NRW Literatur im Netz

Ilona Walger - Arbeitsproben

HARLEKINO

Amelie geht nun zur Schule, und das macht großen Spaß. Es macht Spaß, eine Fabel zu haben, die in rotes Papier eingeschlagen ist und ein Etikett hat, auf dem „Amelie 1. Klasse“ steht. Es macht Spaß, ein farbiges Etui mit einer lustigen Mickymaus oben drauf zu haben, in dem bunte Bleistifte liegen, und einen Zeichenkarton zum Malen. Es macht Spaß, eine Menge Griffel zu haben und ein Fläschchen mit Tintenfüller, sowie einen Schulranzen, in den man das ABC legt.
Und das Allerschönste – in der Fibel ist ein Hahn! Und der Hahn kann Zweipfennigstücke legen, dass es nur so klirrt, falls man fleißig ist und seine Schulaufgaben macht.
Amelie zeigt ihre Fibel und das bunte Etui allen, Mama, Oma und Florian. Und sie erlaubt Omi, in der Fibel zu blättern und ein bisschen im Zeichenkarton etwas mit dem bunten Griffel zu malen, wenn auch mit vielen Ermahnungen.
Nach der Schule sitzt sie im Kinderzimmer und liest so laut, dass es die halbtaube Tante Lora im Haus hört.
„A I E”, ließt sie. “A I E!”
Jeden Tag beim Abendbrot fragt Mutti:
„Na, Amelie, wie geht’s in der Schule?“
„Prima“, sagt Amelie. „Ich bin die beste in der Klasse.“
„So?“ fragt Stiefvater Florian. „Findest du das oder die Lehrerin?“
„Wir alle beide“, antwortet Amelie.
Florian und Mami sehen sich befriedigt an. Da sieht man es!

Aber die Tage gehen dahin und Amelie macht ihre Schularbeiten nicht mehr ganz eifrig. Mama muss sie ständig ermahnen, dass sie ihre Rechenaufgaben nicht vergisst. Und aus dem Kinderzimmer hört man kaum noch mal ein A I E, sondern nur Lärm, wenn Amelie und ihre Freundinnen Jacque, die eigentlich Jacqueline heißt und Lisabett auf den Möbel herumtanzen und die Stühle umwerfen. Jacque und Lisabett sind Zwillinge und wohnen in dem Nachbarhaus.
Aber eines Tages hört man etwas anderes.
„Harlekino, Harlekino, sei nicht traurig, sei doch froh...“und dann wieder- „Harlekino, Har...le...ki...no bist für Spaß und lachen da, Spaßmann, Spaßmann, Harlekino, mach ein fröhliches Gesicht, haha...ha-ha...haha“, singt sie.
Als sie sich in die Rechenaufgaben vertieft, klingelt es. Jacque und Lisabett sind da.
„Amelie“, sagt Jacque, „was spielen wir jetzt?“ Wir spielen Städte, Flüsse und Länder.
„Haha“, lacht Lisabett, „haben wir ja schon zu Hause gespielt.“
„Das Spiel ist langweilig“, sagt Jacque. Da taucht in Amelie ein Gedanken auf. Ihr kommen ja die Einfälle, die jemandem nicht im Traum einfallen. Mutti kommt heute spät nach Hause, sie hat eine Betriebsversammlung. Und der Stiefvater Florian hat Spät-schicht.
„Jacque! Lisabett!“ ruft Amelie. „Jetzt weiß ich, was wir machen! Wir spielen Zirkus.“
Jacque hopst vor Entzücken in die Höhe.
Und ich bin der Clown Harlekino, ja?“
„Nein, du und Lisabett seit Zuschauer im Zirkus“, sagt Amelie.
„Harlekino bin ich!“
Die Geschwister sitzen brav auf dem Sofa. Amelie führt ihnen ihre Künste vor. Sie hopst, macht Akrobatik, singt Lieder. Und dann werden die Clownstricks vorgeführt. Aber da guckt Amelie an ihrer abgewaschenen Hose herunter. Nein, so kann der Clown Harlekino unmöglich angezogen sein, so sieht doch keiner richtigen Clown aus. Lustig und zum Totlachen muss er aussehen!
„Wart mal ein bisschen“, sagt Amelie.
„Ich bin gleich wieder da und verschwindet in Mutters Schlafzimmer. Sie schaut sich suchend um. Auf einem Haken hängt Muttis bunte Hose. Sie nimmt die Schere und schneidet ein Hosebein halb ab. Dann kramt Amelie im Wäscheschrank und findet dort ein paar Socken des Stiefvaters Florian. Sie zieht eine gelbe und eine schwarze Socke an und zwei verschiedene Hausschuhe. Dazu passt ein Schuh von Florian und einer von Amelie. Das sieht lächerlich aus! Ziemlich groß sind die Socken. Damit kann man super einen Tollpatsch vorführen. Jacque und Lisabett werden sich totlachen! Das grüne Barett des Stiefvaters Florian, das ziemlich platt aussieht, schmückt sie von beiden Seiten mit roten riesigen Papierblumen. Muttis gestreifte Bluse, tja! Fix wie sie ist, ohne zu über-legen, schneidet Amelie einen Ärmel ab. Prima! An den Gürtel hängt sie den Wecker an. Und jetzt fehlt nur noch ein Stock zum Humpeln. Dazu passt der schwarze Schirm. Jetzt noch schnell schminken! Mit rotem Lippenstift macht sie sich einen großen Mund und rote Wangen. Mit dem Bleistift malt Amelie um die Augen schwarze, dicke Striche wie Tränen darunter und schräg nach oben gezogene Augenbrauen. Eine orange, kugelförmige Nase wie ein Ball, fehlt noch. Sie bastelt sie aus Papier. Dann beguckt sie sich im Schrank-spiegel. Oh, sie ist schön, so schön, dass sie geradezu eine Gänsehaut bekommt. Genauso muss der Clown Harlekino, der berühmte Tollpatsch Oleg Popov in russischen Zirkus ausgesehen haben. Das hat Mama erzählt. Jetzt kann der Zirkus beginnen.
Der Kassettenrecorder wird auf volle Tour eingeschaltet. Harlekino, Har...lekino... sei so lieb und lache mit...“ Die Musik ist laut, ohrenbetäubend. Amelie führt allerlei Clowns Späßchen vor. Jacque und Lisabett biegen sich vor Lachen. In der Wohnung herrscht eine heillose Unordnung. Es geht alles drunter und drüber. Das hört die uralte Tante Lora im Erdgeschoss nicht gern.
Als Mutti von der Betriebsversammlung nach Hause kommt, sitzt Amelie brav im Kinder-zimmer, malt Clowns und singt: “Harlekino, Harlekino...“
„Na, und was hast du heute gemacht?“
Da wird es plötzlich ganz still im Kinderzimmer. Amelie starrt Mutti erschrocken an.
„Na, was hast du gemacht?“ fragt Mutti wieder. Und auf einmal klingelt es, und die alte Tante Lora erscheint in der Wohnung. Sie beschwert sich über den Lärm, Herum-turnen und schrille Musik, die aus ihrer Wohnung tagtäglich kommt. Amelie bekommt einen roten Kopf und starrt auf ihre Schuhe hinunter. Da muss Mama sicherlich eingreifen, und Amelie kriegt Haue. Oh, wie allein und verlassen sich Amelie vorkommt, seit sie nicht mehr in der Wohnung mit Jacque und Lisabett herumtoben und spielen darf! Und das Lied „Harlekino“ singt sie trotzdem. Aber jetzt nur ganz leise.

Aus: Amelie. Geschichten einer Kindheit.

DAS MILCHMÄDCHEN

Ich war acht Jahre alt, klein von Wuchs, schmächtig und unge-lenkt. Ich sah so elend aus, als wollte das Leben von mir Abschied nehmen. Hunger blickte aus meinen Augen. Ich hatte nur einen sehnlichen Wunsch: mich ein für allemal richtig satt zu essen! Ich träumte von frischgebackenem Weißbrot und frischgemolkener Milch, die den Duft des gesundes Lebens verbreitete, warm war und leicht süßlich schmeckte. Aber Träume sind Schäume, und die Wahrheit ist oft gemein.
Im November 1947 herrschte klirrende Kälte, die sibirische Erde war seit Wochen mit einem großen Schneeteppich überzogen: Sibirien in seiner gewaltigen Pracht! Ein endlos scheinendes, ein herrliches, aber auch ein furchtbares Land. Unsere neue Heimat. Der Himmel lag über dem Ort wie ein Zinndeckel über einer alt-modischen Servierplatte, die Erde tief gefroren, wir hatten 35 Grad minus.
An einem solchen Novembertag klopfte jemand leise an unsere Tür. Mein Bruder Heinzi und ich waren allein zu Hause. Mutter war für ein paar Tage in das nächste Dorf gegangen, um für uns etwas Essbares zu verdienen. Sie war eine hervorragende Schneiderin. Sie hatte uns streng befohlen, ja niemandem die Tür aufzu-machen. Von wegen der Einbrecher, mit denen nun auch wir schon Bekannschaft hatten machen müssen.
„Wer ist da?“ Ich hatte Angst. Doch von der Tür hörte ich eine vertrauenerweckende Stimme: „Mach auf, ich bin dein Vater.“
„Nein, nein! Mein Vater ist in der Trudarmee, von dort kommt niemand zurück.“
Es blieb still. Der Mann war von diesen Worten wahrscheinlich verblüfft, sagte aber weiter: „Ich habe Brot und Zucker mitge-bracht.“
Vater... Brot...Zucker...Und diese Stimme! Wo habe ich sie schon mal gehört? Da wird mir Wunderbares und Leckeres versprochen, aber ich darf die Tür nicht öffnen. Einige Sekunden zögerte ich, doch dann siegte der Wunsch, den Vater zu sehen und Brot zu essen, wie von selbst. Mit einem Ruck riss ich die Tür auf.
Dunkelgraue freundliche Augen in einem trockenen, eckigen Gesicht sahen mich liebevoll an. Der Mann lächelte entschul-digend, ich dagegen blieb skeptisch. Er war nicht alt, nicht jung, nur total abgemagert und für diese Jahreszeit zu arm und zu leicht gekleidet. Auf dem Rücken trug er einen moosgrünen Rucksack, in dem sich seine Habseligkeiten und auch das Brot und Zucker befanden.
Das also sollte mein Vater sein, 49 Jahre alt und seit langem von uns fort.. Er nahm mich auf den Schoß, streichelte mit rauer Hand meine Haare und sagte mehrmals: „Du bist aber ein großes Mädchen geworden, Jola.“
„Und wo ist das Brot? Hast du es versteckt?" Ich schaute sehnsüchtig auf den Rucksack.
„Und wo ist Mutter?“ fragte Vater lächelnd zurück.
Ich erklärte es ihm.
Nun kam auch Heinzi, der aus Angst unter das Bett gekrochen war hervor und musterte Vater voller Entsetzen.
„Komm doch zu mir, Söhnchen", sagte Vater so liebevoll wie möglich.
„Nein, nein! Du bist nicht mein Vater! Du bist ein böser Onkel, ein Fremder. Geh weg! Geh! Ich will dich nicht sehen". Heinzi blickte unseren Vater wie ein gehetztes Wolfjunges an.
Da machte Vater den Rucksack auf und gab mir ein Stückchen Brot, das schwarz wie die Nacht und hart wie Stein war, und dazu, oh Wunder, ein winziges Klümpchen Zucker, hellgelb und süß.
„Und du“, sagte Vater zu Heinzi, „komm aus deinem Versteck heraus und begrüß deinen Vater, dann bekommst du auch was.“
Das zog, und bald saßen wir beide auf Vaters Schoß. Ich sah, wie langsam eine dicke Träne über seine Wange rollte, die ich im Leben nie vergessen werde.

Aus: Mein Lächeln für Sibirien.

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