NRW Literatur im Netz

Willi F. Gerbode - Arbeitsproben

Aus: IMMER WENN LOTTERBETT ERZÄHLT

Dr. Schulze-Lotterbett aus Vrieden hatte sein altes Laudate aufgeschlagen, um "Meinem Heiland, meinem Lehrer" voller Inbrunst intonieren zu können, wozu er das Gesangbuch an und für sich nicht gebraucht hätte, doch er haßte es, textlich wie melodisch daneben zu liegen. Ja, er war in dieser Hinsicht konsequent, hatte er doch den Kirchenchor vor bereits 20 Jahren erschüttert und nicht wieder aufzurichten verlassen, nachdem er beim "Ave verum" einen achtel Ton daneben gelegen hatte, was keiner außer ihm habe hören können, wie mir Dr. Schulze-Lotterbett aus Vrieden im Westmünsterland, mein bester Freund, später glaubhaft, sachlich und der Vollständigkeit halber versichert hatte, aber hiermit finge es gewöhnlich an - das könne er als Mediziner aus langjähriger Erfahrung sagen - und er habe es seinerzeit nicht so weit kommen lassen wollen, daß es auch die anderen ... , was ihm ausgesprochen peinlich gewesen wäre, wo er doch als vortragender Künstler einen Namen zu verlieren ... , und da habe er sich lieber selbst demissioniert: also sei er schweren Herzens zwar, aber letztlich emotions-und atemlos gegangen.
Nun, mein Freund hatte an jenem zur Rede stehenden wunderschönen Fronleichnamstag das Laudate in beide Hände genommen, und man war gerade in der Mitte der zweiten Strophe von "Meinem Heiland, meinem Lehrer" angelangt, seiner Lieblingsstrophe, da sei sein Blick nach links, kurz nur, vom Laudate abgeschweift, nur kurz, um die Augen etwas zu entlasten, nur kurz also, da habe er nicht einmal 500 Meter weiter eine Person gesehen, eine Person auf einer Terrasse, eine Person auf einer Terrasse eines der Häuser in der neuen Siedlung, nur kurz, das heißt doch schon etwas länger, eine Person, die demonstrativ auf der Terrasse eines Hauses der neuen Siedlung flanierte, was noch nicht so schlimm gewesen sei, aber diese Person auf der Terrasse, das habe er fast augenblicklich erfaßt, habe ganz offensichtlich, jedenfalls so offensichtlich man das aus 500 Metern Entfernung sehen konnte, nichts auf dem Leib getragen als die eigene Haut und die eigenen Haare, was ihn, Lotterbett, dermaßen erschüttert habe, daß er mitten in der zweiten Strophe von "Meinem Heiland, meinem Lehrer" aufgewühlt seinen Gesang beendet habe, instinktiv aus der Reihe der prozessierenden Mitschwestern und Brüder nach links herausgetreten sei, sich auf den Boden gekniet habe, instinktiv und fast völlig unauffällig, um an den Schnürsenkeln seiner schwarzen Feiertagsschuhe zu hantieren, was bei Prozessionen als ernsthafte Entschuldigung für die Unterbrechung der Andacht gilt, zu hantieren und zu schnüren und zu lösen und zu binden, um noch einen Blick nach links in Richtung des Exhibitionisten zu werfen, der nun allerdings wieder verschwunden war, wohl in seine Behausung. Auf jeden Fall war er jetzt nicht mehr da, als die Fronleichnamsprozession um die nächste Kurve bog und Freund Lotterbett - und ich bin überglücklich, einen solch gewissenhaften Freund zu haben - am Wegesrand mit seinem Problem allein ließ.

JAMMERTAL

Mach´ dir dein Leben
nicht zu schwer,
Geh´ mit dem Kopf
nicht durch die Wand,
Heul´ mit den
Wölfen!

Vor lauter Geheule
Fällt den Menschen
In Ihrem klaren
Verstand nicht auf,
Daß ihr Leben
So unbeschwert
ist, daß es
Keiner hört, wenn
Es tot auf
Den Boden
Fällt.

POLLA TA DEINA

(eine Variation zum 1. Standlied der "Antigone" des Sophokles)

Ungeheuer ist viel
Und viele sind Ungeheuer:

Die Taube auf dem Dach
Gerade getroffen vom Blick
Einer reinlichen Hausfrau
Stürzt ordentlich steil
Auf den Vorplatz.

Da lacht ein Mann ein gewitzter
Gerade getroffen vom Anblick
Des Vogels
Geht aufrecht los
Auf die Haustür
Die vielgeöffnete knarrt
Diesmal ganz schön laut.
Die Frau seine Frau
Gießt Wasser mit Schwung
Auf die Treppe heraus.

Er stolpert

Und fällt sofort ungeheuer
Verduzt auf den Vorplatz
Den oft genutzten
Berührt er nun -
Tot.

Gewaltig ist viel
Doch nichts so gewaltig
Wie der Mensch.

Aus: Neue Grenzen

Aus: DER ZAUN

Immer wenn ich an die Grenze denke, dann habe ich ein Bild vor Augen: Wie ein sauber geeggtes Stück rotes Land schwingt sich der Todesstreifen schlangengleich durch das graue Grün auf beiden Seiten. Hier Eichsfeld, dort Eichsfeld. Hier Unter-, dort Obereichsfeld. Hier grün kariertes Land mit braunen Rändern, unregelmäßig, durch schmale und breite Straßen zerfurcht. Dort ein grüner Teppich, der auf dem leicht gewölbten Toscanaboden liegt wie ein stockiges Stück aus den immer feuchten Kellern des Hahletales. Rotes Land - hier wie dort, bedeckt von grauem Grün. Ein drei Meter hoher Zaun begrenzt feinsäuberlich die rote Schlange, die sich nie bewegt. Nur manchmal, da reißt der Boden auf mit einem Knall und drückt ein Tier mit Wucht in die Luft, ein Kaninchen vielleicht oder ein Wildschwein - im besten Fall. Manchmal folgt dem Knall aber auch ein Schrei, und ein buntes Wesen liegt auf dem rot geeggten Boden mit einem Bein weniger oder einem Arm. Das stört die Schlange sehr, und ihre Diener kommen dann bald gefahren, mit einem offenen Wagen, und zerren das Wesen herunter von dem roten Boden, werfen es auf die Ladefläche, und die Schlange sieht wieder schön rot aus, ohne Flecken, eingefaßt von grauem Grün, kariert auf der einen Seite: Untereichsfeld, flächig grün und blitzeordentlich auf der anderen: Obereichsfeld.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.