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Sabine Hinterberger - Arbeitsproben

Aus: WENN WÖRTER UNS HALTEN - MIT MIA UND HERRN KLAUBER DURCH ISERLOHN

Herr Klauber, Kalenderblattabreißer
Er saß immer am selben Tisch im TreppenCafé. Das hatte in diesem Sommer am Fritz-Kühn-Platz eröffnet. Hier am Rand der neu angelegten Stadtgärten war, drinnen und draußen, immer etwas los. Er saß nicht an den niedrigen, runden Tischen mit den Sesseln, sondern an den hohen Tischen mit den Stühlen. Das war seit dem Bandscheibenvorfall vor zehn Jahren besser für seinen Rücken.
Jeden Tag saß er da und trank einen Kaffee mit Milch und zwei Stück Zucker. Es war kein Automatenkaffee. Filterkaffee, den er nachmittags immer mit seiner Frau getrunken hatte. In der Woche zu Hause und am Sonntag gemeinsam bei Spetsmann. Dann gönnten sie sich ein Stück Käsekuchen dazu.
"Herr Klauber, Ihre Tasse Kaffee und ein Stück Käsekuchen! Bitte sehr!"
"Danke, sehr freundlich von Ihnen, liebe Monika!" Herr Klauber stellte die Tasse Kaffee links neben seinen Kuchenteller, drehte sie herum und legte die Gabel mit der Serviette zwischen Tasse und Teller. Er war Linkshänder, daher war seine Sicht der Welt seit jeher eine andere als die der meisten.
Doch hier war das einerlei. Hier konnte er so sein, wie er war. Im letzten Jahr ohne seine verstorbene Frau Klara war das TreppenCafé mit den Menschen, denen er hier begegnete, ein Stück zu seinem Zuhause geworden.
"Und jetzt der Kalenderspruch, Herr Klauber. Welchen Spruch haben Sie uns heute mitgebracht?", fragte Monika, die dem Café ihren besonderen Charme verlieh, weil sie nie einen Unterschied zwischen ihren Gästen von der Treppe und denen im Anzug machte. Sie hieß alle gleich willkommen.
Herr Klauber zog den abgerissenen Kalenderzettel vom 10. März aus seiner Hosentasche:
"Im Gleichgewicht kann alles nur eine gewisse Zeit bleiben." Früher hatte er seiner Frau jeden Morgen den Spruch des Tages vorgelesen. Heute nahm er ihn mit hierher und las ihn vor.

Mia, Café-Schreiberin
Als Herr Klauber von seiner Tasse Kaffee und seinem Stück Käsekuchen aufschaute, saß sie noch genauso da wie vor einer Viertelstunde, als er das TreppenCafé betreten hatte. Regungslos hielt sie den Kopf gesenkt, den Blick starr auf die aufgeschlagene Schreibkladde geheftet, die vor ihr lag. Neben ihrem Sessel stand ein grüner Seemannsrucksack. Sie trug verwaschene Jeans, ein zerknittertes, viel zu großes blaues Hemd und altrosafarbene Boots. Die erkannte Herr Klauber sofort wieder, weil seine Enkelin Miriam sich die auch zu ihrem 16. Geburtstag in diesem Laden mit dem englischen Namen Like you gekauft und ihm stolz gezeigt hatte.
Ihre Haare waren schwarz und zerzaust. Die Brille war dunkel und eckig, an den Seiten dunkelblau, schmaler. Wie alt sie war, konnte er nicht so recht schätzen, bestimmt nicht viel älter als Miriam, dachte er. Herr Klauber war so sehr fasziniert von ihrer bewegungslosen Konzentration, dass ihm die neuen Lampen vor den Fenstern des Cafés erst gar nicht auffielen. Sie sahen aus, wie mit gold schimmerndem Reißpapier beklebt, und, weil die Sonne schien, huschte ab und zu ein Sonnenstrahl auf das weiße Blatt Papier der jungen Frau.
In der linken Hand hielt sie einen Stift, der, so schien es ihm, über dem Blatt schwebte und nur darauf wartete, endlich auf dem Papier eine wunderbare Wortlandung hinzulegen.
"Keine Worte sind eine Bruchlandung, und geklatscht wird dann nicht mehr!" Mit diesen Worten hob sie den Kopf und blickte ihn geradewegs an.
Herr Klauber erschrak, als er ihre gesprochenen Worte so unvermutet neben seinem Kuchenteller vorfand. Er hatte sich nicht verhört, sie hatte in seine Richtung gesprochen.
"Ich bitte vielmals um Entschuldigung, wenn ich Sie in Ihrer Wortfindung gestört haben sollte und jetzt dafür verantwortlich bin, dass Ihre Worte Ihnen den Dienst verweigern!" Herr Klauber versuchte ein entschuldigendes Lächeln.
Sie lächelte nicht und schaute wieder auf die leere Seite. "Woher wissen Sie, dass es eine leere Seite ist?", fragte sie von ihrem Tisch noch einmal herüber.
"Ich nehme es doch an, sonst würde Ihre Hand schon längst über das Papier fliegen, oder irre ich mich da?"
"Ja, das tun Sie. Die Worte sind längst da, sie stehen auch schon Schlange hinter der Seite, doch ich kann mich noch nicht entscheiden, welche ich aufschreibe und welche nicht. Die, die ich nicht auswähle, werden mir das übel nehmen, was ich verstehen kann, und deshalb muss ich immer sehr sorgfältig auswählen, welchem Wort ich den Vorzug vor den anderen gebe."
"Sollten Sie sich selbst und Ihren Worten nicht vielleicht eine Pause gönnen und sich von mir zu einem Stück Kuchen und einer Tasse Kaffee einladen lassen?", hörte sich Herr Klauber sie fragen und sah an ihrem erstaunten Gesichtsausdruck, dass sie nicht weniger überrascht war als er selbst.
Sie schaute noch einmal auf ihre Schreibkladde, legte den Stift daneben und klappte sie zu.
"Vielleicht haben Sie recht." Sie stand auf und kam an seinen Tisch. "Ich bin Mia und Café-Schreiberin, komme aus Wuppertal und kann Gedanken schmecken."
"Ich bin Franz Klauber und Café-Genießer, lebe hier in Iserlohn und bin täglicher Kalenderspruch-Abreißer."
Mia lachte tatsächlich ein wenig. "Welchen haben Sie heute abgerissen?"
"Er setzt sich an eines Tisches Mitte, nimmt zwei Bücher – und schreibt das dritte." Herr Klauber schob den Kalenderzettel zu ihr hin.
Mia nickte und nahm ihn vorsichtig in die Hand. "Wilhelm Busch!" Sie drehte sich herum und ging zur Theke, um zu bestellen.

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