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Wolfgang Kubin - Arbeitsproben

FISCH IN HONGKONG

Der Fischkopf teilt die Welt bekanntlich in zwei Lager. Die einen wollen, daß der Fisch zwar ein Ende, aber keinen Anfang hat, die anderen schwören darauf, daß nur der Anfang das Ganze mache. Und somit sind wir bei einer Frage angelangt, die über ihren hygienischen, kulinarischen Aspekt hinaus auch philosophische Dimensionen gewonnen hat: Wir müssen einen Fisch nicht verstehen, wollen wir Menschen sein, wir sollten aber kulturelle Differenzen einsehen lernen, um so nicht nur das Zusammenspiel von Zivilisationen, den Austausch von Nationen, sondern auch das Wohlergehen von Familien richtig einschätzen zu können, die sich aus je einem östlichen und einem westlichen Teil zusammensetzen. Nehmen wir den Fisch symbolisch, so steht der Kopf für den Osten und der Schwanz für den Westen und sein Leib für die Gemeinschaft, ohne welche sie nichts sind. Ohne Leib sind Kopf und Schwanz herrenlos, kaum vorstellbar, daß sie dann etwas mit dem Reichtum oder der Rettung der Welt zu tun haben könnten, die Ost und West dem Fisch andichten.
Fisch in Hongkong, das bedeutet für einen Fremden in der Regel den Gang in eines der lärmträchtigen Restaurants, die in der Stadt mit überdimensionalen Aquarien und auf dem Land mit wohlproportionierten Bottichen ihre Kundschaft zu locken versuchen. Der Gourmet schreitet dann von Wasserbehälter zu Wasserbehälter, um sich dort, wo ihm das Wasser im Munde am meisten zusammenläuft, für das eine oder andere zappelnde Wesen zu entscheiden. Bevor er der Schlachtung beiwohnen kann, hat er mit dem eilfertigen Personal den Preis auszuhandeln. Während der Fisch auf der Waage sein ganzes Leben in die Schale wirft, zögert der Käufer, seinen Geldbeutel allzusehr zu erleichtern. Beides soll möglichst viel Gewicht nachweisen. Bei der Transaktion werden, je länger sie dauert, die Kontrahenten einander immer ähnlicher. Sie alle geifern und schnappen nach ihrem Vorteil, doch nur für einen Mitspieler geht die Sache tödlich aus. Über seinen letzten Gedanken können wir nur mutmaßen. Ob er einen elektrischen Stoß oder wie meist den Schlag mit der Breitseite des Hackebeils als unangenehm empfindet, werden wir nie wissen. Der Kunde jedenfalls weiß sich bei der Arbeit des Waidmessers in hygienischer Sicherheit. Bevor dem Ungeziefer Gelegenheit geboten würde, sich auf den frisch ausgenommenen Innereien niederzulassen, würde der augenscheinlich vom Leben zum Tod wechselnde Nahrungsspender schon unter Beigabe nur geringer Zutaten im Wok liegen und sogleich zu brutzeln beginnen. In der Stadt wird man jedoch wenig Gelegenheit haben, diesem Großereignis beizuwohnen, auf dem Lande dagegen hat es an Ort und Stelle, unter freiem Himmel und vor allem unter den kritischen Augen eines anspruchsbewußten Publikums stattzufinden. Der Hörerschaft sei versichert, daß ein Fisch nie besser munden kann als im Freien, unmittelbar am Meer unter lauter Chinesen. Was aber, wenn ein Fremder unter Einheimische gerät, die den Künsten frönen und jegliche Bewegung verabscheuen, die niemals ans Meer fahren würden, um bei freiem Blick und an frischer Luft der ASeele eines Fisches@ mit Gaumen und Verstand nachzuspüren, die die Schwüle der Innenstadt vorziehen und sich lieber nur wenige Schritte aus ihren Ateliers ins nächstbeste Restaurant begeben mögen? Nun, so beginnt um der Kurzweil und des Amüsements willen die Taxierung des Fremden. Was hast Du aus Deiner Heimat mitgebracht, was hättest Du uns an Exotischem zu bieten? Ich sollte bald wider Erwarten und wider Willen in eine solch merk- und denkwürdige Situation geraten.

Aus: Minima Sinica 2/2000

PAUL-LANGEN-STRASSE

Ich lasse mich nicht knechten!
Paul Langen (1893-1945)

Auch hier ist der Gang vors Haus
kein Gang unter Hecken.
Nachtigall und Pirol,
mag sein,
auch Tiergarten oder Weinstock.
Doch was Name war,
wollte Name nicht sein.
Der Breite Weg zum Beispiel
zwischen Rehsprung und Heide
gab auf Knechtschaft nichts.
Unter Reneclauden und Zuccalmaglios
lud er zu fremdem Unterricht.
Kein Alaun-, kein Mühlenbach,
ferne Wellen zersetzten
zur Frühe seinen Namen.

Feindsender, Fleckfieber:
Dazwischen war der Mietling vor Ort.
Er schüttete auf
Tonlöcher und Sprunggrube
mit märkischem Sand.
Derweil empfahl sein Volk in Berlin
die Keller von Köln,
in Siegburg eine Zucht.

Kein Schellenbaum mehr,
kein Salamander-Weiher,
ein kurzer Brand nur
an schmalen Gliedern.

Und doch ist viel, was blieb:
Von seiner Hand die Kastanie
drüben auf dem Hof.
Weiß steht sie und über der Schule
wie jeden Mai.
So erwarten wir bereit
die wilden Pflaumen schräg gegenüber.
Süß werden sie sein,
so wie immer
Jahr um Jahr.

Aus: Narrentürme (Bonn, Weidle 2000)

DIE GESCHICHTE EINES BETTES

Der Winter, ein schlimmer Gast, sitzt bei mir
zu Hause; blau sind meine Hände von seiner
Freundschaft Händedruck.
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra

Es gibt unterschiedliche Wege des Schlafens. Über die meisten machen sich ihre Genießer unnütz Illusionen. Selten ist ein Schlaf gerecht, wenig bereitet er Ruhe, oft ist er die Pein in unschuldiger Gestalt. Die Nacht ist sein Helfer, sie schickt gern maskierte Ahnungen und unverhüllte Drohungen. Wozu also Schlafen? Und wozu dem Schlaf ein Hilfsmittel zur Verfügung stellen, wenn er sich immer wieder als Verschwendung von Zeit erweist? Dennoch ist es mitunter nicht einfach, vermeintlichen Verlockungen zu widerstehen. Sie können in vielfacher Form antreten mit je eigenem Versprechen. Da ist zunächst die Nacht, die für sich in Anspruch nimmt zu nahen, und als Mutter des Tages den Tag zu töten. So könnte sie mir gefallen und hätte mir immer gefallen können, aber sie war auch der Name für das Namenlose. Sie war nicht nur die Nähe, die tötet. Ich mochte die Nacht als Abgrund, aber nicht als Umnachtung, ich mag sie als Wache, doch nicht als Schlafloch. Ich bin gern ihr Tagedieb, wohne aber nicht gern nah am Nichtigen, fern dem Denken. Lieber bin ich in ihr das wachendste Tier, als der Verkünder ihrer sprichwörtlichen Geheimnisse. Ihr Bruder, der Schlaf, ist ein Nicht-Werk, der verspricht eine Taktik zu sein für die unbeschadete Reise durch die Zeit. Mag sein, daß es Menschen gibt, die keinen Schaden nehmen, wenn sie auf Reisen gehen, für mich dagegen war jede Reise eine Verletzung, sie führte nicht in die Behelligung, in die Nachtvergessenheit. Denn am Ende jeder Reise konnte eines der Wesen stehen, das die unangenehme Eigenschaft besaß, nicht alleine schlafen zu wollen und sich für diesen Zweck noch entsprechend ausgestattet hatte: mit vielversprechenden Kissen und naturbelassenen Betten. Ich pflege, auf der Erde zu schlafen, mit wenig unter und wenig über mir, schon mit gar niemandem an der Seite. Ich vermag nicht zu sagen, woher ich diese für andere höchst befremdliche Eigenschaft habe, vielleicht ist sie die notwendige Folge der armen Jahre nach dem Kriege, vielleicht habe ich sie aus dem Osten mitgebracht, wo ich früh zum Spracherwerb weilte. Auf jeden Fall sind erinnerlich verschiedene Böden unter mir, die einen aus Holz, die anderen aus Binsen. Am meisten sagte mir ein hartes Kopfkissen zu, das ich in der Kälte kennengelernt hatte. Es war mit Hirseschalen gefüllt und folgte meinem Kopf bei jeder seiner Gedankenbewegungen. Die Erde hat viel für sich, für den Rücken ist sie eine unangenehme Annehmlichkeit, dem Blick erweitert sie den Raum über mir, sie erlaubt dem Denken höher zu steigen, aber nicht nebulös zu werden. Überdies ist sie äußerst wachsam, sie erkaltet, bevor ich erkalte, sobald sich ein Wesen zu nähern beginnt, das wider alle Erwartung die Erde unter mir zu teilen wünscht. Heute mache ich ebenso wenig Gebrauch von der Heizung wie früher von einem Ofen. Wärme ist der Reflexion abträglich, sie vermag Gefühle ins Kraut schießen zu lassen. Kälte dagegen hält manches auf Distanz, vor allem besagte Wesen, die, wie es heißt, über die Sprache der Pflanzen verfügen, das Wasser ihr eigen nennen oder die Nacht, und sich zu diesem Zweck gern anders von der Erde erhöhen als ich, indem sie sich etwas unterschieben, ein Bett zum Beispiel mit Beinen wie ein Mensch, mit einer weichen Matratze, die einen ahnungslosen Schläfer zu verschlingen droht wie ein riesiger Schlund, und mit einer Decke, die sich selber lobt, indem sie Wärmevermögen und die Verhinderung von Hitzestau zugleich verspricht. Ich nannte Geräte dieser Art schon sehr früh Raumfresser, sie erzeugen in mir ein ähnlich großes Ekelgefühl wie die Anordnung von Sitzmöbeln. Ich pflege, auf der Erde zu sitzen, mit untergeschlagenen Beinen und geradem Rücken. Darum habe ich mit zunehmendem Alter immer weniger Gäste. Den meisten schmerzen nach kurzer Zeit die Beine, oder sie kommen nicht gut wieder hoch. Dennoch mag ich nicht einsehen, warum die zufällige Nähe von Personen immer materielle Folgen haben sollte. Manche mögen für diese Nähe noch Worte finden, von Ewigkeit sprechen oder Gemeinschaft. Tatsache ist, daß das Ausbund an Materie, das sie zusammengekauft haben, auch im sparsamsten Fall länger beisammen ist, als selbst ihre höchste Gestimmtheit ihnen nahelegt. Kein solches Möbel hat seinen letzten Ort in einer Zeitungsannonce oder an der Straßenecke verdient. Es hat auch eine Seele, denn sonst könnte es keine der besagten Beine haben, es ist nur so, daß es mit seinen Regungen nicht hausieren zu gehen pflegt. Kreislaufstörungen waren das geringste Übel, das ich von einem Schlaf in herkömmlichen Betten bekam, schlimmer waren die Hitzewellen, die einen Schlaf erübrigten, und die Unlustgefühle, die einem das Leben überflüssig erscheinen ließen. Was aber am meisten jeden Gedanken vergällte, war der Versuch des einen oder anderen namenlosen Wesens, sich zwischen Bettgestell und Daunenbetten mit nie gehörten Versprechungen einzuschleichen. Dagegen vermochte die Aussicht auf einen kargen Boden, dem nach Jahreszeit bestenfalls ein Tuch oder Teppich eignete, und auf die Doppelseite einer Zeitung als Zudecke bereits vorzeitig manche hoffnungsgläubige Beiwohnerin in die Flucht zu schla-gen. Wenn auch die Erde der Zeit gemäß in aller Munde war, eine allzu luftige Existenz wünschte sich nicht einmal das Geschlecht, das sich der Erde am nächsten wähnte. Mußt du uns immer zu übertreffen versuchen? war keine seltene und doch berechtigte Kritik. Was ich jedoch verschwieg, war die einfache, an sich leicht einsehbare Tatsache, daß, wer die Erde im Rücken spürt, über sich natürlich nicht die Erde haben kann, sondern das Weiß einer Zimmerdecke oder, je nach Blick und Zeit, eine natürliche Farbzusammenstellung, die sich dem Wirken von Wolke und Licht verdankte.

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