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Rosemarie Lichte - Arbeitsproben

LENA TRÄUMT

Lena träumte. Am helllichten Tage. Sie war krankgeschrieben. Nach einem bösen Streit mit ihrer Chefin hatte sie sich wegen ihrer Magenschmerzen krankschreiben lassen. Das Klima in der Schule, wo Lena arbeitete, hatte sich im letzten Jahr sehr verschlechtert. Seitdem die neue Rektorin da war. Es war sogar der Satz gefallen "Lassen Sie sich doch versetzen". Mobbing, Mobbing, dachte Lena oft. Sie wusste noch nicht, wie es weitergehen sollte. Meistens lag sie im Bett diese Tage. Viele Gedanken. Über die Ursachen des Mobbings. Das war ja eine Volkskrankheit inzwischen. Lena dachte an die Marxismus-Seminare in den ersten Semestern an der Universität. An der Freien Universität Berlin. Entfremdungstheorie, im Kapitalismus ist jeder (und jede) von der Arbeit, der Grundlage der Existenz, entfremdet. Psychische Folgen. Leistungsgesellschaft, Konkurrenzverhalten, Ellenbogengesellschaft. Über Mobbing hatten sie damals noch nicht gesprochen. Wurde aber seit einigen Jahren viel zu geschrieben. Konnte Lena in etwa ableiten mit ihren bruchstückhaften politischen Erkenntnissen. Krankheit als Folge von Mobbing. Sogar Selbstmorde.

Lena blätterte in einem Buch, das ihr ihre Freundin Antonia geliehen hatte. Es ging um die Chiapas, ein Volksstamm in Mexiko. Antonia hatte ihr begeistert von einem Vortrag über die Lebensweise der Chiapas erzählt. Indigenes, Ureinwohner. Sie waren früher die am meisten Unterdrückten in der mexikanischen Gesellschaft. Besonders die Frauen. Viele Landlose auch. In einem teils bewaffneten Kampf hatten sie sich ab 1994 Dörfer angeeignet. Autonome zapatistische Dörfer jetzt. Sie versuchten, eigene Strukturen zu finden. Nicht kapitalistische, gegen die Gewalt des Neoliberalismus. Ohne Hierarchie. Auch nicht klassisch sozialistisch. "Gehorchendes Organisieren" und "fragend schreiten wir voran" waren zwei zentrale Losungen. Lena war beeindruckt von dem Buch. Diese Zapatistas hatten ferner als wichtigen Begriff die Würde des Menschen in ihre Politik integriert. Auch die Würde der Tagelöhnerinnen und Tagelöhner. Die Würde der Frauen. Die Würde der Indigenes. Sie wollten frei und würdevoll leben. Trotz der Gewalt der staatlichen Maschinerie hatten sie ihre Strukturen in ihren Dörfern teils durchgesetzt. Antonia hatte Lena erzählt, dass etliche Gäste aus Europa sich dort aufhielten. Um sich inspirieren und aufmuntern zu lassen, dachte Lena. Auch Mitglieder von Menschenrechtsgruppen. Vielleicht kann ich mal mit Antonia dort hinfahren, dachte Lena. Spanisch kann ich ja in etwa.

Sie schlug das Buch zu und stellte den Fernseher an. Nachrichten. Hisbolla-Führer von Israeli getötet. Neues Selbstmordattentat. Lena stellte den Fernseher schnell wieder ab. Zur Zeit konnte sie die Nachrichten nur schwer ertragen. Sie las in dem Chiapas-Buch das Kapitel über die Religion. Die in Mexiko teils eine wichtige Rolle spielte. Auch darin waren die Zapatistas tolerant. Auch für Lena waren Fragen des Glaubens, Fragen zu Gott, Göttin, seit etwa zwei Jahren wieder wichtig geworden. Ein inständiger Wunsch von ihr: dass die verschiedenen Glaubensgemeinschaften sich und andere tolerieren würden und nicht gar noch mit Gewalt gegeneinander vorgehen würden. Lena drehte sich zur Wand. So lange werde ich wohl leider nicht mehr leben, dass ich das noch erlebe, dachte sie. Dann an ein afrikanisches Sprichwort: Wenn viele kleine Menschen viele kleine Schritte tun, kann das die Welt verändern.

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