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Fred-Roderich Pohl - Arbeitsproben

DIE MÖNCHE VON LANTAO

Hohle, rhythmische Gongtöne klingen durch das Po Lin Kloster. Um vier Uhr morgens geht ein älterer buddhistischer Mönch um den Tempel. Er schlägt mit den Fingern gegen eine kleine Leder bespannte Handtrommel. Die Mönche werden zum Gebet gerufen. Eine Stunde lang klingt ihr Murmeln durch die Morgenluft – nur unterbrochen von dem Dröhnen einer großen, rot bemalten, hölzernen Pauke und dem Klimpern winziger Glocken. Die Mönche danken für den Beginn eines neuen Tages.
Während die Sonne langsam über den Lantao-Berg kriecht, legt am anderen Ende der Insel das erste Boot an. Es hat eine Stunde gebraucht, von Hong Kong herüber zu kommen. Einige Chinesen steigen an Land. Einheimische Fischer und Bauern. Vielleicht kommen auch einige Touristen. Sie steigen in die kleinen Busse, die sie eine weitere Stunde lang über schmale, gewundene Straßen himmelwärts fahren.
Die Legende berichtet, dass Piraten einst die Lantao-Insel oder Tai Tsui San, wie sie die Chinesen nennen, entdeckt haben sollen. Cheung Po Chui, der berühmte Pirat des Südchinesischen Meeres, soll auf Lantao seine geraubten Schätze vergraben haben. Jedoch hat noch nie jemand eine Spur davon gefunden.
Die Mönche, die nach Lantao kamen, suchten keine Schätze hier, sondern die Ruhe und Abgeschiedenheit der Insel. Es gab damals nur ein kleines Fischerdorf in Tai O und einige Bauern hatten sich an den steilen, aber fruchtbaren Hängen angesiedelt. Po Lin Tse (kostbare Lotosblüte) nannten die Mönche ihr Kloster, das sie in etwa 1.000 Metern Höhe im Schatten des Lantao-Berges gründeten.
Heute zeigt sich der Tempel, das Zentrum des Klosters, in den leuchtendsten Farben. Die dreißig, meist älteren Mönche, haben Monate lang gearbeitet. Für ca. 150.000 Euro ist das Gebäude samt kleinerer Vortempel und den beiden Meditationshallen vollständig renoviert worden. Eigentliches Zentrum der gesamten Klosteranlage ist der Altar, der aus drei großen, mit Gold überzogenen Buddhafiguren besteht, die von einem Glaskasten umgeben sind. In der rechten vorderen Ecke des Tempels steht die 2 Tonnen schwere Po Lin Glocke, die dem Gott der Unterwelt geweiht ist. Die Glocke wird zwei Mal am Tag geschlagen, um 12 Uhr mittags und um Mitternacht. Sie dient als symbolische Verbindung zwischen Himmel und Hölle.
Wann immer man auch den Mönchen begegnet, sie scheinen der Welt entrückt zu sein. Ihre irdischen Pflichten führen sie scheinbar mechanisch aus. Sie beten und meditieren beim Blumengießen, beim Hüten der Kühe oder bei der Arbeit auf den angeschlossenen Feldern. In den privaten Bereichen des Klosters werden Gruppenmeditationen abgehalten, die teilweise von dem alternden Abt Fut Haw geleitet werden. Manchmal praktiziert der eine oder andere Mönch auch noch Tsim Sui, einen freiwilligen, achtjährigen Ausschluss von jeglichem Umgang mit Menschen. Der Mönch lebt dann in einem kleinen, abgeteilten Steindorf und versucht, einen höheren Reinheitsgrad zu erlangen. Von unsichtbaren Händen wird ihm das Essen hingestellt. Vegetarisches Essen natürlich, das vorwiegend aus selbst gezogenem Gemüse, Reis und Nudeln besteht. Dieses Essen kann auch jeder Besucher probieren. Es wird eigentlich für die Pilger bereit gestellt, die gelegentlich nach Lantao kommen. Dieser Restaurantbetrieb ist neben den Spenden die einzige Einnahmequelle der sich sonst selbst versorgenden Mönche. Auch hier heißt die Grundordnung ora et labora.
Die Mönche beten oft stundenlang. In langen, grauen Gewändern, mit kahl geschorenem Kopf, sieht man sie sich vor Buddhafiguren verneigen. Dumpfe, rhythmische Gongschläge hallen durch den Tempel und verlieren sich in den kahlen angrenzenden Hügeln der Lantao-Insel.

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