NRW Literatur im Netz

Dr. Jörg W. Rademacher - Arbeitsproben

NEUES ZUM FALL WILDE?

Oscar (Fingal O’fflahertie Wills) Wilde starb am 30. November 1900. Seine Geschichte fesselt noch heute. Nach dem Urteil der Zeitgenossen war der Künstler vernichtet, der Mensch geächtet und gezwungen, ins Exil zu gehen. Mit Merlin Holland, dem Enkel, können wir den Prozeß eines vielfältigen Lebens neu aufrollen. „Die alle Aspekte erfassende Dualität Wildes fasziniert und verwirrt: der Anglo-Ire mit Sympathien für die Nationalisten; der Protestant, der zeitlebens katholische Neigungen hatte; der verheiratete Homosexuelle; der Wort-Musiker und Sprach-Maler, der gegenüber André Gide bekannte, daß ihn Schreiben langweile; der Künstler, der nicht zwei, sondern drei Kulturen sattelte, ein Anglo-Frankophiler und im Herzen ein Kelte. Und all das überlagert von der Frage, welche Facetten der Wildeschen Dichotomie real und unbeabsichtigt, welche artifiziell und der Wirkung wegen erdacht waren."
Neu im "Fall Wilde" ist die Integration der Widersprüche in das Bild einer einzigen Persönlichkeit, deren Dualismen nicht mehr befremden: So kommt der Wortkünstler im Londoner Old Bailey nicht nur zu Fall, weil er sich in den verbalen Fußangeln des englischen Fallrechts verfangen hat, sondern weil an Wilde ein Exempel statuiert wird. Wie der Politiker Charles Stewart Parnell (1846-1891), dessen Laufbahn geradezu als Vorbild für Wilde gelten kann und dessen Fall 1890 nach einem Scheidungsprozeß erfolgt, steht Wilde als Privatmann am Pranger. Viktorianern, die dem Moralkodex der Monarchin folgen, gilt das als Tabubruch, ja Sündenfall. Gleichwohl glauben Parnell und Wilde mit der Hybris tragischer Helden bis zuletzt an ihre Unantastbarkeit.
Als Anglo-Iren Zitterwesen im England ihrer Zeit, kommen sie unter die Räder von britischer Innenpolitik und puritanisch-prüder Doppelmoral: Parnell ist Opfer der Katholischen Kirche wie der protestantischen Liberalen William Ewart Gladstones (1809-1898). Wilde wird 1895 während einer Regierungskrise verhaftet und verurteilt. Die irische Frage hat die letzten zwei Jahrhunderte geprägt, und Wilde ist ein Paradebeispiel für die Widersprüche seiner wie unserer Epoche.

Aus: Oscar Wilde. dtv: München 2000. (mit freundlicher Genehmigung von dtv)

DER FALL VICTOR HUGO

Vor Gericht ziehen Erben und Nachkommen von Literaten dieser Tage nicht selten. Sohn und Enkel Oscar Wildes mußten lange um die Rechte an dem Brief "De Profundis" kämpfen, der Joyce-Enkel ließ 2000 per einstweiliger Verfügung den Abdruck von Auszügen aus "Ulysses" untersagen, und Pierre Hugo, Ururenkel Hugos, hat 2001 – vergeblich – versucht, den Verkauf von François Cérésas Romanfortschreibung der "Misérables" zu unterbinden. "Cosette ou le temps des illusions" ist voluminös, jederzeit spannend zu lesen, der zweite Band "Marius ou le fugitif" bereits angekündigt und als Fortschreibung wirklich gelungen. Cérésa kennt seinen Hugo, auch die Notizen, die dieser nicht verwendet hat: Ein Brot etwa hat der Mann gestohlen, den Hugo 1846 beobachtet: Pierre Hugo will die Integrität des von seinem Ahnen geschaffenen Werkes gewahrt wissen und klagt auch gegen die Wiedergeburt Inspektor Javerts, der bei Cérésa als Verjat geläutert (wie Jean Valjean bei Hugo) an Cosette wiedergutmachen will, was er an deren Mutter Fanitne an Irreparablem angerichtet hatte. All das unsentimental und ohne Anachronismen! Das Gericht weist Pierre Hugos Klage ab, denn bereits dessen Ahnherr hatte für solche Fälle vorgesorgt und im literarischen Testament 1875 sämtliche Schriften zur Veröffentlichung freigegeben – mithin auch die Verwertung der darin enthaltenen Ideen. In weiser Voraussicht, möchte man meinen, denn so sinnvoll gesetzliche Schutzfristen geistigen Eigentums sind, so schädlich wirken sich auf Dauer bestehende Monopole aus. Victor Hugo hat zeitlebens gegen Zensur und Todesstrafe gestritten. 200 Jahre nach seiner Geburt das Weiter- und Nachdenken seines Werks zu verbieten, wäre nun wirklich Gesinnungsterror, für den er nichts übrig hatte.

Aus: Victor Hugo. (mit freundlicher Genehmigung von dtv)

Aus: WAS NUN, HERR BLOOM?

Die auf der Basis der Worte vorgenommene Rekonstruktion von "James Joyce's Own Image" betont innerhalb der Totalität von Leben und Werk den künstlerischen Aspekt stärker als biographische, gesellschaftliche oder politische Fragen. Der Ausgangspunkt indes hat mit der Akzentuierung der literaturtheoretischen Begriffsbildung eine solche Gewichtung nahegelegt. Die allmähliche Verfertigung der Gedanken (Begriffe) beim Reden (Schreiben) ist dagegen ein Prozeß, dem sich alle unterwerfen, die Kommunikation treiben. Joyces Literaturtheorie(n) vermitteln zu wollen, bedeutet sie aus der Dialogizität des Werkes als Monolog(e) herauszulösen und damit das virtuelle Nebeneinander des von Joyce dargebotenen Bildes in ein Nacheinander zu verwandeln, das wie das Werk selbst nur virtuell als Ganzes erfaßt werden kann. Auch die Zusammenfassung des Literaturwissenschaftlers (oder doch -kritikers?) ersetzt als vorläufige Version mitnichten die nur beim Selberlesen erfahrbare jeweils persönliche Teilansicht dieses Bildes.

Aus: James Joyce Own Image. Über die allmähliche Verfertigung der Begriffe 'image' und 'imagination' beim Schreiben in "A Portrait" und "Ulysses".

(ohne Titel)

Die Kunst des Erfinden, sei es etwas Technisches, sei es eine Geschichte, ist oft denen gegeben, die viel allein sind oder es sein müssen, weil sie keinen Menschen haben oder die Menschen wenig oder gar nicht ertragen können.
Erfinden ist dann Ersatz, die Schöpfung einer Welt, mit der diese Menschen im Kontakt stehen, ohne daß sie das Vorbild der Wirklichkeit benötigten.
Erfinden und sich etwas ausdenken, ausmalen und bildlich vorstellen vollzieht sich jedoch auch dann, wenn man glaubt, mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen zu stehen. In der Erinnerung und erst recht in der Erzählung der Erinnerung verändert sich das Erlebte durch das rückwärtsblickende Nocheinmal, die sprachliche Form dieses Noch einmal. Und schon sind wir bei der Erfindung, sei es nur wegen eines Datums, eines Ortes oder eines Namens, die uns nicht mehr einfallen wollen. Geschichten erzählen heißt indes nicht Tatsachen aufzählen, so daß uns eher eine leicht veränderte Geschichte über die Lippen kommt, als daß wir aufhörten zu erzählen, weil wir erfinden müssen.
Erfinden heißt dann also auch, daß um der Wirkung willen und nicht um der Liebe zur Wahrheit willen Geschichten erzählt werden. Es ist der Akt selbst, der uns erfinderisch macht und Ausgefallenes, Einmaliges und Übertriebenes zu Tage fördert. Wem das Erfinden von Geschichten eines Tages nicht mehr übelgenommen wird, der gilt als Dichter. Die anderen weitaus zahlreicheren erfinden um so mehr, je länger sie leben, da alle, sie selbst eingeschlossen, von der Unwahrheit ihrer Fabeln wissen. Wer einmal angefangen hat zu erfinden, kommt aus diesem Teufelskreis nicht mehr heraus. Dichter und Lügner haben das gleiche Schicksal. Sie leben vom Erfinden und Erzählen, von der zur glaubwürdigen Lüge verdichteten Geschichte, die so nie geschehen ist. Aber all die anderen, die immer glauben, die Wahrheit von der Lüge unterscheiden zu können, wer wird ihnen schon zuhören wollen?

In: Münster Spiegelei. Literaturzeitschrift 6/1994.

Aus: WAS NUN, HERR BLOOM?

Joyce ist schwierig. An dieser Erkenntnis kommt niemand vorbei. Aber es lohnt sich, Joyce zu lesen. Schon der Name, in dem sich das englische Substantiv "joy" ("Freude") sowie qua Analogieschluß auch das Verb "re-joic(y)ce" ("jubeln, jauchzen") verbirgt, deutet an, daß die Anstrengung, die es kostet, die schwierigen Sätze und vor allem die komplizierten Einzelwörter zu entziffern, keine vergebliche Liebesmüh sein wird. Ganz bewußt nenne ich hier die Einzelwörter zuletzt, da sich Joyce sogar in Finnegans Wake weitestgehend an die Regeln herkömmlicher Syntax hält. Wie auch seine Zeitgenossen Sigmund Freud, Marcel Proust und Ferdinand de Saussure erschließt sich Joyce die Welt über das Wort. ... Aller Akribie der (wissenschaftlichen) Biographen zum Trotz erscheint Joyces Lebensgang so wirr wie sein Werk. Am 8. Oktober 1904 ging er freiwillig ins Exil. Fortan glich sein Leben einer Reise. ...

("Ulysses" zum 75. Geburtstag.)

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