucher nebenan die Wartezeit verkürzte. Er war jetzt ganz der Chef und verständigte sich mit seinem Kollegen in achthundert Kilometern Entfernung mühelos über ästhetische Fragen. Vor seinen Augen die Studentin, deren näheres Kennenlernen er wie einen Leckerbissen vor sich herschob. Sie starrte auf ihr Buch, von den Tabellen und Fußnoten stärker gefesselt als von seinem gut gelaunten Telefonat mit dem Vizekonsul.
Radnitz stimmte Redwitz zu. "Du als Rockstar kannst Musik ja viel besser beurteilen." Redwitz hätte sich gewünscht, das Telefon auf Zimmerlautstärke stellen zu können. Seine Hand setzte an, die schwarze Mähne aus dem Gesicht zu streichen, von der er sich bereits vor zwanzig Jahren getrennt hatte und deren Stoppeln nun ergraut waren.
"Wie wär’s denn mal mit einem gemeinsamen Gig?", schlug Redwitz dem Vizekonsul vor. Er zupfte sich am Kinn, dort, wo früher das unverwechselbare Bärtchen gesessen hatte. "Pack dein Tonstudio ins Flugzeug und führe uns hier deine Künste vor. Ich improvisiere dazu auf der Gitarre."
Die Studentin blickte auf. Redwitz lachte sie an, ein Lachen fern aus seiner Jugend. "Ja, komm zu uns. Bei uns gibt’s Strände wie Sand am Meer."
Erneut öffnete sich die Tür zum Sekretariat. Ohne aufzusehen, wusste Redwitz, dass es der Bürodiener Leandro war, der sich der überwältigenden Schwerkraft überließ, die von den tropischen Regionen ausging.
Der Vizekonsul dankte herzlich für die Einladung, die er leider zurückstellen müsse, bis DJ Blackspottings Wurmkrankheit ausgeheilt sei.
"Arndt, sei mir nicht böse! An meiner Pforte drängen sich die Bittsteller."
Mit den kraftsparenden Bewegungen eines Menschen, der als Kind zu wenig energiereiche Nahrung abbekommen hatte, reichte ihm Leandro ein Fax. "Zentralverwaltung", las Redwitz im Briefkopf. Betreff: Mittelkürzung. "... müssen wir für das nächste Jahr von einer Kürzung um fünf Prozent in allen Haushaltstiteln ausgehen."
Aus dem Hörer weiterhin Radnitz’ gut gelaunte Stimme: "Na, dann verteile deine Reichtümer großzügig an solche Bittsteller, an denen Deutschland ein Interesse hat!"
Bald gab es nichts mehr zu verteilen. Redwitz schob das Fax an den Rand seines Schreibtischs und beendete das Telefonat.
"Entschuldigung", sagte er zu seiner Besucherin. "Jedes Mal unterschätze ich die Dauer meiner wöchentlichen Telefonierübung mit dem Vizekonsul."
"Macht nichts. Ich habe mich in der Zeit auf meine Vorlesung vorbereitet."
"Sie machen das ja so wie ich. Aber die Wohnung ... Das ist ein ganz besonderes Haus, in das Sie einziehen wollen."
Leandros zögerndes Verlassen des Raums nutzte ein korpulenter Mensch, sich in sein Büro zu schieben. Redwitz sah Regislinde hinter ihm gestikulieren.
"Professor Roland?"
Redwitz sprang auf, bemüht, das Schwergewicht noch an der Tür abzufangen. "Roland von Redwitz, der bin ich." An die Anrede mit Titel und Vornamen wollte er sich nicht gewöhnen.
Der Brasilianer sprach schnell und undeutlich und räusperte sich immerzu. "Unser Präsident, hat mich als Nachfolger vorgeschlagen. Ich würde gern mit dir über unsere Zusammenarbeit sprechen." Der Mann zog den Schnodder hoch und streckte Redwitz seine Hand entgegen.
Redwitz fühlte den Schweiß der brasilianisch-deutschen Kulturbeziehungen. "Über den Verein der Freunde Deutschlands müssen wir uns etwas gründlicher unterhalten", sagte er. "Sobald ich hier fertig bin."
Die Studentin stand auf. Redwitz bedeutete ihr mit der Hand, sitzen zu bleiben. Hinter dem Rücken des Chirurgen versuchte Regislinde, ihm etwas mitzuteilen, aber er konnte es nicht von ihren Lippen lesen.
"Such mir doch bitte mal die Statuten der Freunde Deutschlands heraus", sagte Redwitz zu ihr. Er glaubte, den Besucher damit an sie zurückgegeben zu haben. Der aber blieb stehen. "Wir sind gleich soweit", sagte Redwitz und wies mit dem Kopf zum Sekretariat. Regislinde gelang es, den Mann ins Vorzimmer zurückzulocken.
Redwitz öffnete den zweiten Fensterladen. "Das alte Amavano Plaza. Waren Sie schon einmal dort?" Er setzte sich auf die Kante seines Schreibtischs.
"Der Bau springt ja jedem ins Auge", sagte die Studentin.
"Das war einmal das erste Hotel am Platze, hat aber schon vor gut einem Vierteljahrhundert seinen Betrieb eingestellt. Berühmtheiten haben dort residiert, der Prince of Wales, Hollywood-Stars der 50er und 60er Jahre, der Fußballkönig Pelé, ein paar große Mafiosi. Amavano, das ist immer noch das Ausgehviertel – aber das haben Sie sicher schon alles selbst entdeckt."
Die Studentin nickte zögernd.
Er wollte nicht von den Gruselgeschichten anfangen. Die hätten die Studentin abschrecken können. Außerdem konnte ihr zukünftiger Nachbar Haddock sie viel besser erzählen. Der schien an den Hokuspokus zu glauben.
"Die Wohnung, die ich verwalte, gehört der Vorgängerin meines Vorgängers, Annette, die jetzt das Kulturinstitut in Antananana leitet. Hauptstadt von Madagaskar."
Schwärmend beschrieb er die Steinterrasse über der türkisfarbenen Bucht (die zwar strenggenommen nicht zu der Wohnung gehörte, von deren Mietern aber mit benutzt wurde).
"Einen der Nachbarn habe ich gestern kennen gelernt", sagte die Studentin. "Er leitet das britische Kulturhaus."
"Mit meinem Freund Haddock haben Sie sich also schon unterhalten? Dann dürften Sie über das Haus ja ganz gut informiert sein."
Redwitz sah sie neugierig an. Ihr Gesicht ließ nicht erkennen, was sie schon über das Haus wusste.
Lächelnd fuhr er fort: "Haddock gibt dort oben fast jede Woche eine Party. Das wird sicher eine schöne Zeit für Sie. Wie lange wollen Sie bleiben?"
"Ein Jahr."
"Austauschstudentin?"
"Wirtschaftswissenschaften. Uni Bielefeld."
Redwitz bekam einen trockenen Hals. "Was ich da vorhin am Telefon über die ästhetische Kompetenz Ihrer Fachvertreter gesagt habe ..."
"Ich hab nicht zugehört", meinte sie.
Redwitz sah ihr prüfend ins Gesicht. "Ein Kollege von Herrn Flachsbauer", erklärte er, "ein Brasilianer, der in Bielefeld lebt und sich aus Hobby dem deutschen Kunstlied verschrieben hat."
"Ein Brasilianer aus Bielefeld? Den würde ich gerne mal kennen lernen."
"Dann organisieren wir ihm den Liederabend." Redwitz grinste sie breit an und lehnte sich zurück. "Bielefeld. Ich hätte eine exotischere Herkunft bei Ihnen erwartet."
Sie lächelte überlegen, als sei sie diese Reaktion gewohnt. "Ich habe auch italienisches Blut in mir."
Die Tür zum Sekretariat öffnete sich erneut. Vorsichtig machte sich Regislinde bemerkbar. Redwitz zeigte der Studentin ein resigniertes Stirnrunzeln.
"Augenblick, ich muss mich noch mal um meinen Job kümmern."
Jovial winkte er Regislinde zu sich.
"Will sich der Herr, der sein Taschentuch vergessen hat, nicht länger gedulden?"
"Niemand in Brasilien benutzt ein Taschentuch", sagte Regislinde.
"Ach ja, im Herzen sind sie alle Jakobiner."
Die Studentin schaute ihn belustigt an. Redwitz dankte es ihr mit einem kurzen Nicken und wandte sich seiner Sekretärin zu.
"Dann schick mal den Metzger zu mir herein."
"Wen?"
Redwitz deutete mit dem Kinn auf die Tür.
"Ich kann ihn mir eher mit Machete und Knochensäge vorstellen als mit Pinzette und Tupfer."
Redwitz fing den zustimmenden Blick der Studentin ein.
"Der ist längst weg", sagte Regislinde.
"Danke, dass du das übernommen hast."
"Er kommt morgen wieder."
"Es gibt so nette Brasilianer", sagte Redwitz.
Regislinde sah ihn groß an. Sie wusste, dass das nicht das letzte Wort sein konnte.
"Zweitausend Kilometer weiter südlich. In Rio", ergänzte er.
"Hier auch."
"Aber gerade die Freunde Deutschlands setzen sich immer aus den abstrusesten Gestalten zusammen. Überall auf der Welt. Das muss mit unserem Land zu tun haben. Oder mit unserer komischen Sprache."
"Vielleicht. So, ich muss mich verabschieden."
"Ist es schon elf."
"Schon zehn nach."
"Dann muss ich sofort im Raum 4 über den Vanitas-Topos extemporieren."
Er stand auf und warf einen zufriedenen Blick in den Spiegel links neben der Flügeltür.
"Morgen müssen wir unbedingt zuerst ...", begann Regislinde. Er hörte nicht zu. Es genügte, wenn er das morgen erfuhr.
Regislinde verabschiedete sich und ging. Nun hatte er ihr doch nicht den Brief an die Zentralverwaltung diktieren können, um die zweite Halbtagskraft anzufordern. Er schaute die Studentin an. Oder konnte er sich den Brief ersparen?
"Morgen kann ich Ihnen den Schlüssel Ihrer neuen Wohnung mitbringen", sagte er. "Bei der Gelegenheit würde ich Ihnen gern noch ein paar Hinweise zu der Wohnung geben. Wenn Sie möchten, können wir das auch heute Abend machen, bei einer Caipirinha im Amavano-Viertel."
"Haddock hat gemeint, da wär’ noch ein Mieter in der Wohnung."
Redwitz sah im Spiegel sein Lächeln erstarren. Solche Details durften seine Idee nicht beeinträchtigen. Es handelte sich wahrscheinlich um Torsten, seinen Praktikanten. Mit dem konnte er reden. Schließlich hatte er ihm das Praktikumszeugnis noch nicht ausgehändigt. Torsten reiste seit drei Wochen durch Amazonien.
"Machen Sie sich keine Sorgen", sagte Redwitz. "Ich kläre das noch heute."
Die Studentin beugte sich vor, um ihre Telefonnummer aufzuschreiben. Im Ausschnitt ihres ärmellosen Oberteils sah Redwitz den weißen Ansatz ihrer Brust. Eine Hitzewelle fuhr durch seinen Körper.
Ihre Handschrift, rund und nachlässig, "Sibylle Vargold 2440216."
Er reichte ihr sein Kärtchen und steckte ihren Zettel in seine Hemdtasche. Ihm war, als strahle ihr Schriftzug eine Wärme ab wie ein Talisman.
Im Vorbeigehen nahm Redwitz den Schlüssel der Sala 4 vom Schlüsselbrett und begleitete Sibylle Vargold über den überdachten Korridor.
Keine Spur von seinen beiden Kursteilnehmern. Regislinde war noch dabei, ihren Wagen aufzuschließen. Vom Parkplatz rief sie ihm zu: "Wenn der Messias kommt, bestell bitte noch drei Päckchen Toner."
Redwitz lachte. "Meine Sekretärin hofft jeden Tag, dass der Messias kommt. Der Typ, der unseren Kopierer wartet." Redwitz fühlte sich euphorisch, als hätte er soeben mit der Einarbeitung seiner neuen Programmsekretärin begonnen.
"Haben Sie Lust, sich am deutschen Kulturhaus etwas Geld zu verdienen?" Seine Augen bohrten sich in ihre. "Ich brauche dringend Hilfe bei der Kulturarbeit."
Die Studentin blieb stehen. "Geld kann ich immer gebrauchen. Ich lebe ja nur vom Auslands-BAföG."
Redwitz meinte wahrzunehmen, wie sich ihre Brustspitzen unter dem Stoff des schwarzen Feinripp-Shirts verhärteten.
"Wenn Sie wollen, können Sie morgen anfangen. Ich habe alle Hände voll zu tun."
Von der Bushaltestelle her kamen die beiden Kursteilnehmer angetrottet, der träge Petrônio und Lourdinha, die Studentin mit der sexy Zahnspange.
"Tut mir Leid, dass wir so oft gestört worden sind", sagte Redwitz. "Um uns in Ruhe zu unterhalten müssten wir uns mal außerhalb des Kulturhauses verabreden."
"Gut. Ich muss jetzt in meine Vorlesung."
Ihre Eile ließ ihn befürchten, er habe sie abgeschreckt. Sie war schon ein paar Schritte entfernt.
"Ich rufe Sie an", rief sie ihm nach. Die Beschwingtheit, mit der sie über den Parkplatz zu einem der Universitätsgebäude eilte, stimmte ihn wieder optimistisch. Er hatte sie gewonnen.

"Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein" – nur eine Anfängerlektion in der Erziehung zum Nichts. In Mailand, in Manila, in den Intervallen an zwei verschiedenen Inlandsinstituten und nun seit zwei Jahren in Brasilien wurde der Barockdichter von seinen Kursteilnehmern gleichermaßen mit Befremden wie auch – mit aufschlussreichen regionalen Varianten – als unmittelbar einsichtig wahrgenommen.
Ob Gryphius ein Lutheraner gewesen sei, fragte Lourdinha und bekam für diese Frage von Redwitz einige Intelligenzpunkte zugeteilt. Wie in vielen ihrer schriftlichen Hausarbeiten überraschte sie ihn oft durch ihre Geistesblitze.
Er hielt Petrônio und Lourdinha das aufgeschlagene Buch hin und ließ sie das nächste Gedicht lesen. Thränen des Vaterlandes. Fotokopien müssten sie sich selbst machen. Von Hause aus gäbe es erst wieder welche, wenn der Messias da war. Nun waren seine beiden Kursteilnehmer mindestens zehn Minuten beschäftigt.
Ich werde einfach einen Nachtragshaushalt formulieren, dachte er. Es war September, die richtige Zeit dafür. Seine neue Mitarbeiterin bis Ende Dezember zunächst einmal mit Werkaufträgen versorgen.
"Was bedeutet ‚verheeret’?", fragte Petrônio.

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