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Wolfram Tewes - Arbeitsproben

(ohne Titel)

Er wurde am frühen Neujahrmorgen wach, als Marijke sich leise seufzend umdrehte. Verwirrt blinzelte er sie an. Es dauerte einige Sekunden, ehe er das Geschehen der vergangenen Nacht rekonstruieren konnte. Zärtlich strich er ihr eine der schwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht und betrachtete liebevoll die schlafende Schönheit. So leise wie möglich stieg er aus dem Bett, ging zum Klo und entleerte die gepeinigte Blase. Er hatte sich betont leise, um Marijke nicht zu wecken, die Hände gewaschen und stand nun noch eine Weile vor dem Spiegel um sich kritisch zu mustern. Besonders gut erhalten sah er nicht aus, dass musste er sich eingestehen. In sein Gesicht hatten sich gnadenlos fünfundvierzig Jahre pralles, manchmal auch zügelloses Leben eingekerbt. Er hatte im Verlauf der langen gemeinsamen Nacht von ihr erfahren, dass sie gerade mal dreiundreißig Jahre alt war. Was für ein unverdientes Glück war ihm da widerfahren? Wie hatte er, der alte Sack, diese blühende Jugend für sich gewinnen können? Oder war er nur schlicht und einfach zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen? Diese Fragen fanden keine Antwort, denn plötzlich hörte Schulte über sich schlurfende Geräusche. Über der Decke seines Toilettenraumes aber war das Flachdach. Wer lief denn so früh morgens darauf herum? Als er auf seine Armbanduhr schaute, zeigte diese fünf Uhr vierzig an. Wahrhaftig keine Zeit, um bei diesen Temperaturen auf dem Dach herumzulaufen. Aber es waren zweifellos Schritte, die er da hören konnte. Einbrecher? Der Polizist in ihm
drang auf Aufklärung. Er wollte gerade leise die Wohnungstür öffnen, um auf dem Flur nachzuschauen, da fiel ihm ein, dass er noch immer splitternackt war. Schnell zog er sich seine alte Jeans an, kroch in seinen dicken Seemannspullover und ging barfuss wieder zur Wohnungstür. Leise, ganz leise schloss er sie auf, öffnete sie und huschte hindurch auf den Flur. Die Dachluke stand noch immer auf, die ausziehbare Treppe war noch nicht wieder hochgeschoben worden. Schulte drückte sich in eine ehemalige Garderobe und lauschte. Er konnte Männerstimmen hören, die flüsterten. Dann schien einer das dünne Eis, welches sich vermutlich auf dem Wasser in der Badewanne gebildet hatte, zu zerstoßen. Suchten sie was im Wasser? Als keiner von den Fremden in die Nähe der Dachluke zu kommen schien, stieg Schulte einige der Stufen hoch, bis er das Flachdach auf Augenhöhe hatte. Es war noch so dunkel, dass er nur schemenhaft zwei Gestalten erkennen konnte.
Als aber kurz das Mondlicht durch eine Wolkenritze drang, setzte sein
Herzschlag kurzzeitig aus. Auf dem Flachdach standen die beiden Männer, die ihn schon einmal verprügelt hatten! Warum waren sie hier? Hatten sie
herausgefunden, dass er trotz allem weitergeforscht hatte? Vermutlich ja,
was sonst hätten sie hier zu suchen? Das bedeutete aber auch, dass sie ihre Druckmittel erheblich steigern würden, um ihn diesmal endgültig
auszuschalten. Mit klopfendem Herzen versuchte er, einige Wortfetzen zu
erfassen und zu übersetzen, während noch immer einzelne Böller die Hasselter Nachtruhe störten. Aber es blieb bei Satzfragmenten, wie: "... dann schwimmt er als Treibholz im Hafen!" und ähnliches. Entsetzt sah Schulte zu, wie einer der beiden begann, einen Schalldämpfer auf eine Pistole zu schrauben. Der Andere machte ihm flüsternd klar, dass dies völlig unnötig sei. In dieser Nacht würde sich keiner über einen Knall wundern. Schulte fühlte sich noch kälter, als er sowie schon war. Das sah nicht nach Drohung aus, sondern nach Abrechnung! Was konnte er tun? Schnellstens verschwinden, klar! Er bräuchte nur über den Flur die Treppe hinunter zu rennen, aus dem Haus raus auf die Straße und irgendwie zu einer der noch immer durch die Stadt vagabundierenden besoffenen Gruppen stoßen. Aber da war noch Marijke. Was würde mit ihr geschehen? Gemeinsame Flucht war ausgeschlossen. Bis er sie geweckt und ihr alles erklärt hätte, wäre es zu spät. Hastig, aber leise stieg er die steile Holztreppe hinunter, schlich zurück in die kleine Wohnung und schloss die Tür hinter sich ab. Marijke schlief noch immer ruhig und tief. Er hatte keine Zeit zu verlieren, deshalb ließ er sie schlafen und dachte hektisch nach, was zu tun sei. Wie konnte er die Wohnung gegen zwei große, kräftige und bewaffnete Männer verteidigen? Männer, deren Job es zu sein schien, die Interessen eines Auftraggebers mit brutaler Gewalt durchzusetzen. Die Tür bot nicht viel Schutz. Mit einigen kräftigen gezielten Fußtritten war die zu knacken. Wie lange hatte er wohl noch Zeit? Worauf warteten die Männer eigentlich? Er schaute noch einmal auf die Uhr. Es war jetzt fünf Uhr dreiundfünfzig und plötzlich wurde ihm klar, auf was sie warteten. Jeden Morgen um fünf Minuten vor Sechs Uhr hatten die Glocken der Kathedrale einen infernalischen Lärm gemacht und ihn geweckt. In wenigen Minuten würde der Lärmpegel derart ansteigen, dass niemand mehr das Geräusch
einer splitternden Tür wahrnehmen würde. Was tun?
Da fiel sein Blick auf eine ausgebeulte Plastiktasche und sofort schoss ihm eine Idee durch den Kopf. Er verrammelte die Eingangstür, indem er einen Besenstiel zwischen Klinke und Wand quetschte, schnappte sich die
Plastiktüte und entnahm ihr die vier Feuerwerksraketen, die er gestern
gekauft und vor lauter Liebestaumel völlig vergessen hatte. Leere
Sektflaschen waren genug da, die hatte Marijke gestern mitgebracht. Voll
natürlich! Schulte legte vier Flaschen auf den Fußboden und justierte sie
mit Hilfe seiner Schuhe und eines zusammengerollten Handtuchs so, dass die Öffnungen alle auf halbe Höhe der Eingangstür zeigten. Dann steckte er die Raketen in die Flaschenhälse. Als alles vorbereitet war, schaute er besorgt zu Marijke. Sie schlief noch immer.
Schulte lauschte angestrengt. Jetzt konnte er hören, wie sich jemand leise
an der Tür zu schaffen machte. Offenbar wollten sie es erst mal auf die
leise Tour versuchen und die Tür mit einem Dietrich oder einer Scheckkarte
öffnen. Kling! Der Schlüssel fiel auf den Boden, sie hatten ihn von außen
durchgestoßen. Jetzt konnte Schulte hören, wie ein metallischer Gegenstand
in das leere Schlüsselloch geschoben wurde. Es würde nun jede Sekunde soweit sein. Schulte tastete nach Streichhölzern und beglückwünschte sich selbst dafür, dass er zur Zeit Raucher war und immer Feuer in der Hosentasche hatte. Er zündete die vier Zündschnüre an und nahm die Nebelbombe in die Hand. Dann konnte er hören, dass sich der metallische Gegenstand im Schlüsselloch drehte. Damit war die Tür so gut wie auf. Schulte schlug den Besenstiel weg, fasste die Klinke und riss die Tür auf. Im selben Moment zischten vier sündhaft teure Feuerwerksraketen von ihren provisorischen Rampen los und krachten mit voller Wucht auf zwei Männer, die zuerst verdutzt dreinschauten, dann schmerzverzerrt in der Körpermitte zusammenklappten. Als dann auch noch die Nebelbombe loskrachte, waren sie so hilflos, dass Schulte ihnen noch einmal kräftig mit einer der leeren Flaschen eins über den Schädel geben konnte. Während Schulte fasziniert auf eine der Raketen starrte, die sich mit ohrenbetäubendem Pfeifen in den Mantel des Riesen gebohrt hatte und schillernd bunte Funken sprühte, jubelten draußen die Glocken der Kathedrale und luden die Gläubigen zur Neujahrsmesse.

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