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Gisela Schalk - Arbeitsproben

WARUM IST BARBIE BLOND?

Haben nicht alle Prinzen und Prinzessinnen im Märchen goldene Haare? Da mögen die Wissenschaftler noch so viel von "symbolhaften Königsattributen" sprechen und auf die Heiligen und ihren "Heiligenschein" verweisen, ich glaube ihnen nicht. Ein Blick auf die europäischen Königshäuser genügt: Fast alle Majestäten blond. Der spanische König etwa ein feuriger, dunkler Südländer?
In den meisten illustrierten Märchen und Kindergeschichten sind die Guten und Klugen hellhäutig und blond. Augen, Haare und Haut der Unholde sind so dunkel wie ihre Seelen. Schneewittchen ist eine wohltuende Ausnahme. Und die glutäugigen, schwarzhaarigen Helden, von denen ich als junges Mädchen geschwärmt habe, waren deshalb so interessant, weil ich mit dem Dunklen etwas Faszinierendes verbunden habe, das vielleicht böse, auf jeden Fall aber gefährlich war.
Heilige und Helden dagegen, zum Beispiel den Erzengel Michael mit dem Schwert, Held und Engel in einer Person, habe ich nie anders gesehen als mit schulterlangem blondem Flatterhaar. Ein schwarzhaariger Erzengel als Wächter vor dem Paradies? Undenkbar!
Die schönsten Gestalten meiner Kindheit waren groß und blond. Die olympische Fackelträgerin auf dem Fotobildband "Menschenschönheit", Marlene Dietrich über dem Radio in der Küche, der Schutzengel über meinem Bett. Ja, und meine Mutter, der ich so gar nicht glich. Ihr metallisch zwischen Silber und Gold schimmerndes Haar muß für sie eine wichtige Rolle gespielt haben. Als es in dem Alter, wo andere Haare grau werden, ins Dunkelblonde changierte, half sie - von Mal zu Mal heftiger - mit Wasserstoffsuperoxyd nach.
Zu der Zeit, als mir zum ersten Mal bewußt wurde, was die Menschen in meiner Umgebung für gut und böse, schön und häßlich hielten, war das Naziregime gerade zu Ende gegangen. Sein Gedankengut waberte aber noch lange Zeit danach durch Lehrerhirne und Bücherschränke. Zu Hause stand die erwähnte "Menschenschönheit" im Wohnzimmerschrank und predigte in eindringlicher Bildersprache die Überlegenheit der hellhäutigen Blonden über alles Dunkle. Und die eigene Anschauung fehlte. Ein dunkelhäutiger Mensch in unserer friesischen Kleinstadt wäre damals eine Sensation gewesen.
Anfang der siebziger Jahre litt ich an einer merkwürdigen Krankheit. Jeden Samstag mittag sank mein Selbstbewußtsein auf den Nullpunkt. Genauer gesagt, immer wenn ich im Toom-Markt in Heusenstamm einkaufen ging. Jedesmal kam ich völlig niedergeschlagen zurück.
Ich war damals jung verheiratet und dieses allwöchentliche Elend störte nicht nur mich, sondern auch Harald. Er wollte eine Erklärung. Zunächst zögerte ich - wer gibt seine Schwächen gern zu -, aber irgendwann kam es raus: "Alle Frauen sind groß und blond und schön, nur ich nicht."
Er war sprachlos. Verblüfft fixierte er mich aus zusammengekniffenen Augen. "Guck aus dem Fenster", sagte er schließlich, "was siehst du da? Kleine dunkle Frauen, große dunkle Frauen, kleine blonde Frauen, viele für meinen Geschmack zu dick oder zu dünn, ab und zu siehst du auch mal eine große Blondine. Und diese wenigen Exemplare sollen sich ausgerechnet am Samstag vormittag im Toom-Markt verabredet haben?"
Es war aber so. Jeden Samstag mußte ich es zur Kenntnis nehmen. Vor allem an der Käsetheke, wo der Andrang immer groß war, fielen mir die großen blonden Frauen unangenehm auf. Und nicht nur, daß sie viel schöner waren als ich, sie waren auch viel klüger. Während ich meinen Käse mit 'der da hinten' und 'das kleine Stück hier vorn' auswählte, orderten sie selbstverständlich den Greyerzer, den Bresse bleue, den Chaumes und den St. Albray.
Ja, das hatte ich doch schon immer gewußt. Wen der liebe Gott verwöhnt hatte, den hatte er klug, groß und blond werden lassen, mit einer bronzefarbenen Haut und silbern bis gold schimmernden Haaren.
Für meinen Kummer an der Heusenstammer Käsetheke war Harald der denkbar schlechteste Adressat. Er war in Südhessen aufgewachsen, mitten in der amerikanischen Besatzungszone. Was immer im Bücherschrank seiner Eltern stand - es war nur Papier. Draußen auf den Straßen traf er lebendige GI's, weiße, braune und schwarze Soldaten mit ihren Familien. Im direkten Vergleich haben die dunklen Schönheiten die hellen geschlagen.
Er versteht bis heute nicht, was seine Geschlechtsgenossen an Claudia Schiffer, Brigitte Bardot und anderen Blondinen finden. Wenn schon, dann träumt er von einer dunklen Südamerikanerin oder von einer glutäugigen Mittelmeerschönheit. Blonde findet er fad.
Aber warum ist Barbie blond? Warum krabbeln im Katalog eines schwedischen Möbelherstellers nur blonde Kinder über die Kiefernmöbel? Ganz zu schweigen von Frau Antje ...
Zurück nach Heusenstamm. Irgendwann nervte meine Samstags-Depression Harald so sehr, daß er mitkam. Er wollte mir an Ort und Stelle beweisen, daß ich mir etwas einbildete. Doch was sah er, an der Käsetheke in Heusenstamm? Viele große, blonde Frauen!
Aber er sah auch etwas anderes. Er sah steife, besonders weiße Blusen. Und er entdeckte einen dunkelblauen Rock, der ihm zu denken gab.
Irgendwann war das Rätsel gelöst. Heusenstamm liegt in der Nähe des Frankfurter Flughafens. Die Lufthansa hatte hier für ihr Personal Appartements gemietet. Es waren die Stewardessen, die mir beim Einkaufen meine Ruhe geraubt hatten.
Eine Erklärung, aber kein Trost. Wieder einmal waren die großen Blonden auserwählt worden. Stewardess war damals der Traumjob, und Brünette waren in diesem Traumjob nicht vertreten.
Der Trost kam später. Unerwartet, vor dem Spiegel eines Friseurs, der auch Perücken anbot. Ich konnte silberblond werden. Endlich war es soweit. Ich griff zu.
Ungläubig starrte ich auf das, was mich blaß und fade aus dem Spiegel ansah. Darauf paßte all das, was auch mit dem Wort 'blond' in Verbindung gebracht wird, was ich aber nie hatte wahrnehmen wollen: Unschuld vom Lande, Gänseliesel, blond aber blöd. Ein dummes Gretchen sah ich, das blauäugig auf jeden Schurken hereinfallen würde. Ich war ernüchtert und gleichzeitig wütend. Ich beschloß, mich mit sämtlichen Blondinenwitzen zu versorgen. Aber dann fiel mir Beate ein, meine beste Freundin. Blond. Entsetzt riß ich die Perücke vom Kopf und stülpte mir eine andere über.
Wieder starrte ich ungläubig auf mein Spiegelbild. Das Rot stand mir. Unerwartet gut stand es mir. Aber - es unterschied sich von meiner natürlichen Farbe nur um Nuancen.
In diesem Moment fiel es mir leicht, an einen göttlichen Designer zu glauben, der jeden Menschen so geschaffen hat, wie es zu ihm paßt.

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