NRW Literatur im Netz

Dr. Eva Weissweiler - Arbeitsproben

Aus: TUSSY MARX. DAS DRAMA DER VATERTOCHTER

Tussy ist entschlossen, sich nicht entmutigen zu lassen, sucht sich ein Zimmer in einer Privatpension und findet...eine Stellung an einem Mädchenpensionat, einer boarding-school für reiche viktorianische Fräuleins. Auch die Leiterinnen sind Fräuleins, zwei ältliche Schwestern...Sie machen keinen Vertrag mit Tussy, engagieren sie auf unbestimmte Zeit und mit unklaren Verpflichtungen. Sie soll Deutsch unterrichten, ein paar Brocken Französisch, ein bißchen englische Literatur, ein bißchen Stillsitzen, nur für Handarbeit ist sie vollkommen ungeeignet. Ihre Schülerinnen sind nur wenig jünger als sie. Viele kommen aus Indien oder anderen Kolonien, sind Töchter hoher Offiziere des Empire. Man hat sie nach Europa geschickt. Ausgelagert und abgeschoben. Damit sie nicht unter den Wilden aufwachsen, sondern im Kreis gleichaltriger englischer Ladies. Sie tragen hochgeschlossene Kleider, schwarze Strümpfe, weiße Batistschürzen, darunter ein Korsett, einen Flanellpetticoat, einen Baumwollpetticoat und ein enges Mieder. Die meisten sind unglücklich, haben keine Lust auf die Schule, haben Heimweh, verzweifeln in dem Käfig viktorianischen Mädchenlebens. Was hat die Zukunft ihnen zu bieten? Eine Ehe, zahllose Schwangerschaften, weiter nichts. Im Salon das Bildnis der Königin Victoria, vielfache Mutter, Hüterin des Anstands, Sinnbild häuslicher Tugend. Ihre Töchter haben kochen und backen gelernt, die Jungen jagen und schreinern. Tochter Vicky soll sich allerdings für die Schriften von Marx interessiert haben, Prinzgemahl Albert, ein deutscher Romantiker, in die Industriegebiete und Londoner Hafengegenden gefahren sein, um dort Arbeiterschulen und Musterwohnungen zu errichten. Marxismus, Sozialismus, Revolution des Proletariats: Was wäre, wenn diese Ideen auch in die Mädchenpensionate Einzug hielten? Wenn die Frau die Zwänge viktorianischer Erziehung von sich abschütteln würde wie die Arbeiter die Vorherrschaft des Kapitals?

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