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Andreas Züll - Arbeitsproben

DIE VERLORNENE EHRE DER LENA Y: - Kapitel 1 und 2

1

Die Tragik der Person Lena Y, sei sie nun konzentriert gewesen in ihrer nahezu hellenischen Schönheit oder doch einzig in ihrem schwachen, der Hilflosigkeit preisgegebenen Wesen, war zwingend. Und zwingend blieb sie, denn der Verlauf ihres Lebens hatte keine klassische Katharsis zugelassen, kein Moment der Läuterung; weder für sie selbst noch für die Menschen, die Teil dieses Verlaufs gewesen waren. Lena war tragisch und blieb tragisch. Schlüsse aus ihrer Person zu ziehen war ebenso unausweichlich wie unmöglich. Was ihr selbst am wenigsten über ihr eigenes Wesen bewusst gewesen war, offenbarte sich ihrem Umfeld in ihren Handlungen und in dem Schauspiel, das sie großartig, aber ungeübt vollführte, als sei sie einzig zu diesem Zwecke geboren worden und das wahre Leben nur eine lästige Nebenbühne; die Menschen aus Fleisch und Blut darauf agierten als bloße Statisten.
Für Lena selbst muss dieses Spiel gewirkt oder nicht gewirkt haben wie ein Rausch, der nicht rauschhaft sein wollte, denn es war letztlich ein schlecht besuchtes Stück gewesen. Daher trifft sie keine Schuld.
Auch nicht an ihrem letzten Akt, der ihr vielleicht bewusster war als jeder andere, doch von dem wir nicht wissen, wie er in ihr Drehbuch gelangen konnte. Er war nicht zwingend, nicht unausweichlich und wie Lena selbst bewies, auch nicht unmöglich.
Aber etwas hatte sie zu ihm hin geführt. Zuletzt vollzog er sich mit erschreckender Konsequenz, eine Konsequenz, die für Lena selbst atypisch gewesen war. Und doch war sie es, die ihn erdacht und gespielt hatte. Lenas Sünden indes konnte kein Weltgericht anklagen, es waren Sünden ohne Schuld gewesen.
Auch Lena, die sonst nicht viel aus Erfahrungen zu lernen versuchte, muss schmerzlich erkannt haben, dass man Menschen nicht berechnen kann, so gut man sie auch zu kennen glaubt. Am wenigsten aber sich selbst.


2

Am Morgen des 1. November 2007 hatten die Eltern Y den toten Körper ihrer Tochter Lena auf dem Boden ihres Zimmers liegend aufgefunden und verständigten sogleich die Polizei.
Das plötzliche Ableben ihrer Tochter, mit dem sie unerwartet und nun erschreckend endgültig konfrontiert wurden, löste bei beiden einen Zustand der Verwirrung aus, der zur Folge hatte, dass sie bei Eintreffen der Beamten nur bedingt vernehmungsfähig waren.
Zögerlich gaben sie zu Protokoll, dass sich Lena am Vorabend nicht anders als sonst verhalten habe. Sie sei mit ihrem Freund zu einer Halloweenparty in einer der örtlichen Diskotheken gefahren und wohl spät nach Hause gekommen. Die Eltern sagten weiter aus, bei Lenas Rückkehr schon im Bett gewesen zu sein, ungewöhnliche Geräusche oder Ähnliches seien ihnen nicht aufgefallen.
Herrn und Frau Y wurde eine psychologische Betreuung durch die Polizei zugewiesen. Da Lenas Mutter offensichtlich einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, sah man von weiteren Fragen einstweilen ab. Herr Y, der kühl und teilnahmslos wirkte, ließ die Beamten zudem wissen, dass er zuerst mit seinem Anwalt zu sprechen wünsche.
Die Fahndung der aus der STADT zur Unterstützung der örtlichen Polizeibehörde hinzubeorderten Kripo ergab bereits bis zum Mittag, dass weder Lena noch ihr Freund am fraglichen Abend auf besagter Party erschienen waren. Der Inhaber der Diskothek, dem beide Personen namentlich bekannt waren und der ferner anmerkte, dass es sich um „Stammgäste“ handle, konnte dies glaubhaft bezeugen.
Lenas Freund wurde daraufhin auf Veranlassung der ermittelnden Beamten per richterlichen Beschluss in Untersuchungshaft genommen.
Eine erste Untersuchung der Leiche durch den Dienst habenden Bereitschaftsarzt des örtlichen Krankenhauses ergab vor Ort zwar keinerlei offensichtliche Spuren von Gewalteinwirkung mit Todesfolge, dennoch war ein Mord in diesem frühen Stadium der Ermittlungen nicht auszuschließen. Eindeutig festgestellt werden konnte jedoch, dass die 24jährige Studentin Lena Y in den frühen Morgen-stunden besagten Novembertages gegen 5.30 Uhr verstorben war.
Als Todesursache vermerkte der Bereitschaftsarzt einen plötzlichen Herzstillstand, die Ursache sei bis dato unbekannt, er vermute jedoch Rauschgiftmissbrauch und empfehle einen umfassenden toxikologischen Test. Lenas Körper wurde an die zuständige Gerichtsmedizin zur Obduktion überwiesen.
Die Spurensicherung fand neben Lenas eigenen Fingerabdrücken auch Abdrücke zweier weiterer Personen. Während die einen noch am Ort des Geschehens ihrer Mutter zugeordnet werden konnten, mutmaßte die Kripo, dass die anderen von Lenas Freund stammen mussten.
Unter ihren privaten Habseligkeiten stellten die Ermittler einen Laptop, diverse Tagebücher und Briefe, die Adressen einiger einschlägiger Nachtbars sowie unzählige Nacktaufnahmen der Verstorbenen sicher.
Lenas Zimmer wurde bis auf weiteres zwecks späterer Untersuchungen versiegelt. Der leitende Ermittlungsbeamte Kriminaloberkommissar Werner Poensgen verfügte zudem eine Pressesperre.
Dennoch fand sich bereits am nächsten Morgen in der Ausgabe der ZEITUNG eine der beschlagnahmten Aufnahmen, die mit schwarzen Balken ausgiebig zensiert worden war.
Als Schlagzeile des Leitartikels war zu lesen:

"TOTE STRIPPERIN GIBT KRIPO RÄTSEL AUF"
(...)

(Erschienen bei Monsenstein und Vannerdaat 2007)

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