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Martin Jürgens - Arbeitsproben

BAROCKER ZUNGENSCHLAG

Des Mutterkuchens Süße - längst gegessen.
Nur eine Frage tut noch weh:
Wer sind wir denn? Besessen
Von barocken Wonnen geh
– Soufflier ich mir – die Antwort etwa so:
Ein schleichend Fieber sind wir, das man sich verhehlt,
Der schlechte Teil von allem, was uns fehlt,
Ein Abschaum alter Schmerzen, Ein Frikassee aus Schleim und Wind,
Ein Sud von Rotz und Regen,
Ein Sack voll Schorf und Grind,
Beißender Einlauf, zäher Speichelfluß, der Herzen
Abtritt, Grube aller Sinne, wegen
Nichts entflammt, entstellt und abgebrüht
Am End, im eigenen Schweiß gegoren,
Halb roh, halb gar, bedroht, bemüht
Und ganz umsonst geboren.

ALS OB

'Als ob', 'als wär', '
Es ist als hätt' –
Ich flöge heim
Und fände Ruh.

Im tiefsten Wiesengrunde,
Da läg ich warm und weich und gut.
Kaum spürbar noch im Munde
Ein letzter Bodensatz von Blut,
Und dann auch das vorbei:
Es bliebe mir vom Leben
Die Spur des Vogels in der Luft.

Ganz überwachsen möcht ich liegen,
In Hahnenklee und Mägdelieb,
Der Schönheit ganz ergeben,
In Knabenkraut, in wildem Wein,
In Männertreu und Frauenlob.

Ich fände Ruh
'Als wär', 'als ob',
Wär endlich da,
'Es ist als hätt' –
Ich wär wer
Weiß wie tief
Im tiefsten aller Gründe,
Im tiefsten Konjunktiv.

AUFGEHEN

UNGLAUBLICH: VOGELLEICHT
Und wach, die Neugier
Junger Katzen im Gesicht, die
Augen auf dem Sprung, auf
Regelloses Glücksgestöber aus, scharf
Auf den unbekannten kleinen Tod,
Vom Hirn bis zu den Sohlen
Ein feiner Film aus
LUSTUNDSPOTTUNDANGSTUNDLUSTUND:
Hand unter Fuß,
Kopf über Hand
Für den Moment
Wer weiß,
Wer wer ist
Und wie lang:
Schon ohne Atem,
ganz am End, scham-
­los mit Haut und Schaum
Und Haar und Jubel,
Die Augen ganz woanders,
Schlitze nur.
Schluchzen im Hals
Und Nässe auf der Stirn –
Ein Fest,
Das aufgeht wie
Der blaue Stern,
Vom Mond gesehn,
Und ohne Rest.

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