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Murat Baltic - Arbeitsproben

FATWA (Auszug)

Nail-Agas Sohn Sulejman war herangeewachsen, auch er war täglich im Laden. Er kam, um ihn am Morgen zu Öffnen und zum warten bis Rajka kam. Er pflegte noch gewisse Zeit dort zu bleiben, dann ging er fort bis zur Dunkelheit. "Herr ist Herr", dachten Mileva und Rajka, "und er kann in seinen Lden kommen, wann er will." Als sie heranwuchsen, begann rajka, ihn verstohlen nzuschauen. Aber ncht nur sie schaute. Wenn sie sich trafen und noch allein waren, folgte er ihr mit dem Blick, heftet seine schwarzen Augen auf sie, als wolle er sie damit austrinken. Sie spürte diesen durstigen Blick auf sich, auf ihren Schultern wie ihr Hemd oder im Haar das gelbe Tuch oder die Haarspange, auf der Brust wie das Leibchen, das sie einschnürte, und sie betrachtete Sulejman selbst aus den Augenwinkeln. Doch wenn sich ihre Blicke trafen, was immer häufiger geschah, errötete sie wie ein Apfel. Die Begegungen waren nur kurz, denn sie senkte immer sofort den Kopf und ihre Augen. Auch Sulejman war nicht ausdauernder, er war selbst schüchtern und ruhig. Er war ein sehr großer Bursche, aber aus einer gewissen Bescheidenheit richtete er sich nicht ganz auf, und es war ihm zur Gewohnhiet geworden, mit halbgesenktem Kopf zu gehen, was dazu führte, dass er in den Schultern etwas gebeugtwar. Er war zwar der Sohn des Hausherrn, aber das hatte keinerlei Einfluss auf seine Haltung, er war schweigsam und arbeitsam wie ein beliebiger Lohnarbeiter.
Doch einmal waren sie allein im Laden, es war schon zur Abenddämmerung; Kunden gab es nicht mehr, aber es galt, noch allerhand zu versorgen. Sie trafen sich auf der Schwelle zwischen Magazin und Laden. Mit vollen Händen schritten beide mit dem rechten Fuß über die Schwelle, stießen fast zusammen und standen sich Auge in Auge gegenüber, in gleicher Höhe, als hätten sie das tagelang geplant; aber jetzt, wo es geschah, waren sie verwundert und überrumpelt. Da war jede Scham bei beiden verschwunden, und alle Gründe, deretwegen sie sich immer wieder gezeigt hatte, waren plötzlich wie weggewischt oder absichtlich vergessen. Sie schauten sich unverwandt an, er durchdrang sie mit seinen Blicken, sie heftete ihre grünen Augen auf seine Stirn. Wie mit Blei begossen blieben sie so einige Zeit stehen. Sie spürte einen milden Hauch, der sie am Hals liebkoste und sich warm über die Schultern und die Brust hinab ergoss, sie an den Ohrringen berührte, die ihr unter dem Tuch hervorschauten, aber sie bewegte sich nicht, im Gegenteil, es war ihr lieb und schien ihr, als flöge sie zum Himmel hinab, als verwandle sie dieser Hauch in eine leichte, blassbläuliche Wolke. Und er hatte sich ganz in ihren grünen Augen mit den klaren und reinen, schneeweißen Augäpfeln verloren. Dieses Grün ihrer Augen war seltsam, früh am Morgen wie junges Gras, wie das frische Grün, das sich in den ersten Frühlingstagen zeigt, zur Sonne hingewendet, grün wie Glas. Ihre Augen trugen, so schien es, eine Wabe mit jungem Honig in sich und beherrschten im Halbdundel strahlend das ganze schöne Gesicht. Wie groß auch die Dunkelheit war, sie waren da, beleuchteten den Raum ringsum.
Sie rührten sich nicht. Er starrte sie über ihre für ein Mädchen ungewöhnlich breiten Schultern an und blickte auf ihre schwellenden, vor Jugend und Gesundheit immer feuchten Lippen, die leicht geöffnet seinen zusammengezogenen und ernsten ganz nahe waren. Auch sie war ernst, doch hatte sie zu jeder Zeit ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Jeden Augenblick erwartete man, dass sich dieses breite Lächeln zeigte, aber nein, noch einen Moment, zwei, zehn, da ist es.

"Lieber Gott, Wohltäter und Schöpfer von allem, sündigen Menschen und nützlichen Pflanzen, unschuldigen Tieren, von allem, was erschaffen ist und womit du die Seele füllst, du Nährer mit Erde und Wasser, öffne heute unsere Seelen, so wie du Blumen öffnest. Öffne unsere Seelen, damit wir aus ihnen Hass, Selbstsucht und Zweifel vertreiben und sie mit Vertrauen in uns selbst, in die Welt, die Nachbarn füllen können, ohne Angst, dass uns Böses angetan wird, ohne Furcht, dass wir selbst Böses tun werden. Bewahre uns vor Feigheit, befreie unsere Herzen von Angst, dass sie vor Schmerz bluten können.
Erfülle uns winzige, furchtsame, schwache und selbstsüchtige Geschöpfe mit Liebe. Verwandle uns heute in eine harmlose Blume, in eine Pflanze, die neben anderen Pflaanzen wachsen kann, in deine ergebenen und reuigen Diener. Unsere Hände sollen bereit sein, im Unglück zu helfen, sich an guten Werken zu wärmen, wie an der Sonne, sie sollen so weiß wie dieses Tuch sein. Öffne unsere Augen weit, sie sollen nicht blutig werden und sich nicht vor dem Nachbarn verschließen, unsere Kehlen soll kein Durst quälen, sie sollen bereit sein, vor Freude zu singen und zu weinen."

Er begegnet ihrem Blick und versucht, ihre Augen auf sich zu ziehen, um in sie einzudringen, sie auszutrinken, um wie früher ihrem Glanz und ihrer Weite zu begegnen. Denn wenn auch der Blick aus ihren Augen das Höchste war, was er von ihr erhalten hat, jetzt erst weiß er, wie viel das war und wie viel es ihm bedeutet hat. Er fragt sich, ob er das noch einmal, nur für einen Augenblick, erleben, ob er nur für den Bruchteil einer Sekunde in dieses Feuer fallen kann.
Sie steht noch dort. Er weiß, dass er genug Zeit hätte, um hinauszugehen, um den Weg zu seinem Laden einzuschlagen und sich an die Arbeit zu machen. Er weiß, dass er ihr begegnen würde, ihr die Hand geben und ihre Haut berühren könnte. Doch das ist es nicht, was er jetzt möchte. Deshalb will er sich nicht rühren. Er wird steif, schaut und flüstert in sich hinein: Warum soll ich mich dir mit diesem vertrockneten Körper nähern, wenn ich doch mit der Reinheit meiner Seele und meinem Blut in deinen Adern bin. Warum soll ich zu dir mit dicker und schwerer Zunge sprechen und dich mit meinem Kummer belasten? Als ob du keinen hättest, bist du doch nicht so glücklich, keinen zu haben. Ich weiß weder, wer ich bin noch was ich bin. Wohin ich mich auch wende, ich sehe nichts, keinen Blick, kein Wort und kein Lächeln. Überall nur schmutzige und befleckte Tische, mit Fliegendreck bedeckte Fensterscheiben. Ich trage einen einzigartigen Duft in der Seele, einen, den ich nicht riechen kann, den ich nur mit stinkendem Schnaps begieße, und ich weiß nicht, ob ich so verfaulen oder verbrennen werde. Ich weiß, das ich vertrockne, das ich einmal ausgetrocknet sein werde wie ein Graben, wenn es nicht regnet. Soll ich dir die Hand reichen, dich berühren, zu dir reden? Auch das nicht, denn du bist dort in den starken Händen eines anderen, meine wären nur Salz auf die Wunde, für uns beide. Ich weiß nicht, wie es dir geht, ob du dich nach der Ferne sehnst, um dich zu verlieren und zu vergessen? Du wirst zu jenen groben Fingern zurückkehren, mir aber genügt auch dieser immer gleiche Stuhl, der mir Heim und Bett und Frau ist.
Das gelbe Tuch spielte in der Luft, doch dann wandte sie sich mit unsicheren Schritten ihrem, Milevas Haus zu.

...Chaos entstand auch in den Gassen. Wenn es einigen gelungen war, aus der Festung zu entkommen, erwartete sie der Tod in der Stadt. Nur wenige kamen über die Grabovica und den Tuhovac, aber auch dort erwartete sie das Messer, denn es gab keinen Teil der Stadt mehr, in den keine serbischen Soldaten gelangt waren.
Einer drang in die Moschee ein. Dort traf er den Hafiz Mehmed Abdagic, der sich zum Nachmittagsgebet verneigte. Als er ihn so ruhig und auf den Knien liegen sah, blieb er mit dem gezogenen Säbel in der rechten Hand stehen. Der Hafiz entbot Selam zur rechten, dann zur linken Seite, nahm die Gebetskette und begann das dazugehörige Gebet. Er beendete es, rückte ein wenig nach rechts und blieb sitzen.
"Wieso bist du hier?" fragte ihn der Soldat.
"Wieso bist du im Bethaus?" entgegnete der Hafiz.
"Gerade haben wie Sjenica eingenommen. Alle sind geflohen, nur du sitzt hier ganz ruhig."
"Dies ist das Haus Gottes, niemand kann es einnehmen. Weder du, noch ich oder tausend andere, ich diene hier dem teuren und erhabenen Gott."
Der Soldat wurde zornig, hob den Säbel und schrie:
"Jetzt schlage ich dir den Kopf ab wie einem Rebhuhn."
"Nun, nun. Jeder soll seine Arbeit tun. Ich kann von hier nirgendwohin. Das Gebet für meine sündige Seele und dür deine sündige Seele ist ganz meine Arbeit, und der Tod liegt in Gottes Hand. Wenn er dir einen Säbel in die Hände gedrückt und befohlen hat, mich niederzumetzeln, dann ist das auch seine Anordnung, und es ist nicht an mir, damit zu hadern oder davor wegzulaufen."
Der Soldat senkte den Säbel.
"Du sagst, du betest auch für meine Seele?"
"Wir sind alle Gottes Knechte, er hat uns erschaffen und er wird uns vernichten. Wir alle sind im Himmel bei ihm."
"Warum drehst du so den Kopf nach rechts und dann nach links?"
"So tut es unser Urvater, Adem Pejgamber oder bei euch Adam. Wir alle folgen ihm nach. Wenn er den Kopf auf die rechte Seite wendet, sieht er uns fröhlich und glücklich, im Dzenet, bei euch das Paradies, und sein Antlitz und seine Seele lachen. Wenn er sich nach links wendet, sieht er den Teil seines Geschlechts, der schreit und im Dzehenem-Feuer brennt, bei euch in der Hölle, das zerreißt ihm das Herz, und er weint um sein Geschlecht."
Der Soldat sagte nichts. Er hob den Säbel, wandte sich um und ging aus der Moschee.

HÖLLENBAUM UND SCHLAFLOSIGKEIT (Auszug)

"Seit wann bist du hier?" fragte Sail.
"Von Anfang an. Seit geschossen wurde, seit die erste, zweite oder ungezählte Granate auf diese arme Stadt gefallen ist. Eine von ihnen traf auch mein Atelier. Dies war mein Haus, meine Galarie, mein Alles. Wie die meisten war ich auch im Keller, schützte meinen Kopf. Es pfiff, pfiff durch ihn hindurch. In dieser ganzen Hölle ist dieses Pfeifen am schlimmsten. Als ich zurückkam, war es zu spät, meine Bilder waren verbrannt. Ich fand noch etwas Leinwand und ein weing Farbe. Als die Granate explodierte, war ich zufrieden, davongekommen zu sein. Als ich in diese Brandstätte kam, tat es mir leid, dass mein Kopf noch auf den Schultern saß. Ich sammelte diesen Dreck ein, und nun lebe ich hier in der Straße der Rettung - so heißt die Straße, auf der du gekommen bist - bin einfach hier, als Zeuge des Daseins. Ich verstecke mich weder am Tag noch in der Nacht, suche keinen Schutz, fliehe nicht. Aber niemand bringt mich um."
"Es ist dir nicht bestimmt. Und die Stadt ist vielleicht gar nicht zu beklagen."
"Ah, doch, doch. Es gibt auf dieser Welt, auf dieser blutigen Erdkugel, Städte, auf die ist ein Fluch gefallen, und dann stößt ihnen so etwas zu. Einer ist immer im Dienst, um Feuer zu legen."
"Wer weiß, was der Grund dafür ist."
"Der Mensch. Wer sollte es sonst sein? Auf ihm liegt ein Fluch. Gott gab ihm Hände, einen Kopf und Zeit. Gab ihm Maurerkelle und Hammer in die Hand, nun baue, baue, baue. Er gab ihm auch vergnügen am Leben. So meinte der Mensch, etwas zu sein, etwas Großes, Ewiges, Höchstes. Gott sah er nicht mehr. Er vergaß ihn, vergaß den Nachbarn, den anderen Menschen. Nun, da nahm Gott ihm den Verstand, Maurerkelle und Hammer und drückte ihm Feuer in die Hand, als Teufel für den anderen. Und was tut er? Siehst du es? Kannst du es sehen, irgendetwas sehen? Ich kann weder Tag noch Stunde erkennen."
"Ein einziges Paar Augen sind zu wenig, um alles zu sehen, und ein Kopf zu klein, um sich alles zu merken. Nur einem ist das möglich."
Der Mann schwieg. Was er auch wollte, er war unzufrieden. Nicht nur unzufrieden - dies war schon Zorn, Groll, ja Hass, ein unbestimmter, allgemeiner Hass, einer, der die Seele beherrscht und vernichtet, ein Schädling.
Sail betrachtete immer noch die aufgereihten Rahmen. Sie waren ungewöhnlcih. Er schaute sie aus den Augenwinkeln an, aber auch den Mann, denn es interessierte ihn, ob der auch ihn betrachtete. Sein fettiges Haar hing unregelmäßig über das bleiche, pechige Gesicht. Seine Hände waren auffallend, die großen und schmutzigen Fingernägel mit verschiedenfarbigen Schichten darauf. Die Gelenke waren übermäßig ausgeprägt, fast unnatürlich.
"Was ist das hier im Zimmer?" fragte Sail schließlich.
"Bilder."
"Was für Bilder? Ich sehe nicht eines. Hier, da unten, das sind alles nur leere Rahmen, leere Leinwände."
"Sie sind nicht leer, nein. Das sind Bilder. Siehst du, wie viele es sind?"
"Ich habe schon Bilder gesehen und weiß was das ist, aber solche nicht."
"Und du wirst solche auch nicht sehen."
"Du bist also ein Maler, ein Künstler?" Sail erinnerte sich an seinen Freund Jerotije aus der Festung von Sjenica.
"Mehr ein Zeuge. Ich male, um die Wirklichkeit zu bezeugen. Die Kunst steht unter einem Fragezeichen. Sie hatte noch nie ausreichend Kraft, um die Menschen zu beeinflussen. Auf die haben Macht, Herrschaft, Geld, Besitzstreben Einfluss."
"Du bist sehr enttäuscht. Woher kommt eine so große Bedrücktheit? Das macht mir Sorgen."
"Ich sorge mich mehr um dich. Kann man denn nach all dem, was passiert ist, ncoh gläubig sein?"
"Bist du nicht sehr auf dich bezogen?"
"Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich bin ich das. Ich habe alle Malerschulen absolviert, habe von viel Besseren, als ich es bin, gelernt und bin von einer Galerie zur anderen gezogen, in der ganzen Welt. Ich habe nach Vollkommenheit gestrebt. Jetzt habe ich alles zur Wand gedreht. Du siehst die Rahmen und die Leinwände. Sie sind dem Licht und einem menschlicehn Blick abgewandt. Hier, zu Stein und Dunkelheit sollen sie sprechen. Sie werden so mehr sagen, mehr beweisen als einem Menschen. Für den ist Asche und Feuer, Blut und Gestank. Für seine Augen auch nicht, denn Gott hat ihn schon blind erschaffen, und er soll mit ihnen nichts sehen."
Sail beschäftigte sich weiter mit den Rahmen an den drei Wänden.
"Was bedeutet das hier in diesem Rahmen?"
"Auch das sind Bilder, aber mit zwei Gesichtern. Auf der anderen Seite habe ich gemalt, was ich mir ausgedacht habe, was menschliche Phantasie erschafft, wie man sagt, Inspiration und Kunstfertigkeit. Auf dieser Seite ist die Wirklichkeit. Wie sie sich gibt."
"Das verstehe ich nicht, ich sehe keine Farbe."
Der Hausherr stand auf. Er war hochggewachsen und mager, die Kleidung zerknitert und einfach, ein schwarzer Rolli, darüber eine nicht zugeknöpfte Lederweste mit Pelzkante, Jeans von unbestimmter Farbe. Er kam zu Sail um den Tisch herum und breitete seine Arme aus.
"Komm hierher. Komm, komm näher, wir wollen sie gemeinsam ansehen." Er machte ein paar Schritte.
"Hier, siehst du? Schau genauer hin. Ich habe gesehen, dass du die ganze Zeit hierher starrst, obwohl du es so tust, dass es unbemerkt bleiben soll. Das heißt, dss es auch andere Menschen interessieren wird, und das war mein Ziel. Wenn jemand übrig bleibt."
"Noch ist nicht der Jüngste Tag, und auch den wird irgend jemand überstehen."

Das war die äußere, körperliche Seite des Zeichens. Sail kannte den Inhalt der Hälfte, die er vor langer Zeit gefunden hatte. Dort stand auf Arabisch geschrieben: Allah befiehlt Gerechtigkeit und gute Werke, er verbietet Schamlosigkeit, abscheuliche Taten und Gewalt; auf Kirchenslawisch: Warum siehst du den Dorn im Auge deines Bruders, aber den Balken im eigenen Auge siehst du nicht; und auf Hebräisch: Auf drei Dingen steht die Welt: auf der Thora, auf Arbeit und auf guten Werken.
Sorgsam öffnete er das Zeichen wieder und drehte seine eben gefundene Hälfte zum Licht der Sterne und des Mondes. Er bemerkte, dass auch sie in drei gleiche Teile eingeteilt war. Auf einem Teil stand auf Arabisch geschrieben: ich bin nur Feuer und verführe die Menschen; auf dem zweiten Teil das Gleiche und in Kirchenslawisch und auf dem dritten auf Hebräisch.
Er hielt das Zeihen ein wenig von sich weg udn betrachtete es ruhig im Ganzen. Er drehte es auf die erste Seite und als laut ihren Inhalt, dann auf die andere Seite und las auch deren Inschrift. Er schüttelte einige Male den Kopf.
"Ist dies das Seil des Lebens, oder das Seil des Todes, auf dem ich die ganze Zeit gehe? Hat mein Gehen Ähnlichkeit mit dem Gang anderer? Sind die Wege eingefasst von diesem Rand des Zeichens, seiner vorderen und seiner Rückseite? Oder ist dies der Augenblick der Erkenntins? Ist das Zeichen nicht der Inhalt des Buches? Und das Buch? Es ist die Verkörperung göttlicher Erkenntnis und Erhabenheit, es wird nur im menschlichen Verstand übertragen und bewahrt. Und Erkenntnis? Ist sie das Auffinden des Zeichens? Heilt sie oder fügt sie Schmerzen zu? Kann sich der Mensch denn endlich fühlen, wenn er erkennt? Ist nicht das Böse zu mächtig? Die Völker des Hud, Nuh, Pharao, Israel und andere sind meine Zeugen. Auch dieses in Bosien. Das von gestern, heute und morgen."
Er hält inne. War das eine Rede, ein Monolog? Denn er weiß, dass niemand ihn hört oder ihm zuhört. Nur der Himmel. Dieser große rote, rötliche, hellblaue mit seinen kalten und warmen Sternen. Und der Mond, ohne den der Blick des Menschen nachts traurig und leer wäre. Nicht jeder gewöhnliche Blick, aber doch der in den Himmel, der mit dem wir zu Atem kommen. Und auf die Sonne, die jetzt jemanden auf der anderen Seite der Erdkugel, an der anderen Seite des Zeichens, wärmt und ihm Hoffnung gibt.
Alles, was die Kudret-Uhr bringt, die einzige, die eines jeden Dauer getreu vermerkt. Er blickt unter sich in die Ruine, in die Bibliothek, die viele nicht verstehen. Sie haben Angst vor dem Seil, vor dem Rand, dem Zeichen? Er sieht auf die Asche, in der Hunderte, Tausende von Wünschen, Gedanken und Blicken verloschen sind. Wieviel Geduld, Liebe, Herzlichkeit, wie viel Zeit, wie viel Zeugen?
"Diese Nacht ist wirlich außerordentlich für mich und für Sarajevo. So viel und solch ein Licht über uns. Und unten, unter mir wächst die grüne Fichte. Sie ist die Hüterin dieser Stadt, die schon heilig ist. Es werden keine Granaten mehr auf sie fallen, dafür Gottes Barmherzigkeit und Licht auf die Menschen und die Liebe in ihr. Ruhe und Frieden den unschuldigen und friedlichen Seelen. Die anderen aber mögen versuchen, Frieden zu finden. Ich schwöre wahrhaftig bei den Untergängen der Sterne", sagte er.
Er betrachtete sie und wusste, dass er sie so nie mehr sehen würde. Er ließ die Kuppel geöffnet und kehrte wieder zurück in den sechseckigen Raum mit den Büchern. Unter der Achsel trug er noch ein Buch, das er zu den anderen tun wollte: Chorion Bosona von Konstantin Pophyrogennetos.
Als er unten angekommen war, bemerkte er einen Brief. Damals Handschrift. Der Stempel aus München.
Durch die sechseckige Öffnung auf dem Dach kam die hinreißende Melodie von Mauricce Ravels Bolero.

TAG DER VERLIEBTEN (Sarajevo 1995)

Der heilige Valentin
Fliegt heute morgen
Herab auf dein Haus
Und bietet Liebe an.

Kinder tot und ungeboren
klaffen aus jungen Mädchen
Nur die Vögel fliegen empor
Mörder
Und kürzen Kinderarme.

Öffne dein Fenster nicht Liebste
Wenn du noch Frau bist
Der heilige Valentin bringt Tod
Und ich höre ihn schluchzen.

Nicht Pflanze
Nicht Mensch
Nicht Himmel werden
Den heutigen Liebestag
Überleben.

BEGRÄBNIS

Über dem steinernen Haus meines Vaters
Pflückt ein alter durchweichter Knochen
Eine junge Ähre.

Selten spielen nasse Hunde
Mit seinem Grau
Und geben ihn dem Korn zurück.

Der Vater vergräbt ihn tief in der Erde
Und lobt zufrieden Gott
Für die endgültige Fäulnis.

Dann sammelt der Vater uns Barfüßige auf
Und führt uns zum Sonnenaufgang.

In furcht hören wir
Ein Dröhnen hinter uns

THEMA (für Elvira)

Du ziehst deinen Nachwuchs groß
Durch scharfe weit entfernte Halme
Und suchst eine weiße Blume
Um deinen Blick anzulehnen.

Am Morgen
Machst du mit den Augen den Himmel neu
Des Nachts
Entzündest du das kalte irdische Mark.

Fruchtbar von Lebenssymbolen
Weinst du östliche Musik
Tränenden Auges
Träumst du vom Süden bis hin zu grenzenlosem
Schmerz.

Aus: Des Tages letzte Stunde

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.