NRW Literatur im Netz

Heinrich Peuckmann - Arbeitsproben

DAS MÄDCHEN VON ANGKOR WAT

Kon Kmom heißt Bienchen. So hatte ihr Vater sie genannt. Kon Kmom, weil sie überall hinsauste auf ihren kurzen Beinchen, weil sie immer rennen wollte, angetrieben von der Freude, etwas entdecken zu können.
"Nun geeh doch mal langsam. Nun bleib doch mal sitzen."
Aber sie rannte weiter, hinüber zu den alten Tempelanlagen, die jahrhundertelang zugewuchert waren vom Urwald, verdeckt von den riesigen Wurzeln der Würgefeigen, die alles mit Krallenhänden gepackt hatten. In die Türme der freigelegten Tempel waren Gesichter gemeißelt. Milde lächelten sie zu ihr herunter, als würden sie alles verstehen und verzeihen. Die Gesichter der Könige von Kambodscha.
"Ach Kon Kmom. Ach, Bienchen." Ihr Vater lächelte.
... Aber Kon Kmom läuft nicht mehr. Sie sitzt nur noch still, tagaus, tagein, vorm Angkor Wat, dem riesigen Tempel, der in der Morgendämmerung gräulich schimmert und im Abendlicht einen rosa Schimmer annimmt. Wenn der rosa Schimmer verschwindet. muss Kon Kmom schnell nach Hause, weil in der Dämmerung die roten Kmer kommen, die den Urwald beherrschen, der kurz hinter dem Tempel beginnt. Auf alle, Touristen wie Kambodschaner, schießen sie in gleicher Weise, um wieder an die Macht zu kommen, um wieder ungestört morden zu können in ganz Kambodscha..
Ang Mey, ihre Schwester, holt sie mit dem kleinen Wagen ab, den ihr Vater aus einem alten Fahrrad und ein paar Brettern gebastelt hat. Sie hebt Kon Kmom auf den Wagen und zieht sie nach Hause, so wie sie sie morgens zum Tempel gebracht hat. Kon Kmom sitzt stets am Haupteingangsweg, unter einem Sonnenschirm, direkt neben der Naga, der siebenköpfigen Schlange, deren langer Leib das Geländer des Weges bildet. Rechts von ihr steht der rote Kühleimer mit dem weißen Deckel. Zerstoßenes Eis ist darin, das Ang Mey von den Eisverteilungsstellen in der Stadt besorgt hat Dazwischen stecken die Cola-, Fanta- und Spriteflaschen. Links, auf einer kleinen Decke ausgebreitet, liegen Ansichtskarten vom Angkor Wat. Kon Kmom spricht gern mit den wenigen Touristen, die seit ein paar Jahren wieder kommen. Möglichst lange will sie mit ihnen reden, um viel von ihrer Sprache zu lernen. „ Do you need some postcards? Do you like cold drinks?” Die Stümpfe ihrer Beine hält sie unter einem langen Rock verborgen. Die Touristen würden sich erschrecken, wenn sie sie sähen. Tatsächlich bleiben einige verschwitzt stehen, kaufen eine Cola für 2500 Rial oder, was Kon Kmom lieber nimmt, für einen Dollar, sprechen ein paar Worte, die sie nicht versteht, trinken hastig und kaufen, wenn sie zurück aus dem Tempel kommen, ein paar Ansichtskarten. Zu Hause, in der Dämmerung, liest Kon Kmom in einem Wörterbuch und versucht, sich neue, fremdartige Wörter einzuprägen, um am nächsten Morgen mehr zu verstehen. Bei Einbruch der Dunkelheit muss sie damit aufhören. Sie haben kein Geld für Petroleum. Und von ihrem Verdienst will Kon Kmom nichts ausgeben, davon will sie alles sparen. Dann kann sie sich in ein paar Jahren die Prothesen kaufen. die sie dringend braucht. damit könnte sie wieder laufen, wohin sie will. Und sogar in die Stadt könnte sie gehen, um zu studieren und Lehrerin zu werden.
Fast zwei Jahre sind vergangen, seit sie ihre Beine verloren hat. Sie hatte die Buckelrinder des Großgrundbesitzers gehütet. Ihr eigenes Rind, das ihr Vater für die Arbeit im Reisfeld benötigte, war mit bei der Herde gewesen. Auf den abgeernteten Feldern hatte sie die Rinder gehütet. Am Abend trieb sie die Herde hinunter zum See, um sie zu tränken, und später zum Stall. Ein Kälbchen hatte sich eines Tages verirrt, war in den Urwald gelaufen, und Kon Kmom, aus Angst vor der Strafe des Großgrundbesitzers, hinterher. Sie war nur ein Stück weit in den Urwald gelaufen, an den Lack- und Feigenbäumen vorbei, hatte das Kälbchen fast erreicht, da war mit ohrenbetäubendem Knall unter ihr die Erde explodiert. Erst später hatte sie erfahren, was passiert war, denn sie war sofort besinnungslos gewesen. Ihre Schwester Ang Mey hatte den Knall gehört, war losgerannt und hatte sie in einer Lache von Blut gefunden. Sie hatte ihr Hemd zerrissen und mit den Streifen die Beine abgebunden, aus denen stoßweise das Blut schoss. Bei einem Soldaten, dem von einer Tretmine ebenfalls ein Bein weggerissen worden war, hatte sie mal gesehen, wie man das macht. Eine Militärstreife hatte Kon Kmom schließlich mit einem Jeep ins Krankenhaus gebracht. Dort war sie wieder erwacht, ohne Gefühl in den Beinen. Erst Tage später, als sie sich ein wenig erholt hatte, hatten sie ihr die Wahrheit gesagt. Tage-, wochenlang hatte sie geweint. Ihre Eltern konnten sie nicht trösten. Nur langsam hatte sie wieder Mut gefasst, hatte sie daran gedacht, ihren Traum doch wahr zumachen. Sie wollte Lehrerin werden, jetzt erst recht.
Kon Kmom sitzt immer allein unter ihrem Sonnenschirm. Ab und an kommt ihre Schwester und bringt neues Eis. Sie trägt Kon Kmom hinter ein kleines Tempelgebäude, wenn sie ihre Notdurft verrichten muss. Wenn ihre Schwester nicht da ist, helfen ihr die anderen Mädchen, die genauso wie sie Cola und Ansichtskarten vorm Angkor Wat verkaufen.
Manchmal kommt stundenlang kein Tourist. Dann hat Kon Kmom nichts anderes als den Blick auf den Urwald mit den wogenden Wipfeln der Bäume und auf Angkor Wat. Auf die riesigen Sandsteintürme, die Wandreliefs mit dem Kampfszenen, auf denen die Apzaras, jene herrlichen Engel, die Buddha beschützt haben, und die Garudas, die Göttervögel, auf denen Vishnu reitet. Angkor Wat war vor achthundert Jahren ein Tempel für Hindus und ist heute ein Tempel für die Buddhisten. Wo der Sandstein der riesigen Mauer zerbröselt, tritt dunkelbraunes Lateritgestein hervor. Manchmal wird etwas ausgebessert, aber nicht viel. Kambodscha ist arm, und es kommen nur wenige Touristen, vor allem wegen der roten Kmer.
Einmal in der Woche wird Kon Kmom von Ang Mey in die Stadt gezogen, zu einem Arzt, der untersucht, ob die Narben an den Beinstümpfen richtig verheilen. Kon Kmom freut sich auf den Weg am Fluss entlang, in dem die Kinder baden. Früher hatte es sogar Tretminen im Fluss gegeben, jetzt sind sie Weggeräumt. Die Wasserräder am Ufer drehen sich, Bambusrohre tauchen in den Fluss, nehmen das Wasser auf und gießen es am Scheitelpunkt des Rades in die Abflussrinne zu den Feldern. Ang Mey zieht die Karre langsam, sie haben Zeit. Fahrradrikschas überholen sie, Autos, die immer zahlreicher werden, manchmal kommen ihnen Panzer entgegen, die in den Urwald rund um Angkor Wat rollen.
Am nächsten Tag wartet Kon Kmom dann wieder vor Angkor Wat. Sie hat schon mehr als die Hälfte des Geldes für die Prothesen zusammen. Aber sie will noch mindestens drei Jahre warten. Wenn sie fünfzehn ist, wird sie kaum noch wachsen. Dann werden die Prothesen viele Jahre lang halten. Sie kann dann wieder laufen, wohin sie will. Ihr Vater wird wie früher Kon Kmom sagen und dabei lächeln. Und vor allem wird sie Lehrerin werden. Wenn keine Touristen kommen, wenn ganz unvermittelt Tränen in ihre Augen treten, versucht sie, daran zu denken. Nur daran.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.