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Hilla Jablonsky - Arbeitsproben

ANFANG UND WEG

Fahren? Fahren
Das war also einmal die Grenze, die unser Land teilte. Die Mauern sind abgerissen: Nur noch Zementblöcke liegen herum. Am Stacheldraht entlang, an der Todeslinie entlang gibt es kein Liegen-lassen, kein Hinter-sich-lassen, kein Nicht-erinnern.
Dieser durch unser Herz gelegte Graben – Risse und Wachtürme; mit dem Gesicht nach unten: Vorbei, vorbei; die Narben des Stacheldrahts noch überall sichtbar.
Auch an diesen Wachtürmen entlang sind wir EIN LAND gewesen, geblieben.
Küste – die das Meer überall eingeholt hat – der wunderbar wölbende Himmel, Brücke von Mensch zu Mensch, von Gedanken zu Gedanken, von Liebe zu Liebe. Wenn die Wildgänse in Frühjahr und Herbst zogen, lag über dem Land die Sehnsucht – wie die Rosette eines Kirchenfensters – die EIN LAND heißt.
Dies Land sehen, voll archaischer Neugierde, schöpferische Neugierde. Es ist der Mensch, der Veränderung aufzeigt und überrascht, die vielen Stationen einer Passion, die "ein Land" heißt, sichtbar macht und sie lebt...
Meer und Küste schieben sich zwischen meine Gedanken, Empfindungen. Auf dem Kreidefelsen – ein Winterwind durchschneidet die Sicht – aber: Die kleinen grauen Boote einer untergegangenen Flotte tönen mit ihren Sirenen wie Glocken gegen die Küste als Abschied von einer Liebe, die nicht dem System, der Funktion, der technischen Effektivität, sondern dem Gefühl der Freiheit galt, dem Gefühl, das nur das Meer vermitteln kann. Und – das Ausgeliefertsein an die Freiheit. Ich werde nicht vergessen die vielen Begegnungen mit den Menschen, die mit der Ostsee – und auf der Ostsee – lebten.
Die Mole hinaus ins Wasser mit glitschigen Planken, der Duft nach Salzwasser, moderdem Tang und faulenden Fischen; ein Orgasmus-Geruch. Die Bewegung des Wassers teilt sich der Erregung meines Körpers mit. Das Glucksen gegen die Dalben ist wie ein Stoß in den Schoß – die Nebel, die vom Wasser aufsteigen, legen einen Schleier über die schmerzhafte Vergangenheit, über das, was niemand leben wollte.
Wenn das Nebelhorn zu rufen anfängt, in diese nicht wägbaren Lebenswege – die Geister heraufbeschwört der Vernichtung, der Rache, des Kampfes, des Todes ...
Ich stand mittendring – alte und neue Geister um mich. Ich mußte sie sehen, aber auch ein Stückchen von dem neuen Land, von dem neuen Meer, von dem neuen, höheren Himmel, den ich gedacht und gefühlt hatte.
Und neben den Männern, die lebten und Wirklichkeit sind, sehe ich die Schatten der Seeleute, die vorher hier waren, um das zu sein, was wir sein können – in dieser Minute, dieser Stunde und vielleicht noch eine zeitlang. So schauererregend, aber auch geheimnisvoll! – Und Geheimnis bringt große Lust.

ZWISCHEN-LAND

Zwischen-Land
Ich lebe schon in einem eigenartigen Spannungsfeld, meinem Zwischen-Land. Zwischenland, weil ich Malerin bin und zugleich dem Schreiben von Poesie einen großen Teil meiner Kraft gebe.
Ich stehe immer in dem von mir selbst gewählten Auftrag meiner Phantasie, ebenso im Auftrag der künstlerischen Freiheit.
Was ich aber gelernt habe vom Leben in diesem Zwischen-Land, dem Zwischenland zwischen Malen und Schreiben, ist die Herausforderung der Kreativität. Jeder Künstler lebt und arbeitet im Spannungsfeld zwischen objetiver Realität und der ihm eigenen Wirklichkeit – der Maler, der Bildhauer, der Poet, der Prosa Schreibende ---. Ich lebe und schaffe in einem multipolaren Spannungsfeld, hin- und hergerissen, zerrissen, glücklich leidend.
Ich kann mich einmischen in die Welt herum um das Zwischenland: Konkret und gezielt durch das Wort, subversiv und ambivalent durch das Bild, durch die Assoziation.
Das Wechselspiel im Zwischenland ist für mich die große Herausforderung des schöpferischen Momentes und sein Geheimnis. Schreiben ist eine sehr konkrete Sache: Wenn man Freude sagt, ist es Freude, und wenn man Glück sagt, ist es Glück, und wenn man Leid sagt, ist es Leid – und die Wörter Geburt und Tod sind eindeutig. Meine, die informelle Malerei hingegen läßt der Ambivalenz viel mehr Spielraum, steht stärker im Geheimnis; es steht dem Betrachter frei, zu sagen, wo im Bild Geburt beginnt, Leben sichtbar wird und Tod und Vergehen allen beenden.
Ich bin eine Ganzheit, die Arbeit "mit Kopf und Bauch" ist meine Obsession. Es fällt mich an; ES springt aus mir heraus, aber ICH gestalte. Das Geheimnis des Möglichen ist das Geheimnis des Schöpferischen. Ich existiere im Zwischenland meiner Selbst.
Eines ist in meinem Leben wichtig geworden: Ich muß alles, was ich will und tue, LEBEN können.
Das Geheimnis des Möglichen, das Geheimnis des Schöpferischen stellen das Fragezeichen in mein Leben, Kreativität und Zweifel kommen Hand in Hand. Aber wie immer ich denke und fühle und arbeite: LIEBE bleibt LIEBE, SCHWARZ bleibt SCHWARZ, GOTT bleibt GOTT:
Der Schmerz und die großen Ängste die mit meiner Spannung im Zwischenland leben, wären tödlich, wäre da nicht die Liebe. Sie wohnt in der Dreieinigkeit Malen, Schreiben und Gott. Meine Verantwortung gilt meiner Kunst und in der Umarmung dieser Dreieinigkeit und der in ihr aufgehobenen Menschen. Beethoven hörte – Töne – ich höre Zeilen und sehe Bilder. Ich fülle meine Hände mit Wörtern und Farben und gebe sie zur Saat meiner Zeit. Die Vision der Kreativität – das erfüllt und gestaltende Leben. Jeder Moment wird ausgeleuchtet und leuchtet selbst, wenn man ihn mit Gestaltungswillen betrachtet.
Ist Pflicht gleich Phantasie – oder Kreativität - oder gar Menschlichkeit? Entweder Gott – oder ich weiß, daß ich nichts weiß.
Ausgesetzt sein im Zwischenland – ich muß tun, was meine Farben, meine Wörter wollen, zugleich muß und will ich gestalten. Wie sehe ich mich selbst: Mutig, stark, sensibel, einmalig, leuchtend, voll von Gestaltungskraft, erfüllt von absoluten, tiefen und schmerzhaften Empfindungen, gänzlich ausgesetzt, völlig verwundbar, leicht zu töten. In meinem Zwischenland bin ich ein guter Jäger und eine leichte Beute.

SCHWARZER HENGST

Der Mond wird sterben
wie Don Quichotte,
wie die vielen Seeleute
deiner Jugend

deine Stunden werden Erde
sie sind der lange
Weg
nach Hause

du gehst nach Hause
oder in den Traum,
verschlossen bleibt
deine Sehnsucht
den Engeln,
sie sehen nur
merkwürdiges Denken.
In gläserne Schiffe
sind Erinnerungen
gepackt,
umhergestoßene Zeiten
zum Gerümpel geworfen,
sanft geglättet nur
Papiere der Toten

sie sind Traum

und denken nicht wie du
noch jeden Tag mit Uhren
und spüren nicht wie du
noch jeden Tag Küsse,
wie dich
Arbeit füllt
und Angst streift
und Licht noch um dich
klirrt
du lebst –
noch suchst du

manchmal weißt du nicht
wo du gehst
über Barrikaden deiner
Welt
oder den schwebenden Traum
und wann sich
dein rasendes Fahrzeug
schwarz färbt -

mache auch dies leicht
und zärtlich,
dies letzte Halten
deiner Körperwärme,
unerbittlich
rückst du
der blauen Kuppel
näher,

dann siehst du
am Rande deines Bogens
den schwarzen Hengst
und du weißt --------------

Aus: Billerbecker Protokolle

DER BLAUE STUHL

Warum
hast du
keine schmerzen
Unserer Liebe ...
weil wir alt
oder schon lange
gemeinsam leben
oder nichts mehr
außer Gewohnheit
uns zusammenhält
unsere lange Zeit
so dachte ich
bringt Zärtlichkeit
stärker Verständnis
unabhängiger Wolken
liebender
Liebe ...
niemals
ohne dich

Schicht um Schicht
nebeneinander gelegt
meine Erinnerungen
dein Herz
ins Meer gepflanzt
alles
endet

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