NRW Literatur im Netz

Dr. Ansgar Walk - Arbeitsproben

WIE DAS BUCH ZU SEINEM TITEL KAM

Als hätten wir heute nicht genug erlebt, hält der Abend noch ein Abenteuer außergewöhnlicher Art für uns bereit. Nach dem Supper bleiben wir ein Weilchen im Speiseraum und stöbern im Bücherbord. Da eilt David Hatch, unser "Birder", herein und berichtet aufgeregt, jenseits des Flusses in den Tinittuktuq Flats stünden Kanadakraniche. Er hat ihre Rufe gehört und sie dann tanzen sehen. Um das Ungewöhnliche ihres Tanzes zu demonstrieren, führt er dazu flatternde Bewegungen aus – was bei ihm allerdings nicht ganz so elegant wirkt wie bei den Vögeln.
Ricky und ich rennen zu unserer Blockhütte und holen die Kamera, stecken im Laufen das 300er-Objektiv mit Konverter auf und montieren alles auf das Stativ. Keuchend schleppen wir eilig unsere Last den Esker hoch, an dessen Ende wir uns den besten Blick erhoffen. Natürlich haben wir bis zur richtigen Plazierung viel Zeit verbraucht, zu viel Zeit, wie wir mit Bedauern feststellen: Die Kraniche sind längst weggeflogen.
So versuche ich das Beste aus der Situation zu machen und beginne, die Kamera für Großaufnahmen auf die Blockhäuser der Lodge zu richten. Dort spielen noch die Kinder. Ihr Lachen und Schreien dringt deutlich zu uns herauf. Es ist kurz vor zehn, und das Licht läßt leider schon zu wünschen übrig; für ein paar statische Aufnahmen aber mag es ausreichen. Ich schaue durch den Sucher und wende mich verwundert an Ricky: "Haben wir denn einen weißen Hund in der Lodge?" – Sie: "Aber nicht doch: Du siehst wahrscheinlich die Kinder spielen!" Ist das Geschrei der Kinder wirklich Spiel? Und was tollen sie denn auf einem der Hüttendächer herum? Da fällt plötzlich ein weithin hallender Schuß, und aus dem Sichtschutz der Hütten eilt in mächtigen Sätzen ein weißer Körper den Esker hinauf – ein großer männlicher Polarbär. Ich drücke zweimal auf den Auslöser, dann ist der Abendspuk über die Landebahn hinweg verschwunden.
Wie sich nach dem Entwickeln herausstellt, ist das Licht auch hier oben im Norden zu so später Stunde doch nicht mehr ausreichend und die automatische Belichtungszeit deshalb zu lang. Als Ausbeute zeigt sich auf jedem der beiden Fotos nur: "The bear made a dash to safety – als (weißer) Strich hat sich der Bär gerettet."
Der Polarbär war bis zu den unteren Häusern vorgedrungen, wo Fische zum Trocknen hingen; die dürfte er gewittert haben. Die Kinder konnten sich rasch auf ein Hüttendach retten. Auf ihr gellendes Schreien war Bob mit dem geladenen Gewehr ins Freie geeilt und hatte den Eindringling mit einem Schreckschuß verjagt. Das Gewehr auf dem Rücken jagt er nun mit dem ATV den Weg zur Landebahn hinauf und verfolgt durchs Fernglas den weiteren Rückzug des Bären. Und wir sind froh, daß der seinen Fluchtweg nicht in unsere Richtung gelenkt hatte …
John Hickes kann sich nicht erinnern, daß zuvor schon einmal "so früh im Jahr" ein Bär die Lodge heimgesucht hat. Von dieser Nacht an werden die Wachen verstärkt.

Aus: Der Polarbär kam spät Abends.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.