NRW Literatur im Netz

Stefan Gruner - Arbeitsproben

ARNOLD B. HARPUNKEL

Wenn das nicht Arno B. Harpunkel ist,
der ihren Weg kreuzt, ungebeten aus dem Pflaster
wächst, sich vor Guan und Aden aufbaut und ihnen
ins Gesicht brüllt: "4 Kinder großgezogen, 40
Jahre durch Akten gefressen, 40 Jahre Urlaub auf
Balkonien gemacht, nur damit die Plagen studieren
können, Frau drüber zur Nöhltüte geworden,
heut die Bagage in alle Winde verstreut, eigene
Familien gegründet, reicht nur noch zum dürftigen
Telefonkontakt, da sitz ich nun mit meiner
Fotosammlung, meinem trockenen Riesling und
meiner Arthritis: DAS KANN DOCH NICHT ALLES
GEWESEN SEIN!" In solchen Momenten heißt es
höllisch wach bleiben, auf die Hacken federn und
geschmeidig kontern: "DOCH!"

INSTANT CITY

tagsüber eseln unter der gewalt
zur nacht die lustblitzkollision
minutenpartner hände kalt
entbrüllungen im bad selbstmord
ankündigungen übers telefon
zeitrafferwahn und hirn geneppt
du kaufst ein brötchen an der autobahn
zurückgekehrt ist dir der wagen abgeschleppt
wo eben vögel sangen piept dich
instant city an

ALI

"Unglücklicherweise heiß ich nicht Ali", sagt Urs, „bin kein Bimbo, kein Kanake. So hab ich wirklich mal gedacht. Ich dachte: Dann würden meine Selbstfindungsprobleme endlich ernst genommen!

In dem Fall stünd mir das Dilemma auf der Türkenhaut geschrieben, ja? So muss ich es mit mir ausmachen, an all den Köpfeschüttlern und Schulterzuckern vorbei. Landsleute! Ich steh hier allein mit meiner Heimatallergie, hab ich gedacht: Dunkelster Kanake, von der Einstellung her, nur eben blauäugig, kalkhäutig. elendig, ich.

Die Wut der Tarkans und Sükrans wird augenblicklich abgenickt, mit vorauseilendem Verständnis belegt oder offen angefeindet, was dann auch der Klärung dient. Mein Hass ist Spleen.

Kanak-Atak ist die Wucht, funky, schick. Meine Attacken sind Nestbeschmutzungen. Für mich redet der Aleman auch in ner Fremdsprache. Ich muss meinen Pass einsehen, um immer wieder zu begreifen, dass ich er bin, geadlert. Für mich hat der Aleman auch keinen Humor, keinen Stil, keine Blume, keine Lebensart, aber wenn ich das loswerde, stehn die Angegriffenen nicht alemannisch empört, sie stehn betroffen brüderlich da und fragen: Was haust du dir dauernd selber in die Fresse? Schon haben sie mir den nächsten Knopf an die Backe genäht. Ich bin nur aus Versehn Eingeborener. Das reicht, um nirgendwo glaubhaft zu sein, außer in der Anpassung. Kanake? Da reiten sattelfeste Feindbilder ins Abendlandrot.

Mir bleiben Rosen für Afrika. Sie waten bis zur Unterlippe in ihrer tragischen Scheiße, die sie nicht angerührt haben; bei mir höhnt es noch im tiefsten Hass: hausgemacht! Ich zeige, egal auf welchen Mist ich zeige, immer auf mich. Sie deuten gradweg wohin, trotzdem unfehlbar richtig, immer ins Zentrum des schlechten Gewissens rein, mit der Vollmacht der Entrechteten: Hier ist Erosien! Ja toll. Nicht dass ich ihr Unglück leugnen möchte. Ihre total komplizierte, verfickelte und kreuzweis verfahrene Sache, unlösbar soweit, und gleichzeitig unerträglich. Was bleibt ihnen?

Knappe Tritte ins Gesicht des Gastlands, Stieflands, Pfandleihlands, Feindeslands. Aus den unterschiedlichsten Ecken. Vereint eigentlich nur in der Ratlosigkeit. Nachvollziehbarer Unwille zur Integration. Ebenso nachvollziehbarer Unwille zur Getto-Isolation. Ohnmachtsgefühle auch von seiten der gutwilligen Inländer: Die Hand, die sie ausstrecken, wird ihnen abgeschlagen. Keine Multikultiwichse mit uns! rufen die KanakAtaker.

Wer könnt ihnen bös sein? Wendet sich der Inländer daraufhin entmutigt ab, ist er also doch der Rassist unter seiner liberalen Wolle, der er heimlich immer war. So tappen beide Fraktionen in ihre Selbsterfüllungsfallen. Der Blick ist scharf für die Macken der Gegenseite. »Der pintwedelige, tränendumme, kontofette, weinkennerige, billighäutige, nettallesnette Aleman, frisst Krise, scheißt Krise, steckt dich mit ner Grübelmikrobe an, dass es auch in dir kriselt und scheppert bis zum jüngsten Tag«. Glückwunsch. Könnt von mir sein. Gleichzeitig entgeht den Hakans und Oyas natürlich nicht, welche Macken die eignen Leute haben. Da geht's in den Zweifrontenhass. Die dritte Front spaltet sie selbst: Resignation, Rebellion, Galgenhumor... Was du auch machst, auftauchen, abtauchen, einfügen, durchwurschteln, verdrecken, anpassen, veranstanden, nichts passt wirklich, nichts löst die Spannung der doppelten Entwurzelung. Hilfe von außen bleibt Zumutung: Werd wie ich, dann geht's dir besser! Oder die Variante: Bleib wie du bist, du bereicherst meinen Horizont! Also die Zoo-Nummer.

Da kocht heiliger Zorn hoch. Allerdings ernsthaft alle Hutzedüschen hinzumetzeln ist wenig aussichtsreich, sie sind nun mal in der Überzahl. Sich aufhängen hat wiederum was Unwiderrufliches, riecht nach Schuldgeständnis. Es ist wirklich beulig verkackt und monsterpissig. Nicht dass ich ihr Unglück nicht würdige. Aber eins bleibt - ihre Wut ist einleuchtend. Ins Auge springend. Griffig. Wo meine Brüder und Schwestern im Edelgeistpalast das Gleiche bei mir als künstliche Aufgeregung abtun. Bimbos können kotzen, wenn ihnen was sauer aufstößt, da rennen die Politiker, die Sozialarbeiter und Kerzenkettendemoteilnehmer stracks los und helfen aufwischen. Richtig so. Aber wieso bin ich bei den gleichen Würgegefühlen der Magen, der sich selber auffrisst? Ich mein, klar, es ist nie wirklich gleich, es geht auch nicht um tauschen, es geht um die Möglichkeit, als eingeborenes Fremdauge respektiert zu werden.

Deswegen hab ich nie den Schulterschluss mit besonders assigen Alis gesucht, um meinen Landsleuten eins auszuwischen. Das bleibt zwischen ihnen und mir ein gesondertes Ding. Ich bin in den eignen Socken geblieben. Ich dachte: So musst du eben zwischen den Stühlen vor dich hindämmern. So bin ich dann Monat für Monat weiter abgesackt, rumgeschlurft, hab die Lage gepeilt und mich praktisch aufgegeben. Holy ruckus! Eines Tages seh ich Grandmaster Flashs »Message« Nummer, klick, wummio, steh ich in Flammen, bin hin, geh los, klink mich ein, nehm die Spur auf, schnüffel an den Duftmarken der Hip Hop Bewegung wie ein pieseliger Dackel lang, übernehme ihre Denke, ihren Stil, ihren Beat, ihre Bewegungen, die mich innerlich treffen, tatsächlich vor Glück rasen machen, besonders dann, wenn es gelingt, die amerikanischen Tüten mit eigenen Inhalten zu füllen. Das hab ich umgesetzt. Konsequent verfolgt und ausgebaut. Und plötzlich häng ich mit diesen und jenen ab, plötzlich nennen wir uns Diz'Kriptions, haben unsre eigne Posse. Ich hab mich aufs Breaken konzentriert, hab als Breaker jeden begrüßt, der gut war, der sich einfach toll bewegen konnte, vielleicht auch rappen konnte, den ich imitieren konnte und natürlich auch übertreffen wollte. Und plötzlich wach ich auf, ohne je nochmal mein altes Denkrad gedreht zu haben, und steck in einem total durchmixten Haufen, zehn Leute, zehn unterschiedliche Pässe, Scheiß drauf. Weil andre Sachen wichtig wurden. Weil wir in die richtige Musik eingewachsen sind... Sich zoffen, sich verlieben, gemeinsam was anstellen, sich Respekt verschaffen, das hat uns vereinnahmt, und ich hab aufgehört, mir den Halbmond auf die Stirn zu wünschen, um echt zu sein..."

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