NRW Literatur im Netz

Dr. Wolfgang Bittner - Arbeitsproben

Aus: WEG VOM FENSTER

Er hatte gesehen, daß Andi tätowiert war. Auf der Innenseite des rechten Unterarms trug er ein Schwert, um das sich eine Schlange wand. Das imponierte ihm mächtig. "Wo kriegt man denn das her)", fragte er Andi. Der klärte ihn auf. "Das kann hier fast jeder, peikern nennt man das. Wenn ich dir einen Tip geben darf: Lass das nur bei Schnulli machen. Der nimmt zwar drei Schachteln Zigaretten dafür, aber du kannst dich hinterher damit sehen lassen. Schließlich läuft man dann sein Leben lang damit herum."
Dass man Tätowierungen nie wieder los würde, war Werner unheimlich daran. Er fühlte, dass er etwas Unwiderrufliches machte, falls er sich darauf einließ. Eigentlich mochte er das nicht. Aber alle andern waren tätowiert, manche sogar mehrfach und an allen möglichen und unmöglichen Körperstellen.
Es gab mehrere Motive, zumeist zweifarbig, in Blau und Rot. Am beliebtesten und dekorativsten waren ein feuerroter Drachen, das Schwert mit der Schlange, ein blauroter Adler und das Seemannsgrab, ein Halbkreis mit einem Kreuz darauf vor den Strahlen der Sonne; auch schwarze rankenförmige Fantasiemuster, so genannte Tribals. Das waren die verhältnismäßig großen Tätowierungen. An kleineren gab es beispielsweise Rosen, Flammenornamente, Schmetterlinge, Dolche, Anker oder Herzen mit und ohne Inschrift.
Eines Abends saßen sie zu fünft zusammen bei Sepp und Hammer im Zimmer. Sepp hatte von seiner Mutter zum Geburtstag Geld zugesteckt bekommen und dafür, vom Erzieher unbemerkt, eine Flasche Schnaps gekauft. Den tranken sie. So richtig Schnaps getrunken hatte Werner bis dahin noch nicht, höchstens einmal genippt. Er beobachtete, wie die anderen alle einen kräftigen Schluck aus der Flasche nahmen, jeder eine Daumenbreite, und tat es ihnen nach.

Aus: NIEMANDSLAND

Manchmal sehe ich den Richter, der das Todesurteil des Pfarrers Dietrich Bonhoeffer noch im April 1945 vollstrecken ließ, auf einem Fahrrad über die zerbombte Landstraße nach Flossenbürg ins KZ fahren. Die öffentlichen Verkehrsmittel waren schon nicht mehr in Betrieb. Aber das Todesurteil durfte ohne die Unterschrift des Richters nicht vollstreckt werden, deshalb mühte er sich auf dem Fahrrad ab, so daß Dietrich Bonhoeffer doch noch gehenkt werden konnte. Wenige Stunden später waren schon die Amerikaner da. Und ich würde gern wissen wollen, was aus diesem Richter geworden ist, dem seine Amtspflicht allem vorging. Wahrscheinlich hat auch er bald nach Kriegsende wieder irgendwo trocken und ohne Gewissensbisse in einem Amt gesessen. ... Wie einfach ist es, zu verurteilen, und wie schwer, zu begreifen. Wo haben wir uns jemals erprobt, daß wir unserer Handlungen sicher sein könnten. Auch ich, das merke ich immer wieder, neige zu Verurteilungen. Zum Beispiel habe ich nie begreifen können, wie diese vielen Todesurteile in der Zeit des Nationalsozialismus zustanden kommen konnten. Erst recht habe ich nie begreifen können, daß keiner dieser schwer belasteten Blutrichter jemals verurteilt worden ist.

Aus: BERUF SCHRIFTSTELLER - WAS MAN WISSEN MUSS, WENN MAN VOM SCHREIBEN LEBEN WILL (aus dem Vorwort)

Wer heute als Schriftsteller arbeiten will, und zwar nicht nur mit einem Zufallstreffer ein paar jahre, sondern womöglich ein Leben lang, sollte zumindest drei Vorraussetzungen erfüllen: Er sollte fleißig sein, phantasievoll und über einen großen Fundus an Wissen, Bildung und Erfahrungen verfügen. Dabei ist zunächt unerheblich, was und für wen man schreibt, ob "große Literatur" oder Sachbücher, ob Unterhaltungslektüre, Heftromane oder Horrorszenarien, ob für Erwachsene, Jugendliche oder für Kinder. Genie ist selten; eher schon kommt Talent vor, eine Begabung für das Schreiben. Doch die muss ausgebildet und gepflegt werden. Denn Schreiben als Beruf ist eine qualifizierte Tätigkeit, und noch kein Meister ist vom Himmel gefallen. Gerade das suggerieren ständig "Promotoren" und einige Medien, indem sie Autorinnen und Autoren propagieren, die sie wenig später fallen lassen. So entstehen und vergehen Träume von einem bequemen Leben im Rampenlicht abseits von Alltagsstress und kontinuierlicher Arbeit.

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