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Kathrin Heinrichs - Arbeitsproben

Aus: DER KÖNIG GEHT TOT

Ich weiß auch nicht, warum ich so nervös war. Schließlich hatte es ja irgendwann kommen müssen. Das gehörte dazu, und ich hatte es ja auch wirklich gewollt. Es war an sich schon peinlich, daß ich Alexas Eltern noch nie persönlich kennengelernt hatte. Schließlich waren wir seit fast drei Monaten zusammen, und Alexas Eltern wohnten ja gar nicht weit, nur zwanzig Kilometer entfernt in einem kleinen Dörfchen im Hochsauerland. Nun saß ich also hier an diesem überdimensionalen Eichentisch, an dem in früheren Tagen die ganze Familie Platz genommen hatte und an dem ich heute Alexas Eltern kennenlernen sollte. Herrn und Frau Schnittler hatte ich inzwischen die Hand geschüttelt. Alexas Mutter hatte meinen Blumenstrauß mit der Bemerkung entgegengenommen, die seien ja fast so schön wie die aus ihrem Garten, und Herr Schnittler hatte noch vor einer Begrüßung gefragt, welchen Wein ich zum Essen bevorzugte. Jetzt warteten wir nur noch auf Alexas Oma, die aber, wie im Sauerland üblich, nicht "Oma" hieß, sondern "Ommma", mit mindestens drei "m". Ommma bewohnte zwei Zimmer des Hauses und sollte natürlich am Essen teilnehmen. Alexas vier Geschwister waren nicht dabei. Alexa meinte, daß ihre Eltern und Ommma fürs erste genügen würden. Ich konnte das nur bestätigen, nachdem Ommma sich zu uns gesellt hatte.
"Sie sind also der Verlobte von unserer Alexa", begrüßte sie mich. Alexa sank in ihren Stuhl.
Ich druckste herum. "Verlobt, Gott, eigentlich-"
"Sind Sie katholisch?"
Ich schluckte die Frage herunter, wann denn der letzte Protestant im Dorf verbrannt worden sei.
"Mutter, Herr Jakobs unterrichtet sogar an einer katholischen Schule", versuchte Alexas Mutter zu vermitteln.
"Ach, wirklich?" Ommmas Augen blickten beinahe wohlwollend, während sie sich auf ihrem Stuhl am Kopfende des riesigen Eichentisches niederließ.
Alexas Vater goss mir inzwischen Rotwein in ein Glas, das ich bis dahin für eine Blumenvase gehalten hatte "Wir müssen doch anstoßen!" rief er vergnügt und griff nach seinem Glas. "Auf unsere Alexa, würde ich sagen!"
"Unsinn!" sagte Alexa patzig. "Lieber auf euch!"
"Nein, auf Herrn Jakobs!" meinte Alexas Mutter aufgeregt.
"Also, ich-"
"Wann willst du denn nun endlich heiraten?" fragte Ommma plötzlich an Alexa gewandt. Ihr Vater trank einen kräftigen Schluck Rotwein, Alexa rutschte beinahe unter den Tisch.
"Na, dann guten Appetit!" wünschte ihre Mutter und reichte mir die Schüsseln. Es gab Rehbraten, Kartoffeln und Rosenkohl, außerdem Apfelkompott. Es sah alles sehr lecker aus und ich hätte gerne zu essen begonnen. Alexas Vater erzählte von der Jagd, auf der er das Reh geschossen hatte. Nebenbei goss er mir ständig das Weinglas nach.
Alexas Mutter blickte besorgt: "Sie essen ja gar nichts, schmeckt es Ihnen bei uns nicht?"
"Ganz bestimmt. Es ist nur-"
Ommma unterbrach mich: "Na, da wirst du ja noch Spaß mit kriegen, Alexa. Wenn der Junge gar nichts isst, da macht das Kochen aber keinen Spaß."
"Nicht doch!" versuchte ich. "Ich esse wirklich fast alles. Ich müsste nur-"
"Der Junge kann doch gar nichts essen" unterbrach Alexas Vater, "wenn ihr ständig auf ihn einredet. Lasst ihn doch mal in Ruhe! Dann wird das schon werden."
"Ich glaube, ich habe das Falsche gekocht" sagte Frau Schnittler betrübt. "Und ich dachte noch: Lieber Rind oder lieber Reh? Aber diese ganzen Rehbraten müssen ja auch mal weg. Die liegen ja schon Ewigkeiten in der Truhe. Und mein Mann bringt ständig neue mit nach Hause."
"Sie haben gar nichts falsch gemacht!" versicherte ich. "Ich würde direkt anfangen, wenn nicht-"
"Nee, da kriegst du noch Spaß mit", sagte Ommma Schnittler, "der kommt aus der Stadt!"
"Ich kann Ihnen gerne auch ein Butterbrot machen", sagte Alexas Mutter eilfertig, "wir hätten Leberwurst da und Blutwurst und Käse."
"Lass mal, das mag der auch nicht!" meinte Ommma verachtend.
"Na, dann trinken Sie wenigstens was!" Herr Schnittler goß meine Blumenvase voll.
Ich schloss die Augen.
"Jetzt ist ihm schlecht", sagte Ommma. "Gleich fällt er um. Alexa!"
"Es ist nur-", flüsterte ich. Ich konnte es kaum glauben, keiner unterbrach mich. "Es ist nur-" Ich spürte, daß alle an meinen Lippen hingen. "Ich habe kein Besteck."
"Kein Besteck!" Aufruhr am Tisch. "Wie konnte das passieren? Wo wir doch immer mit Besteck essen. Nicht, daß Sie jetzt denken-! Kein Besteck!"
Ich überstand das Essen. Schwerlich zwar, weil selbst ich zwei Flaschen Rotwein nicht leicht vertrage. Aber ich überstand das Essen. Ommma fragte noch zweimal, wann wir denn nun endlich heiraten wollten. Alexa rutschte noch zweimal unter den Tisch. Herr Schnittler berichtete von seinen Jagderlebnissen und seine Frau sagte, sie habe mit Jagd gar nichts am Hut, aber es sei doch schön, daß ihr Mann ein so zeitraubendes Hobby habe.
Ich überstand das Essen. Nur zu einer Sache wollte ich mich auch von Alexas Familie nicht überreden lassen. Ich wollte mich nicht aufmachen, den dörflichen Schützenzug zu bewundern. Nach wie vor war ich der Meinung, daß das Schützenfest und ich nicht zusammenpassten.
Ommma gesellte sich zu mir, als ich gerade mit Herrn Schnittlers Fernglas den Aufmarsch des Hofstaats beobachtete. Ich fand auf die Schnelle keine plausible Erklärung für mein Verhalten. Es war auch gar nicht nötig. Ommma hatte ihr Urteil schon gefällt.
"Wirklich eigenartig, diese Jungens aus der Stadt", sinnierte sie kopfschüttelnd angesichts des Fernglases in meiner Hand. "Und die aus dem Rheinland sind besonders seltsam."
Ich nickte. Recht hatte sie. Auffordernd streckte ich ihr meinen Arm entgegen, und lächelnd hakte sie ein. Mein erstes fröhliches Schützenfest erlebte ich mit Ommma. Ommma mit 3 "m".

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