NRW Literatur im Netz

Dorothea Renckhoff - Arbeitsproben

Aus: DAS KLINGENDE HAUS

Wendy: Was ist das für eine Stadt. Türmchen und Giebel und knarrende Wetterfahnen. Finstere Höfe. Und Kanäle mit trübem Wasser.
Mein ganzes Leben hab ich hier gewohnt, und kannte sie nicht. Wußte nicht, daß die Häuser bei Nacht böse Augen bekommen. Leuchtende Mäuler aufreißen. Nur am Tag bin ich mit meiner Mutter durch die Gassen gegangen. Und jetzt ist sie tot und liegt allein in ihrem Grab, in einem ganz billigen Sarg, und doch hat er unsre letzten Groschen gekostet.

(Der Graf tritt von rechts auf; er ist ein schöner Mann in Reisekleidern. Er bleibt vor dem Haus stehen und sieht zu dem erleuchteten Fenster auf. Dann klopft er laut mit dem Türklopfer.)

Graf: Zuckermahn!

Wendy: Und ich gehe von einem schrecklichen Gesicht zum andern. Zuerst habe ich noch zu klopfen gewagt. Habe an jeder Tür gefragt, ob mich jemand brauchen kann, für den Garten, für die Beete, die Blumen, die Hecken, das Unkraut.

Graf: Zuckermahn!

(Er klopft wieder.)

Wendy: Aber dann ist es dunkel geworden, und an den Straßen haben sich die Häuser verwandelt zu dieser Versammlung von riesigen Köpfen, haben mich angestarrt mit ihren flackernden Augenhöhlen. Und kein Mensch wollte mich zu sich nehmen. Da hätte ich mich sogar an einen dieser schrecklichen Webstühle setzen lassen, wo die Hände wund werden, wo man Tag und Nacht die Sonne nicht sieht, und weder Wolken noch Sterne. Wenn mich nur jemand eingelassen hätte.

Graf: Zuckermahn!

(Er klopft wieder.)

(Die Haustür fliegt auf. In der Türöffnung steht ein großer Affe, er hat einen mehrarmigen Leuchter mit brennenden Kerzen in der Hand.)

Graf: Zuckermahn! Ihn selbst!

(Der Affe verschwindet und läßt die Tür zufallen.

Wendy: Aber niemand wollte mich haben. Keine Arbeit für mich, kein zu Hause. Nirgendwo ein Bett für mich. Nichts zu essen. Nur eine Tasche mit Sachen, die auch keiner haben wollte. Und Mutters alter Mantel.

(Bühnenrechte bei Felix Bloch Erben, Berlin.)

Aus: EN COULEUR DE ROSE

Sophie: Es ist ein Flimmern vor meinen Augen. Wie Aschenregen.

Strousberg: Und Marmorbilder stehn und sehn dich an. Auch Zitronen blühen in meinem Wintergarten. Gewärmt von heißem Wasser, das in Röhren durch das ganze Haus strömt. Durch alle fünfzig Räume.

(Die Polonaise verstummt. Das Geräusch der fahrenden Bahn ist wieder deutlicher zu hören.)

Sophie: Zweiundfünfzig.

Stroussberg: Für jede Woche einen. Und durch die Pferdeställe. Große Boxen, für zwölf schöne Tiere. Und all das mitten in der Stadt, im Diplomatenviertel, fast Tür an Tür mit dem Kanzler. Das Haus von Dr. Strousberg. Strousberg, aus jüdischer Familie.

(Gesang - der Kantor singt ein jüdisches Totengebet. Jemand weint ganz leise.)

Ich war acht Jahre, als meine Mutter starb. Ohne sie ging unser Geschäft zu Grunde. Die Türen in unserem weltoffenen Haus wurden verrammelt, damit niemand die Armseligkeit sah, die uns geblieben war.

(Der Kantor singt.)

Die Sehnsucht nach dem geschwundenen Wohlstand hat mich nie verlassen. Keine Sehnsucht nach Geld. Nur nach diesem Haus, wo es Gastfreundschaft gab, Kunstsinn und Komfort. Bücher. Bilder. Musik.

(Hufschläge eines galoppierenden Pferdes aus der Ferne, kommen rasch näher.)

Sophie: Dieses Flimmern vor den Augen - Schneegestöber - ist da ein Reiter?

Strousberg: Mein Vater. Er liebte Pferde. Kunst. Beherrschte acht Sprachen. Er hat mir den Glauben eingeflößt, daß wir einer höheren Gesellschaftsklasse angehörten. Trotz unsrer Armut.

(Hufschläge jetzt ganz nah, als ritte der Reiter neben dem Zug her.)

Es sei meine Aufgabe, das sagte er mir immer wieder, meine Aufgabe -

Vater: (ruft es herüber, bei den letzten Worten werden Stimme und Hufschläge rasch leiser, der Reiter bleibt zurück) Großes zu leisten, um den Glanz der Familie wiederherzustellen - Großes zu leisten -

Strousberg: Er schickte mich aufs Gymnasium. Nach Königsberg. Ich weiß nicht, wie er das Schuldgeld aufbrachte. Wir waren acht Kinder.

(Der Kantor singt das Totengebet.)

Der reichste wie der ärmste Jude scheut kein Opfer, um den Seinigen die höchst mögliche Bildung zukommen zu lassen.

(Der Kantor singt.)

Er starb, als ich zwölf war.

(Der Kantor singt.)

Hinterließ uns fast nichts.

(Der Kantor singt, seine Stimme entfernt sich. Das Zuggeräusch wird sehr deutlich.)

Das verödete Haus, die Geschwister bleiben zurück. Ein Trödler, in Königsberg, kauft die Schulbücher. Ein eisiger Wind weht über die Stadt. Der Hafen starrt mit seiner Brut abgetakelter Schiffe auf das vereiste Haff. Es ist Frühjahr, zu früh im Jahr, um auszuwandern. Jeden Tag wandere ich ans Ufer und warte auf das Brechen der Schollen. Auswanderer. Ohne Geld für die Schiffspassage. Ich könne sie an Bord verdienen, sagt der Kapitän.

(Das Geräusch des Zuges wird zurückgenommen. Eine Welle rauscht ans Ufer. Eine zweite folgt, eine dritte, werden während des Folgenden zu gleichmäßigem Meeresrauschen. Knarren von Schiffsplanken.)

Sophie: Flimmern vor meinen Augen. Das ist wie in einem ganz alten Film.

Kapitän: Geh mit dem rechten Fuß zuerst an Bord, Baruch.

Strousberg: (leise) Bartel.

Kapitän: Wie heißt du? Baruch Hirsch? Ich muß dich der Hafenbehörde melden, wenn wir ankommen. Wie? Weichselkirsch?

Strousberg: (leise) Bartel Heinrich.

(Möwenkreischen.)

Kapitän: Siehst du die weißen Klippen, Baruch?

Strousberg: (leise) Bartel.

Kapitän: Das ist England.

Strousberg: Die weißen Klippen von Dover! Und das glitzernde Meer -

Sophie: Die blauen Vögel hoch am Himmel. Ich seh es auch!

(Das Zwitschern von Schwalben von oben, dann bricht das Meeresrauschen abrupt ab. Der fahrende Zug ist wieder deutlich zu hören.)

Strousberg: (fast innig) England.

Aus: VERGIFTET: KRIMINALNOVELLE

Auf den metallenen Stegen hallten die Schritte, als marschierte ein Heer von eisengepanzerten Rittern den Rhein entlang. Jasper erschrak über das rasselnde Krachen, jedes Mal, wenn er den Fuß aufsetzte, über dieses Krachen, das sich knirschend in das gesamte Gestänge fortsetzte und hinablief bis in das schwärzliche Wasser. Und wahrscheinlich noch tiefer hinunter, bis zu den unsichtbaren Fundamenten dieses rasch montierten Gerüsts, Fundamenten, die an den Häuserwänden entlangliefen und doch im Strom standen. Der Weihnachtsschnee war endgültig geschmolzen, und kein wundersamer Garten duftete mehr mitten in schimmerndem Eis und gefrorenen Kristallen. Es roch kalt und muffig, und der Rhein stand in der Stadt.

Der Rhein hatte auch neben den Bahngeleisen gestanden, als Jasper hergekommen war. Auf der langweiligen Fahrt durch die zersiedelte Häßlichkeit der Ebene hatte er die wasserbedeckten Felder gesehen und die Möwen, die darauf schrien. Möwen, so weit entfernt vom Meer. Und auf dem Betonplateau von einem der S-Bahnhöfe hatte eine Gruppe von Königen gestanden, mit feuchten Laken und lappig hängenden bunten Tüchern aus Karnevalstaft über den Wintermänteln, in Kronen und Mützen und mit einer Sammelbüchse. Heilige Könige, aber viel mehr als drei. Sie hatten es schwer an diesem Dreikönigstag. Und Jasper hatte wieder das Flackern des Feuers im Dunst gesehen, das sein Großvater vor hundert Jahren mit seinen Freunden vorm Verlöschen bewahrt hatte, ein Feuer von Gleisarbeitern dicht am Fluß, doch die Männer hatten es verlassen und sich in Sicherheit gebracht, weil die treibenden Eisschollen an den Pfeilern des Viaduktes hängen geblieben waren und den angeschwollenen Fluß gestaut hatten, aber die KInder hatten sich nicht darum gekümmert, ob die Brücke einstürzen würde, und hatten mit der Leidenschaft kleiner Jungen für das Feuer die Glut neu entfacht, bis die Flammen hoch aufgeschlagen waren und den Dreikönigsstaat der Gruppe mit Purpur und Gold umhüllt hatte, diesen Staat aus Lumpenkram und bunten Fetzen. Das war das Wunder, von dem Jasper am Dreikönigstag hatte erzählen wollen. Der geheimnisvolle Garten des Albertus Magnus, den er Nora und Leo hatte zeigen wollen, die magische Wandlung durch das bühnenhafte Licht von unten, das blitzende Karfunkelsteine zauberte, wo müde Augen gewesen waren. Doch die Wunder hatten Abschied genommen.

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