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Karl-Otto Kaminski - Arbeitsproben

VOR ULTIMO

Ach, wie traurig bin ich, wenn der
Monat sich so lang hinzieht.
Jeder Blick auf den Kalender
geht mir heftig ans Gemüt.

Jedes Mal wünsch ich, er melde,
dass vorbei die Trauerfrist,
weil am End von meinem Gelde
meist viel Monat übrig ist.

Ich werd zum Kalenderhasser,
wünsch das Monatsende mir.
Solang geht der Krug zum Wasser,
dann erst gibt es Geld für Bier.

IM KONZERTHAUS

Selten war das Haus so voll,
keine Karte mehr zu haben.
Publikum drängelt wie toll,
sich an der Musik zu laben.

Nicht ein Sitzplatz ist mehr frei,
den Veranstaltern zur Freude;
denn die schätzen Drängelei
in dem hehren Kunstgebäude,

was kein Wunder bei dem Umsatz.
Doch, zum Glück, bei dem Event
gibt’s für mich noch einen Stehplatz;
denn ich bin der Dirigent.

GEFAHREN DES ABNEHMENS

Ihr Frauen, die ihr rundlich die Entscheidung traft,
rasch abzunehmen, hört: das geht nicht ungestraft;
denn selbst, wenn ihr dies eines Tages wirklich schafft,
vielfältig bleibt die Haut zurück, ganz ungestrafft.

DER LORELEIERMANN AM DORTMUND-EMS-KANAL

Ich weiß nich, watt soll datt bedeuten,
datt ich heut so bedröppelt bin.
Weil, Schtorries aus uralte Zeiten
die passen hier einfach nicht hin.

Es iss gahnich kühl, nich mah dunkel,
wien Plättbrett liechter Kanal.
Hier giptatt kein Sagengemunkel,
nur ’n Schrebergaatenlokal.

Da ohm, auffe eiserne Brücke,
spielt traurich ein Leiermann,
weißhaarich un mit eine Krücke.
Der singt nich, fleicht weilers nich kann.

Ne Paddlerin (Iss die kolone?
Die Perle spinnt wohl total!),
die paddelt da nackich, ganz ohne
Klamotten, rum aufem Kanal.

Der Leiermann kann sich nich halten,
springt runter, alzer datt sieht.
Da merksse, wie aunoch die Alten
datt Weibliche ewich anzieht.

Un, kannze mah sehn, sonne Tussi,
wattie alle anstellen kann.
Doch aussem Kanal rausholn muss sie
gezz den Loreleiermann.

DER WASSERHAHN

Es gippt manche Hähne, die krähn aufem Mist
und andre, den sowatt ganz unmöchlich ist.
Die heißen genau so, drum komm ich da drauf.
Beim Aufdrehn fließt Wasser, beim Zudrehn hörts auf.

Und son Ding happ ich inne Küche zu Haus,
bloß kommta seit gestern kaum Wasser mehr raus.
Erss dachtich, da wär fleicht der Zulauf verstopft.
Mein Rumknüstern half nich, mein Wasserhahn tropft.

Der tropft, oppich aufdreh, ob halb oder zu,
passiert eimfach nix, wattich immer auch tu,
ob vorsichtich wackeln, ob rütteln wie toll,
er macht watter will und tut nich watter soll.

Watt ich auch versuch mitte Zange und so,
iss alles fürm Eimer, iss alles fürm Klo.
Watt happ ich gebogn und gedreht und geklopft.
War alles vergehms; denn mein Wasserhahn tropft.

"Alles fließt." hat mah irnt so ein Grieche gesaacht
(bei dem hat wohl niemals die Leitung versaacht).
Watt nützt mir son Wort, iss die Röhre verstopft?
Mein Wasserhahn fließt nich, mein Wasserhahn tropft.

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