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Gisela Garnschröder - Arbeitsproben

ERWACHEN

Goldgelb blühen Forsythien
Am Straßenrand,
Biene taumeln,
Von Nektar trunken,
Zu immer neuem Blütenstand.
Schmetterlinge schweben dahin,
Pure Schönheit,
Aus edlem Gespinst.
Amseln, nur das Weibchen im Sinn,
Trällern ihr Lied.
Während der Sperber
Seine Kreise
Hoch durch Himmelsbläue zieht.
Jährlich wieder,
Doch immer neu
Erwachen Frühlingstriebe
Hoffnungsvoll
Aus dunkler Blätter Streu.

DER ROSENSTRAUCH

Sahst du die Rose
am Wegesrand?

Ich weiß noch,
dass dort ein Häuschen stand.

Der Garten war stets
ein blühender Traum,

mit duftenden Blüten
und Apfelbaum.

Der Krieg und die Zeit
haben alles verbrannt,

es blieb nur der Rosenstrauch
im dürren Land.

(ohne Titel)

Es war ein graues Haus in einer etwas abgelegenen Seitenstraße, einer ruhigen, mit Kastanien bewachsenen Allee. Hier war alles stil. Die Bewohner gingen zeitig zu Bett und standen zeitig auf. Zwischen den Bäumen standen direkt am Bordstein schon einige Mülleimer, die tags darauf geleert werden sollten.
Maik Lohberg hatte sich immer gewundert, dass Beate in solch einer Straße wohnte. Ihm kam die Gegend kleinbürgerlich und spießig vor. Beate fühlte sich wohl. Sie besaß eine Dachwohnung, mit einem Balkon, von dem aus sie direkt auf den Kirchturm schaute. Die Wohnung schien von außen betrachtet so gar nicht zu ihrer anspruchsvollen Art zu passen. Dieser Eindruck verschwand aber gleich, wenn man eintrat.
Hinter dem schlichten Treppenhaus verbarg sich eine ausgesprochen elegante und stilvolle Einrichtung. Geschmack hatte Beate, das musste ihr der Neid lassen. Nicht nur Maik fragte sich manchmal, woher sie nur das Geld hatte, um sich die zweifelsfrei echten Teppiche oder gar das marmorne Bad leisten zu können.
Beate lachte nur, wenn jemand sie danach fragte: Geerbt, was sonst!?" behauptete sie ironisch und alle waren so schlau wie zuvor.
Maik wusste, dass sie die Wohnung von ihrer Großmutter geerbt hatte. Die alte Dame hatte bis zu ihrem Tod in dem Haus gewohnt. Das Untergeschoss hatte sie schon zu Lebzeiten an ein älteres Ehepaar verkauft, welches noch dort wohnte.
Die Mansarde war alt und klein gewesen. Beate hatte sich einen guten Architekten genommen, der die Wohnung vergrößerte, indem er zwei weitere Giebel einfügte. Das Haus verfügte nun über vier Spitzgiebel. Die Wohnung war viel geräumiger als vorher, auch viel heller. Die neuen Giebelwände waren ganz aus Glas.
Die schlichte, weiße Eingangstür führte den Besucher in eine Diele mit einem riesigen Spiegel und einer kleinen Sitzecke aus Korbmöbeln. Ein dichter, persischer Teppich auf weißem Marmor gab dem Eingang noblen Stil.
Die Küche aus hellem Eichenholz war mit allen erdenklichen Finessen ausgestattet und ließ vermuten, dass die Hausherrin gerne kochte. Von einem gemütlichen, mit handgearbeiteten Buchenmöbeln ausgestatteten, Wohnzimmer aus führte eine Wendeltreppe aus Buchenholz direkt unter das Dach. Dort hatte Beate "ihr Reich", dessen Mittelpunkt ein riesiges, mit rotem Samt bezogenes Bett war.
... Die Glasgiebel des Schlafzimmers boten am Tag einen Blick über die ganze Stadt, mit dem Kirchturm direkt in der Front. Bei einbrechender Dunkelheit ließ Beate Raffrollos aus dunkelblauem Tüll herunter, um neugierige Blicke auszuschalten.
Als Maik jetzt die Strasse heraufkam, wanderte sein erster Blick nach oben. Die Giebelspitze schimmerte bläulich, also war Beate schon im Schlafzimmer. Er wollte seinen Wagen direkt vor dem Haus am Bordstein parken, fand aber keinen freien Platz. Erst eine Straße weiter konnte er den Wagen abstellen. Etwas verärgert ging er zurück. Er hatte einen Schlüssel. Geräuschlos, immer zwei Stufen nehmend, eilte er nach oben. Leise öffnete er die Wohnungstür und schlüpfte hinein.
Alles war still und dunkel. Durch die großen Scheiben fiel das Licht der Strasse gedämpft ins Zimmer. Von oben kam leise Musik. Beethoven!
Maik blieb auf dem Treppenabsatz stehen und lauschte. Merkwürdig! Noch nie hatte er bei Beate klassische Musik gehört und nun ausgerechnet Beethoven. Beethovens Neunte! Langsam ging er Hinauf und öffnete lautlos die Tür.
Beate lag quer über dem Bett, mit dem Gesicht nach unten, das Haar verstrubbelt und die Arme nach vorn geworfen. Sein Herz bekam plötzlich einen Stich.
"Beate", flüsterte er atemlos und stürzte zu ihr.

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