NRW Literatur im Netz

Christiane Blasius - Arbeitsproben

DIE PUTZFRAU UND DER KOMMISSAR (aus Hagen)

Entschuldigen Sie, kennen Sie den Spruch: Sage mir, was du wegwirfst, und ich sage dir, wer du bist? Ich kann Ihnen versichern, da ist was Wahres dran. Wie ich darauf komme? Na ja, ich war schon zu einer Zeit Reinigungskraft, als man noch Putzfrau dazu sagte. In zwanzig Jahren kann einem so einiges unter die Augen kommen. Nicht, daß Sie jetzt denken, ich würde spionieren, aber es gibt Dinge, die drängen sich einem einfach auf... Ich bin natürlich diskret, das versteht sich schließlich von selbst.

Geht Ihnen das auch manchmal so? An Tagen wie heute stelle ich mir vor, was ich alles mit meinem Leben hätte machen können. Besonders angesehen ist mein Beruf ja nie gewesen. Doch eigentlich finde ich, Putzen kann sehr zufrieden machen. Da gibt es kaum ein Problem, das sich nicht mit dem richtigen Mittel, den Tips von der Mutter und etwas Einsatz aus der Welt schaffen ließe. Ich weiß schon, was Sie jetzt sagen wollen: Man fängt immer wieder von vorne an, es ist ständig das gleiche, die Arbeit hört nie auf... Das stimmt ja auch alles irgendwie. Aber hat es nicht was Beruhigendes, wenn die Dinge bleiben, wie sie sind? Mein neuer Fernseher, zum Beispiel, der ist so kompliziert, daß ich ihn ohne fremde Hilfe beim ersten Mal gar nicht bedienen konnte. Ein Schrubber oder ein Staubsauger dagegen, da weiß man, was man in der Hand hat, und bis der perfekte Putzroboter erfunden ist, poliere ich längst dem Lieben Gott den Himmel blank.

Ich glaube ja, in unserer Gegend werden Putzfrauen respektiert. Warum sonst hätte man dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Hohensyburg ausgerechnet den Spitznamen ATA-Dose verpassen sollen? Falls es Sie interessiert: Meine momentane Stelle ist ganz bequem. Ich reinige Firmenbüros. Die machen weniger Arbeit als Wohnungen – große Flächen und keine kostbaren Staubfänger. Volle Schreibtische kann ich auslassen, und glauben Sie mir, es gibt jede Menge davon. So ganz genau nehmen es die Leute da sowieso nicht. Jedenfalls habe ich noch nie erlebt, daß in dieser Firma jemand mit einem weißen Taschentuch über eine Schrankleiste fährt und mir anschließend die drei Staubkörner unter die Nase hält, die dran hängengeblieben sind. Bei Privatkunden sieht das teilweise ganz anders aus. Ich könnte Ihnen Sachen erzählen ... aber das ist ein anderes Thema.

Die Grippewelle machte auch vor der Hagener Polizei nicht Halt. Heute morgen hatten sich schon wieder zwei Kollegen krank gemeldet. Czernek war allein im Büro. Er schaute vom Schreibtisch auf und vertiefte sich in den Anblick der Wand. Je nach Stimmung und Lichteinfall brachten ihn die kleinen Unebenheiten der Rauhfasertapete auf die unterschiedlichsten Gedanken. Heute sagte ihm diese Wand, daß nicht jeder ein so angenehmes Büro haben konnte wie Markus Sievers, der Geschäftsführer von SpeDeSoft. Echter Neid kam dabei allerdings nicht auf. Der Mann war schließlich tot, auf recht unangenehme Weise gestorben in eben jenem behaglichen Büro. Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen gewann die eher spartanische Einrichtung des Kommissariats sofort an Charme.

Czernek stand noch ganz am Anfang seiner Ermittlungen, eine Phase, in der er immer unter einer gewissen Wankelmütigkeit litt. Er mußte erst den einen oder anderen Faden aufnehmen, um schließlich jene Hartnäckigkeit zu entwickeln, die manche fälschlicherweise für Ehrgeiz hielten. Einstweilen verließ sich Czernek noch auf die Unterstützung seiner Kollegen. Einer von ihnen kam gerade zur Tür herein.
"Sorry, bin zu spät. Noch Kaffee da?"
Auf manche Dinge war unbedingt Verlaß. Czernek verbarg sein Grinsen hinter der Tasse, um seine Autorität nicht zu beschädigen. Er mochte seinen jungen Kollegen, vor allem die Energie und die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Mann jeden Morgen in den Tag stürmte, als gehörte ihm die Welt. Czernek war nie so gewesen. Manfred Gerhard musterte kritisch den verbliebenen Rest Kaffee in der Kanne. Dann warf er einen Blick auf die Uhr, wie um zu prüfen, welche Form der Zerknirschtheit jetzt angemessen war. Er konnte sich nicht entscheiden.

"Mahlzeit Manni, genug Mittagspause gehabt?" Wie alle anderen auf dem Kommissariat benutzte auch Czernek diese saloppe Kurzform, auf die man sich nicht zuletzt deswegen geeinigt hatte, weil es bei Manfred Gerhard immer wieder zu Verwechslungen zwischen Vor- und Nachnamen kam. Czernek stellte seine Tasse ab, ein Zeichen, daß er rasch zur Sache kommen wollte. "Wir müssen uns ranhalten, Manni, die Hälfte unserer Leute hütet mit Grippe das Bett, oder mit dem, was sie dafür halten. Also, hier die ersten Fakten, der Autopsiebericht liegt vor – ging diesmal ganz schön schnell. Sieht so aus, als gäbe es in der Pathologie noch keine Probleme mit erhöhtem Krankenstand."
"Wahrscheinlich hat die Grippe null Bock, Leute zu befallen, die sich sowieso schon den ganzen Tag mit Toten abgeben", warf Manni ein. "Wenn ich ein Virus wäre, würde mich schon der Geruch in die Flucht schlagen."
Czernek zog angesichts dieses unkonventionellen Erklärungsversuchs überrascht die Augenbrauen hoch. Dann schüttelte er den Kopf und griff nach einer Mappe. (...)

Aus: THE TRUE NATURE OF MARS.

Another hour had passed when the local dust storm ceased, subsiding as swiftly and abruptly as it had emerged, leaving only a scarlet glow in the sky. Jean had made a new fruitless attempt to contact William, now he reached for his helmet.
"Come on, Elena," he said, "it's time to find him one way or other. I think he must have tried to take shelter among the rocks and then got trapped there. Locating him will be difficult and we don't have much time, so we should separate to optimize our search. Can you cope with that, or should I stay by your side? There's no point in fooling ourselves. We must be prepared to recover him dead."
Elena looked at Jean in surprise. All she could feel was a deep emotional void that only allowed for functional considerations. Thankfully she adopted Jean's energetic attitude. She continued as if she were moving hand over hand above an abyss, enduring the situation moment by moment.
"I can do it," she said.
"Okay." Jean clasped her hand. "I'll turn to the right and you to the left, we'll stay in contact permanently. Please report immediately if you see anything or if you're not okay, promise?"
Elena nodded. She closed and secured her helmet. Life was passing through her mind like a movie. She could watch herself while adjusting the pressure level of her spacesuit and only one thought crossed her mind: I don't want to find him. Don't let it be me.

Impelled by the strength of despair, Elena headed for the rocks where they expected to find William. All of a sudden he lay before her. In the first instance she saw nothing but a piece of sand stained spacesuit. Elena fought her discovery, she even considered the idea of just passing him by, and for one or two seconds she drew a strange parallel, imagining a tennis player who had stumbled on the court and now could not wipe the red clay off his white dress. Sand had piled up on the windward slope; from the other direction William could easily be spotted. He was lying in a cleft and his posture looked abnormal—like a frozen convulsion. Elena slowly approached him and dropped to her knees. She could feel a soft rage rising. Why had William not escaped and reached the lander? He was neither covered by the sand nor wedged into rubble. Reluctantly Elena touched the inflexible shoulder of the spacesuit torso, then, in a sudden movement, she turned William over.
"Elena," a voice barely audible whispered in her ears stressing the first E of her name, "what are you doing here? Shouldn't you be with Jean?"
Elena froze for a moment, totally unable to move. Then she pulled back her hands from the pressurized suit and jumped up frightened.
"I've gone nuts," she explained the strange perception to herself, "it finally happed: I've gone completely mad." Elena closed her eyes, trying to come to her senses again. Bluntly she accosted the man clad in a spacesuit, lying motionless at her feet: "William, shut up, you're dead."
"Uh, really?" Commander Harris still spoke in a low voice, but his body rose slight.

Aus: ZAUBER DES VERSCHWIEGENEN

Angelika zog die Kapuze über. Die Nacht war nicht so dunkel wie erwartet. Auf dem Stichweg zum Strand bellte ein Hund, der im nebelig gestreuten Licht der Hauslaternen wahre Wolfsformen gewann. Hinter dem Dünenkamm griff der Wind wieder kräftiger. Die Regentropfen schlugen dichte Trommelwirbel auf die Öljacke. Über dem Horizont war der Himmel fast klar und zeichnete einen hellen Streifen Mondlicht auf das Wasser. Die faserigen Wolken drückten sich um die Küste herum, verschluckten die Enden der Felsen und ließen nur unwillig das milchige Licht der Signalfeuer durchschimmern. Angelika machte ein paar vorsichtige Schritte im nassen Sand. Der durchdringende und gleichzeitig klagende Ton der Nebelhörner vermischt mit dem anschwellenden Rauschen der hereinkommenden Flut erzeugte ein Gefühl unmittelbarer Gefahr. Angelika konnte das Meer nicht anrollen sehen, erst wenige Meter vor ihren Stiefelspitzen entfernt blitzte es plötzlich schaumweiß auf und verlief sich im Sand. Sekunden später schien das Wasser überall sein zu können, vor, neben oder hinter ihr, nach dem Rauschen eine genaue Richtung bestimmen zu wollen, war völlig unmöglich. Was hatte Pierre gesagt: Die Flut kommt hier sehr rasch. Wie weit war sie schon vorgedrungen? Angelika grub die Stiefelspitzen in den Sand und kämpfte ihren aufkeimenden Fluchtreflex mit sachlichen Überlegungen nieder. Sie befand sich nicht an der Steilküste, sondern knapp 20 Meter von den Dünentreppen entfernt. Ihr konnte nichts passieren. Trotzdem spekulierte sie, ob man gegen den Lärm des Wassers, des Windes und der Nebelhörner die Hilferufe eines Menschen hören konnte. Hatte Mike McGillian geschrien, als er drüben in den Felsen festsaß, wo es kein Ausweichen vor der Flut gab? Angelika wußte nur eins: Sie hätte gebrüllt. Aber was veranlaßte einen Menschen, während einer Sturmflut an die Steilküste zu gehen, wenn er nicht lebensmüde war? Eine mit Regen gefüllte Windböe traf Angelika ins Gesicht, sie fühlte sich an wie eine Ohrfeige und hatte dieselbe erleichternde Wirkung. Es gab viele weitaus weniger dramatische Gründe, um sich unsinnig zu verhalten, Angelika selbst war das beste Beispiel dafür. Sie mußte hellauf lachen. Es wurde Zeit, daß sie sich wieder an ihre nüchternen Tugenden erinnerte. Ein Ausflug in die Abgründe der Seele war zwar ganz interessant, wurde aber bald peinlich und nützte niemanden.

Aus: GESTERN WAR KEIN TAG.

Wie aus dem Boden gestampft stand plötzlich der Verrückte wieder vor ihm. Jens erschrak heftig und wich zurück. Er wurde verfolgt, was hatte er verbrochen, wollten sie ihn holen, wie den Mann aus der Nachbarwohnung? Es gab Menschen, die nie wieder zurückkamen, und Jens überlegte, ob er nicht doch eine der Voraussetzungen erfüllte, die nötig waren, damit dies jemandem widerfahren konnte. Viele Kriterien, die scheinbar nichts miteinander zu tun hatten, konnten einen Grund liefern, darum fiel es schwer, sich unfehlbar auf einer der Seiten zu wissen. Wenigstens sagte Mutter das.
"Herr Schroth, jetzt müssen wir aber vernünftig werden, Ihr Bruder genießt bereits seine wohlverdiente Rente, glauben Sie mir."
Immerhin gestand der Fremde ein, daß auch er seinen Verstand in Zweifel zog.
"Lassen Sie mich!" fuhr ihn Jens wütend an. Er wollte nicht zugeben, daß er weniger erwachsen war, als er für einen Moment geglaubt hatte. Der Keller und dieser Sonderling machten ihm Angst. Entschlossen tat er einen Schritt vorwärts, doch im selben Augenblick wurde er von hinten gepackt. Vor Schreck versagte ihm die Stimme, er brachte nur ein schnappendes Geräusch zustande, als er entsetzt Luft holte.
"Ganz ruhig, Herr Schroth", sagte eine Stimme dicht neben seinem rechten Ohr, "wir wollen Ihnen nichts Böses, glauben Sie uns. Ich verstehe, Sie denken, Sie müssen Ihren kleinen Bruder finden, aber er ist wirklich schon erwachsen. Was denken Sie, wie alt Sie sind, Herr Schroth?"
Jens war über die Frage derart verwundert, daß er sich nicht wehrte, sondern nachdenklich die Augenbrauen zusammenzog und folgsam überlegte. Jeder kennt sein eigenes Alter, es ist absurd, etwas anderes anzunehmen. Ihm ging es nicht anders.
"Vierzehn", erklärte Jens entschieden.
"So, so, vierzehn", sagte der Mann hinter ihm, und es klang ein wenig amüsiert, "dann schauen Sie mal in diesen Spiegel hier, und anschließend sagen Sie mir noch einmal, wie alt Sie sind."
Jens kam der Aufforderung ohne Argwohn nach, obwohl er nicht verstand, warum er das tun sollte, er wußte sehr gut, wie er im Spiegel aussah, schließlich schaute er jeden Morgen hinein, wenn er sich vor der Schule wusch und kämmte.

Das war kein Spiegel! Jens stieß einen leisen Schrei aus und wich zurück, obwohl er von hinten gehalten wurde. Er sah in ein greisenhaftes, blasses Gesicht, das ihn unter der Kellerbeleuchtung unheimlich, fast bösartig anstarrte, aber es tat alles, was er machte: Wenn Jens den Mund aufriß, folgte der alte Mann seinem Beispiel, hob er die Hand, um an seine Stirn zu greifen, geschah dasselbe vor seinen Augen. Jens begann zu zittern, er fühlte sich verhöhnt, das Gesicht imitierte ihn perfekt, aber es lachte nicht über den gelungenen Streich. Je erschreckter und wütender Jens wurde, desto zorniger blickte das Gesicht zurück.
"Wer ist das?" fragte Jens kaum hörbar.
"Aber Herr Schroth", antwortete der Fremde mit einem vorwurfsvollen Unterton, "wen sieht man denn, wenn man in einen Spiegel blickt?"
"Das bin ich nicht!" rief Jens aus. "Nein, nein, das bin ich nicht, das ist ein alter Mann, der Grimassen schneidet."

Aus: DAS WESEN DES MARS

... Immer häufiger zog sich Elena zurück. Räumlich war keine Abgrenzung möglich, also floh sie gedanklich, dabei verfiel sie mehr und mehr in eine depressive Lethargie. Jede kleinste Notiz kostete sie Überwindung, und ihre Kamera faßte sie inzwischen gar nicht mehr an, denn sie sah wenig Sinn darin, jene verbissenen Gesichter ihrer Besatzungskollegen, die sie so haßte, auch noch auf einem Chip festzuhalten. Hinzu kam, daß Elena kaum schlafen konnte, und Han nach wie vor mit Medikamenten geizte. Sie litt wieder darunter, daß sich trotz der Fixierung ihrer Schlafhaltung keine entspannende Schwere erzeugen ließ, und sie empfand es als schrecklich, daß die künstlich abgesteckten Tage durch diese langen wachen Phasen während der Schlafpausen noch mehr Stunden hatten, die verbracht werden mußten. Wenn Elena wach lag, zählte sie Augenblicke zu Minuten und Stunden zusammen. Dabei beschwor sie sich immer wieder: Du hältst das aus, alles geht vorbei. Die Zeit verstrich tatsächlich irgendwie, aber jede Stunde schien Wunden zu schlagen und sehr viel Kraft zu kosten. Oft genug begann Elena ihre Tagschicht mit bohrenden Kopfschmerzen, die sie jedoch verschwieg. ...

... Dann wurde Elena wie in einen Rausch hineingerissen, sie sah den Marsboden auf sich zufliegen, und der Sturz fuhr ihr in den Magen, die Geschwindigkeit verwischte Einzelheiten, der schwindende Abstand zur Oberfläche schuf dagegen immer neue Einblicke. William steuerte den vorausberechneten Landeplatz an. Er schien jedoch nicht ganz zufrieden mit dem, was er sah, darum gab er mehr Vorwärtsschub. Jetzt raste der Marsboden unter ihnen durch.
"Komm endlich runter", drängte Jean, "du bist schon fast an der Spritreserve, und wir wollen schließlich auch noch zurückstarten."
Selbst der Bordingenieur zeigte Nerven.
"Ich hab's gleich." Williams Ruhe war der Landung sicherlich zuträglich, ansonsten jedoch kaum auszuhalten. "Okay, Sensoren verzeichnen Bodenkontakt. Ist das ein Staub da unten, gut, daß ich keine freie Sicht brauche."
"Landegestelle draußen!" rief Jean erleichtert aus. "Festhalten." ...

Aus: Die Konsequenz des Amokläufers

Den typischen Amokläufer gibt es nicht. Darum stellen wir uns jedes Mal aufs Neue die Frage nach dem Warum. Doch ebenso wichtig ist die Frage: Warum nicht? Darauf finden offenbar manche Menschen keine Antwort - und das ist die eigentliche Katastrophe.
Manuela Abel war nicht länger in der Lage, sich auf den Beinen zu halten - aber sie konnte nirgendwo sitzen. Es gab keinen Stuhl mehr und der Boden war voller Blut, rote Flecken, die an manchen Stellen das Muster von Schuhabdrücken hatten. Manuela lehnte sich haltsuchend an die Wand und presste ihren Rücken gegen den kalten Stein. Dann gaben ihre Beine nach und sie sackte langsam zusammen. Für einen kurzen Moment hielt sie sich in einer bizarr wirkenden, hockenden Körperhaltung halb aufrecht, dann saß sie auf dem Boden. Hilfesuchend wandte sie den Kopf und sah in ein Gesicht mit hellblauen, aufwärts gerichteten Augen, die sie nicht anschauten; die Pupillen waren weit und starr, die Wimpern zu einer dunklen, struppigen Masse verklebt. Obwohl ein feuchter Schleier einen irritierenden Glanz über diese blicklosen Augen legte, war deren Ausdruck so endgültig wie das Wort selbst: tot. Manuela schüttelte verständnislos den Kopf. Sie kannte dieses Gesicht.
Ein rötlicher Nebel verschleierte alles, was weiter entfernt lag als das Gesicht mit den leeren Augen und in diesem seltsamen Dunst lärmte es. Menschen schrien - Manuela verstand sie nicht. Alle Laute klangen dumpf und verzerrt, wie durch ein dichtes Gewebe gefiltert, das den ursprünglichen Sinn zurückhielt, ein beängstigendes Geheul, das warnend an- und abschwoll. Manuela krümmte sich zusammen und bedeckte ihre Ohren mit den Unterarmen. Ihr Oberkörper begann erst langsam, dann immer schneller und heftiger vor und zurück zu wippen, bis ihr Hinterkopf wieder und wieder gegen die Wand schlug. Sie konnte nichts dagegen tun. Ein Schrei kam aus ihrem Mund, gequält und befreiend zugleich: "Geht alle weg!"
Dicht vor ihr tauchte aus dem Nebel ein Gesicht auf. Manuela nahm für eine abwehrende Bewegung die Hände von den Ohren und fuchtelte mit den Armen, doch sie konnte nicht verhindern, dass der Mund vor ihr Wörter formte: "Sind Sie verletzt?" Eine zweite Stimme löste sich aus dem Klangbrei: "Ich glaube, sie hat einen Schock." Plötzlich waren Hände da, tasteten, packten und hielten fest, es mussten Dutzende sein und sie gehörten zu niemandem. Manuela wollte sich noch immer wehren. Ihr Herz schlug schneller und ein Zittern schoss durch ihren ganzen Körper. Schweiß rann langsam über ihre Stirn und dann die Schläfen hinab. Manuela machte mehrere schnelle Atemzüge. Es war so unerträglich heiß.
"Medizinisch gesehen ist es eher eine akute Belastungsreaktion, kein Schock. Wir sollten sie trotzdem zur Beobachtung stationär aufnehmen lassen, dann können wir auch die Platzwunde am Hinterkopf besser behandeln."
Manuela hörte die Worte und wunderte sich nur darüber, welch absurde Dinge Menschen manchmal sagten. Den Einstich der Injektionsnadel bemerkte sie kaum. Noch einmal wandte sie ihren Kopf, um nach dem Gesicht mit den leeren Augen zu sehen, als wäre es die Antwort auf eine unbekannte Frage, die ihr irgendjemand einmal stellen würde und ein Anblick, den sie auf keinen Fall vergessen durfte. Ein Tuch lag nun überdem leblosen Gesicht, verdeckte es und machte für den Moment alles gut. Manuela spürte, wie ihre Lider schwer wurden. Sie hätte sich gerne ausgestreckt, aber noch immer waren diese Hände da, die sie anfassten und schließlich in einen Stuhl hoben. Jetzt wehrte sie sich nicht mehr. Wohin man sie bringen würde, hatte keine Bedeutung. Wegzukommen war entscheidend, aus einem Grund, den sie jetzt nicht erinnerte. Sie schloss die Augen. Der letzte Sinneseindruck, den sie hatte, war ein durchdringender Geruch nach gebackenem Fisch, der ihr den Magen zusammenzog.

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