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Ute Bienkowski - Arbeitsproben

CYRAN DER WANDERER IN DEN GÄRTEN DER WEISHEIT

"Ob Hab oder Gut, Fähigkeit oder Errungenschaft, keines ist von einer den Tod übrwindenden Dauer und nichts als einer endlichen Welt Leihgabe, und eines Tages wird man alles unerbittlich von uns zurückverlangen."
"Nie zuvor hab in dieser Weise ich zu denken vermocht", gestand Nemir, der solche Worte noch nicht vernommen hatte, und fuhr fort: "Kann ich doch nicht verstehen, das ein Mensch, dem so viel Schmach widerfuhr, wie du frei von Zorn sein kann." "Nichts ist, als was es uns in der Welt des Sichtbaren bisweilen erscheint", erklärte der Weise. "Unseren Meinungen fest verhaftet, machen wie die Welt zu der, die sie ist, und zu unseres Geistes Widerhall; denn es entstehen alle Dinge im Geiste, und so kommt an Macht nichts ihm gleich. Meine weisen Lehrer, die in den Gestaden der Wahrheit und Weisheit ihre Heimstatt hatten, wussten um den Sinn hinter den Dingen, jenseits aller Gegensätze und jeder Bedingung. Nicht der Augenschein noch der menschliche Verstand oder gar noch die Gelehrsamkeit vermögen den Schleier zu durchdringen, hinter den sich des Himmels Sinn so geschickt zu verbergen weiß. Auf dem Fundament dieser Einsichten ist mein Haus gebaut, mit diesen Wahrheiten ausgestattet, und wo immmer ich hingehe, ich nehm es mit; mir zur Wohnstatt ist es geworden, aus der mich zu vertreiben niemand vermag." "Wenn du mir auch verzeihst", bemerkte Nemir zu dem Weisen gewandt, "so bleiben an das Gestern die Erinnerungen und ihre alles verschlingenden Schatten. Wie vermag mit dieser Bürde ich aufrecht zu gehen?" "Nicht die Ketten machen den Gefangenen", erklärte der Weise. "Im Lichte des Denkens betrachtet, sind der Welt mannigfache Verwicklungen nichts als eines Geistes Vielfältiger Erscheinungsformen. Willst du der Erinnerungen Knechtschaft entkommen, musst du sie freigeben, denn auch die Kraniche müssen ziehen, wenn sie den Herbst erst haben verspürt. Erinnerungen, denen du anhaftest, haften dir an. Wie Schlingpflanzen wollen sie dich umranken und dir den Blick auf das Heute versperren." "Nicht sehr vertraut klingen deine Worte in den Ohren des Suchenden. Ob ich ihren Sinn wahrlich zu erfassen vermag, dieses weiß ich nicht, " bekannte der Feldherr. "Darum sage mir, o Weiser, wie vermag ich deiner Wahrheit folgen und den Weg zu ihr finden ?" "So wie dich deine Bestimmung hierhin getragen hat", entgegente Nahot, "aber bedenke: Wer nachfogt, geht nicht voran, denn das Wissen und die Wahrheit anderer können nur als Kompass dir dienen; doch wenn du den Weg beschreitest, gehst du allein. Siehst du die Berge dort im Osten?", fuhr der Alte fort und ließ seinen Blick über die Weiten der umliegenden Berge mit ihren hoch aufragenden Dächern schweifen. "Ihren Höhen kannst du dich aus ganz unterschiedlichen Richtungen nähern und als Reisender verschiedene Fortbewegungsmittel benutzen. Folge dem Weg, der dir betimmt ist; denn es hat - wie du weißt - ein jeder seine Art, zu reisen. Wenn gleich die Pfade auch unterschiedlich sind, auf des Berges Gipfel treffen sie alle zusammen." "Wie vermag ich aber zu erkennen, welche die rechte Wahrheit ist, gibt es der Worte, die sie beschreiben, so viele, und mannigfach sind sie in ihrer Bedeutung", bemerkte der nach Wahrheit Suchende, und es antwortete ihm der Weise:" So wenig man dem Blindgeborenen den Regenbogen und dem Tauben den Gesang der Nachtigall beschreiben kann, so wenig weiß ich dich zu lehren, was nur gefunden werden kann, denn es entzieht sich die Wahrheit allem Sagenden; trügerisch sind die Worte; was sie beschreiben, sind sie nicht, und es wird sie verwehen der Wind. Allein das Empfinden ist dem Suchendn ein verlässlicher Führer, weil es seine Schritte dorthin lenkt, wo seine Bestimmung harrt, und so ist es einer Seele Weglenkung und eines Lebens Wegweiser. Wie der Kreis nicht Anfang noch Ende kennt, ist der Weg in sich bereits das Ziel; und wer sich einst auf den Weg gemacht, weiß, dass nur zu sich selbst er kehrt zurück. Mögen duese Einsichten ein Leitstern dir sein, dessen Licht die Welt erhellt und die Wüstenei wandelt zum Garten!"

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