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Rainer W. Campmann - Arbeitsproben

EINE STÖRRISCHE KUH

Die Straße nach Mosbach und Gersfeld hatten wir überquert und waren eine Weile den Fahrweg, in nordöstlicher Richtung, hinein gegangen. Plötzlich Geschrei hinter uns, lautes Gerufe, Stimmen durcheinander, eine männliche und eine weibliche Stimme, eine Kuh brüllte und hörte sekundenlang nicht auf zu brüllen.
Drehte mich um und sah weit vor uns einen stämmigen, hochgewachsenen Mann, der an einer Kuh zerrte, und eine Frau, die dem Tier in die Flanke trat, und wieder. Der Mann, der Gummistiefel trug und eine grobe, blaue Arbeitsjacke, hielt es am Schwanz, und vorne am Hals schob und drückte jetzt die Frau mit beiden Händen, ein buntes Kopftuch hatte sie sich umgebunden.
Die beiden zerrten und rissen, schoben und schüttelten an dem störrischen Tier, wollten es bis zum Anhänger bringen; dann müsste es noch die breite, metallene Laufschiene hoch, irgendwie, und hinein.
Was machen Sie mit dem Tier?! Sie quälen es ja! Sie hätten dem Tier bald die Beine gebrochen! Ich sollte hinlaufen und die Leute zurechtweisen.
Die beiden hatten das Tier wohl von der Viehweide nebenan zu holen versucht, und da es guten Worten nicht gehorchen wollte, auch leichten Tritten und harmlosen Stockschlägen nicht, hatten sie es gepackt, der eine vorn am Hals oder Kopf, an der Flanke, der andere am Schwanz, und herunter gezerrt, über den schmalen Wassergraben bugsiert, und nun zogen und schoben, lenkten sie es weiter auf den Weg. Das alles musste sehr schnell gegangen sein, denn als wir vom Parkplatz kommend die Straße überquert hatten und eine Weile in den Fahrweg hinein gegangen waren, hatten wir keinen Wagen mit Anhänger gesehen, wir wähnten uns allein.
Eine himmlische Ruhe am frühen Morgen. Wir hatten vor, durch den Rhönwald auf dem Rundweg 2 ins Rote Moor zu wandern.
Das Tier hatte sich nach vorne hin schwergemacht, hielt den Kopf tief, wieder brüllte es erbärmlich; Kraft und Gegenkraft hielten sich die Waage. Und mitten auf dem Weg, mehr zum Feldrand hin, ein Geländewagen mit eingeschalteten Scheinwerfern; der Anhänger glänzte matt, die dunkelblaue
Plane war hochgeworfen.
Die Braungefleckte hatte sicher mehrere Monate hier oben auf der Viehweide zugebracht, sollte, ich vermute mal, hinunter ins Dorf in den warmen Stall gebracht werden; denn hier oben (760 Meter über NN) würde es bald den ersten Frost geben. Es war Ende September und schon sehr kühl geworden; fast schon Novemberwetter: diesig, verhangener grauer Himmel. Das dumme Tier jedoch sträubte sich, wollte mit aller Gewalt dahin zurück, wo es einen Sommer lang gefressen und wiedergekäut hatte, wo wahrscheinlich noch weitere Artgenossen auf den Abtransport warteten. Und immer wieder brüllte die störrische Kuh auf, wie es ihre Art ist.
Der Mann, ohne den Schwanz loszulassen, trat an ihr Hinterteil heran, schlug mit der Faust hinein, einmal, zweimal, da endlich bewegte sie sich, drängte vorwärts, bis ihr Schwanz wieder abstand wie ein Stock. Jetzt knickte sie ein, jetzt rutschte sie weg. Bauer und Bäuerin, sie schwitzten und keuchten, zogen und zerrten an dem Tier.
Während wir so dastanden, wir hatten uns einige Male angesehen. Wieder hingesehen.
Eingreifen? Was machen die mit dem Tier? Schinder sind das!
Doch wir gingen weiter; bogen links in den Waldweg ein.
Ein dumpfes Aufbrüllen, dann ein tiefes langgezogenes Brummen; wir drehten uns um und hielten unsren Schritt an.
Wir waren mittlerweile vielleicht hundert Meter von dem Geschehen entfernt. Wir sollten, ich sollte hinlaufen und die beiden zurechtweisen!
Da sah ich, wie der Mann, der noch immer das Schwanzende mit beiden Händen umklammert hielt, von dem aufgeregten Tier, mit einem gewaltigen Ruck, zurück über den Wassergraben hinweg auf die Viehweide gerissen wurde, die uns verborgen blieb hinter Sträuchern und Bäumen; die Frau war da schon aus unsrem Blickfeld verschwunden gewesen.
Niemand mehr auf dem Weg; kein Geschrei, kein Gebrüll zu hören. Nur der Geländewagen, dahinter der Anhänger, dessen dunkelblaue Plane hochgeschlagen war.
Wir gingen langsam weiter, noch mehrmals blickte ich mich um. Noch einmal sah ich sie, zwischen Bäumen, die beiden mit der störrischen Kuh auf dem Fahrweg, direkt hinter dem Anhänger jetzt, sie arbeiteten schwer; ich sah, wie das Tier in den Vorderläufen einknickte, sich wieder aufstemmte und ruhig, besser, unbeweglich dastand, offenbar hatte es sich nicht verletzt, es brüllte nicht; die Frau nutzte diesen Moment, mit einem Strick band sie es an den Anhänger.


Aus: Brüche oder Die Welt in den Novemberkeiten. Erzählungen, Prosastücke, Kleine Dichtungen. Brockmeyer: Bochum 2016.

FAHRTWIND

Mit dem Fahrrad zur Schule, die Straßenbahn hörte ich schon herankommen, jetzt schob sie sich, ruckelte sie an unsrem Haus vorbei, fuhr langsamer, hielt, manchmal quietschend, an, während ich das Fahrrad übers Schienenbett auf die Straße geschoben hatte, ich sah noch welche einsteigen, hinten in den Anhänger, den Raucherwagen, den nahm ich im Winter auch gerne, eine rauchen am frühen Morgen, das tat gut. Von Mitte April bis etwa Ende Oktober, November fuhr ich mit dem Rad zur Schule, meistens fuhr ich zeitgleich los mit der Bahn, ich hatte mich auf die Pedale gestellt und mein rechtes Bein über die Querstange geschwungen, jetzt aber: feste in die Pedalen treten, etwa um zwanzig nach sieben fuhren die voll besetzte Straßenbahn und ich los, die beiden Schaffner, der Fahrer, sie wussten das nicht, wir fuhren jedes Mal ein Rennen. Die Tonne den Tornister die geräumige Schultasche hatte ich auf den Gepäckträger geklemmt, und zwar so, dass sie arretiert war, den Bügel zwischen Griff und Tasche geschoben, so dass ich, den Lenker mit beiden Händen umklammernd, feste in die Pedalen treten konnte, ohne befürchten zu müssen, dass die Tasche auf die Straße fiel, mit wirbelndem Pedaltritt der Straßenbahn hinterher, die ich inzwischen eingeholt hatte, die mich jetzt wieder überholte, doch in circa fünfzig Metern wieder abbremsen musste anhalten musste Grümerbaum, dort stiegen viele zu, die auch in die Stadt wollten, in die Geschäfte, Büroräume, Angestellte, Verkäuferinnen, während ich in voller Fahrt, den Schwung bergrunter nutzend, an ihnen vorbeizog, jetzt auch für Augenblicke im Sattel sitzend. Die Straße, der Hellweg verlief hier geradeaus, hundert Meter etwa, machte dann einen Fünfundvierziggradknick nach links und lief in zwei Wellen auf eine kleine Höhe, rechts das doppelgleisige Schienenbett, die grüne Böschung, dahinter, nicht zu sehn, die Felder einer Gärtnerei, wo ich im Frühjahr nach Stiefmütterchen fragte, links Sträucher, Bäume, Gestrüpp, hinter denen man auf Grasboden sitzen konnte, den Blicken der Vorüberfahrenden verborgen, und Schulaufgaben machen, oder auch mal zwei Unterrichtsstunden einfach nur verschwänzen.
Hinter der Höhe machte die Straße einen weiten Bogen nach rechts und fiel leicht ab bis zur Haltestelle Weserstraße, links hinter Stacheldrahtzaun äugten schon die roten Dächer der englischen Kasernen, spätestens hier überholte mich wieder die Bahn, während ich ausrollen ließ, kräftig durchatmend, der Anstieg hatte mich ins Schwitzen gebracht. An der Haltestelle Weserstraße trafen wir uns meistens, die Linie 7, ich auf meinem Rad, Dreigang, jetzt war noch ein leichter Anstieg zu bewältigen, bevor ich den vorgegebenen Weg der Bahn verlassen würde. Die Bahn hatte gebremst, angehalten, hatte die Fahrgäste, viele Schüler, aber auch Angestellte, Verkäuferinnen, einsteigen lassen, in den Triebwagen, in den Anhänger, wo man rauchen konnte, der Schaffner im Anhänger hatte an der Lederschnur gezogen, der im Triebwagen daraufhin ebenfalls, und die Bahn zog wieder an, da hatte ich sie erreicht, überholte sie jetzt, hatte etliche Meter Vorsprung, fuhr jetzt parallel zum D-Zug, einem endlos langen Häuserzug, dreistöckig, eine Haustür wie die andere, gleichzeitig zogen wir an, ich aus dem Sattel und die Pedale tretend, der Fahrer die Kurbel bis zum Anschlag ziehend, noch hundert, noch siebzig, noch vierzig Meter bis zur Ampelkreuzung-B1/Abzweig Harpen am Gasometer, wo ich rechts fahren und die Bahn geradeaus weiter Richtung Innenstadt Zentrum City fahren würde, nächste Haltestelle Abzweig Harpen, dann Stahlwerke und so weiter, und ich würde rechts, den Berg hinunter im Fahrtwind, die Füße ruhig auf den Pedalen, den Oberkörper vorgestreckt, den Berg hinauf, dann am Josefs-Hospital vorbei und so weiter, parallel der B 1, auf dem schmalen holprigen Radweg weiterfahren zur Schule, der Unterricht fing um fünf vor acht an. Heute stand die Bahn schon, als ich von hinten heranfuhr, an den rechten Straßenrand fuhr, abbremste, zum Stillstand kam und mich mit dem Bein abstützte, einen Augenblick verschnaufend. Ich schaute zur Straßenbahn, in den Fenstern keine Gesichter, die mir bekannt waren. Der Verkehr auf dem Ruhrschnellweg mäßig, ein paar Lastwagen rutschten über die Kreuzung, das war's schon.

Aus: Nachbarschaftskunde, Roman, Edition Voss im Horlemann Verlag, Berlin 2012.

GEGENSTAND EINES KURZEN BILDBERICHTS

Nicht die Zeit der Abendnachrichten, muss später gewesen sein, weit nach Mitternacht, wahrscheinlich ein Nachrichtensender, eine der zahlreichen Wiederholungen, die nachts ausgestrahlt werden. Von einem Programm zum andren schalte ich, rückwärts, vorwärts, lasse entstehende, verflackernde Bilder an mir vorüberziehen, ohne mich wirklich für sie zu interessieren, doch plötzlich lasse ich eines stehen, sich entfalten.
Was mich festgehalten hat: der schrille Ton, die überlaute, manchmal zornig-zittrige Stimme: Eine Frau schreit ihre Wut und Verzweiflung heraus, umdrängt von mehr als einem Halbdutzend Männern.
Sie trägt ein blaues Kopftuch, ist ungefähr fünfzig Jahre alt; nicht die Männer setzen ihr zu, wie ich zunächst angenommen, sondern umgekehrt sie setzt ihnen zu, beschimpft sie, bearbeitet sie mit Fäusten.
Mein Sohn ist erschossen worden, auf offener Straße, nur weil er die Wahrheit geschrieben hat!
Jetzt begreife ich, das muss Algerien sein, die Morde der Fundamentalisten, da sind auch Journalisten umgebracht worden.
Die Frau hat ein schmales Gesicht, sie ist außer sich, wieder und wieder springt sie an gegen Schultern und Arme, stemmt sich gegen diese anonyme Mauer aus Menschenleibern.
Den Anzugmännern ist es leichtgefallen, einen fast geschlossenen Abwehrkreis zu bilden.
Mein Sohn er könnte noch leben, er hat nichts andres getan, als die Wahrheit zu schreiben!
Die Männer tragen dunkle, elegante Anzüge und verrichten geduldig ihre Arbeit; sie fassen die Frau nicht an.
Warum schützt ihr die Mörder?!
Da, so scheint es, bewegt sie sich ruckartig nach vorne. Obwohl ich doch sehe, die Anzugmänner weichen nicht einen Zentimeter zurück, hab ich das Gefühl, als hätte die Frau einen halben oder ganzen Schritt nach vorne getan. Mit geschlossenen Augen, die Arme in die Höhe gestreckt, drängt sie aus dem Bild, als strebe sie auf ein vorher anvisiertes Ziel zu.
Dass ihr das nicht gelingt, dafür haben die Anzugmänner zu sorgen, mit ihren wendigen Körpern haben sie um die Frau einen undurchdringlichen, fast geschlossenen Abwehrkreis gebildet.
Plötzlich kommen ins Bild ein vorgestreckter Arm, eine Schulter, fast zeitgleich der dazugehörende Rücken, dann erst der Kopf, der sich kurz zur Kamera dreht: rundes, betretenes Gesicht. Ins Bild gekommen ist der Mann, zu dem die Frau will, bei ihm will sie sich beschweren, ihn will sie zur Rechenschaft ziehen, Minister Sekretär Bürgermeister, der die Treppe herunter aus einer Sitzung gekommen sein wird, ihn klagt sie an.
Darf man denn die Wahrheit nicht mehr sagen?! Mein Sohn, er ist doch nur seiner Arbeit nachgegangen! - Warum ?!
Ihm trägt sie ihre Empörung entgegen, der hinter seiner Deckung aus Menschenleibern einen Augenblick hervorgekommen ist und sich vorbeugt - hinter den Rücken derer, Polizisten in Zivil, die von Berufs wegen zu verhindern haben, dass ihm diese Frau zu nahe kommt.
Während sie ihm Feigheit und Untätigkeit vorwirft, beugt sich der Mann noch weiter vor, und über Schultern hinweg, zwischen den Köpfen zweier Anzugmänner hindurch, fasst er der Frau mit der Hand um den Nacken, zieht ihren Kopf zu sich heran und drückt ihr, die momentlang überrascht innehält, einen Kuss auf das ihren Kopf verhüllende Tuch.
Mehr hat er nicht gewollt, er wendet sich ab und verschwindet nach links unten aus dem Bild. Die Kamera übermittelt mir seinen Rückzug, indem sie Einstellungen verwackelt, der Kameramann hat offenbar einen Augenblick lang überlegt, ob er bei dem Minister Bürgermeister Sekretär bleiben solle. Er bleibt bei der Frau - sie ist der Gegenstand seines dreißig Sekunden langen Bildberichts -, die sich wieder gefangen hat, sie will ihm nach, die noch immer daran gehindert wird, ihm, der sie gerade geküsst hat, zu nahe zu kommen.
Weswegen haben wir denn gekämpft gegen die französische Besatzung ... Ihre Verzweiflung, ihre vom Schreien heisere Stimme.

Aus: Nachbarschaftskunde, Roman, Edition Voss im Horlemann Verlag, Berlin 2012.

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