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Isolde Ahr - Arbeitsproben

DAS HAUSBOOT

Ein Glück, dass es jetzt diese Straßenbahnhaltestelle in der Nähe des kleinen Sees gibt. Schließlich bin ich zweiundsiebzig Jahre alt, da fällt das Laufen nicht mehr so leicht. Ich hatte ihm versprochen, noch einmal an unseren kleinen See zu gehen. Ich war gespannt, wie es jetzt dort aussähe, an dem Platz, von dem wir so viele Jahre geträumt hatten.

Es war ein heller Sommertag. Die Sonnenstrahlen brachen sich in den Buchenblättern und ließen sie fast durchsichtig erscheinen. Gelbe Sumpfdotterblumen, Wegerich, weiße Kamillenblüten und Blutweiderich wucherten dort, wo einstmals der Weg zum Ufer des Sees verlaufen war.

Von dem Bootssteg waren nur ein paar Pfähle übriggeblieben. Da lag das Hausboot, auf dem wir uns vor mehr als fünfzig Jahren so oft getroffen hatten.

Trostlos sah es heute aus. Die schwarze Lackfarbe des Rumpfes abgeblättert, die graubraunen Holzplanken vermodert. Reste der grünen Farbe, in der das Haus damals geleuchtet hatte, konnte man noch erkennen. Die Fensterscheiben zerbrochen. Dort waren Blumenkästen mit roten und blauen Blumen gewesen, als ich das Boot zum ersten Mal sah. Auch das Dach war zerstört, Löcher ließen den Regen hindurch.

Nichts bleibt, wie es einmal war, hatte er gesagt. Und doch hatte er sich gewünscht, dass ich noch einmal mit ihm an diesen Platz ging.

Ich ließ meine schwere Tasche vorsichtig zu Boden gleiten und setzte mich auf den dicken Stein, den wir oft als Tisch benutzt hatten. Die Wärme der Mittagssonne machte mich schläfrig. Nur einmal kurz die Augen schließen.

Dann hörte ich Stimmen. Die eines jungen Mädchens und die eines jungen Mannes. Ich kannte beide. Ich trug ein weißes Leinenkleid, hatte die dunklen Haare zu einem dicken Zopf geflochten und mit einer großen Schleife zusammengebunden.

Er winkte mir zu und strahlte. Schnell zog er das Boot am Tau näher zum Bootssteg hin, damit ich einsteigen konnte. Dann lagen wir uns glücklich in den Armen. So lange hatten wir uns nicht gesehen. Er hatte meinem Vater versprechen müssen, daß wir uns nicht wiedersähen, bevor er beruflichen Erfolg hätte. Aber welcher Dichter hatte schon Erfolg. Wir machten uns wenig Hoffnung, daß Vater nachgeben würde.

Als ein Frosch mit einem kräftigen Klatschen ins Wasser fiel, riß ich erschreckt die Augen auf. War ich eingeschlafen? Ich hatte doch noch so viel zu tun. Schließlich hatte ich es ihm versprochen.
Ich öffnete meine große Tasche und nahm die Urne mit seiner Asche heraus.

DER HAUSMANN

"Du kommst schon wieder eine halbe Stunde zu spät. Wie soll ich das Essen so lange warm halten, ohne dass es anbrennt?" beschwert er sich, als sie die Wohnungstür öffnet. "Die Kinder sind schon im Bett, sag ihnen wenigstens Gute Nacht!" Er ist schon wieder gekränkt. Dabei liegt es heute wirklich nicht an ihr, sie hatte im Stau gestanden.

Als die Zwillinge geboren wurden, war er noch nicht ganz mit seinem Studium fertig. Sie verdiente in ihrem Beruf genug für die kleine Familie. Sie stellten keine großen Ansprüche. Also wurde beschlossen, dass sie nach dem halben Jahr Mutterschaftsurlaub wieder arbeiten gehen würde. Er wollte zunächst einmal den Haushalt übernehmen und sich nach dem Abschluss in Ruhe eine Ansstellung suchen.
Anfangs schien es so, als mache es ihm Freude, die Kinder zu versorgen und den Haushalt zu führen. In den letzten Wochen allerdings war er oft schlecht gelaunt und missmutig, wenn sie nach Hause kam.

Sie spürte seine Unzufriedenheit. Er beneidete sie um ihre Berufstätigkeit. Eifersüchtig war er auf ihre Kollegen und Kolleginnen, mit denen sie sich hin und wieder zum Mittagessen oder auch mal am Abend traf.

Heute morgen hatte sie erfahren, dass sich ihre besten Freunde trennen würden. Das hatte sie sehr betroffen gemacht. Vielleicht sollte sie sich doch etwas mehr um ihn bemühen, ihn mal wieder zum Essen in ein nettes Restaurant einladen. Sie könnten auch zu Hause bei Kerzenlicht gemütlich zu Abend essen, nur sie beide.

"Ich sehe nach den Kindern und geh noch schnell unter die Dusche. Wir können dann sofort essen!" ruft sie. Als sie in ihrem hellgrünen, durchsichtigen Neglige aus dem Bad kommt, geht er gerade ins Schlafzimmer. Sie wirft ihm eine Kusshand zu und lächelt ihn auffordernd an.

Er verzieht schmerzhaft sein Gesicht und presst die Handflächen gegen die Stirn. "Laß mich", klagt er, "meine Migräne, du weißt schon!"

FLAUTE

Kurz bevor die Sonne ihren höchsten stand erreichte, wurde das Meer ganz ruhig. Flirrend stand die Luft über dem Segelboot. Kein Wind, keine Bewegung.

Auch auf dem Boot regte sich nichts. Der Mann lag satt und faul auf Deck unter dem Sonnensegel. Durch die dunklen Gläser seiner Brille sahen die Sonne und selbst das schlaffe Segel schwarz und drohend aus. Er lauschte, ob von unten Geräusche von seiner Frau zu hören waren. Nichts! Sicher lag sie wieder in der Koje und hatte ein Glas in der Hand, inzwischen sicherlich ein leeres Glas. Und bestimmt war es nicht das letzte für heute.

Sie hatten sich diese Reise viele Jahre so schön ausgemalt. - endlich frei. Doch als alles bereit war für den Segeltörn, wollte sie nicht mehr mit. Sie hatte ihm aber nicht gesagt, warum. Er hatte darauf bestanden, daß sie mitkam - schließlich war es so geplant. Hatte sie ihm nicht ständig vorgeworfen, dass sie sich kaum noch sahen, und dass sie keine Zeit mehr hatten miteinander zu reden. Jetzt hatten sie Gelegenheit. Nun das! Sie tat, als sei er überhaupt nicht da. Wenn er sie berührte, zuckte sie zusammen. Und mehr? Er war doch kein Bettler!

Er mußte brüllen, damit sie die Segelmanöver richtig mitmachte. Er wollte brüllen, damit sie merkte, dass es ihn noch gab. Und er brüllte viel. Hier auf dem Schiff fast och mehr, als zu Hause.

Er würde es sich nicht gefallen lassen, dass sie ihn ignorierte. Er würde sie zwingen, ihn zu sehen und zu fühlen. Sie sollte spüren, dass sie ihm gehörte. Er wälzte sich entschlossen aus dem Liegestuhl.

Sie hörte das Knarren des Stuhls und duckte sich tiefer in die Koje.

Plötzlich ging ein Ruck durch das Schiff. Es bewegte sich im Wind. Die Segel blähten sich. der Mann griff nach der Leine und vergaß die Frau.

DER MARIENKÄFER

Auf einer tiefgrünen Wiese möchte ich liegen mit dir - im wärmenden Sonnenschein. Mein Kopf ruht wohlig in deiner Armbeuge, gemeinsam sehen wir in den blauen Himmel und träumen unser Leben.

Weiße Wolken tragen unsere Sehnsüchte und Hoffnungen davon. Ein kleiner roter Käfer mit elf schwarzen Punkten fällt vom Baum auf deinen entblößten Oberkörper. Er bewegt sich zwischen den Haaren auf deiner Brust. Meine Finger zeichnen den Weg nach. Vorsichtig breitet er die Flügel aus und schwirrt davon. Ein Glücksbote, dieser kleine Marienkäfer, sagst du und umschlingst mich mit deinem Armen.

Langsam geht die Sonne unter. Es wird kühl und mich fröstelt. Wir müssen gehen - jeder zurück in sein Leben.

AM MORGEN

durch meine tagträume
wabern nebelschwaden
zerschmolzenes licht
am hingestreckten morgen
mondverlassener stille

unverdrossen singt
die amsel ihr lied
der fluss schweigt
sterbensbang
wetterfestes lächeln
ohne wärme
hinter den augen

auf schwarzem asphalt
kreischt der kommende tag

EINSAM

bewohnte
augenblicke
fürchten
worte
die farbe
bekennen
über
niedergemähte
jahre
stimmen
gemeinsamer
einsamkeit
tintenblut
hat eine
verzweifelte
sprache

FLUCHTBEREIT

damals
blühten im frost mandelbäume
der atem des adlers wehte
herbeigeschmolzener frühling erstarkte

nun
sind füße fluchtbereit
erfrieren christrosen im sommer
raubt der albatros die luft
blicken augen winterhart

sind
zärtlichkeiten zu bruderküssen erstarrt
worte auf dem weg erblindet
des tigers kraft gelähmt
der spiegel wir zerbrochen

FORTSCHRITT

FORTSCHRITT

noch wachsen
geschichten
lautlos
in der
warteschleife
des fortschritts

die tastatur
flüstert
speichert
kälte

blaues schweigen
sendet
trübes licht

in der nacht
geht sprache
verloren
aus deinem
schlund
endzeitlaute

GEBORGEN

weich liegt das licht
auf deiner nackten haut
die sonne suhlt sich
blass im meer
besessen macht
die glut in deinen augen
zärtlich die stimme
der vergangnen nacht
dein duft hängt feucht
noch in den laken
rot leuchtet lust
auf deinem mund
ganz ohne disziplin
verschlingt dein atem
und deine hände
reißen mauern ein
geborgenheit umhüllt
uns wie ein mantel
auf abschied
sinnt der winterstern

KOMM LIEBSTER (für b.)

komm liebster du ferner
pflück mir die erste blüte
auf meiner sehnsuchtswiese
geschützt in deinen armen
lass länger mich nicht warten
im todesgarten harrt der frost

komm liebste du ferne
pflück mir die letzte blume
auf der wiese meiner träume
der tief vergrabenen lust
du sagst: es ist spät
erfroren ist die blüte

und deine worte springen
mich an mit kaltem schauer

REISE

Zorniger Bruder Zeit
verzeihst nicht
zerschwatzte Gefühle
am Ende der Geschichte
hat die Reise zu mir begonnen
sitze im Zug Zukunft
mit dem Rücken zur Fahrt
verzerrt rauscht Leben vorbei
keine überwältigenden Illusionen
will nicht mehr Schnittmuster
der Vergangenheit
in meine Tage überführen
ungeduldiges Schauen
auf tobenden Fluten
zum unbekannten Reiseziel

SCHLACHTFELD

leichenlächler an der angstangel
gischt reibt sich wund
an spitzen ufern
festgewachsen
geschichten voll bitternis
in der gegenwart
auf dem schlachtfeld des schmerzes

furcht verhallt
an der schwelle des tages
zärtlcih überwachsen
alt gewordene träume
leichthändig winkt mut
begegnet brüchig gewordenen zwängen

den augenblick im auge halten
in zeiten blinder melancholie

SCHREIE

fantasie schenkt
nacktem herzen
blutende kleider
wenn nachts
vor silbernen scheibe
schreie schweben
weil die woge asu worten
mich den schrecken
der schlaflosigkeit ausliefert

doch irgendwann
vertreiben sonnenstrahlen
die schatten des jägers
und das einhorn
leckt die tränen
von meinen träumen

SO EIN MANN

Als Frau in meinen Jahren
bin ich in puncto Männern sehr verwöhnt.
Er braucht Charisma, Geld, hat Stil
und reichlich Geist, den er verströmt.

Er sollte schon in sich vereinen,
den Gentleman und den Galan
und dann noch kulturell beschlagen
ein Muß wär, daß er tanzen kann.

Vor allem aber baucht er -
ich weiß, es klingt ein weing barsch -
ein wichtiges Kriterium, das wär
ein knackiger Arsch.

SPIEGELBILD

zersplittertes bild
im spiegel
brennt
ins auge
die zeit schminkt
gesichter
ohne farbe
altersflecken schreien
stolpergang auf
zerbrochener spur
staunende wege
schwerfällige jahre
aus bissbereiten fragen
geschärftes schweigen

TRAU DICH, FRAU!

Wenn NEIN du meinst,
dann sag es auch.
Trau dich, Frau!

Wenn JA du sagst,
dann mein es auch.
Trau dich, Frau!

Sagst du VIELLEICHT;
dann laß dir Zeit
Trau dich, Frau!

Tu, was DU willst,
nicht nur vielleicht.
Trau dich, Frau!

ZAUBER

steine schweigen
beredt
am hexentanzplatz
in der walpurgisnacht

am totempfahl
verschwiegener lust
finde ich mich
wortlos
in deinen armen

gemeinsame fahrt
über den styx
in immer neuer
gestalt
sich schnell berührend

zaubergeschichten
nur für dein ohr

ZUFRIEDEN

Auf der Bank
unseres jungen saftig grünen Frühlings
sitzen wir
im bunt gefärbten Herbst unseres Lebens
zusammen glücklich
ein opalisierender Tropfen Licht
rundet sich
wie der immer weiter werdende Blickwinkel
gemeinsamer Tage

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.