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Nicolette Lara Bohn - Arbeitsproben

DAS KLEINE LOCH IN DER WAND

Draußen ist es dunkel.
Die KInder aus Gruppe 7 sitzen beim Frühstück.
Nele sitzt neben Olli.
Olli ist Neles Freund.
Fräulein Müller hat Frühdienst.
Sie ist um halb sieben gekommen und hat die Kinder geweckt.
Bei Nele macht sie morgens immer KILLEKILLEKILLE
Dann schlägt Nele die Augen auf und lacht.
Weil das so schrecklich unter den Fußsohlen kitzelt.
Bei den anderen Kindern hat Fräulein Müller es nicht so leicht.
Der dicke Winnie zum Beispiel rennt sofort wieder ins Bett, sobald man ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen lässt.
Frühdienst ist schwer.

Jetzt sitzt Fräulein Müller am Kopfende des langen Tisches im Aufenthaltsraum und liest Zeitung.
Wenn sie etwas Besonders Interessantes findet, liest sie es laut vor.
Heute hat sie noch nichts gefunden, obwohl es schon gleich halb acht ist.
Um halb acht ist das Frühstück beendet.
Die Kinder fahren zur Schule.

Fräulein Müller faltet die Zeitung zusammen.
"Schmiert rasch eure Schulbrote", fordert sie die Kinder auf.
Olli hat sein Messer noch gar nicht benutzt. Es liegt fein säuberlich auf seinem Teller.
Mit verschränkten Armen sitzt er da und sieht aus dem Fenster.
Langsam wird es heller.
Wie ein weißer Himmel hängt der Frühnebel über den Feldern.
Ganz weit unten fängt die Autobahn an.
Olli sieht wie die Autos fahren. Sie fahren ganz schnell.
Irgendwohin.

"Was ist los mit dir, Olli?" fragt Fräulein Müller
Es klingt besorgt.
Warum willst du nichts essen?
Olli kneift den Mund fest zusammen. Er antwortet nicht.
Nele spürt, dass er unter dem Tisch ganz unruhig mit den Beinen zappelt.
"Trink wenigstens deinen Kakao, Olli", sagt Fräulein Müller.
Da nimmt Olli das Messer und schmeißt es gegen die Wand.
Alle erschrecken mächtig.
Fräulein Müller am meisten. Sie springt von ihrem Platz auf und schreit:
"Bist du wahnsinnig geworden, Olli?"
In der Wand ist ein kleines Loch. Aber nur ein ganz kleines.
Olli ist vor Aufregung ganz rot im Gesicht. Er würgt mühsam einige Worte zwischen den Zähnen hervor.
"Dir ist es doch sowieso egal, ob ich verhungere oder nicht!"
"Aber Olli, jetzt wirst du wirklich albern!"
Fräulein Müller schreit immer noch. Sie hat Angst, denn sie versteht nicht, was in Olli vorgeht. Er ist doch sonst nicht so.
Olli steht hinter seinem Stuhl und hält die Lehne fest umklammert. Er mag Fräulein Müller nicht ansehen.
Er brüllt: "Du lügst! Warum gehst du dann weg? Du hast uns nicht lieb! Das kann gar nicht wahr sein. Wenn man jemanden liebhat, dann geht man nicht einfach weg."

Nele ist ganz blaß geworden.
Au Mann! Das hatte sie völlig vergessen.
Aber jetzt, wo Olli es rausschreit, fällt es ihr wieder ein.
Fräulein Müller will fortgehen.
Vielleicht will sie es gar nicht.
Aber sie muß.

Fräulein Müller ist nämlich nur eine Jahrespraktikantin.
Nele hat das komische Wort erst gar nicht richtig verstanden.
Herr Till hat es erklärt. Er ist der Heimleiter.
"Liebe Kinder ... Fräulein Müller lernt bei euch. Sie bleibt ein ganzes Jahr. Ich hoffe, ihr gewöhnt euch rasch aneinander. Liebe Kinder ... bitte macht es Fräulein Müller nicht allzu schwer."
Herr Till sagt immer "Liebe Kinder", wenn er mit ihnen spricht.
Ein ganzes Jahr.
Das hat sich damals so lange angehört.
Aber richtig vorstellen konnte sich das eigentlich niemand.
Olli hat gesagt: Ein Jahr fängt beim Geburtstag an und hört mit dem Geburtstag auf.
Das stimmt.
Letztes Jahr hat Fräulein Müller ihren Geburtstag in Gruppe 7 gefeiert.
Dieses Jahr wird sie ihren Geburtstag mit fremden Kindern feiern.
Fräulein Müller ist jetzt eine richtige Erzieherin.
In Gruppe 7 hat sie nur gelernt.
Die fremden Kinder werden von ihr ganz richtig erzogen.

Nele fängt eine Träne mit der Zunge auf.
Sie schmeckt salzig.
Draußen trommelt Olli mit den Fäusten auf den Teppich.
Das sind Ollis Tränen.

Fräulein Müller hat ein richtiges Abschiedsfest gegeben.
Herr Till ist auch gekommen.
Er hat eine fremde Frau mitgebracht.
"Liebe Kinder, das ist Fräulein Dornbusch. Sie bleibt ein ganzes Jahr. Ich hoffe, ihr gewöhnt euch rasch aneinander. Liebe Kinder ... bitte macht es Fräulein Dornbusch nicht allzu schwer."

Inzwischen ist Fräulein Dornbusch schon zwei Monate in der Gruppe 7.
Fräulein Dornbusch ist die neue Jahrespraktikantin.
Nele und Olli haben sich daran gewöhnt.
Einmal haben sie zu Abend gegessen.
Da hat Fräulein Dornbusch gefragt: "Kann mir jemand sagen, wie das passiert ist?"
Sie hat auf das Loch gezeigt, auf das kleine Loch in der Wand.
Alle Kinder haben geschwiegen.
Nele und Olli auch.
Der dicke Winnie hat gesagt: "Das ist nur ein ganz kleines Loch, Fräulein Dornbusch. Das ist nicht so schlimm."

Dann haben sie weitergegessen.

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