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Anja Liedtke - Arbeitsproben

EIN ARBEITSTAG IM LEBEN EINER FREIWILLIGEN VON AKTION SÜHNEZEICHEN FRIEDENSDIENSTE ODER MEIR SCHWARZ (Eine Reiseerzählung)

"Boker tov", begrüße ich den Türsteher Mosche. Er sitzt neben der Eingangstür im Polohemd vor zwei Bildschirmen. Der eine zeigt die Nachrichten, der andere das Innere des Gebäudes. Hier war einst das zentrale Rabbinat Jerusalems untergebracht. Ich putze die Füße auf einem Aufnehmer ab. Vorsichtig, um nicht auszugleiten, betrete ich den frisch gewischten Steinboden und grüße den jungen Mann afrikanischer Abstammung, der für die Nässe verantwortlich ist. Zumeist Äthiopier und Asiaten üben die gering bezahlten Berufe in Israel aus. Die Altenbetreuung liegt fast ausschließlich in asiatischen Händen. Sie schieben die Rollstühle, sie motivieren die Gehübungen der alten Menschen in den begrünten, kleinen Straßen hinter dem Gebäude. Gehe ich ins Café Europa, wo sich Holocaustüberlebende wöchentlich zu Kaffee, Kuchen und einem Vortrag treffen, so ist jedem Alten, der nicht allein zurechtkommt, eine Asiatin zugeordnet. Nur Ester Golan wird von einer Deutschen begleitet, von mir. Außer mir und meinen Kollegen leisten ultraorthodoxe Frauen Freiwilligendienst im sozialen Bereich, weil sie den Militärdienst verweigern.

Mit einem Rundblick durchquere ich die weite Halle. Neue Gemälde hängen an den Wänden, die Ausstellung hat gewechselt. Der Künstler kommt auf mich zu, um sich und seine Themen vorzustellen. Er ist sehr schlank und wirkt groß. Sein Bart ist lang und weiß. Bereits sein Vater habe religiöse Bilder in Jerusalem gemalt. Der Maler weist auf leuchtende Ölfarben. Gesicht und Hut eines Rabbiners treten daraus hervor. Woran erkenne ich, dass es sich um einen Rabbi handelt? Den breitkrempigen Hut tragen viele Orthodoxe. Die nach unten gerichteten Augen? Sie lassen auf Lesen oder Denken schließen. Die sanften, harmonischen Züge? Die zeigen nicht alle Rabbiner. Mein Blick gleitet in die rechte Ecke auf die Signatur. Ich muss lachen, unterdrücke die Frage: "Sie heißen Jom Tov"? Ich schaue den Mann an, der "Guter Tag" heißt. Das kann doch nur ein Künstlername sein, oder?
"Guter Tag" malt schöne Bilder, aber meine Arbeit interessiert mich mehr als seine. Ich eile die Treppen hinauf vorbei an dem Gemälde einer Jeschiwa, einer Toraschule im Polen des frühen 20. Jahrhunderts.
Um eine Galerie herum reihen sich die Büros des Beit Ashkenaz, der Israel Media Watch und einer Organisation, die russischen Einwanderern hilft. Der Blick von der Galerie in die Halle hinunter zeigt Mosches Rücken im Bürostuhl neben der Tür, die Halle auf dem Monitor, die Ölbilder und den Künstler, der hinaus in die Sonne tritt. Die Tür zum Beit Ashkenaz steht einen Spalt offen, ich sehe den hellen, spärlich weiß behaarten Kopf von Meir Schwarz über den Schreibtisch gebeugt. Ich freue mich, für diesen Mann da zu sein, doch trete ich nicht ein. Früh am Morgen mag ich nicht reden oder zuhören, ich will erst die Mails kontrollieren, Nachrichten auf Deutsch und Englisch lesen und ein wenig still arbeiten. Meir Schwarz wird dann schon zu mir kommen, um die Aufgaben zu besprechen, auf Veranstaltungen hinzuweisen oder mir aus seiner Vergangenheit zu erzählen. Das erste, was er sagen wird, ist: "Woher wissen meine Füße, dass ich alt bin?" Ich lache über den Scherz, obwohl er mich schmerzt. Ich will, dass Meir Schwarz ewig lebt, und ich bedaure, dass ich ihn zu mir laufen lasse, anstatt gleich zu ihm ins Büro zu gehen.

Ich schließe meine Tür auf. Meir Schwarz hat extra für mich einen weiteren Raum angemietet. Ein Zimmer reicht nicht mehr aus für alle Mitarbeiter, auch wenn die nicht jeden Tag und nur für ein paar Stunden kommen.
Da ist Ilana Birkenbaum, das Kind amerikanischer Einwanderer und die Einzige im Institut, die kein Deutsch spricht. Sie kümmert sich um die Administration, bis sie entschieden hat, ob sie an ihre Feldenkrais-Ausbildung noch ein Studium anschließt, und wenn ja, welches. Seit ich sie um Hilfe bei dem jüdischdeutschen Wörterbuch bat, ist sie fasziniert und überlegt, ob sie Linguistik studieren soll.
Das Wörterbuch geht auf eine Sammlung jüdischdeutscher Begriffe zurück, die Meir Schwarz aus seiner Kindheitserinnerung aufgeschrieben und auf seinen späteren Deutschlandreisen gehört hat. Seit den 30er Jahren sterben westjiddische Wörter aus. Bis auf die wenigen, die in den allgemeinen Wortschatz eingegangen sind und von den nichtjüdischen Sprechern für typisches Münsterländisch, Ruhrgebietsdeutsch, Hundsrücker Platt oder fränkisches Lachoudisch gehalten werden. Bei eingehender Recherche stellt sich heraus, dass die meisten dieser Vokabeln auf hebräischen oder gar aramäischen Ursprung zurückgehen.
Die "Ische" stammt natürlich von "Ischa", Frau, die findet sich sogar in meinem Iwrith-Lehrbuch für Anfänger. Unser "meschugge" steht als "meschugah" bereits im alten Testament. Und der "Großkotz" hat sich wahrscheinlich über jüdischdeutsch "kozen" für "wohlhabender Mann" aus "kazin", dem biblischen Obersten entwickelt. Heute ist das der Offizier oder der Führer.
Jüdische Händler und Hausierer, die von Haus zu Haus gingen und jüdische Viehhändler, die von Dorf zu Dorf zogen, auf Messen christliche Kunden und Kollegen trafen, gaben ihre Ausdrücke samt den Waren weiter. Anderes erlauschten Nachbarn und Dienstmädchen bei den jüdischen Familien. Die Aussprache variierte von Region zu Region.
In meinem heutigen Postfach befindet sich die Antwort des ehemaligen Bürgermeisters von Schopfloch. Auch er beschäftigt sich mit diesem Wortschatz. Schopfloch und Feuchtwangen sind wahre Fundgruben für Jüdischdeutsch, weil hier viele Juden gewohnt hatten. Der pensionierte Bürgermeister und ich tauschen vermutliche Übersetzungen aus und versuchen uns auf eine Schreibweise der gesprochenen Sprache zu einigen.

Habe ich an diesem meinem Projekt getan, was sich heute voranbringen lässt, lese ich Elishevas Österreich-Buch Korrektur. Das Beit Ashkenaz ist ein privates Institut, das sich zur Aufgabe gestellt hat, die Geschichte der Synagogen zu erzählen, die in der Reichspogromnacht 1938 geschändet, demoliert und verbrannt worden sind. Diese Arbeit nahm sich Meir Schwarz nach seiner Pensionierung als Dozent und Forscher für Hydrokultur vor. Sie sollte ein Jahr seines Lebens in Anspruch nehmen. Daraus sind bisher zwanzig Jahre geworden. Denn bald erwiesen sich die Angaben Joseph Goebbels als falsch, nach denen mehrere hundert Gotteshäuser dem angeblichen Volkszorn zum Opfer gefallen waren. In Wahrheit wurden bei der wohlgeplanten Aktion fast 1500 vernichtet. Für alle alten Bundesländer gibt es inzwischen Gedenkbücher. Das Werk der Autorin Elisheva wird das nächste sein. Ihm folgen Bände über die Synagogen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR sowie dem heute polnischen Ostpreußen, Pommern und Schlesien.
Elisheva ist eine 30-jährige Rheinländerin. Sie zog aus Liebe nach Israel und konvertierte zum orthodoxen jüdischen Glauben. Die Erstellung des Buches bietet ihr einen Zuverdienst. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier Kinder und Tagesmutter.
Wenn Elisheva oder ich auf Probleme mit den Laptops oder dem Layout stoßen, rufen wir den Informatikstudenten Ronen Guttman zu Hilfe. Ronen stammt aus Dortmund. Wir pflegen den Ruhrdialekt in Israel, wenn wir uns Scherze über die Monitore und Aktenreiter zuwerfen. Ronen verließ sein Heimatland, um seine Religion leichter leben zu können. Als er darüber nachdachte, ob er seine Kippa in der Dortmunder Straßenbahn besser absetzten sollte, wurde ihm klar, dass dies nicht seine Heimat sein konnte. Ich bedauere seinen Fortgang, obwohl ich Ronen in Dortmund wahrscheinlich nicht kennengelernt hätte. Wir mussten beide nach Israel kommen, damit ich seinen Witz lieben lernte. Am Ende meiner Freiwilligenzeit möchte ich den Burschen unter meine Jacke stecken und nachhause entführen. Seine nette Frau nehme ich gleich mit. Ich bin der Sephardim, der spanischstämmigen Jüdin, bei der deutschen Buchmesse in Jerusalem begegnet.  

Die Crew an Bord des aschkenasischen Hauses ist also jung bis auf den Direktor Schwarz und Uri Kellermann. Uri hat neun Kinder. Er ist Israeli der ersten Generation, seine Eltern stammten aus Deutschland. Auch er widmet sich der hiesigen Arbeit seit seiner Pensionierung. Im Internet durchforscht er Archive nach jüdischen deutschen Zeitungen und fördert Kuriositäten zutage wie den Ausschnitt aus dem Jahre 1933. Kurz nach der Machtergreifung schreibt ein jüdisches Blatt über das, was der frischgewählte Kanzler Hitler in seinem Pamphlet »Mein Kampf« für Pläne entwickelt hatte. Aber, so der Journalist, selbst wenn Hitler auch noch den Reichspräsidenten Hindenburg entmachten würde, was er nie täte, so bliebe er doch ein deutscher Kanzler, und würde als solcher nie und nimmer solches verwirklichen, was er in seinem Buch ankündigte. Das sei nichts weiter als Populismus.

Meir Schwarz versucht die Tür aufzuschließen, ich rufe: "Es ist offen. Kommen Sie herein, Professor. Boker Tov."
Der kleine, alte Mann tritt ein. Das Größte an ihm ist seine schwarze Hose. Mein Onkel trug ebenso eine. Als Kind hatte ich mich gefragt, ob sie um die Hüften herum so weit war, damit die großen Opataschentücher hineinpassten, die in der Präpapiertaschentuchgeneration üblich waren. Tatsächlich wischt sich Meir Schwarz oft mit solch einem Tuch unter der Nase her oder reibt seine wässrigen blauen Augen. In diesen Augen und in dieser Geste ähnelt er nicht meinem Onkel, sondern meinem Vater. Ich sitze immer wieder fasziniert vor der Ähnlichkeit, sage aber nichts davon. Wie die Männer meiner Familie trägt auch der Professor stets ein weißes Hemd und normalerweise ein Jackett. Heute trägt er zwei Jacketts in seinen Händen und keines am Leib. Alle drei Männer zeichnen sich außerdem durch runde, rasierte Gesichter aus. Seit ich aus den Pessachferien zur Arbeit kam, stehen weiße Stoppeln im Gesicht des Professors. Ich erschrak, dachte augenblicklich an seinen Schlaganfall, den er vor einem Jahr erlitten hatte. Kann er sich nicht mehr rasieren? Achtet er von nun an nicht auf sein Äußeres? Ich spreche ihn nicht darauf an und mag es auch von niemand anderem hören. Ich habe Angst um ihn.
33 Tage nach Pessach ist er plötzlich glattrasiert. Das ist zugleich der Tag, an dem sein dreijähriger Enkel den ersten Haarschnitt bekommt. Auf den geschorenen Kopf wird zum ersten Mal die Kippa gelegt und um seine Schultern der kleine Gebetsschal. Es ist Lag Ba‘Omer. Die Trauerzeit ist unterbrochen. Man darf Haare schneiden und heiraten.
 
"Guten Morgen. Was wollte ich mit Ihnen besprechen?"
"Ich weiß nicht, Professor, aber sie haben zwei Jacketts in den Händen und keins an."
"Ach ja, gut, dass Sie mich erinnern." Er setzt sich auf einen der blaubezogenen Stühle an der hellblauen Wand und lüftet in einer gewohnheitsmäßigen Geste kurz seine schwarze Kippa, um sie auf nahezu derselben Stelle wieder abzulegen. Höchstens wenige Millimeter war sie heruntergerutscht.
Die meisten Männer tragen sie mittig über dem Wirbel am Hinterkopf. Einige etwas seitlich. Die Position hängt von der Kopfform ab. Die Kippa hält am besten auf der Kopfwölbung. Sind die Haare lang genug, wird sie mithilfe einer Spange befestigt. Die derzeitige Mode unter jungen Männern, Glatze oder raspelkurze Haare zu bevorzugen, führt oft zu fallenden und fliegenden Kippot auf Zebrastreifen und Verkehrsinseln. Die Besitzer hetzen ihnen dann unter Gefahr ihres Lebens nach, um sie unwillig oder liebevoll wieder auf ihren Häuptern unter Gottes Augen zu platzieren.

Ich drehe meinen Schreibtischstuhl in Richtung Meir Schwarz.
"Heute wird es um zehn Uhr einen Alarm geben. Erschrecken Sie sich nicht", sorgt er für mich.
"Warum gibt es Alarm, Professor?"
"Heute ist Shoa-Gedenktag. In einer Woche heulen noch einmal die Sirenen zum Tag der Befreiung."
"Befreiung von Auschwitz, Professor?"
"Genau. Später im Jahr findet ein Bombenalarm zur Probe statt. Dann laufen wir zum nächsten Bunker. Unser liegt unter der zentralen Synagoge nebenan. Der Alarm ist mehr für die Kinder, damit sie lernen, was sie im Ernstfall zu tun haben."
"Ist gut. Soll man heute was Bestimmtes machen?"
"Sie nicht. Aber ich muss in die Knesset. Das wollte ich Ihnen sagen. Ich muss gleich gehen.«
"Ist gut, Professor."
Er will sich erheben. Dabei fallen ihm die Jacketts ein. "Ach ja, ich bitte Sie um einen Rat. Welches soll ich anziehen für die Knesset?"
"Das dunkelblaue passt leider nicht zu ihrer Hose, Professor. Schade, es schaut eleganter aus. Das schwarze also."
"Haben Sie vielen Dank."
Ich bin stolz wie eine Tochter, dass er meinen Rat einholt, und möchte ihn am liebsten umarmen, weiß aber, dass Orthodoxe Berührungen gern vermeiden.
Einmal hatten wir einen unliebsamen Besucher in meinem Büro sitzen. Meir Schwarz bat mich für eine Unterredung vor die Tür, um mich zu fragen, was wir mit ihm machen. Ich griff Schwarz unter den Ellenbogen, um ihn von der Tür fortzuziehen, hinter der wir gehört werden konnten. Da entzog er mir unwillig seinen Arm, als wollte ich ihn zwingen. Andererseits hatte er mir zur ersten Begrüßung seine Hand gereicht und es erneut getan, als ich mich in den Urlaub verabschiedete.
"Da war noch etwas, was ich mit Ihnen besprechen wollte, jetzt habe ich es vergessen."
"Kommt bestimmt wieder, Professor. Aber ich hab was."  
"Nur zu!"
"Es geht um das Wörterbuch. Das deutschjüdische Wort 'dirme' oder 'dormen', das stammt sicher nicht aus dem Hebräischen oder Mittelhochdeutschen. Das ist doch Spanisch, Portugiesisch oder Französisch 'dormir'. Hatten Sie Französisch in der Schule, Professor?"
"Nein. Ich durfte in Deutschland nur sechs Jahre zur Schule gehen, bevor die Nationalsozialisten es verboten haben. Als ich mit 13 Jahren allein nach Palästina kam, da hatten wir Kinder schon so viel erlebt und mussten für uns selbst Verantwortung tragen, da hatten wir keine Lust mehr, uns am Unterricht zu beteiligen. Wir wohnten in einem Internat, gleichzeitig bauten wir einen Kibbuz auf. Ich hab nicht viel in der Schule gelernt, wissen Sie?"
"Wie sind Sie dann Wissenschaftler geworden?"
"Weil wir gebraucht wurden. Lieber hätte ich Geschichte studiert. Geschichtsbücher habe ich in den Arbeitspausen gelesen. Die fand ich die spannendsten Bücher von allen. Aber die anderen meinten: Das ist nichts für dich, Meir, du kannst nicht so gut schreiben, und wir brauchen unbedingt Agrarwissenschaftler."
"Gut" sage ich, "also ich kann Französisch..."
"Ich auch", wirft er ein.
"Sagten Sie nicht gerade ...?"
"Ich habe zwei Jahre in Frankreich gelebt."
"Wie und wann das? Bitte erzählen Sie, wenn Ihnen noch Zeit bleibt."
"Ich habe Zeit."
"Sie müssen in die Knesset, Professor."
"Wir haben 2000 Jahre auf die Knesset gewartet, die kann jetzt mal auf mich warten." Das ist einer seiner Lieblingssprüche. Der andere lautet: "Drauf los!" Er setzt sich wieder und kickt mit dem Schuh den Papierkorb. "Das zweite Mal habe ich in Grass gearbeitet. Das liegt an der Cote d‘ Azur. Dort wird Parfüm hergestellt. Dafür werden viele Blumen benötigt. Darum waren die Dortigen interessiert an unserer bodenlosen Agrarkultur. Wissen Sie, was das ist?"
"Ja, Sie haben es mir erklärt."
Dennoch fährt er unbeirrt fort: "Nach der Staatsgründung Israels mussten wir uns fragen, wie wir alle unsere Menschen ernähren, wenn die Wüste derart fruchtlos ist. Wofür braucht man Boden, denken Sie?"
"Um die Pflanze zu ernähren", antworte ich wie in der Schule.
"Genau. Wenn ich der Pflanze die Mineralien auf andere Weise zufügen kann, brauche ich keine Erde mehr. Daran haben außer uns die Holländer und die Australier geforscht. Holland besteht zu weiten Teilen aus Sandboden. Da wächst das Grün nicht gut. Trotzdem besitzt das Land eine bedeutende Agrarwirtschaft. Ich bin außerdem mal von der DDR eingeladen worden."
»Wieso? Dort gibt es fruchtbare Erde ohne Ende.«
»Stimmt, deswegen haben die Deutschen nicht an dem Thema gearbeitet. Aber in den Braunkohlegebieten hat man den Mutterboden entfernt. Und das auf so großen Flächen, dass die sich nicht von sich aus wieder begrünen konnten. Selbst wenn man den Boden in die Gruben zurückgeschüttet hat, wuchs darauf nichts, weil rundherum die Bäume und Blumen zum Besamen fehlten. Auch war das Erdreich so um und umgedreht, dass die fruchtbare Humusschicht nicht obenauf lag. Sie baten um Hilfe. Die fruchtlose, angeschüttete Erde musste durch Nährstoffe und Samen angereichert werden und los ging‘s.«
Der Papierkorb kippt um, Schwarz beugt sich vor, um ihn hinzustellen, diesmal von sich fern, damit er nicht erneut in Versuchung gerät, seine Füße mit ihm spielen zu lassen. Dann stützt er die Hände auf und will sich erheben.
"Und das erste Mal?"
"Bitte?"
"Sie sagten, sie lebten zweimal in Frankreich. Grass sei das zweite Mal gewesen."
"Das erste Mal war ich ein Jahr lang in Paris und Marseille. In einem verruchten Viertel wohnte ich. Aber die Dame, bei der ich zur Miete lebte, war ordentlich. Sie mochte mich wohl auch ganz gut leiden, denn sie hätte es gern gesehen, wenn ich ihre Tochter geheiratet hätte. Und sie wollte mir immer Kaninchen braten und verstand nicht, dass ich beides ablehnte. Sie wusste nicht, wer ich war."
"Warum mochten Sie das Kaninchen nicht essen? Das bereiten die Franzosen köstlich."
"Es war nicht koscher."
"Ach so, natürlich. Und die Tochter war nicht jüdisch." "Genau. Übrigens ist das Essen in Deutschland so sauber, das kann man bedenkenlos zu sich nehmen."
"Aber Professor. Wenn es doch nicht koscher geschlachtet ist oder Fleisch und Milchprodukte gemischt werden."
"Ja, das schreiben die aber auf die Verpackung. Und man muss das nicht so genau nehmen, wenn man wo eingeladen ist."
"Verstehe. Wann waren Sie in Paris und Marseille?"
"Das war kurz nach dem Krieg und vor der Staatsgründung Israels. Ich war bei der illegalen Untergrundorganisation Hagana. Wir kauften von den Türken ein schrottreifes Schiff. Ein besseres konnten wir uns nicht leisten. Das machten wir seetüchtig und bauten es für den Personentransport um. Die Lebensumstände auf dem Schiff waren schlimm, und wir transportierten viel zu viele Menschen auf kleinem Raum, aber was sollten wir anderes tun? Wir durften die Überlebenden aus den KZs nicht in Frankreich, Deutschland, Österreich und Polen lassen, wo sie gedemütigt und gefoltert worden waren, wo sie fast verhungert waren, und wo man ihre Familienangehörigen ermordet hat. Was wären wir für Menschen gewesen?"
"Wieso haben Sie das Schiff ausgerechnet von den Türken gekauft?"
"Das war eine Gelegenheit. Die Türken mochten die Engländer nicht besonders. Sie wissen ja, Palästina gehörte zum Osmanischen Reich, bis England und Frankreich es im Ersten Weltkrieg mit Hilfe des arabischen Aufstandes eroberten. Wie sind wir jetzt darauf gekommen?"
"Wie sind Sie nach Frankreich gekommen?"  
"Eine meiner Aufgaben war es, die illegalen Schiffspassagen von Displaced Persons, also Staatenlosen, nach Palästina zu organisieren. Ein weiterer Auftrag bestand darin, in der Schweiz Pässe entgegenzunehmen, damit andere KZ-Überlebende auf legalen Schiffen nach Palästina gelangten. Die meisten Dokumente hatten Juden gehört. Sie befanden sich schon in Palästina und gaben ihre Pässe her oder die von verstorbenen Anverwandten. Die Papiere wurden nach Basel geschickt, wo ich sie den neuen Besitzern anpasste und gegen ein Bestechungsgeld in Paris stempeln ließ. Ich könnte Ihnen heute noch den Ort zeigen, wo ich die Blancopässe versteckt hielt. Falls das Haus noch steht. Früher gab es Zwischenetagen, wo die Toilette untergebracht war. Und dort neben dem Spülkasten gab es eine Maueröffnung. Können Sie sich vorstellen, dass ich Pässe gefälscht habe?"
"Nein. Überhaupt nicht, Professor."
"Das war auch nicht einfach für mich. Das war ja unrecht. Aber die Engländer wollten keine Juden mehr nach Palästina lassen. Das hatten sie mit den Arabern abgesprochen. Aber was wären wir für Menschen, wenn wir nicht geholfen hätten?"
"Was wäre Ihnen geschehen, wenn Sie ertappt worden wären, Professor?"
Er weicht der Frage aus: "Man hat mir eine Telefonnummer gegeben, die habe ich auswendig lernen müssen. Die sollte ich im allerschlimmsten Fall anrufen. Ich wusste nicht, wer sich melden würde."
In der Schweiz hat man mich festgenommen und gefragt, wo jemand aus Palästina mit einem kleinen Köfferchen hin will. Ich log, ich wollte wegen meiner entzündeten, roten Augen einen bestimmten Arzt aufsuchen. Da sie mich beobachteten, bin ich zu einem hin. Der sagte: "Sie kommen aus Palästina zu mir in die Schweiz? In Palästina gibt es die besten Augenärzte. Dahin sind so viele immigriert. Hier stimmt was nicht."
Meine Vermieterin zog mich aus der Affäre. Sie erklärte den Behörden, ich sei ein junger Mann auf Brautschau, schäme mich jedoch, das vor der Polizei zuzugeben.
In Frankreich verhaftete mich die Gendarmerie. Die glaubten zunächst, ich sei ein getarnter Nationalsozialist. Sie schauten unter meiner Achsel nach, ob eine Narbe auf eine ausgebrannte SS-Tätowierung hinwies. Als sie herausbrachten, dass ich wirklich Jude bin, wollten sie mich zwar nicht freilassen, fragten aber, ob sich jemand für mich einsetzen könnte. Da gab ich ihnen die Telefonnummer, wenn ich auch nicht wusste, was dann passierte. Sie ließen mich sofort frei.«
"Warum? Wer steckte hinter der Nummer?", will ich wissen.
"Kennen Sie Leon Blum?"
"Du meine Güte! Leon Blum war mehrfach Premierminister von Frankreich zwischen 1936 und 1950. Er hat selbst in einem deutschen KZ gesessen. Was für eine Geschichte, Professor!"
"Es war nicht immer so aufregend und es geschahen furchtbare Dinge. Aber die verdrängt man ja gern.
Als ich mich mit 21 Jahren als Offizier der Hagana im Hafen von Marseille auf das Gefangenenschiff stahl, während die Ocean Vigour Kohlen aufnahm, sah ich zum ersten Mal das grausige Elend und begriff erst, was KZ bedeutete. Natürlich wusste ich davon, aber so wie es wirklich war, konnte ich es mir nicht vorstellen. Wie die aussahen, das lässt sich nicht beschreiben. Ich spreche von den Passagieren der Exodus. Sie kennen die Geschichte der Exodus?"
"War sie so wie in dem Film?"
Meir Schwarz lächelt und legt nachsichtig den Kopf zur Seite. »Nein. Ich habe Mr. Paul Newman einen Brief geschrieben und mich bedankt. Er hat viel für das Ansehen Israels und der illegalen Untergrundorganisation Hagana getan. Aber natürlich war alles ganz anders als im Film.«
"Bitte erzählen Sie, wenn die Zeit reicht."

"Die President Warfield war ein Flussschiff für 200 Passagiere gewesen. Der niedrige Tiefgang erlaubte es, sich den Küsten so weit zu nähern, dass ihm kein Kriegsschiff folgen konnte. Das Schiff lag zum Verschrotten in Amerika. Ein Agent kaufte es für die Hagana auf. Doch bei der Überfahrt nach Europa havarierte es. Dadurch wurden die Briten auf das Schiff, das es offiziell nicht gab, aufmerksam. Sie versuchten Honduras unter Druck zu setzen, die Registrierung zurückzunehmen. Es fuhr nämlich unter der Flagge von Honduras. Aber bevor der Staat nachgab, war die Warfield wieder seetüchtig. Sie wurde repariert und in Europa umgebaut, sodass 4500 Menschen darauf passten. Jeder bekam eine Koje von 45 cm Breite und 60 cm Höhe. Um Marseille herum sammelten wir die Flüchtlinge und brachten sie auf das Schiff. Es wurde auf seinem gesamten Weg nach Palästina von Kriegsschiffen der Briten, aber auch von Beobachterschiffen begleitet. Unser Kommandant sorgte dafür, dass die Warfield nie unbeobachtet mit den Briten allein blieb. Vor der Küste Palästinas bereiteten sich die Passagiere auf einen Enterungsversuch der Engländer vor. Alle Decks vergitterten sie und legten Konservendosen, Flaschen und Kartoffeln als Wurfgeschosse bereit. Die Flagge Honduras wurde eingeholt und eine blauweiße Flagge mit dem Davidstern gehisst. Sie sollte später die israelische Staatsflagge werden. Schließlich bekam das Schiff einen neuen Namen: Exodus 1947. Das erinnerte an den Auszug der Israeliten aus Ägypten und die Befreiung von der Sklaverei. Ein britischer Kapitän erhielt den Befehl, das Schiff zu rammen. Nachdem der Mann seine Autobiografie veröffentlicht hat, habe ich ihn als Hagana-Kommandant, quasi als Kollege, angesprochen und ihn gefragt, warum er das getan hat. Die Exodus befand sich nicht innerhalb der Dreimeilenzone."
Da sagte er: "Wo die Dreimeilenzone ist, bestimme ich. Fakt ist jedoch, die Exodus lag innerhalb der 12-Meilenzone und somit im Mandatsgebiet Englands. Aber regen Sie sich nicht auf, Kommandant Schwarz, ich hatte den Befehl, die Exodus so zu rammen, dass sie sinken würde. Das wäre für ein Kriegsschiff gegen diese schrottreife, hoffnungslos überbeladene Nussschale ein Leichtes gewesen. Wie Sie wissen, ist sie nicht gesunken. Ich habe meine eigenen Befehlshaber belogen, wenn Sie so wollen. Es war Krieg, da darf man das."
Nach vierstündigem Kampf forderte der Kapitän der Exodus seine Passagiere auf, aufzugeben, um nicht noch mehr Verletzte und Tote zu riskieren. Als das Flüchtlingsschiff in Haifa anlegte, verluden die Engländer die Flüchtlinge auf drei Gefangenenschiffe. Sie schickten sie zurück durch das Mittelmeer über Gibraltar rund um den Kontinent nach Hamburg ins Gefangenenlager. Die Leute hatten die KZs überlebt. Sie waren illegal mit der schrottreifen Exodus nach Palästina gekommen. Sie waren von den Briten angegriffen worden. Jetzt wurden sie hinter Stacheldraht, bei schlimmen sanitären Verhältnissen, ohne genügend Nahrung und Wasser bei großer Hitze zurück nach Deutschland gebracht.
Das hat selbst die Engländer erschüttert. "Das schwimmende Auschwitz" nannte der britische Kommandant die drei Gefangenenschiffe. Deswegen haben sie uns die Essensverteilung überlassen und unseren Ärzten die Instrumente übergeben. Sie verstanden, dass die Menschen sich nach dem was Nazi-Ärzte mit ihnen getan hatten, nicht von anderen als ihren eigenen Leuten behandeln lassen konnten. Aber einsperren mussten sie uns. In Drahtverhaue. Ab und an wurden wir mit kaltem Meerwasser abgespritzt. Können Sie sich vorstellen, wie man klebt, wenn man sich wochenlang nicht mit Süßwasser waschen kann?
Als wir Gibraltar erreichten, wollte ich die Kränkesten und eine hochschwangere Frau von Bord gehen lassen. Die mochten uns aber nicht verlassen. Das Kind wurde auf hoher See geboren. Es starb zwei Stunden nach seiner Geburt. Wir packten es in eine kleine Kiste, die wir mit Stangen beschwerten.
Plötzlich kehrte Stille ein. Nachdem wir wochenlang das Dröhnen der Motoren ununterbrochen gehört hatten, herrschte jetzt vollkommende Ruhe auf dem Ozean. Ich trug den kleinen Sarg an Deck. Da standen die britischen Soldaten in Habtachtstellung Spalier. Die Flaggen waren auf Halbmast gehisst. Als ich an die Reling trat, bemerkte ich, dass die anderen Gefangenenschiffe und die elf uns begleitenden Kriegsschiffe und Zerstörer einen Halbkreis um uns bildeten und gleichfalls die Maschinen abgeschaltet hatten. Hinter den Drahtverhauen schauten 4500 jüdische Gefangene zu, wie der Vater das Totengebet sprach und ich den kleinen Sarg dem Meer überließ. Stellen Sie sich das vor: 11 britische Kriegsschiffe, drei Gefangenenschiffe halten an, 4500 Gefangene und rund 2000 britische Soldaten erweisen einem jüdischen Kind, das gerade mal zwei Stunden gelebt hat, die letzte Ehre."

"Als wir in Hamburg ankamen, weigerten wir uns die Ocean Vigour zu verlassen. Wir würden nur in unserer neuen jüdischen Heimat von Bord gehen. Die Soldaten auf den drei Deportationsschiffen fühlten inzwischen mit uns und verweigerten den Befehl. Man musste andere kommen lassen. Die umzingelten uns, prügelten uns mit Schlagstöcken, Gummiknüppeln, Tränengas und Wasserschläuchen vom Schiff herunter. Sie sperrten uns in ein ehemaliges Internierungslager und versahen es mit Stacheldraht und Wachtürmen. Es war wie zuvor unter den Nationalsozialisten. Wir dachten, die ganze Welt ist gegen uns. Die Überlebenden waren verzweifelt und resignierten. Aber wir, die nicht in Deutschland und in den KZs gewesen waren, wir waren noch stark und willens zu kämpfen. Und das taten wir. Wenn es auch illegal war. Es war richtig."

Ich schaue nach oben zu der Klimaanlage und den Neonröhren, damit die kleine Feuchtigkeit nicht über mein unteres Lid schwappt. Wieso glaubt er, sich verteidigen zu müssen? - Weil er so deutsch ist, oder? Oder weil er eine Rabbiner-Ausbildung besitzt? Er ringt oft mit moralischen Fragen, bei denen manch einer nicht viel nachdächte, bevor er handelte. Er eruiert die Grenzen der Gebote. Angesichts der Erschießung Osama Bin Ladens fragt er mich: "Wenn Sie so jemandem begegneten, würden Sie ihn töten, wenn Sie die Chance dazu hätten?"
Die Frage trifft mich noch vor dem ersten Bürokaffee, wie kann ich zu dieser Zeit die letzten Fragen des Lebens entscheiden? Schwarz sieht, dass ich überfordert bin und erzählt: "Ich war 10 Jahre alt, mein Bruder 16, und es war 1936, als wir Hitler hätten ermorden können. Juden durften keine Wochenendausflüge mehr veranstalten, und so gingen wir beiden Jungen nach der Synagoge nur etwas in unserer Heimatstadt spazieren.
Wenn Hitler in Nürnberg übernachtete, wohnte er im Hotel 'Deutscher Hof'. Als wir dort um die Ecke bogen, fuhr ein großer, offener Mercedes im Abstand von einem Meter an uns vorbei. Hitler saß hinten allein, vorn nur der Chauffeur.
Mein Bruder Josef sagte: 'Das ist Hitler - heb die Hand hoch!'
Hätten mein Bruder und ich einen Revolver gehabt, gehoben und geschossen, wäre das eine gute Tat?"
"Sie hätten sechs Millionen Menschen vor den KZ‘s gerettet und noch einmal 50 Millionen vor dem Krieg. - Und das seelische Leiden zweier Generationen in Deutschland und in Israel verhindert", antworte ich.
"Vielleicht wäre ein noch schlimmerer Hitler nachgekommen?", wendet er ein.
"Schlimmer geht nicht."
"Aber es wären wieder die Juden gewesen. Sogar Kinderjuden! Es hätte einen Grund für ein neues Pogrom gegeben."
"Ja, ich weiß nicht, Professor."
Er langt mit dem Fuß nach dem Papierkorb, kann ihn jedoch nicht erreichen. Ich bin versucht, ihn in seiner Reichweite zu platzieren.
"Letztendlich haben wir den Briten die Staatsgründung zu verdanken", sagt er zu meiner Überraschung. "Wenn die sich nicht so unmenschlich verhalten hätten, die eben aus deutschen KZs befreiten Juden von neuem in Lager zu sperren, und wäre die Welt nicht so erschüttert über die Affäre um die Exodus gewesen, hätten wir bei den Vereinten Nationen keine Mehrheit bekommen."

"Wissen Sie, Professor, der Aufklärer Friedrich Schiller hat mal gesagt: Nicht Gott, nicht der König und nicht die bürgerlichen Richter stellen die Gerechtigkeit her. Aber die Geschichte tut es am Ende."
Schwarz entgegnet: "Aber an Gott übten die Menschen das Denken. Auch das Nachdenken über Gerechtigkeit."
Ich kontere: "Das hat ebenfalls einer der Aufklärer geschrieben."
"Tatsächlich? Kann sein. Ich sagte ja, ich bin nicht lange zur Schule gegangen." Meir Schwarz lacht und verschluckt sich wie so oft beim Lachen. Und wie so oft treten ihm dabei Tränen in die wasserblauen Augen. Er zieht sein Opataschentuch aus der beuteligen Anzughose.
"Aber wissen Sie, wenn die Amerikaner das Mandat über Palästina besessen hätten, dann hätten wir gar nicht erst überlebt. Die Amerikaner sind wesentlich aggressiver als die Engländer."
Ich starre ihn schon wieder überrascht an.
"Also wie gesagt, erschrecken Sie nicht, wenn es Bombenalarm gibt. Es ist nur Schoa-Gedenktag." Er erhebt sich, greift nach der lockeren Türklinke und sagt: "Insgeheim wünsche ich mir ja, dass heute in Deutschland die Kirchenglocken läuten würden."

Nachdem Meir Schwarz gegangen ist, suche ich in meiner Handtasche nach den billigen Papiertaschentüchern aus Israel, die ich statt der aufwändig verpackten aus Europa gekauft habe. Wie gut im eigenen Büro zu sitzen, wenn man einen Job hat, der einen in solche Situationen bringt und solche Geschichten hören lässt. Ich schaue aus dem Fenster. Es blickt in einen ockerfarbenen Schacht. In ihm sammelt sich der Staub der Stadt und der Sand der nahen Wüste. Das Licht von Erez Israel fällt hinein. Die Sonne, die die Passagiere aus Deutschland auf dem Gefangenenschiff quälte; die Sonne, die Sinnbild für das Gelobte Land ist. Die Wärmespenderin, die von den Solaranlagen auf jedem Dach im modernen jüdischen Staat aufgesogen wird und heißes Wasser bereitet. Die Kraft, die bald Sauerstoff und Wasserstoff in diesem Land spalten wird, um alle Fahrzeuge unabhängig von den internationalen Ölkonzernen zu machen. Denn die Einwohner dieses Landes glauben nicht an die Solidarität der Welt um sie herum.

Wie könnte ich meine christlichen Landsleute dazu bringen, am Shoa-Gedenktag die Kirchenglocken läuten zu lassen? Von Meir Schwarz habe ich gelernt, wie viel man als Bürger erreichen kann, wenn man nach Unterstützern einer Idee sucht und sie findet. Doch im Moment fällt mir nichts ein.
Ich rolle herum, öffne meinen Büroschrank und ziehe das Buch 'Der Synagogensucher' hervor. Die Autorin hat geschickt Schwarz Lebensgeschichte mit der deutsch-israelischen Geschichte verwoben. Das Buch bestätigt meine Vermutung: Der Professor besitzt keine Familie als die, die er in Israel gründete: seine Frau, seine sieben Kinder und deren Enkel.
Seinen Vater ermordeten Nationalsozialisten auf dem Bahnhof von Rottenburg bei Würzburg. Die offizielle Todesursache lautete Schlaganfall. Der Sarg traf verplompt im Elternhaus ein und durfte nicht geöffnet werden. Der Onkel hatte aber zuvor die rituelle Waschung vornehmen können. Er verriet seiner Tochter die Wahrheit und trug ihr auf, sie Werner Meir zu sagen, wenn er groß sei. 53 Jahre danach tut sie es auf ihrem Sterbebett. Schwarz reist nach Rottenburg und findet einen der Mörder. Der berichtet ausführlich, wie sie den Vater ermordeten. Sein Sohn will das weder der Autorin noch mir wiedergeben. Der Mörder setzt hinzu: "Eine Woche später haben wir noch einen Juden fertiggemacht."
Die Tochter des Mörders wirft Schwarz hinaus: "Das ist zu anstrengend für meinen Vater. Bitte gehen Sie sofort."
Schwarz geht zum Staatsanwalt von Würzburg. Der antwortet ihm: "Das ist verjährt."

1933 hatte sich der Vater geweigert, seinen Degen an die Nationalsozialisten zu übergeben. »Ein deutscher Offizier gibt seinen Degen nicht ab«, erklärte er. Da ihm nichts anderes übrigblieb, war er auf seinen Schreibtisch gestiegen, hatte die Waffe von der Wand genommen, sie über seinem Knie zerbrochen und den Nazi-Schergen vor die Füße geworfen.
Seiner Frau verweigert man im Krankenhaus die Medikamente oder tötet sie dort auf andere Weise. Der große Bruder Josef darf im Alter von 17 Jahren nicht ausreisen, da die Nationalsozialisten fürchten, er könnte in irgendeiner Armee der Welt gegen sie kämpfen. Josef sorgt noch, dass Werner Meir mit dem Kindertransport nach Palästina kommt, bevor man ihn in Auschwitz ermordet.

Mit dem Buch 'Der Synagogensucher' werde ich mein Gepäck nicht belasten. Stattdessen stopfe ich es voll mit dem Guten, das aus dem Bösen erwachsen ist, voll mit positiver Zukunft: Für das jüdischeutsche Wörterbuch suche ich nach der Fertigstellung einen Verlag. In den Koffer packe ich Paradiesäpfel, das Wahrzeichen Israels. Und eine Menora nehme ich mit. Den siebenarmigen Kerzenständer lasse ich am Schabbat leuchten und erinnere mich meiner jüdischen Arbeitskollegen. An der Wand dahinter wird das Gemälde einer Toraschule im Polen des letzten Jahrhunderts hängen.

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