NRW Literatur im Netz

René Zey - Arbeitsproben

BLAUPUNKT-TRUHE

Andächtig wie ein Messdiener kniete ich vor der Blaupunkt-Truhe im Wohnzimmer. Als ich meine Finger in die Messingmulde der dunkel gebeizten Mahagonitür gleiten ließ und sie vorsichtig nach links schob, kroch ein fremdartiger, strenger Geruch in meine Nase. Dass er von den Röhren und Kondensatoren herrührte, die hinter der Verkleidung des Plattenspielers eingebaut waren, konnte ich mit meinen sieben Jahren nicht wissen. So riecht Strom, dachte ich naiv, und hatte ein wenig Angst, einen gewischt zu bekommen, als ich auf den weißen Stift drückte, der aus dem Kästchen im Phonofach hervorlugte. Doch ich bekam keinen gewischt! Stattdessen ging ein Lämpchen an, dessen schwaches Licht auf die große schwarze Scheibe fiel, die auf dem Plattenteller ruhte. "Polydor" stand auf dem orangefarbenen Aufkleber in der Mitte. Neugierig beugte ich meinen Kopf nach vorn und zählte sieben Sterne, die oberhalb des Schriftzugs abgebildet waren. Der Stern in der Mitte war am größten und hatte acht Zacken. Ganz unten auf dem Etikett stand "Tiritomba – Mandolinen und Gitarren", daneben in fetter Schrift "Tangolied". In der Zeile darunter las ich: "Margot Eskens – Werner Müller mit dem RIAS-Tanzorchester, Berlin."

Oben in der Truhe war quer das Radio eingebaut. Auf der schwarzen Glasplatte standen in goldener Schrift die Namen von Städten: Hilversum, London, Budapest, Moskau, Saarbrücken. Aber auch Abkürzungen und Wörter, die ich nicht kannte, fand ich darauf: "N.W.D.R.", BBC-Eur. Serv.", "Ferrit-Ant." oder "KW-Lupe". Unten vor der Glasplatte befanden sich sieben Tasten aus Elfenbein, die Marga und Willy – immer drückten, wenn sie Musik hören wollten. "LW" stand darüber, "TA", "MW" und "UKW". Doch die Eltern waren bei "Althoff" am Limbecker Platz einkaufen. Wie ging das Radio an? Wo war der Knopf, um es einzuschalten? Ich drehte am großen Regler ganz rechts, doch der ließ nur ein dünnes Seil mit rotem Zeiger hinter der Scheibe nach links wandern. Ich drückte der Reihe nach auf die elfenbeinfarbenen Tasten und schaute, was passierte. Aber wieder tat sich nichts. Ich drehte an den winzigen Rädchen neben den Tasten, aber auch damit ging das Radio nicht an. Dann drehte ich am linken Knopf, drückte darauf, zog daran – bis ich ein leises Klacken hörte.

Neben dem Regler glimmte plötzlich ein grünes Auge auf, dessen Lider sich schlaftrunken zu öffnen schienen. Ich erschrak, als das Auge mich anstarrte und dabei leicht zu zucken begann. Mit einem Mal gab es einen dumpfen Schlag im Lautsprecher der Truhe. Mit ohrenbetäubendem Lärm schallte eine verzerrte Männerstimme durch den Raum, während die Pupille des grünen Auges immer größer wurde. Ich schrie vor Schreck auf und hielt mir die Ohren zu. Das Auge hatte keine Sprache. Nur einen stechenden, gefährlichen Blick, der mich ins Visier nahm. "Ausmachen", schoss es mir durch den Kopf. Es vibrierte in meinem Bauch – so heftig dröhnte es aus dem Lautsprecher! In meiner Verzweiflung nahm ich die rechte Hand vom Ohr und drückte nacheinander noch einmal alle elfenbeinfarbenen Tasten, kam auf diese Weise vom UKW-Band zur Mittel- und Kurzwelle, was den Lautsprecher gespenstisch rauschen und pfeifen ließ. Das magische Auge zog sich zusammen und starrte mich erbost an. Angstschweiß brach mir aus – bis ich endlich den linken Regler wieder in seine Ausgangsstellung bringen konnte und es erneut "Klack" machte.

Monate vergingen, ehe ich mich von diesem Schock erholt hatte und noch einmal wagte, die rechte Tür der Blaupunkt-Truhe beiseite zu schieben. Wieder lag eine schwarze Scheibe in der Mitte des Fachs – eine "Schallplatte", wie Marga sie nannte. "Babysitter-Boogie" stand darauf, und in der Zeile darunter las ich "Ralf Bendix". Die Platte war um die Hälfte kleiner als die große Scheibe mit der "Tiritomba"-Aufnahme; ein schwarzer dreizackiger Stern aus Kunststoff füllte das Loch in ihrer Mitte. Die Platte ruhte auf einem schweren Teller mit einer hellgrünen, gerillten Kunststoffauflage. Rechts davon lag ein weißer knolliger Arm auf einem dünnen Steg – wie ein Spielzeughubschrauber auf einem Landeplatz. Ich hob den Arm vorsichtig an, führte ihn ein Stück weit nach links und staunte, wie der Teller mit der Schallplatte sich plötzlich zu drehen begann. Als ich ihn wieder zur Seite schwenkte, bremste der Teller ab und wurde langsamer, bis er schließlich stillstand.

Unten am Knollenarm saß eine kurze spitze Nadel, die Geräusche machte, wenn ich sie mit meiner Fingerspitze berührte. Marga hatte ich abgeschaut, dass ich diese Nadel vorsichtig in die äußere Rille der Schallplatte einführen musste. Es knarzte aus den Lautsprechern der Truhe, als ich das tat. Ein fettes Babylachen ertönte – und dann begann Ralf Bendix zu singen: "Ich bin der Babysitter von der ganzen Stadt / Und weiß, dass eins der Babys schon ein Hobby hat." Es stampfte und schepperte, und ein Chor machte "uhhh" und "ahhh", während Bendix sang: "Es singt so gern den Babysitter-Boogie-Woogie-Song / Und der geht ... " Eine winzige Pause – und dann machte das Baby, das zu Beginn so fröhlich gelacht hatte: "Boo-gie ppttttt." Vergnügt lauschte ich, wie die Geschichte weiterging: Bei den Zeilen "Ich lieb’ das Girl, das täglich sie spazieren fährt / Denn beide sind so mollig, rund und wohlgenährt" sah ich vor meinem geistigen Auge das feiste Gesicht auf der Verpackung des "Brandt"-Zwiebacks, von dem ich zum Frühstück oft zwei oder drei in einen Teller mit Milch gab, das Ganze ziehen ließ und den Brei am Ende genüsslich mit einem Löffel verspeiste. Ich amüsierte mich über den Satz "Man hört, dass hier die Babys musikalisch sind" und wartete ungeduldig auf die Wortfolge "Dann macht es ..." oder "Und das geht ..." Denn kurz darauf setzte wieder das Baby mit seinem lallenden Lachen ein, oder es schrie wie am Spieß.

Als die Platte zu Ende war, machte es "klack" und der schwere gusseiserne Teller kam wieder zum Stehen. Ich fühlte mich beschwingt und fröhlich, ich war aufgekratzt von der Musik und führte die Nadel noch einmal in die Rille. Wieder hörte ich das fette Babylachen, wieder musste ich grinsen. Und nach dem dritten Hören sang ich sogar mit: "Lödl-lödl" – exakt wie das Baby. Oder ich trällerte die Schlusszeilen mit: "Doch wenn mal so ein Baby dir und mir gehört / Werd’ ich es sein, der täglich es spazieren fährt / Dann sing ich mit dem Babylein den Babysitter-Song."

Ich zog an diesem Tag alle schwarzen Scheiben aus dem Fach, die Marga im Drahtgestell des Musikfachs verwahrte – die großen Schellackplatten und die kleinen Singles: "Marina" von Rocco Granata, "Tipitipitipso" von Caterina Valente, "Kalkutta liegt am Ganges", "Heißer Sand", "Tanze mit mir in den Morgen", Peter Alexanders "Badewannen-Tango" und den "Kriminal-Tango" des Hazy Osterwald Quartetts. Ich begriff, dass man bei den großen Scheiben den Schalter neben dem Plattenteller auf 78 stellen musste und bei den kleinen Scheiben auf 45. Nur bei der Märchenplatte mit "Rotkäppchen und der böse Wolf" musste ich "33" einstellen, sonst sprachen die Stimmen so schnell wie Micky Mäuse oder so langsam wie Betrunkene. Ich fand heraus, dass ich bis zu zehn Singles auf der zigarettenlangen silbernen Stange in der Mitte des gusseisernen Tellers stapeln konnte und dass es einen Knopf gab, der den Plattenspieler automatisch in Gang setzte. Wenn ich darauf drückte, glitt die unterste Platte des Zehnerwechslers sanft nach unten, der Tonarm zuckte nach links und die Nadel plumpste ohne mein Dazutun exakt in den Anfang der Rille.

Fast immer, wenn Marga bei einer Freundin war oder die Eltern einkaufen gingen, hockte ich mich vor die Truhe und öffnete das Phonofach, denn ich fühlte mich weniger allein, wenn Stimmen aus den Lautsprechern kamen. Beim Hören der Platten stand die Zeit für mich still. Ich lebte in den Geschichten, von denen die Sänger und Sängerinnen erzählten, ich lebte in den Figuren und in der Welt, von der sie handelten. Beim "Kriminal-Tango" sah ich Jacky Brown und Baby Miller im roten Licht der Taverne sitzen, stellte mir vor, wie sie zwei "Manhattan" tranken und tanzten – bis der Herr mit dem Kneifer kam. Das Klavier der Kapelle begann plötzlich zu hämmern, das Schlagzeug spielte wie entfesselt, und die raue Stimme des Sängers schlug in ein sanftes Flüstern um: "Und sie tanzen einen Tango / Jacky Brown und Baby Miller / Und die Kripo kann nichts finden / Was daran verdächtig wär."

Jedes Mal, wenn ich den Satz "Coco kauft sich bitte sehr / eines Tages Schießgewehr" hörte, musste ich lachen, weil sich das reimte wie in den Versen von Wilhelm Busch. Manchmal machte mich ein Text auch nachdenklich. Den Satz "Schwarzer Tino, deine Nina war dem Rocko schon im Wort" drehte und wendete ich immer wieder, bis er halbwegs einen Sinn für mich ergab, doch was "Heißer Sand und ein verlorenes Land" meinte und warum dort "ein Leben in Gefahr" war, erschloss sich mir trotz größter Mühe nicht.

Ich war alle Personen gleichzeitig, wenn ich Margas Platten hörte: jung und alt, männlich und weiblich, fröhlich, traurig, hässlich und schön. Ich ging auf in den Liedern, hatte für die drei oder vier Minuten, die eine Plattenseite dauerte, ein anderes Leben, wenn auch nur in meiner Fantasie. Mit Hilfe der Musik erschuf ich mir eine Welt, in der ich mich wohl und zu Hause fühlte.


Aus: Der Junge mit dem Radio. Autobiografischer Roman. o.V.: Berlin 2014.

Aus: DIE BEGLEITERIN

Carls Villa stand am Krefelder Stadtrand, nicht weit vom Rhein entfernt, wo das braune Schlammwasser nach der Flut Hunderte Hektar Wiesen bedeckte und lauwarme Tümpel voller Plankton und Fäkalbakterien bildete. Dass die Mücken aus diesen Brutgefilden kommen würden, massenhaft, als sirrende Geschwader aus der Luft, milliardenstark, war gewiss. Hielt die Schwüle an, würden die Weibchen in zehn oder zwölf Tagen aus dem Wasser steigen und mit ihren feinen Antennen die Duftmoleküle aus der lauen Sommerluft filtern, vor allem Menschenschweiß und Körpergeruch. Dann würden sie nach Westen ziehen, wie so oft in den letzten Jahren, und in die Wohnviertel einfallen, wo die Wärme ihnen über kalte Nächte hinweghalf.
Carl gehörte zu den Menschen, die „süßes Blut“ hatten und zielsicher von jeder Mücke gefunden wurden, die nur irgendwie einen Durchlass zu seiner Haut fand, um ihr Bündel aus Stechborsten in sein Fleisch zu treiben und mit ihrem Saugrüssel seine Blutgefäße anzubohren. Selbst wenn ich in einem Raum mit Carl saß oder neben ihm schlief, erwischten die Mücken nicht mich, sondern ihn. Zudem war Carl Allergiker. Mit jedem Einstich reagierte sein Körper mit dicken weißen Quaddeln, die lang anhaltend juckten und seine Haut viele Tage lang röteten. Länger und quälender als ich es jemals bei einem anderen Menschen beobachtet hatte.
Das Jucken selbst war für Carl jedoch das kleinere Übel. Vielmehr irritierten ihn die Quaddeln in seinem sexuellen Empfinden, weil Carl sich kratzen musste – überall und zur gleichen Zeit –, wannimmer er zu schwitzen anfing. Und auch, weil das Jucken oft mitten in der Nacht einsetzte und ihn, der ohnehin unter Schlafstörungen litt, um die wenige Ruhe brachte, die ihm verblieb. Zudem ertrug Carl die Vorstellung nicht, dass ein winziges Insekt eine beliebige Stelle seiner Haut durchbohren konnte und sich – von ihm völlig unbemerkt – auf seiner Hand, auf seinem Arm, an seinem Fuß oder mitten im Gesicht bis zum Vierfachen des eigenen Gewichts mit Blut aus seinen Kapillaren vollsaugte. Carl fand den Gedanken daran widerlich und er litt darunter, dass er mit seinem Blut das Austragen von Mückeneiern überhaupt erst möglich machte und damit unterstützte, was er eigentlich verhindern wollte: das Entstehen von neuen Mücken.

Anstatt seine Villa aufzugeben und aus der Rheinebene wegzuziehen, was langfristig die einfachste Lösung gewesen wäre, hatte Carl beschlossen, so gut es ging, den Mücken den Weg zu versperren und ihnen keinen Durchlass zu ihm zu gewähren. Er hatte Mückengaze auf jeden Fensterrahmen seines Hauses schrauben lassen, auch auf die Kellerfenster und Lüftungsschächte. Er hatte nachträglich einen Windfang im Korridor mauern lassen, dessen Wände weiß getüncht waren und jeden schwarzen Punkt darauf und jeden Körper mit Flügeln sofort sichtbar machten. Mehr als einmal hat Carl auf diese Weise mit einer Fliegenklatsche aus blauem Kunststoff, die griffbereit neben der Tür hing, ein Insekt erschlagen, wovon die Blutflecken an der Tapete ein reges Zeugnis ablegten. Nach der letzten Mückenplage im Frühjahr hatte er sogar ein Moskitonetz gekauft, unter dem wir im April ein paar romantische Nächte verbracht hatten. Carl hatte das Netz inzwischen wieder aus dem Keller geholt und ins Schlafzimmer gelegt, um gewappnet zu sein, wenn die Mücken in Richtung Stadtrand losschwirren würden.

In der „Rheinischen Post“, die fast täglich über die Flut und die Folgen für die Bewohner berichtete, hatte ich einen Artikel über einen Gärtner aus Esslingen gelesen, der Duftpelargonien züchtete. Deren Blätter sollten so intensiv nach Zitrone riechen, dass sie nicht nur Stechmücken, sondern auch Wespen und Bremsen abhielten. In ausgiebigen Selbstversuchen bei Licht und offenem Fenster war diese Züchtung getestet und selbst unter Freilandbedingungen ausprobiert worden. Es sollte wirken – stand da zumindest. Und nur zwei Pelargonien auf der Fensterbank würden ausreichen.
Um Carl aufzumuntern, der sich seit der Flut auffällig von mir zurückgezogen und kaum ein Wort mit mir gewechselt hatte, bestellte ich bei einem Krefelder Floristen zwei dieser Duftpelargonien und holte sie morgens, als Carl im Büro war, mit dem Auto ab. Ich nahm die Pflanzen aus dem Kofferraum und trug sie zur Villa – den Tontopf der einen zwischen Brust und linker Armbeuge geklemmt und den Topf der anderen in meiner linken Hand. Mit meiner Rechten fingerte ich in der Handtasche nach dem Haustürschlüssel. Aber als ich den Schlüssel ins Schloss steckte, um ihn umzudrehen, verklemmte er sich, sodass die Tür nicht aufging. Ich reagierte zu spät und prallte, da ich erwartete, durch den Spalt der sich öffnenden Tür das Haus zu betreten, mit meinem Kopf gegen eine der scharfkantigen Aluminiumsprossen an der Tür, mit denen das bauchige Sicherheitsglas eingefasst war. Und da nicht nur mein Kopf, sondern ebenso mein Körper darauf eingestellt war, das Haus zu betreten, schlugen auch mein Arm und meine Hand unvermittelt vor das Türblatt. Der Tontopf brach mit einem dumpfen Knacken und die Scherben entglitten meiner Hand. Im Fallen versuchte ich, den Torfballen mit der Pelargonie zu fassen und als auch das misslang, zumindest die Stiele der Pflanze zu greifen, doch ich erwischte nur eine der zarten rosa Blüten, während die Tonscherben und der Ballen mit den Wurzeln mit einem scheppernden Knall auf den Boden fielen, sich in ein Dutzend neuer Scherben teilten und die Stufen der Treppe hinuntersprangen. Fast zeitgleich fiel auch der zweite Blumentopf zu Boden, da sich mein linker Arm beim Versuch, den ersten Topf zu fangen, für einen Augenblick vom Körper gelöst hatte und die Pelargonie wie ein Stein zwischen Brust und Ellbogen nach unten fiel.

Ich tastete an meine Stirn, die schmerzte, aber ich fühlte nur eine Beule und glücklicherweise kein Blut. Ich zog den Schlüssel aus der Tür, vergewisserte mich noch einmal, dass es der Richtige war und steckte ihn erneut ins Schloss. Aber irgendetwas im Zylinder hakte und ließ nur Dreiviertel des Schlüssels in das Schloss eindringen. Ich bückte mich, versuchte im schmalen Einlassspalt des Zylinders einen Fremdkörper auszumachen, aber konnte nichts sehen, weil der Schlitz zu schmal war. Ich rüttelte am Außenknauf der Tür, versuchte durch Schlagen gegen das Schloss die Stifte und Federn im Inneren gängig zu machen, falls sich dort etwas verklemmt hatte, aber dann erkannte ich plötzlich den Grund, warum der Schlüssel nicht griff: Jemand hatte das Schloss ausgetauscht! Die raue, dunkle Patina, die den alten Zylinder umgeben hatte, war einer blank polierten Messingoberfläche gewichen.
Ich rief Carl von meinem Handy an: „Irgendetwas stimmt nicht mit dem Türschloss, Carl. Jemand hat es ausgetauscht. Ich komme nicht ins Haus.“
Carl lachte und in seiner Stimme spürte ich einen fremden Unterton, der mir augenblicklich Angst machte. Ganz korrekt“, sagte Carl. „Du bist draußen.“
„Bitte, was“, hakte ich irritiert nach. „Was sagst du?“
„Es gibt ein schönes Sprichwort, Melanie“, sagte Carl ruhig. „Das heißt: ,Klopft du an eine Tür, die dir nicht geöffnet wird, so besprich dich mit deiner Ehre und geh‘. In diesem Sprichwort steckt viel Wahrheit.“
„Carl ...“
Carl ließ mich nicht aussprechen.
„Verstehst du, Melanie? Verstehst du, was ein ausgetauschtes Schloss dir sagen will?“
Ich verstand nicht. „Carl“, schrie ich in den Hörer, „jemand hat das Schloss ...“
„ ...ausgetauscht“, ergänzte Carl treffend. „Aber nicht jemand, sondern ich, Melanie! Ich ganz allein habe das Schloss austauschen lassen. Dir standen alle Türen offen. Aber jetzt ...“. Er machte eine lange Pause, in die ich mit keinem Wort einfiel, weil ich sprachlos war, „jetzt sind sie verschlossen.“
„Carl!“, schrie ich erneut in den Hörer.
Aber Carl antwortete nur: „Ich will dabei sein, wenn du das Haus leer räumst, Melanie. Ich will dich beobachten und es genießen, wie du packst und verzweifelst, wenn der Möbelwagen vorfährt.“ Dann legte er auf.
Wie in Trance wählte ich erneut seine Nummer, aber Carl hatte damit gerechnet, dass ich nachhaken würde und sagte nur: „Verpiss dich, Melanie. Verpiss dich aus meinem Leben.“

Meine Waden begannen zu zittern und das Blut in meinen Oberschenkeln schien zu stocken und nur noch in Schüben zu fließen. Irgendwo in meinem Magen zog sich etwas zusammen und der Speichel in meinem Mund wurde zäh und schmeckte von Sekunde zu Sekunde säuerlicher. Die Beule an meiner Stirn pochte, als wollte die Haut jeden Moment aufplatzen. Ich spürte meine Beine wegsacken und rutschte mit dem Rücken am Sicherheitsglas der Tür entlang, bis ich auf dem Sockel der Treppe saß – mitten in den Tonscherben und mitten auf den beiden Ballen der Pelargonien.
Ich hatte plötzlich dasselbe Gefühl, das ich als Schülerin bei einer Klassenarbeit hatte, als mein Mathematiklehrer auf mich zukam und mich anwies die Faust zu öffnen, um den winzigen Fuschzettel preiszugeben, den ich mit meinen Fingern umschloss. Dasselbe Gefühl wie vor Jahren, als mich der Personalleiter beim Betreten des Konzerngebäudes abfing, mit mir schweigend den Fahrstuhl zu seinem Büro nahm und mir ins Gesicht sagte: „Wir müssen Sie leider entlassen, Frau Arnold, weil Sie nicht ins Team passen.“ Es war dasselbe Gefühl von Endgültigkeit, dasselbe Gefühl, dass etwas nicht wieder gutzumachen war. Dasselbe Gefühl eines beschissenen Ausgangs einer Geschichte, in der ich die Hauptdarstellerin war.

In Gedanken schlug ich Carl, spuckte ihn an, trampelte mit den Füßen in sein Gesicht, warf mit einem heißen Wasserkessel nach ihm, verbrühte seine Wange, seinen Hals, seinen Oberkörper, bis sich rohes Fleisch bildete und ich ihn schreien hörte, irrsinnig vor Schmerz. Ich sprengte mich frei mit diesen Bildern, machte mir Luft. Je mehr ich das tat, desto klarer wurde mein Kopf und mir fiel der Schlüssel für die Kellertür ein, den ich noch besaß. Carl konnte nicht wissen, dass ich ihn vor Monaten hatte nachmachen lassen und ich war sicher, dass er übersehen hatte, dafür das Schloss auszuwechseln.
Ich stand auf, ging ums Haus, lief die Treppe neben der Terrasse hinunter. Mit zittrigen Fingern führte ich den Schlüssel ein, zog den Außenknauf so fest es ging an mich und drehte den Schlüssel nach rechts. Mit einem metallischen Klacken lösten sich die Schwenkriegel aus den Metallzargen, und als ich den Schlüssel noch einmal drehte und den Türgriff hinunterdrückte, rastete auch die Fallensperre aus. Ich war drin! Ich war noch einmal in Carls Haus. Aber als ich durch den Souterrain ging, die Treppe nach oben zum Flur hinauflief und dann noch höher auf die erste Etage, war mir nicht wirklich klar, was ich in diesem Haus eigentlich noch suchte.
Als ich im Schlafzimmer stand, dessen Bettzeug noch genauso lag, wie Carl und ich es am Morgen verlassen hatten, mit den Abdrücken unserer Körper auf Kopfkissen und Bettzeug und den zu Würsten verschlungenen Decken, wollte ich die Zeit zurückdrehen und den Tag noch einmal neu beginnen lassen. Aber dann sah ich das Moskitonetz in der Ecke des Zimmers. Augenblicklich stieg die Wut wieder in mir hoch und ich bekam Lust, das Netz in Stücke zu schneiden und es in kleinen Quadraten auf den Teppich zu legen bis hinunter zur Eingangstür. Ich verspürte den Drang, die Elektroverdampfer zu zertreten, mit denen Carl sich gegen die Mücken zur Wehr setzen wollte. Ich dachte daran, die Gaze vor jedem einzelnen Fenster mit der Klinge eines Küchenmessers aufzuschlitzen, sodass Carl, wenn er nach Hause kam, realisieren musste, völlig ungeschützt zu sein. Aber ich wollte ihn noch schutzloser und malte mir aus, die Dosen mit Insektenspray, die überall herumstanden, bis auf das letzte Tröpfchen leerzusprühen und die Tuben mit Antihistaminika, die als Gel und Salbe im Bad lagen, über den WC-Topf auszudrücken und die gelben Fläschchen mit Autan bis auf den letzten Tropfen ins Waschbecken zu gießen.
Aber dann beruhigte ich mich wieder und dachte, dass sich Carl in Sicherheit wiegen sollte. Wenn ich ihn treffen wollte, musste das subtiler geschehen. Nur so konnte ich ihn wirklich verwunden – in seinem Kern, in seinem tiefsten Inneren. Dort, wo er einen Schutzwall gebaut hatte; dort, wo er hilflos war, wenn ich die Mauern einriss. Ich spürte, dass ich den Weg und den schmalen Durchlass zu ihm auffinden konnte und dass ich den Punkt, wo ich den Hebel ansetzen müsste, schon finden würde, wenn ich nur lang genug und bis auf den Grund darüber nachdachte. Aber ich hatte nicht genügend Zeit, das jetzt, hier in Carls Schlafzimmer, zu tun. Vielleicht würde ich ihn quälen. Irgendwie. Oder ihn sogar morden. Genau war mir das noch nicht klar.
 
(Roman-Manuskript 2003)

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