NRW Literatur im Netz

Jürgen Schimanek - Arbeitsproben

RATHAUS DER VISIONEN

Ich weiß von Visionen,
die lohnen.
Die zeigen ein glanzvolles Rathaus,
nicht nur für Gelsenkirchen ein Augenschmaus.
Ein Architekturschauspiel der höchsten Klasse,
eine Ruhrpottsinfonie kristalliner Masse
aus Herz, Geschmack und gutem Sinn,
aus Freude, Genuss und rechtem Benimm.
Eine Welt ohne unnötige Schranken,
eine Welt kluger Gedanken,
eine Welt üppiger Vegetationen,
ich habe Visionen, ich habe Visionen…

Doch frag‘ ich um Rat
Bei Tatlin, Gropius oder Scheerbart,
bei Scharoun, Feininger oder Taut,
dann steht da plötzlich einer vor mir,
der unaufhaltsame Mister Olli Kraut.
Der mobbt, vereitelt und schikaniert,
daß er bloß nicht die Herrschaft verliert
über die Welt der kolonialen Zuteilungen
mit ihren Schächten, Warteschlangen und Anweisungen.

Ich habe Visionen, hunderte von Visionen,
die wie Blumen auf Wiesen wohnen.
Doch immer wieder kommt da dieser Kraut,
der mir zum Schluß die Ernte versaut.
He, Mister mach dich bloß vom Acker,
sonst setzt es Tomaten,
aber knicker-knacker.

DAS SCHALKE 04 CREDO (Beginn)

Wenn Schalke Religion ist,
Dann ist die Arena der Petersdom
Dann ist Rudi der Papst,
Dann ist Ralph Leiter der Glaubenskongregation,
Dann sind die Kicker die Kardinäle,
Die Kassierer die Bischöfe,
Die Stadiontechniker die Priester,
Und die Platzordner die Messdiener.
(...)

KASTEN VOLL

Auf, Kicke, auf!
Die Weltmeisterschaft is coming
Jetzt heißt es klick aud sauf
Jetzt gibt's drumming, drumming.

Bald stürzen Aktienauf dich ein
Und füllen Herz und Magen.
Das Wichtigste wird sein,
kannst du sie denn auch tragen.

Bald fallen alle Sorgen hin.
Zur Lust werden Schweiß udn Frust.
Erfreue dich am Ragout fin
und Josef Blatters Brust.

DER VISIONENACKER

Ich habe Visionen
Die lohnen.
Die zeigen eine Ruhrpottstadt,
wie sie noch niemand gesehen hat.
Ein Architekturschauspiel allerhöchster Klasse,
eine Alpensinfonie reiner, kristalliner Masse
aus Herz, Geschmack und gutem Sinn,
aus Freude, Wackelpudding und Benimm.
Eine Welt ohne Schranken,
eine Welt ohne kluge Gedanken,
eine Welt voll üppigster Vegetationen,
ich habe Visionen, ich habe Visionen...

Frag ich um Rat
bei Tatlin, Gropius oder Scheerbart,
bei Scharoun, Feininger und Taut,
dann steht dann plötzlich vor mir,
der unaufhaltsame Herr Doktor Kraut.
Der mobbt, intrigiert und schikaniert,
so dass er nie die Siedlungsverbandsherrschaft verliert:
Unterirdisch Passanten und Verkehr,
überirdisch Sieger, Flieger und natürlich er.
Eine one- way- world kolonialer Zuteilungen
mit Rolltreppen, Schächten, Warteschlangen und Anweisungen...

Ich habe Visionen, hunderte von Visionen,
die wie Unkraut auf den Äckern wohnen,
wüsten verwilderten Äckern,
wo Doktor Kraut regiert.
Der ungewollt die besten Visionen stimuliert,
so dass sie blühen, wachsen, ranken...
Herr Doktor Kraut wird danken.

Aus: taz.

JULIGEDICHT

Hinter hohen Hecken
in Adelheits Garten,
wo die prallen Himbeeren braten,
da sind Dornen gezückt
und Wespen spielen verrückt.

Wie komm ich dahin?
Ich kann nicht mehr warten.
Auf verbrannte Finger
in Adelheits Garten.

Aus: taz.

HOSENGLÜCK

Schnittmuster in Wattenscheid ersonnen,
Baumwolle in Kasachstan gewonnen,
versponnen auf chinesischen Ringmaschinen,
gefärbt und verwebt auf den Philippinen,
Knöpfe aufgenäht auf Papua,
Label aufgebügelt in Kanada,
Hosenröhrengradebiegen
direkt hinter den Pyramiden,
natürlich alles von Hand,
auch Stonewashing in Griechenland.
Und dann in Ghana eine Woche getragen,
aber nur von Negern mit makellosem Betragen...

So werden Jeans schnell second hand
und die Geschichte findet ein happy end.
Denn jetzt geht’s ab in den Pott zurück.
Getragene Hosen bringen nämlich Glück

Aus: taz.

Aus: HÖRSSE MICH KÜTTELKEN? – GESCHICHTEN VON VATI UND MUTTI

In Altiplano komme ich in ein abgelegenes Dorf, in dem groß und klein mit auffällig verformten Düllköppen rumrennt. Ich denke, wat is denn hier passiert, wo bin ich denn hier gelandet? Ein alter Indio klärt mich auf. Sofort nach der Geburt würden den Küttelkes Kopfbinden angelegt, so dass sich der noch weiche Schädelknochen nach dem Wunsch der Eltern forme, bis er erhärtet sei. Allerdings passiere es, dass einige Kinder mißräten. Dann würde ihnen der Schädelknochen aufgemeißelt, so dass man gucken könne woran es liege. Das alles sei eine alte und ehrwürdige Inka-Tradition und diene dazu, dass jeder ein schöner kluger und gehorsamer Mensch werde. Mann, bin ich da froh, bei den Westfalen geboren zu sein.

Aus: DIE STAATSSEKRETÄRIN

Mit dem Tagesplan gab Reimann sich einen Selbstbefehl, von morgens bis abends darauf ausgerichtet, ihn straff durchzuführen. Sie überflog die Termine: Direktorensitzung, Elektriker, Ponyhof, Kanzleramt, Baracke, Afrika-Verein, Mittagessen vom „Chez Loup“... Wer wollte da behaupten, dass ihre Arbeit langweilig war? Sie jedenfalls konnte ihre Kolleginnen in den Referaten nur bemitleiden, die den Amtsräten das Deutsch korrigierten. Je mehr sie daran dachte, desto beschwingter fühlte sie sich. Klampert kam von der Morgentoillette. Wieder nichts. Sie fühlte sich miserabel: Der volle Bauch drückte nach oben, als ob er Herz und Lunge herauspressen wollte, den Körper als leere, erstarrte Schale zurücklassend. Sie knetete den Unterleib durch, fuhr mit den Händen höher, über die Schultern, den Brustansatz, Hals, tastete den Kehlkopf ab, schaute zur Decke, sagte: „Ich glaub... ich glaub... krieg wieder meinen kalten Knoten.“ „Wo soll der denn sitzen?“ fragte Reimann unlustig. „Am Hals, hängt mit der Schilddrüse zusammen.“ „Ja... und?“ „Mehr weiß man noch nicht. Die Ärzte waren beim letzen Mal völlig ratlos, der kommt und geht, manchmal langsam, manchmal schnell.“ „Ja, und wie kündigt sich der an?“ „Überhaupt nicht. Das ist ja eben das Sonderbare.“

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.