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Ingo J. Freitag - Arbeitsproben

CURRYSOSSEN-JUNKIE

Es war Montag - mein freier Tag bei Braveline. Wir arbeiteten jedes Wochenende, denn da waren die meisten Events. Und den Montag bekamen wir dann zum Ausgleich frei.
Ich war gerade aufgestanden und die Sonne stand hoch am Himmel – aber sie hatte keine Kraft. Das einzig Gute an Herten waren mal wieder nur die Imbissbuden. Und ich, stolzer Träger der goldenen Ehren-Plastikgabel, trabte zum Frühstück zu meinem Lieblings-Fettpuff. Zum Distel-Grill an der Kaiserstraße.
Thorsten, dieser Gesundheitsapostel, machte sich deswegen ständig über mich lustig. Er amüsierte sich auf meine Kosten. Behauptete sogar, er könne nicht mit ansehen, wie ich mir die Arterien verstopfe. Er würde niemals in einer solchen Fettschleuder essen. Aber den Mensa-Fraß, den tat er sich an. Einfach verrückt, dieses Weichei! Der hatte ja gar keine Ahnung, wieviel Spaß es machen konnte, seinen Körper mit schmackhaften Cholesterin- und Kochsalzlawinen zu überschütten. Nur Tingel-Tangel-Thomas, aus dem Erdgeschoß, hatte die gleiche Ernährungseinstellung wie ich und kam ab und zu mit. Aber heute mußte ich diesen Weg alleine antreten.
Gott sei Dank war es nicht weit zum Distel-Grill. Und außerdem hatte ich unterwegs noch etwas zu erledigen: Gleich unten an der Ecke wohnte ein Zeuge Jehovas. Und jedesmal, wenn ich bei dem vorbeiging, klingelte ich bei ihm. Sollte der doch selbst erleben, wie das war, wenn dauernd einer klingelte.
Ich hatte keine Ahnung, ob die Currysoße hier im Distel-Grill wirklich besser schmeckte – auf jeden Fall waren es lauter hübsche Frauen, die den Laden schmissen. Da schmeckte natürlich auch die Soße besser. Und nur darauf kam es mir an. Denn ich war süchtig. Süchtig nach Currysoße – dieser rot-braunen, scharfen und fruchtigen Tunke. Um von den anderen Gästen nicht gleich als Currysoßen-Junkie entlarvt zu werden, bestellte ich immer eine Wurst "mit doppelt Currysoße". Mir ging es nur um den Schein. Die Soßenquetsche war wichtig - nicht das, was darunter lag.
„Und schön scharf machen, bitte!“, tönte ich. Schließlich gehörte da eine ordentliche Ladung Curry- oder Paprikapulver drauf. Oder am besten beides.
Während ich auf meine Spezial-Wurst wartete, ließ ich den Blick über das liebliche Ambiente schweifen. Einladend präsentierte sich der imposante Distel-Grill auf dem Parkplatz des GOTA-Tapetenmarktes. Eine Welt voller magischer Genüsse. Aber genau genommen war mein Lieblings-Fast-Food-Gourmet-Tempel nur ein Container mit einem Wetterschutz. Dabei war das Ding auch noch total überflüssig. Ich liebte den sauren Regen in meinem Haar und die verschmutzte Luft in meinen Lungen. Und ich sah ganz gerne zu, wie die Ozonschicht verschwand. Aber auch das daraus resultierende Gesundheitsproblem hatte Tingel-Tangel-Thomas, der Trödler und Erfinder unten bei uns im Haus, bereits gelöst. Seine „Erfindung“ sah eigentlich aus wie ein breitkrempiger Hut. Er glaubte, wenn das mit der Ozonschicht so weiterginge, könnte er auf Hutmacher umsatteln und den ganz großen Reibach machen. Die arme Sau!
„Zweimal Currysoße, bitte!“, klang es da vertraut neben mir.
„Tingel-Tangel! Gerade habe ich an dich gedacht. Heute Currysoße pur?“
„Du weißt doch: Ich bin ´ne arme Sau!“ Das war sein Lieblingsspruch. Dabei war er eigentlich nur krankhaft sparsam.
„Und? Hat die arme Sau mal wieder was erfunden?“
„Ich hab was laufen - in Sachen Umwelt.“
„Du und Umwelt? Daß ich nicht lache!“
„Lach bloß nicht! Aber was ich vorhab´ funktioniert in unseren Breiten nicht so richtig“, spannte er mich auf die Folter. Zu allem Überfluß war ausgerechnet in diesem Moment unser Junk fertig. Und ich mußte ihn sanft daran erinnern, das er mir noch etwas erzählen wollte.
„Nun erzähl schon – oder erstick dran!“
„Paß auf! Ich sage nur ein Wort...“ Er vergewisserte sich mit einem Rundumblick, daß uns auch keiner zuhörte, und verkündete mit gedämpfter Stimme: „Solar-Krematorien.“ Seine Lippen formten jeden Laut überdeutlich – wie für einen Taubstummen. Ich zog nur eine Augenbraue hoch und sah ihn schweigend über die Currysoße hinweg an.
„Das wird der Renner, Mann!“, legte er nach.
„Vielleicht in Süd-Afrika. Aber nicht in Herten-Süd“, entmutigte ich ihn. Macht der so ´ne Scheiße! Dabei hatte er anfangs nur wirklich nützliche Dinge erfunden. Wie den Klodeckel mit ölgedämpftem Scharnier, der nach dem Spülen gleichzeitig mit der Brille lautlos und automatisch wieder runterging. Vorbei ist vorbei, dachte ich und schlemmte gedankenverloren meine Soße, bis ich ganz leise eine Stimme vernahm.
„Ja, nimm mich. Ich bin das schärfste, das dir je zwischen die Zähne kommen wird.“
Irritiert schaute ich mich um.
„Was hast du da eben gesagt?“
„Ich? Nichts!“, sagte Thomas, den Mund voll Currysoße.
„Aber ich habe doch was gehört!“
„Hier hört man viel, wenn man sich die Ohren gewaschen hat“, gab er schulterzuckend zurück. Mißtrauisch beäugte ich das Wurststück, das auf meiner Gabel als Soßenträger fungierte.
„Ich bin es. Deine Currysoße!“, klang es wieder ganz leise.
Beinahe hätte ich einen Luftsprung gemacht. Das war doch unmöglich! Mein liebster Gastritis-Förderer sprach zu seinem ergebensten Junkie! Vielleicht war irgendetwas in der Soße, daß da nicht reingehörte. Schlecht verschnitttener Stoff?
Doch dann entdeckte ich Thorsten. Gleich um die Ecke, neben dem Wetterschutz. Da stand er, spielte grinsend den Unbeteiligten und vertilgte... Currywurst-Pommes-Mayo. Oh, mein Gott! Und das auch noch aus getrennten Schalen! Das war noch unglaublicher als eine sprechende Currysoße.
Totenbleich wandte ich mich wieder Thomas zu.
„Du, ich bin die allerärmste Sau von Herten. Ich hatte gerade eine unglaublich peinliche Halluzination nach einer falschherum angerührten Currysoße.“

aus: Männer über 20. Episoden-Roman aus dem Ruhrgebiet. (Pseud. Frey, John)

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