NRW Literatur im Netz

Friedrich Grotjahn - Arbeitsproben

Aus: EINE GERECHTE

"Sie will sich partout nicht mit dem Namen Magdalene anfreunden", sagte Gerdas Vater, als Sarah im Bett lag, "besteht stur darauf, dass sie Sarah heißt. Der Name ist tödlich. Doch bring das einmal einer Fünfjährigen bei."
"Der Name ist das einzige, was ihr geblieben ist", sagte Gerda.
"Abgesehen von ihrem Leben", sagte der Vater.
...
Nach dem Essen sagte Gerda: "So, und jetzt üben wir deinen Namen: Ich heiße Magdalene Herzberg."
"Ich heiße Sarah Herzberg", sagte Sarah und sah finster auf den leeren Grießbreiteller.
"Sicher heißt du Sarah", sagte Gerda. "Das ist dein einer Name. Dein anderer Name ist Magdalene."
"Warum?"
"Sieh mal", fuhr Gerda fort, "wir haben alle zwei Namen. Ich heiße Gerda Elisabeth. Aber ich werde nur Gerda genannt. Das ist praktischer. ... Und du..."
"Ich heiße Sarah", sagte Sarah. ...
"Jetzt verrate ich dir ein Geheimnis", sagte Gerda, als Sarah wieder am Tisch saß. "Das darfst du nicht weitererzählen. Dann wäre es ja kein Geheimnis mehr. Das ist nämlich so. Auf deinem Ausweis steht nur dein anderer Name: Magdalene, damit dich niemand mit den anderen Sarahs verwechselt."
"Warum?"
"Das ist nämlich nicht ungefährlich", sagte Gerda. "Du weißt, es ist Krieg. In Berlin fallen Bomben. Da gehen die Häuser kaputt. Vor den Bomben muss man sich verstecken. Da muss man in den Keller gehen, oder hier ins Dorf kommen, wo es keine Bomben gibt.
Aber Krieg gibt es auch hier, einen Namenskrieg. Es gibt Leute, die haben Krieg mit dem Namen Sarah. Die sagen: ‚Alle Mädchen, die Sarah heißen, sollen eingesperrt werden.’ Und damit sie Dich nicht finden, verstecken wir dich hinter deinem anderen Namen, hinter Magdalene. Da können sie lange suchen! Sie wissen ja nicht, dass die Sarah hinter der Magdalene steckt. Wenn der Krieg vorbei ist, dann kommst du wieder heraus aus deinem Namensversteck. Dann kannst du allen sagen, dass du Sarah heißt. Aber bis dahin sagst du: ‚Ich heiße Magdalene.’
"Und wann ist der Krieg vorbei?" fragte Sarah.

Aus: DER GESCHMACK VON MESSING

Demonstration am Steinplatz. Die ist nicht genehmigt. Polizei fährt auf und jagt Demonstranten. Als Christian und Rosa zum Platz kommen, ist schon alles in Auflösung. Getreu der Devise: "Provokation entsteht, wenn man die Konfrontation unterläuft", ziehen sie sich zurück. Ziel: Das Amerikahaus. Und während Polizei und Studenten am Steinplatz Räuber und Gendarm spielen, sammeln sich vor dem Amerikahaus knapp hundert Leute. Christian hat seine Fahne dabei. Oben ein rotes Dreieck, unten ein schwarzes, in der Diagonale zusammengenäht. So etwas haben im spanischen Bürgerkrieg Anarchisten getragen. Vor dem Amerikahaus wird sie entrollt. In Kaisers Kaffeegeschäft unter dem S-Bahnbogen hat jemand zwei Sechser-Kartons Eier gekauft. Hundert Leute, eine schwarz-rote und zwei rote Fahnen, zwölf Eier. Mehr sind sie an diesem Tag nicht gewesen.
Einer beginnt, die anderen fallen ein: Antiimperialistische Sprechchöre: "Ho Ho Ho Chi-minh!" – "USA SA SS! USA SA SS!" Schließlich kommt Lokales zur Sprache: "Brecht dem Schütz die Gräten! Alle Macht den Räten!"
Die Sprüche lösen hinten den Fenstern des Amerikahauses nachhaltiges Entsetzen und nervöse Telefonaktivitäten aus. Das Abendland ist in Gefahr einschließlich seiner Neuen Welt. Und weit und breit keine Polizei.
Christian hält in der rechten die Fahne, da schiebt ihm jemand ein Ei in die linke Hand. "Schmeißen oder weitergeben!"
Er gibt weiter an Rosa. Rosa mit dem Stern auf der Mütze tritt aus der Reihe und nimmt Anlauf. Das Ei klatscht gegen eine Fensterscheibe und läuft langsam daran herunter. Jubel, Gelächter. Und dann fliegen die anderen Eier von Kaisers gegen die imperialistische Fassade. Insgesamt neun. Zwei sind bei der Weitergabe heruntergefallen, eins in der Aufregung in Studentenhand zerdrückt worden.
Am Tag darauf hat es geheißen, es seien Steine gewesen. Die Presse von Berlin bis New York war voll davon, das Bild der steinewerfenden Rosa in allen Zeitungen. Polizisten sollten verletzt worden sein.
Plötzlich Sirenen. Mannschaftswagen stoppen, Polizisten springen heraus. Christian hat keine Zeit mehr, die Fahne einzurollen. Sie laufen so schnell sie können, sehen zu, dass sie beieinander bleiben. Sie sind schneller als ihre Verfolger. Da, zwei Wagen von vorn. Verwirrung unter den Demonstranten. Der große Haufe läuft nach rechts. Christian und Rosa lösen sich von den anderen nach links. Christian kennt sich aus.
"Achtung, die Blonde und der Typ mit der Fahne!"
Christian sieht sich um. Drei Grüne mit Schlagstöcken hinter ihnen.
"In die Kirche!"
Er zieht Rosa mit sich. Die Tür knallt hinter ihnen zu. Rosa schließt zweimal um. Der Schlüssel ist so lang wie ihr Unterarm. Von außen wird an der Klinke gerüttelt.
"Sie haben die Tür blockiert. Wo wohnt der Küster?"
Bei allem Gekeuche müssen sie lachen. Für den Augenblick sind sie in Sicherheit. In der Kirche ist es ganz still. Christian hat Rosa an der Hand gefasst. In der anderen hält er immer noch die Fahne. Sie stehen vor dem Marienaltar.
Und dann geschieht etwas, was Christian nicht für möglich gehalten hätte. Immer noch die Mütze mit dem Stern auf dem Kopf kniet Rosa vor der Madonna, faltet die Hände: "Maria breit’ den Mantel aus, mach Schirm und Schutz für und daraus; lass uns darunter sicher stehn, bis alle Stürm’ vorübergehn. Patronin voller Güte und allezeit behüte."
"Bist du katholisch?" fragt er verblüfft.
"Ist das ein Fehler?" fragt die Madonna.
"Gleich sind die Bullen da", sagt Rosa.
"Unter meinem Mantel ist Platz für alle Bedrängten."
"Und wie?"
"Über den Altar. Aber zieht die Schuhe aus."
Sie ziehen ihre Schuhe aus und stellen sie ordentlich vor die Stufen. Christian hilft Rosa auf den Altartisch.
"Augenblick noch", sagt die Maria. "Es gibt hier Regeln: Keine Waffen, keine Fahnen, keine Parolen. Was steht da auf der Rückseite von deinem Flugblatt?"
"Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser, kein Tribun," sagt Christian. "Das ist aus einem Lied: Die Internationale."
Maria kichert.
"Normalerweise werden hier andere Lieder gesungen. – Leg es dahin. Und wo wir schon dabei sind: Sprüche, in denen dazu aufgefordert wird, jemandem die Gräten zu brechen, will ich hier auch nicht hören."
"Der rote Stern an meiner Mütze?" fragt Rosa.
"Sterne finde ich schön", antwortet die Madonna. "Und jetzt beeilt euch, sie sind gleich da."
Derart abgerüstet klettern die beiden über den Altar. Maria hebt den Mantel ein wenig. Sie kriechen darunter. ... Sie sehen die drei Polizisten zögernd durch die Kirche kommen. Die stehen jetzt vor dem Altar.
"Eine Fahne und zwei Paar Schuhe."
"Beschlagnahmt! Mitnehmen!"
"Auf dem Altar ein Flugblatt."
"Denen ist wirklich nichts heilig", sagt der Polizist und steckt es ein.

Aus: GOTTES SCHUHGRÖSSE

Zweiter Weihnachtstag
Pastor Schäfer stand vor dem brennenden Tannenbaum. Und während der langsam niederbrannte, ging sein Blick nach oben. Durch die verkohlten Dachsparren konnte er den Himmel sehen. Er dachte an den Frieden, der von oben kommt, an die Dauer der real existierenden Kirche und die, die ihr dienen im Werke der Leitung und in der Arbeit der Liebe; an Gesundheit der Luft, Fruchtbarkeit der Erde und friedliche Zeiten. - Am Himmel war kein Stern zu sehen. Leise rieselte der Schnee.

Aus: DIE DRITTE TAFEL

Karl Zielinski faltete eine Militärkarte auseinender und breitete sie auf dem Tisch aus. ... "Und jetzt erzähle ich Ihnen, wie das gewesen ist an dem Tag, an dem für uns der Krieg zu Ende war." Er tippte mit dem Zeigefinger auf Draguignan und verfolgte, während er erzählte, die Strecke vom 20. Mai 1943 auf der Landkarte.
"Das war eine Routinefahrt, Leutnant Brinkmann und ich mit dem VW-Kübel, wie jeden Mittwoch und Sonnabend. Nur, dass wir am Schluss eine Kolonne durch die Gorges eskortieren sollten. Aber das war auch nicht das erste Mal.
Wir fuhren im offenen Wagen ... auf der Straße nach Grasse aus der Stadt heraus, dann nach fünfzehn Kilometern – hier – links die Landstraße hinauf durch die Obstgärten in die Berge. ... Überall waren die Leute am Heumachen. Leutnant Brinkmann stieg ein paar Mal aus und unterhielt sich mit ihnen; ob irgendwelche Fremden vorbeigekommen, oder ob ihnen sonst irgendetwas aufgefallen wäre. Ich wartete beim Auto und behielt die Straße und das Gelände im Auge.
Der Leutnant sprach französisch wie ein Franzose. Und wie er da stand und mit ihnen palaverte – wie eine Befragung hörte sich das eigentlich nicht an - , hätte man denken können, er wäre einer von ihnen. Nur dass er eine deutsche Uniform trug.
Von Bargemon sind wir dann weitergefahren zum Col du Bel Homme, einem Pass mit einem sagenhaften Blick über die Hochebene im Norden und die Hügelketten im Süden. Für den Leutnant war das der schönste Platz der Provence."
Zielinski strich über das Papier der Karte, als wollte er die Hügel der Provence glätten. "Hier sind wir ausgestiegen und haben mit den Gläsern das Gelände abgesucht, vor allem die Straße nach La Bastide. Die galt als nicht sicher. Aber da war nichts, was auffällig gewesen wäre. Als wir wieder einstiegen, hat Leutnant Brinkmann noch gesagt: ‚Mensch Karl, das ist mein Land!’ Und das hat er nicht so gesagt, als ob das Land ihm gehörte, sondern als ob er zum Land gehörte. Und bald war es ja auch soweit.
Zwei Kilometer weiter die alte Militärstraße. Die sind wir nach Westen gefahren bis nach Mathurine; ein Weiler, nur ein paar Häuser an der Straße, die nach Süden durch die Gorges de Châteaudouble nach Draguignan führt. Hier haben wir die Kolonne abgewartet. Das hat ungefähr eine Stunde gedauert. Dann sind wir mit dem Kübel vorweg nach Magdeleine und an Montferrat vorbei in die Schlucht: die Kolonne folgte im Abstand von zehn Minuten.
Du kannst hundert Mal durch die Gorges fahren. Das unheimliche Gefühl bleibt. Unten nur der Fluss, die Nartuby, und die Straße. Mehr Platz ist nicht. Rechts und links Felsen wie Wände, bis an den Himmel. Egal wie das Wetter oben ist, unten gibt es Strecken, da ist es immer trübe und feucht; und hinter jeder Kurve witterst du Gefahr.
Wir waren schon zu zwei Dritteln durch – genau hier – zwischen der Brücke, die rechts rauf zum Château führt, und Rebouillon, wo die Schlucht wieder weiter wird, da fuhren wir auf die Mine. Dieser wahnsinnige Knall! Der Kübel machte einen Satz und kippte auf die Seite: so."
Zielinski hatte das Salzfass genommen und auf die Stelle der Karte gekippt, an der die Mine hochgegangen war. Salz rieselte heraus.
"Beinah", fuhr er fort, "wäre der Wagen ganz umgekippt und auf mich drauf. Aber er blieb auf der Seite liegen. Und dann war es ganz still. Als ob selbst der Fluss den Atem angehalten hätte.
Ich war eingeklemmt, hing mit dem Kopf im Dreck und kriegte die Beine nicht frei. Ich sah meinen Leutnant auf der Straße sitzen. Das wirkte komisch aus meiner Perspektive: Wie ein falsch gekantetes Urlaubsbild im Diaprojektor. Er saß da und sah sein aufgerissene Uniformjacke an, als ob er sich nicht erklären könnte, wieso er so unkorrekt angezogen war. Dann stand er auf, ganz langsam, fing an, sich den Staub von der Uniform zu knöpfen. Er sah sich um und sah mich aus dem demolierten Kübel heraushängen. Da war es, als ob er aufwachte. ‚Karl, was ist ...’
In dem Augenblick wurde auf ihn geschossen. Er duckte sich und war mit einem Sprung neben mir, hockte sich hinter den Kühler, schnallte seine Pistole ab und schoss zurück. Stille. Neuer Schusswechsel. Und wieder war es still. Noch einer. Dann der Schrei. Ich versuchte meinen Kopf so zu drehen, dass ich die Kurve sehen konnte, durch die die Kolonne kommen musste. Da sah ich hinter uns den Jungen auf der Straße stehen, so einen Halbwüchsigen, kaum zehn Meter entfernt. Der hielt einen französischen Armeerevolver mit beiden Händen ausgestreckt vor sich, schoss fünf Mal und traf Leutnant Brinkmann fünf Mal in den Rücken.
Und plötzlich überall deutsche Soldaten. Und in der Zeit, in der die Sanitäter mich aus dem Kübel herausgesägt und mir die Beine geschient hatten, hatten sie mit den Partisanen kurzen Prozess gemacht. Der eine war ohnehin am Verbluten, trotzdem stellten sie ihn noch an die Wand. Es waren zwei Brüder, sechzehn und achtzehn Jahre alt, die Söhne des französischen Kochs vom Offizierskasino in Draguignan."

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