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Rolf Schönlau - Arbeitsproben

Aus: DER EURO-FAKE

Rechnen müssen hätten sie damit, dass ihre harmlose Aktion im Geiste der Spaßguerilla von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft in ihr Gegenteil verkehrt werden sollte. Dass sie aber eine Entwicklung in Gang setzten, die das Vertrauen in den Euro nachhaltiger schwächte, als alle nicht eingehaltenen Stabilitätskriterien es vermochten, dürfte kaum voraussehbar gewesen sein für Centesimi clandestini.

Unter diesem Namen agierte die Gruppe italienischer Aktivisten aus dem Spektrum der Globalisierungsgegner, die einige Jahre nach Einführung des Euro 100 000 falsche Cent-Münzen in Umlauf brachte: Centesimi clandestini eben, genannt nach dem italienischen Kosename für den einsilbigen Cent und der im Lande gebräuchlichen Bezeichnung für illegale Einwanderer. Die Münze, deren Rückseite nach Eduard Munchs Gemälde Der Schrei gestaltet war, sollte die Millionen von Illegalen, die in der Eurozone leben und arbeiten, wenigstens symbolisch in der gemeinsamen Währung repräsentieren.

Zur persönlichen Absicherung und um die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens zu dokumentieren, hinterlegte man 100 000 echte 1 Cent-Münzen bei einem Schweizer Notar, mit der Anweisung, sie der Europäischen Zentralbank in Frankfurt zu übergeben, falls Mitglieder der Gruppe der betrügerischen Falschmünzerei angeklagt werden sollten. Was niemals geschah, obwohl es ein offenes Geheimnis war, wer hinter der spektakulären Aktion steckte. Der einhellige Beifall in den Kulturredaktionen der großen europäischen Zeitungen schützte die Urheber, die durch eine öffentliche Anklage zudem zu Märtyrern hochstilisiert worden wären.

Erwähnung finden müssen auch die obligaten Verschwörungstheorien, die im politischen Aktivismus von Centesimi clandestini nur das Aushängeschild sahen, hinter dem die Gruppe ihre rein kommerziellen Interessen verstecke. Ein Verdacht, der nie völlig ausgeräumt wurde, zumal der Sammlerwert der falschen Münzen schon bald auf das über 1000fache ihres Nennwertes stieg. Wie nicht anders zu erwarten, sah die Sympathisantenszene in solchen Enthüllungen nichts als eine gezielte Desinformationskampagne, die den politischen Inhalt der Aktion diskreditieren sollte.

Doch verglichen mit dem, was folgte, war die Aktion, wie auch immer sie motiviert sein mochte, kaum mehr als ein Schülerstreich. Einmal als Medium entdeckt, gerieten die Rückseiten der Euro-Münzen bald ins Visier der Marketingstrategen global operierender Unternehmen. Wie sich bald herausstellte, waren auch die Zentralbänker nicht abgeneigt, ihre Werbeplätze der Extraklasse zu verkaufen, anfangs für kleinere PR-Aktionen, bald für breit gestreute Image-Kampagnen im gesamten Geltungsbereich des Euro.

So floss reichlich Geld in die Kassen der einzelnen Finanzminister, die immer größere Kontingente von Münzen mit ihren „nationalen“ Rückseiten gegen solche mit Firmenlogos austauschten, um ihre Haushaltslöcher zu stopfen. Von Shell über Volkswagen, Nestlé, Lloyds und Bayer bis hin zu Aldi und Hugo Boss – die Bewohner der Eurozone trugen das Who’s who der Wirtschaft in der Geldbörse mit sich herum.

Spätestens als auch mittelständische Unternehmen sich Euro-Münzen mit firmeneigener Rückseite als Give-away zulegten, schwante selbst den eifrigsten Verfechtern der Marktes, dass die Idee des Euro in ihr Gegenteil verkehrt worden war. Wo so viele verschiedene Münzen in Umlauf waren, dass nicht einmal ein routinierter Bankkassierer ohne Weiteres zwischen Original und Fälschung unterscheiden konnte, akzeptierte kaum noch jemand eine Münze mit einer ihm nicht persönlich bekannten Rückseite. Die ehemals länderübergreifend gültige Währung degradierte zum nur noch regional akzeptierten Zahlungsmittel, so dass die Euro-Münzen eben das wurden, was viele in den ersten Monaten nach Einführung der neuen Währung, im Portemonnaie zu haben glaubten: Spielgeld.

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